Kirgisistan 2010

Aktuelle Kunst aus Kirgisistan und Künstler/innen aus Kasachstan, Usbekistan, Deutschland.
Von Birgit Hussfeld | Sep 2010

Eine mit Schutt und Asche gefüllte Wahlurne, Identifizierungsphotos, wie sie von Haftanstalten oder anderen staatlichen Einrichtung zur Erfassung unerwünschter Bürger angefertigt werden, blutbeschmierte Fundstücke aus den zerstörten Häusern in Osch und Dschalalabat nach der Welle der Gewalt im Sommer 2010, Aufzeichnungen von Fernsehberichten über den blutigen Umsturz in den Straßen von Bischkek im letzten April neben einer Installation von Kinderzeichungen zum gleichen Thema aus Sicht von Acht- bis Zwölfjährigen – die internationale Ausstellung Kirgisistan 2010 in der Hauptstadt Bischkek bleibt größtenteils sehr nah an den Ereignissen dieses Jahres.

Es sind vor allem die Beiträge der kirgisischen Künstler, die mit ihren oft drastischen Positionen die subtileren Arbeiten aus den zentralasiatischen Nachbarländern und aus Deutschland übertönen. Vorsichtiger geben sich etwa usbekische Künstler, die vor allem durch Videoarbeiten vertreten sind (Alexey Ulko, Oleg Karpov, Umida Ahmedova, die Gruppe TuprAtikonS). Sie betonen die vielschichtige Nähe beider Länder - auch unter den Künstlern. Almagul Menlibaeva aus Kasachstan erinnert mit ihrer Videoarbeit Dschihad aus dem Jahr 2004 an Gemeinsamkeiten - an die Ursprünge der Verbreitung des Islam, der dominanten Religion in der Region.

Die Künstler aus Deutschland (Michael Müller, Lätitia Norkeit, Marc Schmitz) nehmen Abstand von direkten Bezügen auf die politische Situation im Gastland. Sie dokumentieren oder kommentieren nicht, sondern zielen - im Kontext einer Nation im Um- oder Aufbruch - auf Verunsicherung, vielleicht Selbstreflexion, der individuellen Betrachter ihrer Arbeiten.

Zur Erinnerung: Im Frühjahr 2010 rückte die kleine zentralasiatische Republik Kirgisistan plötzlich ins Zentrum internationaler Aufmerksamkeit. Ausgehend von Unruhen im Norden des Landes kam es am 7. April zu gewaltsamen Aufständen in der Hauptstadt Bischkek, in deren Verlauf Regierungsgebäude mit unerwarteter und gleichzeitig erschreckender Leichtigkeit eingenommen und der amtierende Präsidenten Bakijew und seine einflussreiche Familie zur Flucht gezwungen wurden und Oppositionspolitiker in einer eilig gebildeten Übergangsregierung an die Macht kamen. Mindestens 100 Menschenleben hat dieser Umsturz gekostet. Die Grenzen zu den Nachbarstaaten wurden geschlossen, und das Land ringt seither nicht nur um die Wiederherstellung von Ordnung und Normalität, sondern gleichzeitig auch um ein neues Selbstverständnis als Nation. Freier, demokratischer soll sie sein, offen gegenüber ihren Nachbarn, Russland und den USA. Eine neue Verfassung ist bereits verabschiedet worden, in der sich Kirgisistan als parlamentarische Demokratie definiert. Anders als die zentralasiatischen Nachbarländer, die auf die Macht starker Präsidenten bauen, nimmt Kirgisistan damit eine Sonderstellung in der Region ein.

Der Enthusiasmus nach dem erfolgreichen Umsturz im April, der damals bereits durch Sorge um die Zukunft gedämpft war, schlug nur zwei Monate später in Verzweiflung und Verwirrung angesichts der tatsächlichen Machtverhältnisse im Lande um, als der ethnisch stärker durchmischte Süden in Flammen aufging. Kurz vor dem landesweiten Referendum zur Legitimation der neuen, demokratischeren Verfassung und der Übergangsregierung wurden vor allem Staatsbürger usbekischer Abstammung zum Ziel einer bisher ungekannten Gewalt in den Straßen von Osch und Dschalalabat. Hunderte starben, Zehntausende flohen kurzzeitig über die Grenze nach Usbekistan und sind nach ihrer Rückkehr immer noch auf Hilfe und Obdach angewiesen.

Vor diesem Hintergrund riefen die kirgisischen Kuratoren Nazira Alymbaeva und Gamal Bokonbaev die Künstler des eigenen Landes und der zentralasiatischen Nachbarstaaten auf, dieses für Kirgisistan historische Jahr in künstlerischen Arbeiten mit zeitgenössischen Mitteln zu reflektieren. Geplante internationale Symposien und Ausstellungen hatten wegen der prekären Sicherheitslage nicht stattfinden können, und deren Fokus auf land art oder Schamanismus erschien unter den veränderten Umständen plötzlich wenig relevant. Vielmehr ging es den Kuratoren darum, den gesamtgesellschaftlichen Diskurs über Begriffe wie "Revolution", "Identität", aber auch "Gewalt" und "Macht", der gegenwärtig jeden beschäftigt, durch zeitgenössische künstlerische Positionen zu erweitern oder sogar in neue Richtungen zu lenken. Die Künstler melden sich zu Wort – auch das ist ein Ausdruck der Sonderstellung Kirgisistans in Zentralasien.

