Yogyakarta nach dem Boom

Nach dem Platzen der Marktblase sucht man im Kunstzentrum Indonesiens nach neuen Ansätzen.
Von Christina Schott | Jan 2010

Tausende von Menschen drängten sich am Abend des 25. November 2009 vor dem Jogja Expo Center, dem Messezentrum der zentraljavanischen Stadt Yogyakarta. Eingequetscht zwischen einem sieben Meter hohen Pferd in Batikhülle, fünf tonnenschweren Präsidentenköpfen und zahlreichen Fressständen ließ die Masse beinahe zwei Stunden lang offizielle Reden über sich ergehen, bevor die angeblich "größte Kunstausstellung in der Geschichte Indonesiens" eröffnet wurde.

Anlässlich seines 25-jährigen Bestehens hatte das Indonesische Kunstinstitut (ISI) in Yogyakarta 550 seiner Absolventen eingeladen, insgesamt 600 Werke auf 800 Quadratmetern Fläche auszustellen. "Diese Ausstellung hat das Ziel, einer breiten Öffentlichkeit zu zeigen, wie sich die Kunst in Indonesien in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat", versprachen die Veranstalter des Mega-Events Exposigns in ihrer Ankündigung. Dabei ging es in der Messehalle voller Kunst wohl am wenigsten um Inhalte oder Struktur. Vielmehr ging es um die Selbstbeweihräucherung der Kunstszene Yogyakartas – zugegebenermaßen die lebendigste in Indonesien und eine der interessantesten in Südostasien.

"Bei Ausstellungen wie Exposigns wird Kunst nicht mehr als Kunstwerk gesehen, sondern nur noch als zeremonieller Zweck. Künstler werden hier zu Arbeitern für die Kuratoren. So toll ein Werk auch sein mag, es wird dort nie die richtige Wertschätzung erhalten", schimpft Nindityo Adipurnomo, selbst etablierter Künstler und Leiter des Cemeti Art House in Yogyakarta, einst die wichtigste Galerie für kontemporäre Kunst in Indonesien. "Ich halte Veranstaltungen wie Exposigns für gefährlich: So kommen wir nie aus dem Dilemma heraus, in dem die Kunstszene hier momentan steckt."

Spätestens seit dem enormen Boom, der in den vergangenen zwei bis drei Jahren viele Künstler aus Yogyakarta an die Spitze des asiatischen Kunstmarkts geschwemmt hat, ist in der indonesischen Kulturmetropole nicht mehr viel, wie es einmal war. Einst beliebte Galerien wie die des französischen Kulturzentrums LIP werden kaum noch gebucht, weil sie keine kommerzielle Ausrichtung haben.

Experimentalkunst ist genauso selten geworden wie sozialkritische Themen – nur noch wenige Künstler leisten sich diesen unkommerziellen Luxus, für den Yogyakarta früher bekannt war. Allein in den letzten drei Jahren haben in Yogyakarta mindestens 15 neue Privatgalerien neu eröffnet. Die meisten konzentrieren sich auf dekorative Kunstwerke, die oft nach Vorgaben von Sammlern und Auktionshäusern angefertigt werden.

Allerdings ist die schillernde Blase des Art Booms in Yogyakarta nach Einbruch der globalen Finanzkrise im vergangenen Jahr spektakulär geplatzt. Vor allem junge Künstler und Studenten, die sich durch den kommerziellen Aufschwung haben mitreißen lassen, sitzen jetzt auf dem Trockenen – ohne kreative Erfahrung und ohne Konzept. "Die jungen Leute sind noch nicht resistent gegen solche Entwicklungen, sie machen erst einmal alles mit. Dabei kreieren sie Werke, die zwar technisch perfekt, aber leider ohne jeden inhaltlichen Tiefgang sind", erklärt Nindityo Adipurnomo. "Jetzt, wo der Boom wieder abebbt, werden nur diejenigen Nachwuchskünstler überleben, die es schaffen sich neu zu orientieren und ein eigenes Konzept zu entwickeln. Um sie dabei zu unterstützen, müssen wir dringend anfangen, intensiver über art practice nachzudenken."

