Gülsün Karamustafa: Etiquette

Etiquette (Die Zähmung des Ostens), ihre neue Installation in den ifa-Galerien, Deutschland.
Von November Paynter | Feb 2011

Die Regeln des Anstands, der guten Manieren, der Höflichkeit und des "schicklich" Seins, die Gebote und Verbote einer Gemeinschaft, einer Gesellschaft, einer Schule oder eines Haushalts könnte man als etwas Gegebenes hinnehmen, als eine Struktur, die im Zusammenhang von Zeit und Ort verständlich wird. Oft geht man davon aus, dass solche Regeln für gesellschaftliche Umgangsformen gerade wegen ihrer Eigenart innerhalb einer Kultur intuitiv oder zumindest instinktiv beherrscht werden, weshalb sie früher als ungeschriebene Gesetze galten. Die ersten schriftlich fixierten Konzepte anerkannter Verhaltensnormen waren Kodifizierungen höfischer Regeln. Als später Märkte und Handelswege expandierten und sich etablierten, erschienen auch Bücher mit Benimmregeln im Zusammenhang mit gutem Geschäftsgebaren. Ein größerer Markt für derartige "Handbücher" entstand aber erst, als das Reisen verbreiterter wurde: Die Menschen wollten oder mussten die jeweiligen lokalen Regeln beim Essen, bei der Begegnung und beim Gespräch lernen, um sich in einem ihnen nicht vertrauten Gesellschaftssystem besser zurechtzufinden.

Das Buch, auf das Gülsün Karamustafa dieses Jahr in einem Antiquariat in Istanbul stieß, ist eine Adaption einer solchen Kodifizierung, und zwar des französischen Buches Pour bien connaître les usages mondains, das ursprünglich 1910 von Pierre Lafitte et Cie. in Paris für die Femina Bibliothèque herausgegeben wurde. Das Buch ist aus dem Französischen in die türkische Sprache übersetzt und in arabischer Schrift gesetzt; es erschien zwar nach der Ausrufung der Republik Türkei im Jahr 1923, doch die offizielle Verordnung für die Einführung des lateinischen Alphabets in der Türkei wurde erst 1928 erlassen. So ist das Buch gewissermaßen in seiner Zeit und in orientalischer Rätselhaftigkeit befangen. Es versucht, die Regeln des Westens in ihren Nuancen und ihrer Symbolik anzuwenden, ist dennoch literarisch und in den Augen nicht-arabischer Leser visuell im Sinne der Geschichte des Osmanischen Reichs und des Orients verfasst.

Die Rätselhaftigkeit, die sich aus dem Aufeinandertreffen von Orient und Okzident ergibt, und die unterschiedlichen Wünsche und Wahrnehmungen – das Verlangen nach morgenländischer Fantasie auf der einen und nach abendländischem Modernismus auf der anderen Seite –, die in bestimmten historischen Epochen entstehen oder vergehen, haben Gülsün Karamustafa schon immer überaus fasziniert und ihr künstlerisches Schaffen ungemein beeinflusst. Insbesondere ihr Interesse daran, wie in bestimmten Epochen Frauen repräsentiert wurden und wie jede Zeit weibliches Verhalten prägt, wird in mehreren ihrer Arbeiten verhandelt, insbesondere in den Arbeiten, die auf orientalistischen Gemälden basieren wie Double Action Series for Oriental Fantasies (1999 – 2000), fragmenting / Fragments (1999) und From the Outside (1999). Ein so "dehnbares" Objekt wie dieses Buch mit seinem Schwerpunkt auf der Anpassung von Anstandsregeln, das gleichzeitig ein Konstrukt und ein Konstrukteur der Anziehungskraft zwischen Ost und West darstellt, ist für Gülsün Karamustafa ein perfektes Mittel, um im Rahmen ihrer neuen Installation Etiquette (Die Zähmung des Ostens) über die Idealisierung westlicher Haltungen im Orient zu sprechen.

Der Autor des Buchs, Abdullah Cevdet (1869 – 1932), studierte Medizin und machte sein Examen an der Königlichen Schule für Medizin des Osmanischen Reiches. Er war eine überaus radikale Persönlichkeit und stand der Bewegung nahe, die für eine Westorientierung eintrat. Zusammen mit seinen Freunden systematisierte er als Erster bestimmte Denkweisen im Osmanischen Reich nach den Reformen von Verwaltung und Politik (Tanzimat) von 1839. Gülsün Karamustafa schreibt dazu: "Im Zusammenhang mit diesem adaptierten Buch rechtfertigt der Autor mit allen Mitteln die Argumente für eine Verwestlichung des Ostens. Er fasst sie als Klassenmerkmal auf, verweist auf sämtliche Einzelheiten des bürgerlichen Lebensstils und gibt sogar Ratschläge für das Benehmen von Zimmermädchen und Stallknechten. Das macht dieses Buch einzigartig unter den sonstigen westorientierten Ratgebern für gute Manieren, von denen seinerzeit sehr viele erschienen, als sich alles so schnell veränderte und aus dem Reich eine Nation wurde."

