Yerbossyn Meldibekov: Mutationen

Mutationen. Seine Fotos und Skulpturen im Pavillon Zentralasiens auf der Biennale Venedig 2011.
Von Georgy Mamedov | Jul 2011

Die Erforschung der verschiedenen Metamorphosen, Schichtungen und paradoxen Schnittpunkte im Hintergrund einer turbulenten politischen Situation in Zentralasien in den letzten zwanzig Jahren ist eines der Hauptmotive des künstlerischen Schaffens von Yerbossyn Meldibekov. Mutation (2010), präsentiert im zentralasiatischen Pavillon auf der Biennale Venedig 2011, ist eine von vielen möglichen Konfigurationen dieses langfristigen Forschungsprojekts, bei dem sich Meldibekov für die Veränderungen - oder besser gesagt, die Mutationen - der visuellen Sprache interessiert, in der sich die politische Macht der Öffentlichkeit mitteilt. Das Projekt repräsentiert eine umfassende Studie der Transformationen urbaner Umwelt - vor allem Skulpturen und Monumente -, die mit dem Wechsel politischer Prioritäten, Trends, Launen oder dem Wechsel politischer Systeme an sich in Zentralasien einhergehen. Meldibekov zufolge war der Ausgangspunkt seiner Recherchen eine durchaus bestens bekannte Situation: die Umwandlung einiger Denkmäler im zentralen Park von Taschkent. Das erste Monument, eine Skulptur des Gouverneurs von Turkestan, General Kaufman, ist im frühen 20. Jahrhundert errichtet worden, und das letzte ist eines für Tamerlan aus den Jahren der usbekischen Unabhängigkeit.

Meldibekovs Erkundung enthält drei Ansätze. Der erste kann als psychoanalytisch bezeichnet werden. Bekanntlich offenbart sich das Unbewusste in Ausrutschern der Feder, in Versprechern und in nicht beabsichtigten Gebärden. Der Künstler beobachtet und hört auf das Unbewusste im Diskurs der Macht - paradoxe Zitate, Oxymora und "Anführungszeichen" in der offiziellen visuellen Sprache. Er identifiziert das aufflackernde christliche Bild der Jungfrau Maria, verkörpert im sowjetischen "Mutterland" und dann in der "Mutter Usbekistans". Doch am interessantesten sind die Sockel - ohne die Statuen von Führern und anderen ideologisch signifikanten Charakteren der Sowjetgeschichte. Indem sie ihre Funktionalität eingebüßt haben, werden sie zu Skulpturen der Avantgarde par excellence - abstrakte, selbstreferentielle Objekte.

Der zweite Ansatz von Yerbossyn Meldibekov ist anthropologisch. Der deutsche Ägyptologe und Erforscher des kulturellen Gedächtnisses Jan Assman gehörte zu den ersten, die das Konzept des Monuments als eines Mediums zur Übermittlung kulturell signifikativer Inhalte darlegten. Der von ihm untersuchte "monumentale Diskurs" des Alten Ägyptens war ein Gefüge, "in dem der Staat zugleich sich selbst und eine ewige Ordnung sichtbar macht". [1] Vielleicht erklärt der Wunsch, wenn schon nicht mit der Ewigkeit, so doch zumindest mit etwas Epochalem und Stabilem in Kontakt zu treten, das in der Monumentalität von Skulpturen zum Ausdruck kommt, die Gewohnheit moderner Menschen, sich vor Denkmälern fotografieren zu lassen.

