Lara Baladi: Rituale der Hoffnung

Rituale der Hoffnung (Kaffeetassen und Revolution). Jüngere Werke im aktuellen Kontext Ägyptens.
Von Pat Binder & Gerhard Haupt | Feb 2011

Kunstprojekte und Fotografien


Lara Baladi wurde in Beirut als Kind libanesisch-ägyptischer Eltern geboren, lebte dort, in Paris und London und ist seit 1997 in Kairo zu Hause. In ihrem Schaffen verbindet sie ganz persönliche Erfahrungen mit dem Hinterfragen sozialer Bedingungen und der Verhältnisse in der sie umgebenden Welt.

In diesem Interview geht es vor allem um drei jüngere Werkgruppen, in denen die Verknüpfung des Privaten mit dem Gesellschaftlichen besonders eindrucksvoll in Erscheinung tritt. Obwohl es schon lange vorher geplant war, kommunizierten wir mit Lara Baladi via Email und Skype genau während der Massenproteste in Ägypten, die zum Sturz des 30 Jahre währenden diktatorischen Regimes von Hosni Mubarak führten. Vor dem Hintergrund dieser Ereignisse erlangen in schon früher geschaffenen Arbeiten angelegte Kontextebenen jetzt eine neue, noch kraftvollere Bedeutung.


Haupt & Binder: Als wir dich Mitte Dezember in Doha trafen, hast du deine letzte Installation Qabr Al Zaman (Das Grab der Zeit) in einer der Eröffnungsausstellungen des Mathaf erstmals präsentiert. In Qabr Al Zaman setzt du ein sehr persönliches Thema fort, das dich schon seit einigen Jahren beschäftigt. Was ist der Hintergrund dieser Installation?

Lara Baladi: Qabr El Zaman ist ein großer Schrein aus Stein - der Kulminationspunkt eines Ensembles fotografischer Arbeiten und großformatiger digitaler Montagen mit dem Titel Diary of the Future (Tagebuch der Zukunft). Nach fünfzigjähriger Abwesenheit kehrten meine Eltern 2007 nach Ägypten zurück. Mein Vater war an Lungenkrebs erkrankt und wollte dort sterben, wo er geboren wurde. Im August 2007 hatte sich sein Zustand so sehr verschlimmert, dass mit seinem baldigen Tod zu rechnen war. Die gemeinsame Erfahrung meiner Familie und all der Leute, die ihn beim Sterben begleiteten, wurde zu meinem Thema.

In dieser schwierigen Zeit erlangte das Lesen der Zukunft in türkischen Kaffeetassen, was eine in der gesamten arabischen Welt in allen sozialen Schichten verbreitete traditionelle Praxis ist, eine große Bedeutung für mich als ein Weg, diese Phase festzuhalten. Ich bat jeden Besucher meines Vaters, Kaffee zu trinken und dadurch unwissentlich an einer ausgeklügelten Zeremonie mitzuwirken. Jeder folgte meinen Anweisungen peinlich genau und trank seine Tasse aus, kippte sie um, drehte sie sieben Mal auf der Untertasse und klopfte dreimal auf den Boden. Die prophezeienden Worte begannen sich zu artikulieren und der Situation einen Sinn zu geben. Sich über die Grenzen unserer "huis clos" hinaus ausbreitend, enthielt der Kaffeesatz eine populäre und subjektive Sprache, die über unsere persönliche Erfahrung hinausging. Ich fotografierte das Innere jeder Kaffeetasse und archivierte die Fotos mit dem dazugehörigen Namen und Datum. Genau diese Bestandsaufnahme schmückt die Wände von Qabr El Zaman. Während es sich bei Diary of the Future um eine Chronik parallel verlaufender und sich dennoch kreuzender Leben jandelt, eine Aufzeichnung der Kontinuität des Lebens im Angesicht des Todes, ist Qabr El Zaman der Abschluss/das Begräbnis und die Verkörperung dieser dokumentierten Periode der Vertrautheit mit der Familie, Freunden, Ärzten und Krankenschwestern, einer Periode großer emotionaler Schwierigkeiten, die wir alle durchleben mussten, obschon gemeinsam, ein Schrein der Erinnerung an meinen Vater.

