Ammar Bouras

Wenn Zeugnis Widerstand ist. Mit der Multimedia-Installation Tag\'out will er das Schweigen über die jüngere Geschichte Algeriens brechen.
Von Nadira Laggoune | Mär 2012

In der Kunstszene Algeriens ist Ammar Bouras der am eindeutigsten wiedererkennbare Künstler, und von allen seinen Kollegen ist er der international gefragteste. Seit den 1990er Jahren verfolgt er in seinem Schaffen einen stärker auf Multimedia basierenden Ansatz, fokussiert insbesondere auf die Nutzung von Video und Fotografie, um seine animierten Bilderwände, Mosaiken und Anordnungen von aus der Realität abgeleiteten Geschichten zu schaffen. An der Schnittstelle des Ästhetischen, des Politischen und des Sozialen untersucht sein Werk Strukturen von Macht, Toleranz, Identität und Existenz, Verrat… 

Diese Konzepte zu erforschen, bedeutet eine kontinuierliche Suche, von der sein Schaffen seit den 1990ern geleitet ist: er analysiert die Art und Weise wie menschliche Beziehungen durch eine dominante Ideologie determiniert zu sein scheinen, und bezieht auch die Politik und Gewalt ein, die aus solch einer Ideologie resultieren. Seine fotografische Arbeit, die gegen Ende seines Studiums an der Ecole Supérieure des Beaux-arts d’Alger begann, konzentrierte sich auf die tragischen Ereignisse jener Zeit (die zehn Jahre des Terrorismus in Algerien). Zur Konfrontation mit diesen Themen getrieben, konnte Bouras in seiner Kunst den politischen und sozialen Umbruch nicht ignorieren. In einer solchen Atmosphäre zu arbeiten, brachte ihn dazu, sein Schaffen auf die leidvolle Realität des Alltagslebens in Algerien zu konzentrieren.

Dadurch bewohnt die Qual des Lebens unter solchen Bedingungen seine Bilder wie ein schmerzvolles Leitmotiv, eines das die Notwendigkeit zu sprechen und sichtbar zu machen bestärkt. Video, ein Medium, das sich durch die Macht von Bewegung geradezu aufzwängt, ist deswegen die geeignete Ausdrucksweise. In den Videos Stridencies, sang/commentaries (Schärfe, Blut/Kommentare), Un aller simple (Eine einfache Fahrt) und Serment (Schwur) mischt Bouras Bilder alltäglicher Erfahrungen mit solchen, die in algerischen Städten erlebte Schwierigkeiten zeigen. Um diesen Kontrast zum Ausdruck zu bringen, baut Bouras die Erzählung auf banalen Bildern des Alltagslebens auf, wovon die meisten aus seinem persönlichen Archiv stammen. Dieser künstlerische Prozess des Erinnerns offenbart in Spuren von Gesten und Emotionen eine Beziehung von Vergangenheit und Gegenwart.   

Wenn menschliche Wesen Kreaturen des Erinnerns sind, wenn wir alle von unserer Vergangenheit, unserer Geschichte erfüllt sind, hat der Künstler eine diffizile Aufgabe, die immer wieder die Frage aufwirft: wie zeige ich das nicht Darstellbare, den Schrecken dieses Dramas? Welche Methode soll ich nutzen, Bilder hervorzubringen, durch die jene Tragödie ausgedrückt wird, ohne der Unmittelbarkeit der Massenmedien den Vorrang zu geben, und die das vor allem auf eine Weise vollbringt, die meine Erinnerung nicht in die Irre führt? Ein Künstler als Zeuge des Terrors, von dem die Gesellschaft verwüstet und zerstört wird, ist mit so vielen Fragen konfrontiert.

Mann kann beobachten, dass heutige Kunstpraktiken zum großen Teil durch Beziehungen zur empirischen Realität charakterisiert sind, seien diese direkt oder impliziert. Doch der künstlerische Diskurs als Teil gelebter Erfahrung, ist ein anderer Weg, diese Beziehung zur empirischen Realität zu beobachten und zu begreifen, denn er stellt das Werk in einen anderen Zusammenhang (in Galerien oder anderen Ausstellungsräumen) und gibt ihm eine andere Zeitlichkeit, eine Art Distanz.  

Indem er die Bilder und deren Fähigkeit, Ereignisse wiederzugeben, in Frage stellt, lenkt Bouras, der in den 1990ern ein Fotojournalist für die Allgemeinheit war, in seinem jüngsten Schaffen die Aufmerksamkeit mehr denn je auf die grundlegende Beziehung zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart: Erinnerung ist für ihn sowohl ein inhärenter Prozess als auch eine kreative Apparatur.

