Manal Al-Dowayan

Interview mit der Künstlerin über ihr Schaffen im Kontext ihres Heimatlandes Saudi-Arabien.
Von Pat Binder & Gerhard Haupt | Okt 2011

Manal Al Dowayan wurde in der Östlichen Provinz von Saudi-Arabien geboren und wuchs dort auf. Während ihrer Ausbildung besuchte sie Kunstkurse an verschiedenen Institutionen in Saudi-Arabien, Dubai, Bahrain und London. 2009 bis 2011 absolvierte sie Künstleraufenthalte der Delfina Foundation in London, der Cuadro Fine Art Gallery in Dubai und der Townhouse Gallery in Kairo. 2011 waren ihre Werke u.a. in den Ausstellungen Edge of Arabia: Terminal, während der Art Dubai und The Future of a Promise, parallel zur 54. Biennale Venedig zu sehen.

Haupt & Binder: Wie würdest du Leuten, die mit deinem Schaffen nicht vertraut sind, dein künstlerisches Hauptanliegen beschreiben?

Die von mir geschaffenen Kunstwerke sind in der Regel eine direkte Widerspiegelung meines Lebens und der Höhen und Tiefen, die es so gibt. Man könnte glauben, mein Hauptinteresse sei die Erfahrung saudischer Frauen, aber in einigen Serien wie Landschaften des Geistes oder Und wir hatten keine gemeinsamen Träume geht es um persönlichere Themen. Die Basis meines Schaffens ist Schwarzweißfotografie, obwohl ich den Fotografien und den Gedanken dahinter in jüngster Zeit mehr Ebenen hinzugefügt habe. Diese Ebenen kommen in verschiedener Form daher, z.B. als Siebdrucke, Collagen, Spray-Malerei oder Neon- und LED-Leuchten.

Haupt & Binder: Als erste Arbeiten von dir sahen wir vor etwa vier Jahren die Serie Ich bin, gezeigt in den Ausstellungen The City & The Street (Maskat, Oman) und Self-Representation (Doha, Katar). Uns beeindruckte die selbstbewusste Ausstrahlung der dargestellten Frauen, die du mit für gewöhnlich "männlichen Berufen" zugeordneten Attributen (Schutzhelm, Stethoskop des Arztes, etc.) und traditionellem weiblichem Schmuck zugleich porträtiert hast. Könntest du den Kontext Saudi-Arabiens erläutern, der dich zu dieser Fotoserie veranlasst hat?

Manal Al-Dowayan: Zu dieser Reihe inspirierte mich die Rede von König Abdullah Al Saud anlässlich seiner Inthronisierung (2005). Er rief alle Saudis auf, unser Land gemeinsam aufzubauen, einschließlich der besonderen Bedeutung der Beteiligung der Frauen. Das war eine positive Zeit und weckte im ganzen Land große Hoffnungen und Begeisterung. Aber es warf auch eine Frage auf: die Ausübung welcher Art von Berufen soll den Frauen "erlaubt" sein? Später interpretierten die Presse und andere Meinungsführer die Rede des Königs in dem Sinne, dass er eine Teilnahme von Frauen nur in den "ihrer Natur entsprechenden" Berufen gemeint hätte. Damals fragte ich mich, "was entspricht meiner Natur als Frau? Und wer entscheidet darüber?" Daraus resultierte die Idee zu der Serie Ich bin. Ich lud Frauen, die in Saudi-Arabien in ganz verschiedenen Berufen arbeiten - von Ingenieurinnen bis zu Müttern, von Wissenschaftlerinnen bis zu Designerinnen -, dazu ein, als ein Statement ihrer Existenz und als Anregung für andere Frauen für mich Modell zu stehen.

Haupt & Binder: Im April 2011 sahen wir in der Cuadro Gallery in Dubai und in der ganz in der Nähe gezeigten Ausstellung Edge of Arabia: Terminal neue Fotografien von dir mit Texten in LED-Licht. In diesen Arbeiten scheint das Thema die "Stadt" oder eine urbane Landschaft zu sein, doch wenn man die poetischen Textzeilen liest, fällt einem auf, dass es mehr um deren Bewohner geht. Nach welchen Kriterien wählst du die Texte aus und wie setzt du sie zu den Bildern in Beziehung?

Manal Al-Dowayan: Ich fand die arabische Sprache schon immer sehr ausdrucksreich und schön, und welche vielfachen Bedeutungen ein einziges Wort haben kann, ist inspirierend und komplettiert für mich den kreativen Prozess. Wenn ich an einer Serie arbeite, beginne ich mit einem Konzept. Ich untersuche dieses Konzept durch Fotografie, Recherchen und arabische Literatur (das bezieht Dichtung wie auch Erzählliteratur ein). Da ich über ein Jahr lang auf eine bestimmte Idee fokussiert bin, geht alles was ich dabei erkunde durch einen Filter, und gewisse Sätze und Verse inspirieren eine diesen zugeordnete Fotografie, einige andere stehen hingegen für sich - und diese realisiere ich in Neonlicht. In meiner Serie Und wir hatten keine gemeinsamen Träume gibt es ein fiktives Gespräch zwischen den Bewohnern einer Stadt und der Stadtlandschaft. Diese Gespräche sind tief beeinflusst durch die Schriften von Dr. Sahar Al-Khalifa, einem bedeutenden palästinensischen Romancier, und der Dichtung des 2010 verstorbenen saudischen Politikers und Dichters Dr. Ghazi Al-Gosaibi.