H. & B.: In dieser Arbeit können wir ikonographische Elemente erkennen, die mit verschiedenen Kulturen und Religionen zu tun haben. Wie interpretierst du das im Kontext der aktuellen Situation Ägyptens?

L.B.: Einer der Haupteffekte der Polizeigewalt gegen die Demonstranten und des Versuchs gegnerischer politischer Kräfte, die Revolution zu ihrem eigenen Vorteil zu manipulieren, war das Zerbrechen tief verankerter sozialer Barrieren. Im Grunde genommen haben wir miterlebt, dass es wichtiger war, sich als Ägypter zu fühlen, statt als Muslim oder Christ, in erster Linie ein Bürger zu sein, statt ein Mann oder eine Frau. Die Solidarität der Menschen auf dem Tahrir-Platz wuchs von Tag zu Tag. Ein muslimischer Scheich mit dem Koran und ein Priester mit dem Kreuz in der Hand marschierten zusammen, und Graffitis an Wänden mit einem Kreuz, dem Halbmond und dem Spruch "wir alle sind Ägypter" brachten den Geist der Revolution sehr gut zum Ausdruck. Die Gewalt gegen die Bevölkerung und auch die Angriffe Anfang Januar auf die Kirche in Alexandria haben die Leute nicht auseinander gebracht, sondern sie gegen die Unterdrückungsmacht des Mubarak-Regimes vereint.

Ich habe immer in einer multikulturellen Umgebung gelebt und mehr an das Verwischen von Grenzen als an die Verschärfung der Differenzen geglaubt. Qabr El Zaman hat mit den gegenwärtigen Ereignissen in dem Sinne zu tun, dass seine Architektur, die "trompe l'oeil" an den Wänden und die visuellen Bezugnahmen in seinem zentralen digitalen Montageelement ihre Ikonographie und Ausgangspunkte aus populären, multikulturellen und multireligiösen Quellen beziehen, von Matrizen, die zur Verschönerung von Kleidern der Jungfrau Maria in spanischen Kirchen benutzt worden sind, architektonischen Strukturen islamischer Schreine, mittelalterlicher Ikonographie, in der Natur gefundenen Formen bis zu volkstümlichen Darstellungen von Engeln.

H. & B.: Parallel zu dieser Werkgruppe hast du auch Borg El Amal geschaffen, den ortsspezifischen "Turm der Hoffnung", gezeigt bei der Kairo Biennale 2009, für den du mit dem Nile Grand Prize der Biennale ausgezeichnet wurdest. Du hast darüber einmal geäußert, diese Arbeit "geht von derselben persönlichen Erfahrung wie Qabr El Zaman aus, jedoch auf einer sehr sozialen und urbanen Ebene". Wie sind diese Ebenen miteinander verknüpft?

L.B.: Borg El Amal und Qabr El Zaman entstanden zum großen Teil aus der ganz persönlichen und einzigartigen Erfahrung, meinen Vater beim Sterben zu begleiten. Doch im Unterschied zu Qabr El Zaman ist dieser Aspekt in Borg El Amal "unsichtbar".

Borg El Amal kam in einem Zeitraum von drei Jahren in verschiedenen Stufen zustande. Zunächst war da die Idee der Esel-Symphonie. Ein Jahr später, 2007, haben der Komponist Nathaniel Robin Mann und ich in Spanien, außerhalb von Madrid, an einem Burrolandia (Eselland) genannten Ort, das Schreien von Eseln aufgenommen. Einige Monate darauf fing ich damit an, bis zum Tod meines Vaters im Januar 2008 die Kaffeetassen zu fotografieren.

Im April 2008 lud mich der Kurator der Kairo Biennale zur Teilnahme an der Ausstellung The Others (Die Anderen) von Dezember 2008 bis Januar 2009 ein. Der Hauptausstellungsort der Biennale, der Palast der Künste, ist ein Gebäude auf dem Gelände des Opernhauses - wo sich im Zentrum von Kairo auf der Insel Gezira ein Militärstützpunkt befindet. Mir war klar, dass ich ein ortsspezifisches Werk schaffen müsste, in dem ich darüber reflektiere, wer in Bezug auf die Regierung die "Anderen" sind.

