Kader Attias Geschichte eines Mythos: der kleine Felsendom

Geschichte eines Mythos: der kleine Felsendom. Poesie und Reflexion in einem kontemplativen Raum.
Von Laurie Ann Farrell | Mär 2010

Ästhetische, kulturelle, philosophische und soziale Theorien stützen das konzeptuelle Fundament der Installationen, Fotografien und Filme von Kader Attia. Gut bewandert in französischer Theorie, Kunstgeschichte und seiner persönlichen Geschichte in Algerien, schafft Attia ein Werk, das ein Kompendium der Poesie, der Reflexion und des Bewusstseins ist.

Für den Abraaj Capital Art Prize 2010 hat Attia eine neue Installation mit dem Titel History of a Myth: The Small Dome of the Rock (Geschichte eine Mythos: der kleine Felsendom) realisiert. Mit diesem Werk reflektiert er über das umstrittene historische Terrain des Felsendoms in Jerusalem und bietet einen kontemplativen Raum, in dem die Betrachter über die wunderschöne Projektion von Attias Miniaturskulptur einer readymade Hutmutter aus Messing und einer silbernen Sechskant-Schraubenmutter, auf ein Vielfaches ihrer tatsächlichen Maße vergrößert, meditieren können. Wenn sie erst einmal auf eine monumentale Größe projiziert ist, evoziert die ganz kleine Assemblage eine architektonische Darstellung des Felsendoms. Attias Werk schafft einen Raum für die Interpretation unserer zeitgenössischen globalen Kultur, in der Informationen anschwellen und abebben, in der Bedeutung verwässert wird und der wahre Werte der Dinge verloren gehen kann.

Die winzige Skulptur einer Hutmutter und einer Sechskantmutter, riesig ausgedehnt durch eine Kameraaufnahme in Echtzeit, wird zum Verweis auf ein emblematisches Architekturdenkmal arabisch-muslimischer Geschichte und damit auch auf die komplexesten Konflikte der heutigen Zeit. Die Audiokomponente gibt die auditive Erfahrung von Attias Besuch des Monuments wieder, wobei er sich entsinnt, wie überrascht er über die Friedlichkeit einer leichten Brise und zwitschernder Vögel war. Attia hat diese Erfahrung in eine akustische Neuschöpfung von mit Infrabass aufgeblähtem Wind übersetzt, der aus vier kleinen Lautsprechern strömt, um den Eindruck zu erwecken, der Ton sei aus der kleinen architektonischen Skulptur heraus verstärkt worden.

Danach gefragt, in welchem Zusammenhang diese neue Arbeit mit seinen früheren Erforschungen architektonischer Bezüge zu Staatenbildung und Moderne steht, antwortete Attia: "Der Felsendom repräsentiert sowohl hinsichtlich der zeitgenössischen politischen Kultur als auch der historischen Vergangenheit ein wichtiges Monument. Meine früheren Arbeiten über die Wurzeln der Moderne (speziell die über den Schweizer Architekten Le Corbusier) sind durch die algerische Architektur von Ghardaïa beeinflusst gewesen, und dann versuche ich durch die Archäologie dieser Moderne zunächst zu verstehen, woher dieses kommt und warum, und anschließend übe ich Kritik am Scheitern der Moderne an sich. Der Felsendom ist ein Projekt, das die Wahrnehmung kritisiert, die es in westlichen Ländern von der gegenwärtigen Situation und der politischen Geschichte des Gebiets von Jerusalem gibt." [1]