Künstler aus den teils zerstörten Städten Osch und Dschalalabat mussten vor Ort von den Kuratoren zur Teilnahme überredet werden, denn nach dem Blutbad im Juni waren viele von ihnen zu traumatisiert und sahen sich außer Stande zu arbeiten. So arrangierten Chinara Choturova und Abdusamat Mirzaev aus Dschalalabat lediglich Fundstücke des Krieges - verkohlte, zerbrochene Alltagsgegenstände, auch selbst gebaute Waffen, die sie in den Ruinen der zerstörten Häuser fanden.

Weniger konkret auf die Gewalt bezogen, macht Saltanat Kaibyldaeva aus Osch auf die Frage ethnischer Zuschreibungen und die komplexe Beziehung von Kirgisen und Usbeken in Kirgisistan aufmerksam. Seine Serie von Fotomontagen zeigt immer denselben Mann, der nur durch ein symbolisches nationales Kleidungsstück - die usbekische Kappe oder den kirgisischen Filzhut - oberflächlich zu unterscheiden ist und dabei doch stets dieselbe Person bleibt. Die Hüte streiten und lachen miteinander, werden allerdings beide Kopfbedeckungen gleichzeitig getragen, drücken die Augen des Mannes Verwirrung und Beunruhigung aus.

Evgeny Boikov und Furkat Tursunov verweisen auf die Rolle des Staates bei der Ethnisierung und der Ausgrenzung von Minderheiten, die auf die Sowjetzeit zurückgeht und bis heute anhält. In Anlehnung an die Identifizierungsfotos in den Gulags stellen sich die Künstler selbst als erkennungsdienstlich erfasst und durch die usbekische Kappe als Minderheit, als "anders" kenntlich gemacht, dar.

Über den Eingang zur Galerie ließ Alexander Nikolaev ein Banner mit den Worten Richard Wagners hängen, die besagen, dass Kunst, die nicht dem Leben entspringt, zum Sterben verurteilt sei. Beißender Humor und drastische Bilder dominieren diese Kunst, die direkt auf die gelebte Gegenwart Bezug nimmt. Anti-Stress Therapie für das Volk von Nurbosin Oris aus Kasachstan liefert ein handliches Set für jedermann, komplett mit Miniaturregierungssitz und Zündstoff. Evgeny Boikov hält dokumentarisch die Stacheldrahtzäune fest, die sofort nach den Unruhen Anfang April die Grenzen zwischen Kasachstan und Kirgisistan verschlossen und den Personen- und Warenverkehr zwischen beiden Ländern regulieren sollten. Ein Austausch von Ideen und Bildern findet trotz der Grenzen statt. Wahrscheinlich ist derzeit nirgendwo sonst in Zentralasien eine überregionale Ausstellung denkbar, die so kritisch, direkt und selbstbewusst auftritt, wie Kirgisistan 2010.

Kuratorin, Projektleitung: Nazira Alymbaeva
Kurator: Gamal Bokonbaev
Künstlerinnen und Künstler:

Kirgisistan:
Natalia Andrianova
Evgeny Boikov
Arthur Bolzhurov
Chinara Choturova
Batyr Dzhaliev
Ermek Jaenish
Saltanat Kaibyldaeva
Anatoly Kolesnikov
Abdusamat Mirzaev
Avaz Momunkulov
Erkin Ryspaev
Almaz Samidinov
Altynbek Torogeldiev
Furkat Tursunov
Gruppe Zhon Jele Jemes / Ne Prosto Tak
Kasachstan:
Almagul Menlibaeva
Nurbosin Oris
Usbekistan:
Umida Ahmedova
Oleg Karpov
Alexander Nikolaev
Alexey Ulko
Gruppe TuprAtikonS
Deutschland:
Michael Müller
Lätitia Norkeit
Marc Schmitz
Die Ausstellung wurde vom Goethe-Institut in der Region Osteuropa und Zentralasien unterstützt und ist Teil des Programms Kompetenzzentrum Kulturmanager im Rahmen der Initiative Kultur und Entwicklung.

Partner:
Öffentliche Stiftung Dialog der Kulturen und Zivilisationen
ART Zentrum KOLDO
Zentrum für zeitgenössische Kunst Bischkek

Birgit Hussfeld

Freischaffende Journalistin, spezialisiert auf Kunst und Kultur. Lebt derzeit in Bischkek, Kirgisistan.

Kirgisistan 2010
3. - 17. September 2010

Galerie Koldo
Erkyndik 27/1
Bischkek, Kirgisistan

Ausstellung aktueller Kunst aus Kirgisistan mit Beteiligung einzelner Künstler/innen aus Kasachstan, Usbekistan, Deutschland.

Kuratiert von Nazira Alymbaeva und Gamal Bokonbaev

Nafas
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