Borg El Amal wurde mit denselben Baumethoden errichtet wie bei den "ashwa'iyat" (in Arabisch "willkürliche Dinge", nicht genehmigter Wohnungsbau), im Allgemeinen Rote Stadt genannt. Diese "ashwa'iyat" machen mehr als vierzig Prozent von Kairo aus und werden vom Staat völlig ignoriert. Im Turm war die Esel-Symphonie zu hören. In der Symphonie hallte der qualvolle Schrei der Roten Stadt wider - der ambivalente Klang von Ekstase und/oder Verzweiflung - und die Schönheit in der Trauer, die ich empfand, als ich meinen Vater sterben sah, eine Art Requiem, eine Hymne an die Schönheit im Schrecklichen, eine Hymne der Hoffnung inmitten des Elends.

H. & B.: In einer deiner Emails hast du uns geschrieben, Borg El Amal sei für dich ein sehr signifikantes Werk, aber auch für die daran beteiligten Leute und für die Kunstszene in Kairo. Weshalb war diese Arbeit für dich so wichtig und woran hast du seine Bedeutung für andere bemerkt?

L.B.: Das Publikum der Biennale war sehr unterschiedlich, und seine Reaktionen sind überwältigend gewesen. Die verschiedenen Veranstaltungen auf dem Gelände des Opernhauses, Konzerte, Festivals, Spiele, etc. - von dem Moment, als ich mit dem Aufbau des Turms begann, bis zu dessen Abriss - zogen alle möglichen Leute an, die dann auch den Borg el Amal kennenlernen wollten. Während der Aufbauphase waren einige entsetzt. Ich musste die Baustelle sogar "verstecken", damit Suzanne Mubarak die Konstruktion nicht sah, als sie das Filmfestival eröffnete! Aber langsam begann jeder, insbesondere die Arbeiter, die mir halfen und in solchen "ashwa'iyat" leben, zu erkennen, dass das, was da gerade gebaut wurde, eine Würdigung der wild entstandenen Wohnviertel und ihrer Bewohner ist, und sie fingen sogar an, eine neue Sicht auf ihr eigenes Lebens zu entwickeln.

Natürlich war das für mich ein wichtiges Werk, und angesichts der gegenwärtigen Situation ist es das heute noch viel mehr. Borg El Amal hat mein Schaffen auf eine neue Ebene gebracht. Der Turm enthielt viel von meinen früheren Arbeiten: der Architekturentwurf basiert auf einer Collage aus Fotos, die ich von der Roten Stadt gemacht hatte, die Ziegelsteine sahen wie ein gewebter Teppich aus, der Klang der Symphonie könnte der Gesang der Sirenen gewesen sein, die Odysseus in Versuchung führen wollten... Borg el Amal hat mich tiefer denn je in Ägypten verwurzelt. Aus symbolischen Gründen habe ich es abgelehnt, nach dem Abriss des Turms am Ende der Biennale auch die Betonfundamente zu entfernen.

Was die Kunstszene betrifft, so gab es eine Reaktion, die alles zusammenfasst: ein Künstler dankte mir dafür, dass ich gezeigt habe, wie viel gesagt werden kann, wenn die Grenzen der Zensur durchbrochen werden. Als eine der größten Veränderungen im Zuge der Revolution sind diese Grenzen jetzt explodiert, eine neue Seite der Geschichte ist aufgeschlagen, "das Verlieren der Angst", der Angst, die eigene Meinung zu äußern und der Angst bestraft zu werden. Die Kreativität der Slogans, die Aktionen und der Humor, die wir auf dem Tahrir-Platz erlebten, sind nur der Beginn der Entfesselung einer immensen und lange unterdrückten kreativen Energie.

