Shailo Djekshenbaev: Der Übergang

Der kirgisische Fotograf reflektiert Veränderungen in seiner Heimat in den letzten zwei Jahrzehnten.
Von Lizzy Mayrl | Aug 2010

Die Ausstellung des kirgisischen Fotografen Shailo Djekshenbaev in der Fotogalerie anika handelt in Wien reflektiert die Veränderungen in seinem Heimatland während der letzten zwei Jahrzehnte. Der Ausstellungstitel Übergang bezieht sich auf die Fotoarbeit Ötmök (kirgisisch; bedeutet Pass, Engpass, Überquerung): Ein Autobus überquert mühsam eine Anhöhe und weicht über die Steppe aus, denn Steine bedecken die Fahrbahn und verhindern die Weiterfahrt.

Umbruch, Einbruch, Übergang - mit diesen Worten lassen sich die großen Umwälzungen nur ansatzweise beschreiben. Die Fotografien gehen erzählend darüber hinaus. Wenn Djekshenbaev seinen Blick auf die Straße (das Nahe) oder auf den weit entfernten Horizont richtet, wird die Groteske deutlich. Etwas liegt zwischen dem "Hier und Jetzt" und dem Zukünftigen. Man spürt den Impuls zum Aufbruch, Hoffnungslosigkeit und Hoffnung, Zerstörung und Fortbewegung in einem Atemzug.

Djekshenbaev beschäftigt sich mit der Situation in seinem Land still und zurückgezogen. Er meidet die sensationellen Orte, die Straßenkämpfe und Plünderungen während der letzten beiden Revolutionen, es gibt kein Bild von blutenden Opfern. Aber er scheint die Atmosphäre zu erspüren…

Wie lassen sich wichtige historische Ereignisse veranschaulichen ohne zugleich dokumentarisch abzubilden? Für Djekshenbaev sind es zwei wesentliche Faktoren, die seine fotografische Arbeit prägen: zum einen die Zeit, d.h. Erfahrung und langjährige Beobachtung, zum anderen ihm wichtige Orte wie der Ala Too Platz, der Alte Flughafen im vormaligen Frunse, die verlassene sowjetische Siedlung Kyzyl Ompol und die neuen Wohngebiete am Stadtrand von Bishkek, Nova Stroika genannt.

Shailo Djekshenbaevs Sujets sind karge menschenleere Gegenden, Wege, Steinfelder, Asphalt und Architektur. Wenn Menschen vorkommen, sind sie Teil des Geschehens, des gesamten Raumes einer wohl durchdachten Komposition. Oft sind sie silhouettenartig oder fragmentarisch dargestellt, manchmal steht eine Skulptur oder ein Relief stellvertretend für eine Person. Es sind Menschen, die fest in die gesellschaftliche Struktur eingebunden, teilweise gefangen sind. Sie wollen selbst dann noch vorankommen, wenn die Situation aussichtslos erscheint. Besonders deutlich wird dies in einem Foto aus der Serie OverTONes (2005): ein junger Mann macht Schwimmbewegungen in einem leeren Betonbecken und kommt nicht von der Stelle.

Die vierteilige Fotoserie Perestroika (2004) zeigt eine zerstörte Asphaltdecke. Menschen gehen über die Bruchstücke und scheinen wie auf Eisschollen zu wandeln - auf unsicherem Boden -, lassen sich aber dennoch nicht von ihrem Weg abbringen. Für Djekshenbaev ist das ein typisches Paradox, eine Metapher der globalen Erschütterungen der Welt.

Der Künstler wurde 1947 in Sailyk geboren. Er studierte Architektur am Polytechnischen Institut Frunse. Von 1972 -1974 realisierte er gemeinsam mit V. Nazarov und D. Yryskulov den Bau des Museums der Künste in Bishkek. 1975 bis 1979 war er Lehrbeauftragter an der Fakultät für Architektur des Polytechnischen Instituts Frunse. 1979 -1981 studierte er an der Filmakademie Goskino in Moskau Filmregie. Er war Mitbegründer des Studios Kumai in Bishkek und verwirklichte als Artdirektor und Kameramann gemeinsam mit Marat Saraluu einige Filme, u.a. den Kurzfilm The fly up (2002) und den Spielfilm My brother silkroad (2001), die in New York, Nantes und anderswo mit internationalen Preisen ausgezeichnet wurden.

Der biografische Hintergrund hat einen erheblichen Einfluss auf seinen fotografischen Blick, den Aufbau (die Architektur) und die Aussage (Dramatik) des Bildes. Wie Shailo Djekshenbaev berichtet, war der Zerfall der alten Strukturen eine Art Befreiung für ihn. Die Fotografie ist stets sein liebstes Medium gewesen, mit dem er allein arbeiten konnte, ohne sich in eine Kollegenschaft eingliedern zu müssen.

 

Lizzy Mayrl

Künstlerin und freie Kuratorin vor allem für zeitgenössische Kunst aus Zentralasien.

Übergang
Fotografien von Shailo Djekshenbaev
29. Juni - 21. Aug. 2010

Galerie anika handelt
Yppenplatz 5
1160 Wien
Österreich
Website Email

Kuratorin:
Lizzy Mayrl

Nafas
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