Ist indonesische Kunst nur à la mode?

Indonesische Mythologien. Rezension der Ausstellung im Espace culturel Louis Vuitton, Paris.
Von Marie Le Sourd | Sep 2011

"Movida auf javanesische Art", "Yogyakarta arty", "Das Java der Künstler" waren nur einige Titel der zahlreichen Artikel zur aktuellen Kunst Indonesiens, die seit 2009 in französischen Zeitungen und Zeitschriften veröffentlicht worden sind. Gegenüber den ansonsten üblichen Beschreibungen der Tempel in der Umgebung von Yogyakarta zeigten sie einen anderen, zunehmend wichtigeren Aspekt der Kulturhauptstadt der Insel Java: deren äußerst kreative Kunstszene.

Bei einem Treffen mit einer Autorin jener Artikel (Alice d'Orgeval von L’Officiel Voyage) war nicht viel Zeit nötig, um Marie-Ange Moulonguet, Direktorin des Espace culturel Louis Vuitton, und den Kurator Hervé Mikaeloff zu überzeugen, Ende Juli 2010 nach Indonesien und vor allem nach Yogyakarta zu reisen. Die beiden hatten dort ein Treffen nach dem anderen mit solchen Schlüsselpersonen wie der französischen Schriftstellerin Elisabeth Inandiak oder dem berühmten Sammler Dr. Oei Ong Djien sowie mit vielen Künstlern, um den indonesischen Kontext und die lokale Kunstszene besser zu verstehen. Die Zusammenkünfte fanden für gewöhnlich in den Künstlerateliers statt, denn obwohl es in Yogyakarta eine lebendige Kunstszene gibt, fehlen dort immer noch permanente Sammlungen zeitgenössischer Kunst, und es gibt einen ständigen Wechsel bei den Galerien und Kunstzentren.

Ein Jahr später, nach Hunderten Emails, Telefongesprächen, Visaanträgen, der Verfrachtung von Kunstwerken und 4,5 Tonnen Bambus, vielen Stunden des Ausstellungsaufbaus und Arbeitens vor Ort, konnte das Abenteuer der Ausstellung "Trans-figurationen: indonesische Mythologien" in Anwesenheit von 11 eingeladenen Künstlern, die meisten davon aus Yogyakarta, eröffnet werden.

Obwohl der Espace culturel Louis Vuitton, gegründet 2006 von der Louis Vuitton Gruppe, auf die Förderung von Künstlern aus Entwicklungsländern fokussiert ist, scheint er auf den ersten Blick das ganze Gegenteil der entspannten und kreativen Atmosphäre in Yogyakarta zu sein. Die Präsentation beginnt im Schaufenster an der teuersten Straße Frankreichs, Les Champs Elysées, bevor man in der 7. Etage die Galerie selbst erreicht.

Wie unerwartet es einem auch erscheinen mag, so kann die geschwungene Form der Dachgeschossgalerie und die Präsentation der Kunstwerke doch irgendwie die Atelieratmosphäre in Yogyakarta vermitteln. Der Raum für jeden Künstler ist anders, abhängig von seiner jeweiligen Lage in den Ecken und Winkeln des Kulturzentrums. Der Korridor wird von Eko Nugroho in der Weise eingenommen, wie die Straßen daheim von den Graffiti, was ein Aspekt von Yogyakarta ist, den man nicht verpassen sollte, wo Kunst zuerst auf der Straße existiert, bevor sie in einem Raum ausgestellt wird. In der Mitte eines der längeren geschwungenen Flure kann man die "Küche" finden, den Treffpunkt für Künstler und Veranstalter, Journalisten oder Gäste. Es ist ein rendez-vous à la janavaise, wo kein Treffen ohne irgendwelche makan dan minum (Essen und Getränke) stattfindet.

Kurator Hervé Mikaeloff zufolge bestand die Idee nicht darin, in einer Ausstellung die heutige Kunst Indonesiens zu repräsentieren, sondern vielmehr eine Atmosphäre zu vermitteln, einige Trends und starke Themen, die insbesondere Yogyakarta charakterisieren, den "Bienenstock künstlerischer Kreativität".

Arie Dyanto betonte, solche Ausstellungen in Europa seien wichtig, um andere Aspekte heutiger indonesischer Kunst zu zeigen. Diese beziehe sich mehr und mehr auf das persönliche Alltagsleben und kleine Geschichten der Künstler selbst - wie etwa der jetzt zunehmende Trend des Fahrradfahrens in Yogyakarta - und sei von daher weniger politisch engagiert, als die Ende der 1990er Jahre in solchen Ausstellungen wie AWAS! gezeigten Arbeiten.[2].

Neben den Graffiti von Eko Nugroho gab es auch andere ortsspezifische Arbeiten. Bayu Widodo, ein Mitglied des Kollektivs Taring Padi und Gründer des Kunstraums Survive Garage, sagte, seine Zeichnungen seien durch seinen längeren Aufenthalt in Paris inspiriert, wo er "eine andere Art des städtischen Lebens und solche soziopolitischen Probleme wie die Lage illegaler Immigranten entdeckt" hätte.