Cemeti – immer schon seiner Zeit voraus – hat bereits während des Kunst-Hypes seine regulären Ausstellungen eingestellt und konzentriert sich nun auf intensive Residenzprogramme, bei denen ausländische und lokale Künstler eng zusammenarbeiten und voneinander lernen können. Auch einige andere Galerien in der Stadt öffnen sich mittlerweile wieder etwas experimentelleren Kunstprojekten. Selbst die diesjährige Biennale hat die Zeichen der Zeit erkannt und eine Art Selbstbesinnungsprogramm für die Kunstszene der Stadt initiiert.

"Die Künstler in Yogyakarta trauen sich oft nicht, traditionelle Elemente in ihrer Arbeit zu nutzen, weil sie meinen, dann nicht kontemporär genug zu sein. Dabei ist doch genau diese Mischung ihre Stärke", meint Samuel Indramata vom Kuratorenteam der Biennale, selbst bekannt für seine Wandmalerei im öffentlichen Raum. "Mit dem Thema Jogja Jamming der diesjährigen Biennale wollen wir alle Künstler in der Stadt aufrufen, sich im Sinne des javanischen gotong royong – der traditionellen Nachbarschaftshilfe – zusammenzutun, um eine neue Struktur für die künstlerische Arbeit nach dem Boom zu finden. Damit dieser Prozess nicht gestört wird, haben wir bewusst vor allem lokale Künstler eingeladen. Im nächsten Schritt können wir dann hoffentlich mit neuen Konzepten wieder in die internationale Kunstwelt zurückkehren."

Wie bei der diesjährigen Jogja Biennale nehmen bei praktisch allen experimentellen Projekten die Künstler selbst die Organisation in die Hand. Die Kuratoren – in Indonesien sowieso ein Berufszweig im Entwicklungsstadium – wagen sich nur selten aus der kommerziellen Sicherheitszone der Galerien heraus. Unterstützung gibt es daher höchstens von ausländischen Kulturstiftungen und gelegentlich von privaten Sponsoren. Von Seiten der Regierung kommt kaum finanzielle Hilfe.

"Dieses ausschließlich privat finanzierte System ist sehr riskant: Für viele Künstler ist es schwierig, nicht komplett in das kommerzielle Kunstgeschäft hineinzurutschen, weil sie bei experimentellen Projekten meist auf den Kosten sitzen bleiben und sich dann nicht mehr weiterentwickeln können", erklärt Marie Le Sourd, die Leiterin des französischen Kulturzentrums LIP in Yogyakarta. Als Kennerin der Szene warnt sie davor, dass bei zu viel Abhängigkeit von Sponsoren, die "originelle Verrücktheit" der einheimischen Kunst verloren gehen könne.

"Wer also sollte neue Projekte in die Hand nehmen, wenn nicht wir selbst", sagt der Maler Putu Sutawijaya. Es war der Rekordpreis, den eines seiner Gemälde bei einer Auktion in Singapur erzielt hatte, der den Art Boom in Yogyakarta vor drei Jahren eingeläutet hatte. "Ich sehe den Boom nach wie vor als Chance: Er hat uns bekannt gemacht. In den letzten Jahren haben sich alle am Markt orientiert – jetzt müssen wir uns selbst eine Zukunft erarbeiten."

An seiner eigenen Zukunft baut der aus Bali stammende Künstler bereits: Im Zuge der Biennale hat er gerade seine zweite Galerie eröffnet, in der er vor allem Nachwuchskünstlern eine Chance geben will. Das hochmoderne Gebäude steht mitten im traditionellen Künstlerdorf Nitiprayan vor den Toren Yogyakartas und soll auch für Workshops und Residenzen für auswärtige Künstler und Kulturschaffende dienen. "Wir brauchen einfach mehr Raum zum Experimentieren. Was ist das für eine Kunststadt, in der es zwar jede Menge teure Kunstwerke gibt, aber keinen Raum, um sie auszustellen?", fragt Putu Sutawijaya. "Yogyakarta ist ein Trendzentrum, das alle Einflüsse von außen in sich aufsaugt. Jetzt brauchen wir eine Vision, aus der sich dann ein eigener Charakter unserer Kunst entwickeln kann."

 

Christina Schott

Arbeitet seit 2002 von Jakarta aus als freie Südostasienkorrespondentin für deutsche Medien. Mitbegründerin des Korrespondentennetzwerks weltreporter.net

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