Solche Fotografien sind immer die Schnittpunkte zweier Linien, zweier Geschichten - der kleinen und der großen. Familiäre oder persönliche Mikro-Narrative in solchen Fotos sind vor dem Hintergrund der "größeren Geschichte" immer zusätzlich und irgendwie zufällig. Menschen werden alt und sterben, während Monumente unverändert bleiben. Auf vielen Fotografien, die Yerbossyn Meldibekov in seinem Familienalbum gesammelt hat, von dem ein Teil in Mutationen präsentiert wird, ist das ganze Gegenteil der Fall. Ein kürzlich aufgenommenes Bild korrespondiert zu einem alten Foto aus der Sowjetzeit. Auf dem älteren sind die dieselben Leute ein paar Jahrzehnte zuvor am selben Ort fotografiert, jedoch vor einem gänzlich anderen Denkmal. In Laufe ihres Lebens machen die Menschen den Wechsel verschiedener Epochen durch, von denen eine jede dazu neigt, sich selbst monumental darzustellen, und dafür zuvor den heiligen Ort des profanen "Idols" von Vorgängern bereinigt. Traditionell mit Darstellungen von Mikro-Geschichten assoziierte Konnotationen werden in Bilder von Makro-Narrationen überführt und vice versa. In einer Welt frei von Ewigkeit, erlangt man Permanenz und Stabilität nur in sich selbst oder in den nächsten Verwandten und Freunden, während die monumentalen Giganten aus Granit und Marmor nicht mehr als Dekorationen sind, ein vorübergehendes und leicht wieder zu beseitigendes Milieu.

Gegenüber einem Wissenschaftler, der seine Forschungsergebnisse in Form von Texten, Büchern oder akademischen Artikeln präsentiert, äußert sich der Künstler-Rechercheur, indem er ein Bild schafft. Die Erschaffung des Bildes gibt der künstlerischen Erkundung den Status eines einzigartigen kognitiven Aktes. Der dritte Forschungsansatz von Yerbossyn Meldibekov ist also die Schaffung eines Bildes. Yerbossyn studierte Bildhauerei. Dem lag eine bewusste Entscheidung zugrunde, denn er wollte "den Führer der Weltrevolution" bildhauerisch gestalten. Selbstverständlich trieb ihn keine Ideologie dazu, sondern rein merkantile Erwägungen. Die einzigartigen Bildwerke von Meldibekov - Mutantenskulpturen - sind satirische Imitationen von frank tili [2], der Sprache, in der sich offizielle Bildhauer artikulieren, und auch eine visuelle Zusammenfassung seiner gesamten Recherche. Der Autor selbst beschreibt das folgendermaßen: "Einige ideologische Skulpturen 'überführe' ich mit meinen eigenen Händen in die Postmoderne oder setze sie einem Prozess der Entideologisierung aus... Nehmen wir das Beispiel einer kleinen Leninbüste. Wenn man sie horizontal dehnt, wird sie zu Dschingis Khan. Wenn man sie vertikal zusammendrückt, sieht sie wie ein Giacometti aus. Wenn man die Lippen vergrößert, wird sie zu Lumumba - und das erinnert uns an die Ähnlichkeiten zwischen den afrikanischen und kirgisischen Unruhen. Die Hauptbedeutung und -methode bei der Erschaffung der Skulpturen dieses Projekts ist die Instabilität und Fluidität der Situation in Zentralasien."

<line>Anmerkungen: </line>

  1. Jan Assmann: Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen. C. H. Beck München, 1992.
  2. Lingua Franca / Франк тили [frank tili] ist der Titel der Ausstellung im zentralasiatischen Pavillon auf der 54. Internationalen Kunstausstellung, La Biennale di Venezia, 2011 (redakt. Anm.)


Georgy Mamedov

* 1984. Kurator der Plattform SHTAB (Schule für Theorie und Aktivismus - Bischkek). Lebt in Bischkek, Kirgisistan.

© Text: Georgy Mamedov. Courtesy Zentralasiatischer Pavillon, 54. Biennale Venedig 2011

Der Text ist ein Auszug aus dem Essay "Франк тили - Франк тiлi - frank tili", veröffentlicht im Katalog der Ausstellung "Lingua Franca", Zentralasiatischer Pavillon, 54. Internationale Kunstausstellung, Biennale Venedig 2011.

© Übersetzung aus dem Englischen: Haupt & Binder

Lingua Franca
Pavillon Zentralasiens
54. Biennale Venedig

4. Juni - 27. Nov. 2011

Palazzo Malipiero
San Marco
Venedig

11 Künstler aus Kasachstan, Kirgisistan, Tadschikistan, Usbekistan.

Kuratoren:
Boris Chukhovich
Georgy Mamedov
Oksana Shatalova

Nafas
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