Wael Shawky: Zeitgenössische Mythen

Cabaret Crusades: The Horror Show File. Neuer Film mit 200 Jahre alten italienischen Marionetten.
Von Judith Wielander | Jul 2010

Die Ausstellung Contemporary Myths (Zeitgenössische Mythen) von Wael Shawky in der Cittadellarte Galerie in Biella, Italien, ist auf das jüngste Werk des Künstlers fokussiert: Cabaret Crusades: The Horror Show File (Kabarett Kreuzzüge: Die Horrorschau-Datei). Dazu zeigt die Galerie nicht nur den Film, sondern auch ein Konvolut, das verschiedene Aspekte des komplexen Produktionsprozesses verdeutlicht, der in den Monaten vor der Schau in Cittadellarte und Ägypten stattfand. Wael Shawky, der in Alexandria lebt und arbeitet, weilte vom 11. April bis zum 4. Juli im Rahmen eines Künstleraufenthalts in Cittadellarte.

Cabaret Crusades: The Horror Show File bietet einen Blick auf die Geschichte der Kreuzzüge, indem Ereignisse in den Jahren 1096 bis 1099 zurückverfolgt werden, die eine Schlüsselrolle für die nachfolgende historische Entwicklung spielten, denn sie erschütterten die arabische Welt und deren Beziehungen zum Westen bis ins Mark.

Der Film überträgt Ursachen und Auswirkungen der religiös sanktionierten Feldzüge auf eine ganz eigene Form von Bildern, die auf der Rekonstruktion der damaligen Begebenheiten aus der Perspektive derjenigen basieren, die der Invasion ausgesetzt waren. Shawky bietet eine genaue Beschreibung der Orte im Nahen Osten und Europa, die den Hintergrund der frühen Kreuzzüge bildeten. Um diese Episoden zum Leben zu erwecken, benutzt er überaus ausdrucksstarke, 200 Jahre alte Marionetten aus der Sammlung Lupi in Turin. Dieses Kleinod der lokalen piemonteser Tradition eignet sich hervorragend für eine zeitgenössische und internationale Neuinterpretation solcher Ereignisse. Die Marionetten werden durch deutlich sichtbare Fäden bewegt und tragen die Kostüme der Charaktere, die es während der Konflikte in den christlichen Armeen Europas und in den muslimischen Heeren gab. Obwohl das Thema auf historischen Dokumenten und Fakten beruht, entsteht eine surreale und mythische Atmosphäre, die Drama und Zynismus vermengt und eine Geschichte weit zurückliegender Vorgänge erzählt, die heutzutage kaum aktueller sein könnte.

Die Hauptinspirationsquelle dieser Arbeit ist The Crusades Through Arab Eyes (Die Kreuzzüge aus arabischer Sicht) von Amin Maalouf, veröffentlicht 1986, also lange vor einer Verschlimmerung des Hasses in der heutigen Zeit. In seinem Buch untersucht Maalouf, ein in Frankreich lebender Libanese, die Geschichte der Kreuzzüge, indem er auf arabische Historiker und deren Schriften zurückgeht, die im Westen nie zur Kenntnis genommen worden sind, obgleich er durchaus auch einige der anerkanntesten westlichen Quellen und Studien heranzieht. Das historische Bild, das sich daraus ergibt, ist gleichermaßen beeindruckend und ausgeglichen, politisch und unvoreingenommen. Der Essay vermittelt einige Einsichten in die historischen Gräueltaten, die im Namen eines vagen Empfindens religiöser Demütigung begangen worden sind, aber objektiv betrachtet aus komplexen sozioökonomischen Gründen vonstatten gingen, von denen einer der wichtigsten die Reaktion auf das Elend und die Verzweiflung war, die eine verheerende Pest auf dem Gebiet des Byzantinischen Reiches zwischen 541 und 543 n.Ch. bewirkt hatte.

Shawkys Film beginnt mit einer Sequenz über die Pest, einen der Hauptgründe für den Niedergang der urbanen Zivilisation in den von Konstantinopel beherrschten Gebieten. Diese noch unter der Kontrolle der Metropole am Bosporus stehenden Territorien waren durch Kriege und wirtschaftlichen Verfall wesentlich geschwächt. Solch eine tragische Sicht menschlichen Elends führte daraufhin zu Massakern, Kämpfen, Verrat und Belagerungen, was die Geschichte der Kreuzzüge ausmachte.

Wir sind daran gewöhnt, die Kreuzzüge als einen glorreichen Wettlauf im Namen Gottes um die Befreiung Jerusalems zu sehen, und wir würden von dem, was tatsächlich stattfand, ziemlich überrascht sein. Das Ziel war keineswegs die Befreiung des Heiligen Grabes, sondern die Eroberung der Gebiete, die früher einmal Teil des Römischen Imperiums gewesen sind und die zu kontrollieren sich die katholische Kirche Jahrhunderte lang bemüht hatte. Es ging um die Eroberung von Völkern und ökonomischen Ressourcen für ein Europa, das mühsam ums Überleben rang.

Die Fäden, die historisch dazu dienten, Menschen zu bewegen, waren immer eine sichtbare Form der Manipulation. In diesem Kontext erwiesen sich die Marionetten für den ägyptischen Künstler als das ideale Mittel, die Geschichte einiger der schrecklichsten Jahre in der Geschichte der Menschheit zu erzählen. Besonnenheit und ruhige Reflexion über diese Vorgänge könnten uns helfen, über vergangene Fehler nachzudenken, deren Auswirkungen in einem nicht enden wollenden Zyklus immer wieder aufs Neue auftreten.

 

Judith Wielander

Kuratorin für zeitgenössische Kunstprojekte, vor allem im öffentlichen Raum. Arbeitet gegenwärtig im Kunstbüro von Cittadellarte - Fondazione Pistoletto.

(Aus dem Englischen: Haupt & Binder)

Wael Shawky:
Contemporary Myths

25. Juni 2010 -
1. März 2011

Cittadellarte
Via Serralunga 27
Italien
Website Email

Kuratorin:
Judith Wielander

Cabaret Crusades: The Horror Show File wurde gemeinsam produziert von Cittadellarte und dem Festival Theater der Welt in Essen, Deutschland, wo das Projekt vom 30. Juni bis 17. Juli 2010 zu sehen ist.

Ermöglicht wurde das Projekt Dank der Sammlung 200 Jahre alter Marionetten von Daniele Lupi und der Lupi Familie in Turin, Italien.


Siehe auch:

03
Mehrteiliges Projekt, basierend auf der Komposition und Aufführung eines Qawwali Liedes. Präsentiert auf der Sharjah Biennale 11
01-135
Interview über die Videoarbeit Al Araba Al Madfuna, geschaffen für die Ausstellung zum Kunstpreis der Schering Stiftung in den KW Berlin.
Nafas
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