Ali Ferzat: Mit eigenen Worten

Statement über Kunst, Zensur, Freiheit und die Revolution in Syrien. Ausstellung seiner Karikaturen im Prince Claus Fund, Amsterdam.
Jul 2012

Kunst und Satire spielen in der gegenwärtigen Situation in Syrien eine wichtige Rolle. Der Karikaturist Ali Ferzat wurde zur Stimme des syrischen Volkes und der Revolution. Seine Zeichnungen und Karikaturen reichen über Sprachbarrieren und Nationalitäten hinweg und fördern neue Einblicke in den Missbrauch von Macht, Korruption im Staatsapparat und das Streben nach Freiheit. Unterhaltsam und verstörend zugleich weist Ferzats einzigartige Bildwelt ein visuelles Vokabular auf, das durch jahrzehntelanges Unterlaufen von Zensur geschärft ist.

Schon 2002 erhielt er den Prince Claus Award als Anerkennung für die Art, wie er künstlerische Kreativität mit mutigem Eintreten für moralische Prinzipien verbindet. Bis zum 23. November 2012 zeigt die Prince Claus Fund Gallery in Amsterdam die Ausstellung Culture in Defiance: Continuing Traditions of Satire, Art and the Struggle for Freedom in Syria. Karikaturen von Ali Ferzat, Cyber-Puppenspiele von Top Goon: Tagebücher eines kleinen Diktators, Handy-Kino, Kunst, Lieder einer revolutionären Hitparade, Graffiti und Texte zeigen den nicht-gewalttätigen Dissens der syrischen Revolution.

Dieses Statement von Ali Ferzat wurde aus der Publikation zur Ausstellung übernommen, in der kreative Ausdrucksformen des Widerstands im heutigen Syrien analysiert sowie Essays und Interviews mit prominenten syrischen Intellektuellen veröffentlicht werden.

Ich glaube, ich war fünf, als ich begann, Karikaturen zu zeichnen und spöttische Geschichten über das zu machen, was bei mir zu Hause passierte. Ich habe mich nicht entschieden, Karikaturist zu sein. Ich wurde dazu geboren. Als ich zwölf Jahre alt war, hatte ich meine erste Karikatur in Al Ayyam (Die Tage) veröffentlicht. Der Besitzer wusste überhaupt nicht, dass ich erst in die sechste Klasse ging!

Meine Karikaturen haben mit dem Leben der Leute zu tun, und die Leute glauben ihnen. Sie wurden so etwas wie eine Laterne, auf die die Leute warten. Meine Karikaturen waren ohne Texte und benutzten Symbole, und deswegen konnte ich die Zensur in meinem Land überstehen und einige davon frei veröffentlichen. Diese Herangehensweise gab meinem Schaffen auch einen internationalen Charakter, denn es beruhte auf Bildern, die jeder verstehen konnte - ohne eine hemmende Sprachbarriere. Indem ich also versuchte, die Zensur zu Hause zu umgehen, gab ich meinen Karikaturen unbewusst Flügel, die sie in den Rest der Welt fliegen ließen. Auf diese Weise konnte ich die Stimme des Volkes in Syrien der internationalen Gemeinschaft vermitteln, vor allem durch gemeinsame Kanäle menschlichen Interesses.

Meine frühen Karikaturen zeigen Taten und Verhaltensweisen zu einem allgemeinen Thema, wie etwa dem Hunger. Nach und nach wurden meine Cartoons sehr populär, und die Leute kauften die Zeitungen wegen der Karikaturen. Von den frühen 1970er Jahren an veröffentlichte ich eine tägliche Cartoon Kolumne in der offiziellen Tageszeitung Al Thawra (Revolution). Manchmal hat der leitende Redakteur die Symbolik in der Karikatur nicht verstanden, und nachdem sie veröffentlicht war, erhielt er einen empörten Telefonanruf von der Regierung. So wurde eine neue Verfahrensweise eingeführt. Zuerst begutachtete der Chefredakteur die Karikatur. Wenn er sie abgenommen hatte, musste er sie zum Geschäftsführer der Zeitung schicken. Egal ob dieser sie bestätigte oder ob er sie zu kontrovers oder zu schwierig zu verstehen fand, in jedem Falle musste er sie an den Informationsminister (zuständig für Medien) schicken. Zu jener Zeit war der Minister ein ziemlicher Dummkopf und würde nur "ja" sagen, weil er nichts kapierte. Am nächsten Tag sahen die Leute die Karikatur und verstanden sofort deren Aussage, denn das war nur eine Frage des gesunden Menschenverstands. Dann würden die wütenden Telefonanrufe erneut beginnen.