Attia sieht die Architektur als einen Bereich, der (wie jeder andere Bereich menschlicher Kreativität) ökonomische, politische und kulturelle Aspekte versammelt. "Wenn Architektur gebaut wird, wird sie nie von anderen errichtet, was vielleicht der große Unterschied zwischen Architektur und Kunst ist. Auch wenn in früheren Zeiten Kunst von einer Autorität bestellt wurde, schaffen die meisten Künstler ihre Kunst heutzutage ohne spezifische Aufträge. Bei der Architektur ist das völlig anders. Architektur hat zuerst mit Politik zu tun, mit der politischen Ordnung. Es sind immer politische oder religiöse Systeme oder Mächte, die einen Architekten beauftragen, ein Monument zu errichten. Ich bin von Architektur deswegen so sehr fasziniert, weil wenn ich sage, Kunst stellt Fragen und Architektur gibt Antworten, es mir im Allgemeinen mehr darum geht, dass Architektur als eine Antwort auf einen Auftrag mit ökonomischen, politischen und kulturellen Fragen ihrer Zeit zu tun hat, aber je mehr Architektur im Verlauf der Zeit existiert, desto freier und desto mehr wird sie zu einem Merkmal ihrer Epoche. Architektur ist in ihrer eigenen Kontemporanität weniger interessant. Um Architektur würdigen zu können, brauchen wir Zeit. Während seiner eigenen Zeit ist ein Monument nicht so stark. Was ich bei dem Felsendom so sehr bemerkenswert finde ist, dass er sich im Zentrum eines großen Konflikts zwischen jüdischen und muslimischen Gemeinschaften in Jerusalem befindet. Jede Gemeinschaft erhebt den Anspruch, dass sie vor der anderen dort gewesen sei. Die jüdischen Quellen bestehen darauf, dass der Tempel Salomos in Jerusalem zuerst gebaut sei, während die Muslime geltend machen, dass Mohammed hierher kam und er von dem Felsen aus in das Paradies aufstieg."

Geschichte eines Mythos: der kleine Felsendom vermittelt Besuchern eine Erfahrung. Der Künstler präsentiert die Schönheit des architektonischen Monuments, die in all den Debatten und Streitigkeiten oft vergessen wird. In seinem grundlegenden Text "Der Felsendom" postuliert der Historiker und Archäologe Oleg Grabar, dass es in unserer Zeit vier Richtungen des Denkens über das Monument gibt. "Erstens kann das Gebäude als das politische Symbol eines islamisch dominierten, aber nicht ausschließlich muslimischen Palästina gedacht werden. Und als solches kann es zu einem Ort der Legitimation von Macht transformiert werden." [2] Zweitens kann der Felsendom als ein heiliger Ort der Muslime verehrt werden. Drittens kann das Monument als ein auf ästhetischer Ebene zu würdigendes Werk der Weltkunst angesehen werden. Und als letzte Richtung führt Grabar an: "... dieses Monument kann als der zeitweilige Okkupant eines jüdischen heiligen Ortes betrachtet werden, den Tempelberg - den Ort des zerstörten Tempels von Jerusalem, der dem jüdischen religiösen Gesetz zufolge solange nicht wieder aufgebaut werden darf, bis der Messias gekommen ist." [3] Er schließt damit, dass alle diese Erwägungen zusammen das Monument in einen historischen Schwebezustand versetzen.

Die Besucher der Installation von Attia werden gewiss den friedlichen Zustand genießen, im Licht der Projektion und der Heiterkeit der Audiokomponente gebadet zu sein. Alle werden bestimmt auch ihre persönlichen Interpretationen des Felsendoms mit in den Raum bringen. Als ein Künstler und Geschichtenerzähler legt Attia nahe, das sich alles ändern kann, wenn man nur seine Meinung ändert. Durch die einfache Geste, das Monument auf eine Readymade-Skulptur herunter zu skalieren, erinnert uns Attia auch daran, dass Poesie für jeden verfügbar ist.

 

<line>Anmerkungen:</line>

  1. Gespräch mit dem Künstler, Januar 2010.
  2. Oleg Grabar, The Dome of the Rock, (Cambridge und London: The Belknap Press of Harvard University Press, 2006) 211.
  3. Ebenda, Seiten 211-12.


Laurie Ann Farrell

Kunsthistorikerin, Kuratorin und Exekutivdirektorin für Ausstellungen am Savannah College of Art and Design. 1999 - 2007 Kuratorin am Museum for African Art in New York.

(Aus dem Englischen: Haupt & Binder)

History of a Myth: The Small Dome of the Rock

Videoinstallation


Kader Attia und die Kuratorin Laurie Ann Farrell haben für diese Arbeit den Abraaj Capital Art Prize 2010 erhalten.

Abraaj Group Art Prize
Abraaj Group, Dubai International Financial Centre, Gate Village 8, 3rd Floor, PO Box 504905
Vereinigte Arabische Emirate
Website Email

Das Werk wurde während der Art Dubai am 16. März 2010 erstmals vorgestellt.


Siehe auch:

Essay über seine Installation "The Repair from Occident to Extra-Occidental Cultures", gezeigt auf der Documenta 13.
Nafas
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