Gülsün Karamustafa kann sich selbst nicht erinnern, während ihrer Schulzeit in Istanbul in gutem Benehmen unterwiesen worden zu sein. Aber wie eine Schulfreundin ihr kürzlich in Erinnerung rief, als sie über die Entwicklung von Etiquette sprachen, gab es diese Lektionen in Benehmen, Tischmanieren, sozialen Fähigkeiten usw. Es ist nicht weiter verwunderlich, dass sich Gülsün Karamustafa mit ihrem ausgeprägten Sinn für eigene Orientierung, Entwicklung und Unabhängigkeit nicht an diesen Unterricht erinnert. Und doch weist sie darauf hin, dass die dort gelehrte Lebensweise sich nicht von der unterschieden habe, in die sie eingebettet gewesen sei; es war nichts, was ihr aufgezwungen worden wäre, wie andere es vielleicht empfunden hätten. In ihrer jüngsten Arbeit, in Anti-Hamam Confessions (2010) kommt Ähnliches zum Ausdruck: Im Mittelpunkt des Films steht eine Reihe von Bildern eines alten Hamams in Istanbul, aber in dem Off-Kommentar in Ich-Form geht es darum, dass Gülsün Karamustafa noch nie in einem Hamam in der Stadt war. Für sie und ihre Familie galt ein Bad im Hamam als eine schon seit Jahrzehnten veraltete Praxis.

Die in Cevdets Buch dargestellten Verhaltensregeln aus der Oberschicht lösen bei Gülsün Karamustafa ganz unterschiedliche Reaktionen aus. Die Zusammenstellung von arabischer Schrift und den Bildern "westlichen" Personen, die das Buch illustrieren, ist bereits ein Widerspruch in sich; dennoch sind die Bilder gleichzeitig verführerisch, irgendwie naiv, altertümlich und kurios, aber auch erschreckend anmaßend. Mit all diesen Schichten dieser komplexen Erzählung spielt die Künstlerin – ohne je Anspruch auf politische Korrektheit zu erheben; sie spielt mit diesen kodifizierten Systemen, ihrer Anwendung und ihrer Aufzwingung.

In der Installation Etiquette ist ein Tisch sowohl zentrales Element als auch eine Struktur, die sich über zwei Positionen erstreckt – Gast und Gastgeber, Menschen, die bedient werden, und Menschen, die bedienen, Eingeladene und nicht Eingeladene. Zudem sind Tischmanieren die von den meisten anerkannten Maßstäbe für gutes Benehmen. Manieren lernt man in der Kinderstube, heißt es, und am strengsten sind sie bei Tisch festgelegt, werden dort von allen geteilt, und dies wiederum nirgends nachdrücklicher als bei einem formellen Bankett. Bei der Installation scheint es, als warte ein Festmahl auf das Publikum, aber der Tisch ist noch nicht "richtig" eingedeckt, wie Cevdets Buch anmerken würde. Beim Betreten des Raums ergreift einen ein Gefühl des Unbehagens angesichts eines so schlecht vorbereiteten Festmahls. Dann entdeckt man das Dekor auf den Tellern, den Speisekarten, den Gläsern und Servietten: Auf jedes Teil sind Bilder und Vorschriften aus dem Buch über Etikette gedruckt. Mit Blattgold umrandet und in osmanischen türkischen Buchstaben "zwingen" diese ornamentalen Zusätze uns "die guten Manieren des Gesellschaftslebens auf".

Um den Tisch herum sind 36 vom Boden bis zur Decke reichende farbig gefasste Eisenstäbe aufgestellt. Die Lebendigkeit ihrer fluoreszierenden Beschichtung verdeckt für einen Augenblick jegliche Ähnlichkeit zu den Stäben eines Gefängnisgitters oder zu einer Balustrade, die das Landhaus von der Wildheit des Gartens abschirmt. Und doch sind sie Hinweis auf solche Barrieren: Sie sollen zusammenhalten und trennen – eine Technik, die Gülsün Karamustafa schon mehrfach zuvor benutzt hat. In Double Reality (1987) stellte sie eine männliche Schaufensterpuppe (die die Künstlerin in der Terkez-Passage in Istanbul gefunden und wegen ihrer absurden Bekleidung, einem Frauennachthemd, gekauft hatte) in eine doppelte Umgrenzung von Eisenstangen. Dadurch wird die Position der Figur veranschaulicht, wie die Künstlerin sie sieht, ihre Stellung innerhalb einer bestimmten Zone zwischen realem und imaginärem Leben. Die Stäbe dienten als Modell für die Stäbe in Etiquette, die hier eine ähnliche Rolle spielen. Bei Double Reality ist es klar, dass die Besucher nicht in die Umgrenzung treten sollen, obwohl sie es könnten. Und dasselbe gilt für Etiquette: Wie soll man mit dieser nur angedeuteten Barriere umgehen? Wer ist würdig genug, einzutreten, und wer nicht, und – wichtiger noch im Hinblick auf Cevdets Buch – wer hat das Recht dazu, Klassenzugehörigkeit und Intellekt zu definieren und zuzuschreiben anhand von erlernten Gesten und Phrasen? Auch andere von Gülsün Karamustafa verwendete Markierungen wie die rote Linie rund um das Beerdingungstor im Hagia-Sophia-Museum in Istanbul in ihrer ortsspezifischen Installation You Are Here (1989) veranschaulichen die Definition und Position eines Raumes, gleichgültig ob er mental, physisch oder angedeutet ist. Diese Markierungen stellen die Systeme, nach denen und innerhalb derer Zugangsberechtigungen erteilt werden, in Frage.