H. & B.: In dem Buch Hope (Hoffnung) mit Fotos jener illegal errichteten "informellen Wohnviertel" in und um Kairo herum, das du für die gegenwärtig in Köln, Deutschland, gezeigte Ausstellung Afropolis produziert hast, schreibst du, "mir scheint es, als wenn diese 'ashwa'iyat' ein falsches Versprechen verkörpern ... die vergebliche Hoffnung auf ein besseres Morgen". Siehst du angesichts der gegenwärtigen Entwicklungen jetzt mehr Hoffnung?

L.B.: Die in Kooperation mit dem Tang Museum der Skidmore University in den USA produzierte Broschüre für die Ausstellung Afropolis ist ein direktes Resultat von Borg El Amal. Die für das Studium architektonischer Details und das Design des Turms aufgenommenen Fotografien wuchsen zu einem größeren Werkkomplex an, der zum Teil in der Broschüre Hope veröffentlicht ist.

Es gibt immer Hoffnung. Und es gab immer Hoffnung. Die Revolution ist der Beleg dafür. Das Regime war den Bedürfnissen der Bevölkerung gegenüber so gleichgültig, dass sich die Leute, ob es ihnen gefiel oder nicht, letztendlich in eigene Staaten innerhalb des Staates einrichteten. Die Bevölkerung in den "ashwa'iyat" im Speziellen und in Ägypten allgemein hat vom Regime völlig getrennte Überlebensmethoden und -strukturen entwickelt. Aber Solidarität und Gemeinschaftsleben sind auch ureigene Bestandteile des sozialen Verhaltens der Ägypter, und dieses Phänomen haben wir in den letzten Wochen ganz deutlich mitbekommen.

Doch die Bevölkerung der "ashwa'iyat" war nicht an vorderster Front dieser Revolution, obwohl sie sich daran unzweifelhaft beteiligte (das sahen wir an den am Freitag des Zorns in diesen Gebieten niedergebrannten Polizeiwachen). Dreißig Prozent der Bevölkerung hat keinen Personalausweis und höchstwahrscheinlich machen die Leute aus den "ashwa'iyat" einen großen Teil davon aus. Übrigens mussten wir unseren ägyptischen Ausweis vorzeigen, wenn wir den Tahrir-Platz betreten wollten.

Von dem tiefen ökonomischen Einbruch, den wir jetzt erleben, sind vor allem die ärmeren Teile der Gesellschaft betroffen. Wenn ein neues System, eine neue Art von Demokratie - und zwar nicht eine, die einfach nur eins zu eins von den existierenden, fehlerhaften westlichen Demokratien übernommen wird - tatsächlich umgesetzt werden könnte, dann würden die "ashwa'iyat" hoffentlich auch von der Revolution profitieren. Doch wie wir sahen, sind die Menschen voller Hoffnung. Der "Plan" der Leute besteht darin, Ägypten vom korrupten Regime zu säubern, und im Wortsinne wird jede Ecke der Stadt nach und nach von Freiwilligen gereinigt, so wie der Tahrir-Platz nach dem Weggang von Mubarak gereinigt und neu gestrichen worden ist. Es gibt Hoffnung für jede Seele.

Pat Binder & Gerhard Haupt

Herausgeber von Universes in Universe - Welten der Kunst und des Nafas Kunstmagazins. Leben in Berlin.

(Aus dem Englischen: Haupt & Binder)

Qabr Al-Zaman (Das Grab der Zeit), 2010
Multimediale Installation

Borg El Amal (Turm der Hoffnung), 2008 / 2009
Ortsspezifische Konstruktion und Soundinstallation, 11. Kairo Biennale, Palast der Künste, Gelände des Opernhauses

Hoffnung, 2008 / 2009
Fotoserie

Die Installation Qabr Al-Zaman ist derzeit zu sehen in der Ausstellung Told/Untold/Retold, Mathaf: Arabisches Museum Moderner Kunst, Doha, Katar, 30. Dez. 2010 - 28. Mai 2011

Die Serie Hope ist präsentiert in Afropolis, Rautenstrauch-Joest-Museum, Köln, Deutschland, 5. Nov. 2010 - 13. März 2011

Nafas
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