Die Verknüpfung globaler Themen und persönlicher Geschichten steht im Zentrum des Schaffens von Tintin Wulia, die eingeladen war, ihre "(Rück)Besinnung auf ein Miteinander" zu entwickeln, ein seit 2007 andauerndes Projekt, in dessen Rahmen sie Pässe aller Länder der Erde imitiert und in diese künstlerisch interveniert. In Paris tat sie das erstmals auch mit einer Performance, in die sie das Publikum einbezog, um das endgültige Werk hervorzubringen. Das war für sie außerordentlich lohnenswert: "Ich hatte so viele Gespräche über diese Arbeit - die Leute haben mir ihre eigenen Geschichten über ihren Pass und ihre Staatsbürgerschaft erzählt."

Der Gang durch diese Ausstellung erinnert mich an die Tatsache, dass sich die Mehrzahl der Künstler daheim in Indonesien - und manche schon seit mehr als 20 Jahren - stark an der Schaffung alternativer Strukturen für die Unterstützung zeitgenössischer Kunstformen beteiligt: Cemeti Art House mit Mella Jaarsma, Kedai Kebun Forum mit Agung Kurniawan, die Apotik Komik mit Arie Dyanto (nicht mehr aktiv), Survive Garage oder als jüngste Kampf für Reis mit Eko Nugroho. Diese sehr persönliche Verbindung zwischen Kunsträumen, individuellen Projekten und kollektiven Ausstellungen ist im Katalog mit Texten von Alia Swastika sehr gut hervorgehoben, wo die beteiligten Künstler nicht auf die übliche Weise vorgestellt werden, sondern mit einer Widerspiegelung ihrer Position in der Entwicklung der zeitgenössischen Kunstpraxis in Indonesien.

Was wird aus dieser Javanaise der Künste? [2]
In dem Moment, in dem ich diesen Artikel zu Ende schreibe, ist Eko Nugroho auf dem Weg zu einem Künstleraufenthalt in der Villa Raffet, bevor er im Januar 2012 eine Einzelausstellung im Museum Moderner Kunst in Paris haben wird. In Yogyakarta eröffnen zwei neue Räume: HONFablab, unterstützt von der niederländischen Waag Gesellschaft mit dem Kollektiv House of Natural Fiber (Gewinner des Preises der Transmediale 2011 und ein Highlight des französischen Festivals Mal au Pixel 2011) und der Sewon Kunstraum, ein von zwei österreichischen Künstlern und dem Ministerium für Bildung, Kunst und Kultur Österreichs gefördertes Künstleraufenthaltsprojekt. Jim Allen Abel vom Fotografenkollektiv Mes56 bereitet derzeit seinen Beitrag für Photoquai vor, veranstaltet im September vom Museum Quai Branly. Im selben Monat wird S Tedy Darmawan seine Ausstellung in der Galerie Wallworks in Paris haben.
Das ist der Jogja-Rhythmus, bei dem die Dinge kommen und gehen, sich bewegen, wo externe Elemente manchmal lokale Kulturen und Künste beeinflussen können, wo es notwendig sein kann, dass alles von einem Tag auf den anderen neu beginnen muss, so wie nach dem Erdbeben im Mai 2006 oder nach dem Ausbruchs des Vulkans Merapi im Oktober-November 2010.

Wie Jacques-Emile Lecaron, ein französischer Architekt, der in Frankreich und Vietnam arbeitet, in seiner Ode an die Bambusstruktur von Eko Prawoto nach der Eröffnung sagte: "Es scheint absolut unerwartet und überraschend zu sein, dass die Bambusarchitektur im Kulturzentrum Louis Vuitton auf den Champs Elysées in Paris als Ergebnis eines privaten Sponsorings und eines indonesischen Architekten zum Leben erweckt wird (...) Es wäre schade, wenn dieser Tempel, der bescheiden wirkt, jedoch ein großes Potenzial für die Zukunft in sich birgt, das kostbarste Objekt bei Louis Vuitton, nach einer Weile wieder vergessen wird."

Was auch immer mit dieser Mode zeitgenössischer indonesischer Kunst geschehen mag, der Bienenstock von Yogyakarta wird auf Grund seiner Fähigkeit, sich ständig durch seine Traditionen und externen Einflüsse zu erneuern, immer kreativ sein. Es wäre ein Verlust für die internationale Kunstszene, wenn dieses gegenwärtige Interesse nur ein vorübergehender Trend wäre.

 

<line>Anmerkungen:</line>

  1. Siehe die Dokumentation von: AWAS! Indonesische Kunst heute. Werke von 14 Künstlern, die den gesellschaftlichen und politischen Umbruch in Indonesien Ende der 90er Jahre kritisch reflektieren.
  2. Bezieht sich auf den Song von Serge Gainsbourg, La javanaise (Die Javanerin), ein Tanz, der Liebende für die Dauer des Liedes davonträgt.


Marie Le Sourd

2006 - 2011 Leiterin des französischen Kulturzentrums in Yogyakarta. Davor war sie 7 Jahre lang in der Asia-Europe Foundation für das kulturelle Austauschprogramm zuständig.

(Aus dem Englischen: Haupt & Binder)

Trans-Figurations
Indonesian Mythologies

24. Juni -
23. Oktober 2011

Espace culturel Louis Vuitton
60, rue de Bassano
101, avenue des Champs-Élysées
75008 Paris
Frankreich
Website Email

Kurator:
Hervé Mikaeloff

Künstler:
Heri Dono, Arie Dyanto, Mella Jaarsma, Jompet Kuswidananto, Agung Kurniawan, Eko Nugroho, Garin Nugroho, J. Ariadhitya Pramuhendra, Eko Prawoto, Bayu Widodo, Tintin Wulia

Ausstellungsdesigner:
Alain Batifoulier
Simon de Tovar

Nafas
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