Gülsün Karamustafas Reflexionen über den Import europäischen Geschmacks sind in zwei ihrer Arbeiten aus jüngerer Vergangenheit zu finden, in Burying the Sleep (2001) und in Compromise (2004). Das erstgenannte Werk, eine Installation mit zwei Uhren aus dem Europa des 19. Jahrhunderts, stellt eine andere Form des West-Ost-Imports vor, der als Symbol für die Zugehörigkeit zu einer Klasse, für Geschmack und "Bildung" wahrgenommen wird. Solche Uhren wurden von Geschäftsleuten in Europa gekauft und staatlichen Behörden zum Geschenk gemacht oder in Städten wie Istanbul in öffentlichen Räumen aufgehängt, wo sie den Zeitdruck der Europäisierung auf die Nation deutlich zum Ausdruck brachten. Die erstmals in der Ausstellung Ethnic Marketing in Genf (2004) gezeigte Arbeit Compromise besteht aus einer Serie von Fotografien, die hinterfragen, wer dazu berechtigt ist oder von wem erwartet wird, seine oder ihre eigenen Fantasien darzustellen, wobei es sich in diesem Fall um die orientalische Vision einer in der Türkei lebenden Künstlerin handelt. Gülsün Karamustafas vier Frauengestalten stellen bekannte Posen und Gesten nach, die vom Genre der "orientalistischen" Porträtkunst inspiriert sind. Entweder richten sie den Blick geradeaus oder sie wenden ihn von der Kamera ab. Und in diesem Zusammenhang bewirken die aus Burying the Sleep entlehnten Uhren, dass Compromise in dieselbe Richtung weist: Beide Arbeiten thematisieren den Übergang zur Akzeptanz einer unterdrückenden Form von Europäisierung, die auch in der bürgerlichen Haltung gegenüber der Etikette zum Ausdruck kommt. Beide Arbeiten und insbesondere die Einbeziehung der Uhren verweisen auf die "verlorene Welt", der Cevdets Buch niemals entrinnen kann. Sein Ziel war es, eine für alle lesbare Übersetzung einer Sprache der Zukunft zu erstellen. Doch seine Übertragung umfasst eine Vielzahl von Sprachen, Systemen und Anmaßungen; zudem beansprucht sie, als Maßstab für Klassenzugehörigkeit zu wirken. Im Laufe der Zeit wurde sein Buch zu einem obskuren dekorativen und reizvollen Gegenstand, der uns als Fetisch für Rätsel der Vergangenheit taugt. In der Arbeit Etiquette werden die Seiten des Buches zwar dazu eingesetzt, den Betrachter durch ihren visuellen Reiz anzusprechen; gleichzeitig stellt ihre neue Verwendung ihre Bedeutung in Frage. Das, "was von den Seiten übrigbleibt, ist eine Struktur, ein Kunstwerk," wie Gülsün Karamustafa es formuliert; "es ist eine delikate, ebenso filigrane wie heikle Geschichte, die offen ist für Interpretationen".

 

November Paynter

Assoziierte Direktorin für Programme und Forschung von SALT, Istanbul, Türkei.

Text aus: Gülsün Karamustafa / Etiquette. Katalog zur Ausstellung, ifa-Galerien Stuttgart und Berlin. Verlag für moderne Kunst Nürnberg, 2011
Übernommen mit freundlicher Genehmigung der ifa-Galerie Stuttgart und der Autorin.

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Gülsün Karamustafa

4. Februar -
9. April 2011

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Charlottenplatz 17
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6. Mai -
26. Juni 2011


Katalog:
Gülsün Karamustafa
Etiquette
Verlag für moderne Kunst Nürnberg, 2011
Konzept: Gülsün Karamustafa, Iris Lenz
Texte: Iris Lenz, November Paynter, Gülsün Karamustafa

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