Einmal saß der Geschäftsführer lange vor einer meiner Karikaturen und konnte nicht so recht erkennen, warum er sie zensieren sollte. Aber er hatte das Gefühl, das tun zu müssen, einfach nur aus Misstrauen, und so sah er mich an und sagte "versprich mir, schwöre bei Gott, dass nichts Schlechtes darin ist". 1980 hatte ich ein Treffen mit einem früheren Premierminister, der meinte, "können wir ihnen einen Lohn dafür geben, dass sie bleiben und nichts tun? Ihre Karikaturen machen unsere ganze Arbeit schon auf der ersten Seite zunichte".

Für mich ist Zeichnen ein Mittel zum Zweck und kein Selbstzweck. Der Künstler ist immer derjenige, der eine Idee hervorbringt, aber wenn dieser Künstler nicht in seiner eigenen Gemeinschaft lebt und das mitmacht, was den Leuten dort widerfährt, wie könnte er dann verstehen, was vor sich geht, und darüber reflektieren? Um ein guter Künstler oder Maler zu sein, muss man die Gefühle und Erfahrungen der Leute zum Ausdruck bringen. In der Kunst geht es darum, mit den eigenen Leuten zu leben und eine Vision davon zu haben, was diese brauchen. Du kannst nicht isoliert in deinem Zimmer hintern deinem Fenster hocken und über das Leben zeichnen. So funktioniert das nicht.

Das Konzept roter Linien hängt von der Kultur und dem Grad an bürgerlichen Freiheiten in einem Land ab. Europa und Amerika unterscheiden sich ganz klar vom Nahen und Mittleren Osten. Pressefreiheit sollte eine Verantwortung implizieren, statt etwas, das chaotisch unternommen wird. Es geht nicht darum, dass ich tue, was immer mir in jedwedem Moment gerade so einfällt, unabhängig von den Konsequenzen. Es ist eine Frage moralischer Verpflichtung. Es ist relativ, immer muss man die richtige Balance finden. Einige Zeitungen verkneifen sich gar nichts und nennen das "Freiheit", während andere sogar Geschichten, die das Leben schreibt, zensieren. Ich halte beides für schlecht. Zu viel Unterdrückung im Namen von Verpflichtung ist nicht gut, aber zu viel unethisches Verhalten im Namen von Freiheit ist ebenso wenig klug. Beides ist das Gleiche.

Zu Beginn der Präsidentschaft von Bashar al-Assad konnte ich direkt mit ihm kommunizieren, ohne die Kontrolle der mukhabarat, der Geheimpolizei, und ich war froh darüber. Ich versuchte, ihn mit anderen Künstlern zusammenzubringen. Ich erinnere mich, wie er zuerst in meine Ausstellung in einem Kulturzentrum kam - ein langer Kerl mit großem Gefolge. Er fragte mich, wie er erfahren könnte, was die Leute denken, und ich sagte ihm, er solle einfach mit ihnen reden. Als er mich nach meinen Plänen für die Zukunft fragte, antwortete ich, ich würde gern eine satirische Zeitung herausgeben und jeden Aspekt der Regierung anpacken. Er sagte, ich könnte ja ebenso gut auch einen Sitz im Parlament anstreben.

Als die Ba'ath Partei 1963 an die Macht kam, schloss sie alle privaten und unabhängigen Zeitungen und Publikationen. Meine Al Doumari (Laternenanzünder) ist die erste unabhängige Zeitung in fast zwanzig Jahren gewesen. Eines unserer Themen war Korruption. Zu einem Skandal kam es wegen IV Seren, weil diese in einem Krankenhaus in Damaskus auch nach Ablauf der Haltbarkeit noch eingesetzt wurden. So zeichnete ich mit Fischen gefüllte Serumbeutel. Die Zeitung durfte exakt zwei Jahre und drei Monate lang erscheinen. Dann wurde sie verboten. In dieser Zeit gab es zwei Versuche, mich einzusperren, und 32 Verfahren wurden bei Gericht gegen die Zeitung eingeleitet. Pro-Ba'ath Studenten demonstrierten vor dem Büro von Al Doumari. Die Leute wurde davon abgehalten, darin zu werben. Von da an gelang es mir nicht mehr, Bashar zu erreichen, und als ich doch einmal zu ihm durchkam, sagte er mir, ich solle mich selbst um meine Probleme kümmern. Jetzt arbeiten wir daran, außerhalb von Syrien eine neue Al Doumari herauszugeben, die die Berichterstattung über die Revolution von innen heraus komplementieren wird.