Die Berufung von Kunst, Bewusstsein zu wecken, wird in Bouras Werk Tag'out [1]. deutlich. Diese Arbeit synthetisiert alle seine vorhergehenden Ansätze, solche Themen in Angriff zu nehmen, und wurde im April 2011 in der Sharjah Biennale zum ersten Mal ausgestellt. Dies ist ein entscheidendes Werk, denn auf gewisse Weise repräsentiert es einen Höhepunkt all der Jahre des Verrats und Terrors, von denen das Alltagsleben in Algerien noch immer heimgesucht wird. Tag'out ist eine Medienmontage, in der die Tragödie dieser Ereignisse zum Ausdruck kommt: eine Wand voller fotografischer und gemalter Bilder, Videos als einer Neuinterpretation der Massenmedien sowie regierungsamtlicher und persönlicher Dokumente.

Diese Bilder sind selbstreflexiv, weil sie ihre Fähigkeit, solche Ereignisse darzustellen, in Frage zu stellen scheinen. Sie fragen uns: wie verstehen wir vermittels eines Bildes die Vergangenheit, was passierte wirklich? Bis zu welchem Grad kann das Bild ein Beleg der Wahrheit sein? Es ist klar, dass die Bilder die Erinnerung an jene Ereignisse evozieren, ohne tatsächlich in der Lage zu sein, sie darzustellen, weil der Künstler nicht als Ersatz für den Historiker oder Politiker dienen kann. Doch wenn Amnesie sich selbst behauptet und eine reale Diskussion der Ereignisse scheitert, macht der Künstler diese Vergangenheit durch eine Neuinterpretation des Wahrnehmbaren bewusst und hinterfragt erneut ein unausgesprochenes Sich-Abfinden, einen Status quo und andere Formen des Verrats. Dies ist ein Ansatz des Widerstehens, der Neuaneignung von Geschichte, bei dem das Werk das Schweigen über diese Geschehnisse, was für Bouras eine Art des Verrats ist, zu kompensieren scheint. 

In Tag'out machen Geschichte, Erinnerung und deren Spuren das Wesen des Werkes aus. Die Menge an Bildern drängt sich in einer hektischen Bewegung auf und demonstriert damit, dass Geschichte nicht aus einem einzigen Fragment eines Ereignisses besteht, sondern aus einer Vielzahl von Bruchstücken individueller und kollektiver Erinnerung. Zusammen schaffen diese Bilder einen künstlerischen Raum, der sich irgendwo zwischen Realität und Fiktion bewegt.

Mit Tag'out schuf Bouras ein Werk, das grundlegende Fragen reaktiviert und den Kampf gegen das Vergessen und den Tod hinterfragt. Die visuelle Repräsentation dieser Spuren/Zeugnisse ist mehrdeutig, intensiviert durch all das Gefühl, das sich in diesem Raum verdichtet: die Bilder fragen nach der Art, wie wir unsere Erinnerung formen und wie wir unsere erlebte Erfahrung konzeptualisieren.

Letztendlich geht es um ein Überleben durch das Werk, um das fragile Fortbestehen der Erinnerung und die Spuren, die Geschichte in uns hinterlässt.

 

Anmerkung:

  1. "In den Augen der islamistischen Terroristen gehörte ich zu der verhassten Kategorie der tagh’out - Verräter an der Sache Gottes. Als Künstler und Journalist lebte ich in einem Staat zerrissen zwischen der Herrschaft des Gesetzes, 'Loyalität' gegenüber dem Islam und dem Anspruch des Kampfes für ein freies, demokratisches und modernes Algerien. Das Schlimmste war es, die Gräueltaten eines Bürgerkrieges aushalten zu müssen, der nicht als solcher anerkannt wurde. Den schockierendsten Moment erlebte ich, als ich beauftragt war, über eine Rede des Präsidenten Boudiaf zu berichten und unmittelbarer Zeuge von dessen Ermordung wurde. In dieser Arbeit geht es um Erinnerung, eine Rückkehr zu den Archiven und Erinnerungen jener Periode." Statement von Ammar Bouras, 10. Sharjah Biennale 2011.


Nadira Laggoune

Kunstkritikerin und Kuratorin. Lebt in Algier, Algerien.

(Aus dem Englischen: Haupt & Binder)

Tagh’out, 2011
Multikanal mixed-media Installation
2 Leuchtkästen
je 500 x 220 cm

Im Auftrag der Sharjah Art Foundation
Gezeigt in der 10. Sharjah Biennale 2011

Nafas
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