Haupt & Binder: Du hast uns in Dubai erzählt, dass es für dich ziemlich riskant gewesen ist, die Fotos der Brücke für die Arbeit Nostalgia Carries Us aufzunehmen. Könntest du uns sagen, wieso?

Manal Al-Dowayan: Weil es für mich als Frau schwierig ist, auf einer Straße zu stehen und zu fotografieren, und auch weil ich nicht Auto fahren darf. Ich bin gezwungen, beim Aufnehmen meiner Bilder einfallsreich zu sein. Ich fotografierte von Dächern aus und durch das Fenster meines Autos, während es von jemand anderem gefahren wurde. Die so zustande gekommenen Bilder sind verschwommene Landschaftsansichten mit dem Titel Drive-by Shootings (Aufnahmen im Vorbeifahren).

Haupt & Binder: In der Ausstellung Edge of Arabia: Terminal, zeigtest du neben den LED-Fotografien auch die Installation Suspended Together (Zusammen aufgehängt), gegenwärtig zu sehen in The Future of a Promise, einer kollateralen Ausstellung der 54. Biennale in Venedig. Darin lenkst du die Aufmerksamkeit auf die Lage der Frauen in Saudi-Arabien (selbst derjenigen in ganz bedeutenden Positionen), die eine spezielle Erlaubnis vorweisen müssen, wenn sie reisen möchten bzw. müssen. Wie bist du auf die Idee zu dieser Arbeit gekommen? Bringt dich diese dreidimensionale Installation zu einer anderen Ausdrucksform als den fotografischen Medien, die du in den vergangenen Jahren ausgelotet hast?

Manal Al-Dowayan: Die große Installation Suspended Together war der Höhepunkt einer jahrelangen Arbeit an demselben Thema. Die Taube als Ausdruckselement erscheint in meinem Schaffen erstmals 2009 in Landscapes of the Mind. Später flogen Tauben in Arbeiten meiner Serie Und wir hatten keine gemeinsamen Träume von 2010. In Edge of Arabia: Terminal, in Dubai benutzte ich erstmals eine dreidimensionale Taube. In all diesen Werken symbolisiert die Taube Bewegung und eine den Frauen in Saudi-Arabien aufgezwungene Vormundschaft.

Alle Frauen in meinem Land brauchen für eine Reise ein Erlaubnisdokument, das von einem staatlich anerkannten Vormund ausgefertigt sein muss, und deshalb habe ich solche Dokumente auf den Körpern der Tauben abgebildet. Ich bat viele Frauen in Saudi-Arabien in wichtigen Positionen (Wissenschaftlerinnen, Pädagoginnen, Ingenieurinnen, Künstlerinnen etc.) ihre Reiseerlaubnisdokumente für dieses Projekt zur Verfügung zu stellen, und das Ergebnis ist ein Taubenschwarm, der im Flug zu sein scheint, tatsächlich aber aufgehängt ist und sich nicht bewegt.

Diese Installation war eine neue Erfahrung für mich und hat mir erlaubt, eine für mich neue künstlerische Ausdrucksmöglichkeit auszuprobieren. Wenngleich die Fotografie die Basis meines Schaffens bleibt, experimentiere ich gern mit anderen interessanten Medien und Techniken.

Haupt & Binder: Siehst du Veränderungen hinsichtlich der Lage von Frauen in Saudi-Arabien oder zumindest Anzeichen dafür?

Manal Al-Dowayan: 2005 schuf ich eine The Choice (Die Wahl) genannte Serie, zu der ein Bild gehört, das sich auf den Dialog über die Beteiligung von Frauen am politischen Prozess in Saudi-Arabien bezieht, der zu jener Zeit stattfand. Dieses Jahr (2011) verfügte der König von Saudi-Arabien, dass Frauen an den Kommunalwahlen im Jahr 2015 als Kandidatinnen und Wählerinnen teilnehmen sollen und in den Konsultativrat aufgenommen werden können, in dem bislang ausschließlich Männern sein dürfen. Das halte ich für eine große Veränderung!

Wenn Frauen in Entscheidungsprozesse im Land einbezogen sind, sehe ich Fortschritt und eine ausgeglichenere Vertretung einer Hälfte unserer Gesellschaft voraus, die in der Vergangenheit keine Stimme hatte. Diese Veränderungen sind nicht zufällig; es gibt aktive Männer und Frauen, die hart für einen solchen Wandel in unserer Gesellschaft arbeiten. Die nächsten großen Themen, die in Saudi-Arabien für Frauen in Angriff genommen werden müssen, sind die Vormundschaft und das Autofahren. Obwohl ich durchaus optimistisch bin, bin ich gleichzeitig auch ungeduldig.

Pat Binder & Gerhard Haupt

Herausgeber von Universes in Universe - Welten der Kunst und des Nafas Kunstmagazins. Leben in Berlin.

(Aus dem Englischen: Haupt & Binder)

Manal Al Dowayan
* 1973 Dhahran, Saudi-Arabien

Nafas
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