Die Angstbarriere durchbrechen

Obwohl ich in meinen Karikaturen immer Symbole benutzte, um sie auf Verhaltensformen zu fokussieren, und selten identifizierbare Personen porträtiert habe, wollte ich drei Monate vor dem Beginn der Revolution dazu beitragen, die Barriere der Angst in den Herzen der Leute zu brechen. Ich hielt auch das für meine Pflicht. Deshalb veröffentlichte ich auf meiner Website den Satz "Wir müssen die Barriere der Angst durchbrechen, die 50 Jahre andauert" und zeichnete zuerst Premierminister Adel Safar, dann Rami Makhlouf (den wohlhabenden Geschäftsmann und Cousin von Bashar), wiedererkennbare Personen aus dem Sicherheitsapparat und schließlich den Präsidenten. Es war eine Entscheidung, die großen Mut erforderte, aber ich hatte das Gefühl, es sei an der Zeit dafür. Niemand könnte deren Korruption noch länger hinnehmen.  Zugegebenermaßen war es nahezu selbstmörderisch, jemand so zu zeichnen, der dem Regime und der Ba'ath Partei als gottgleiche Figur gilt.

Meine Position als Karikaturist ist es nicht, über Politik zu diskutieren, aber mehr als ein Jahr lang haben wir unsere Angelegenheit erklärt und geblutet. Wir werden auch weitere zehn Jahre bluten und unsere Angelegenheit erläutern. Ich habe nicht gesehen, dass die Briten, Holländer oder Franzosen so gegen das, was in Syrien passiert, demonstrieren, wie sie es gegen den Vietnamkrieg taten. Es ist ein Massaker, und ich bin verärgert über das Schweigen der Welt.

Als ich in Damaskus lebte, besuchten mich der USA-Botschafter und andere Offiziellen und stellten mir diese Frage: "Wir unterstützen die Revolution, aber wissen sie, wer die Leute auf der Straße sind?" Ich antwortete ihnen, ich würde nicht jeden einzelnen kennen, aber ich kenne ihr Bewusstsein. Jeder Freitag ist einem Thema gewidmet. Das lautete am ersten Freitag "Nein zur Sektiererei". Dann gab es den Azadi Freitag, was in Kurdisch "Freiheit" bedeutet; Großer (Guter) Freitag zur Würdigung der Christen; der "Freie Frauen von Syrien" Freitag und der "Die Syrische Revolution ist für jeden" Freitag. Jetzt sehen wir, wie sich gewissen Seiten gegen diese Zusage von Freiheit richten, und in der Opposition gegen die Regierung gibt es miteinander streitende Kräfte. Trotz allem, was vor sich geht, habe ich eine Bitte: Verwechselt nicht die Politik mit der Diplomatie.

Nachdem ich überfallen wurde und man mir meine Hände brach, fragte mich jemand, ob ich noch immer den Mut haben würde, zu zeichnen. Ich antwortete, ich sei beschämt gewesen durch das Leiden des 13-jährigen Hamza al-Khatib (dessen Körper schlimm verstümmelt seiner Familie zurückgegeben wurde, was in Syrien landesweite Proteste auslöste). Ich komme mir klein vor angesichts der Kultur und des Herzens von Leuten, die nicht zeichnen oder schreiben können, aber ihr Leben für die Freiheit opfern. Ich will nicht extremistisch klingen, aber Syrien ist die Geburtsstätte der Kultur der Welt. Hier wurde das Alphabet geschaffen.

Hat die Revolution mich inspiriert, mehr zu zeichnen? Der Enthusiasmus zu produzieren schwankt  je nachdem wie man sich psychisch fühlt - was um einen herum passiert - und wie gut der physische Zustand ist. Ich habe gleich nach der Heilung begonnen erneut zu zeichnen. Jetzt geht es meinen Händen wieder besser und ich bin dabei, zurückzukehren.

 

(Nach Aufzeichnungen eines Gesprächs
zwischen Ali Ferzat und Malu Halasa.
Aus dem Englischen: Haupt & Binder)

Culture in Defiance:
Continuing Traditions of Satire, Art and the Struggle for Freedom in Syria

4. Juni - 23. November 2012

Prince Claus Fund Gallery
Herengracht 603
1017 CE Amsterdam
Niederlande
Website Email

Die Ausstellung ist eine Initiative
des Prince Claus Fund

Kuratoren: Malu Halasa, Aram Tahhan, Leen Zyiad und Donatella Della Ratta

Eine Publikation in Englisch und Arabisch begleitet das Projekt

Nafas
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