Dream City II

Zweite Edition des Festivals zeitgenössischer Kunst in der Altstadt von Tunis, Tunesien.
Von Christine Bruckbauer | Okt 2010

"Wir haben immer von einer Stadt geträumt, in der die alte und die moderne Welt in Harmonie nebeneinander existieren können. [...] Wir haben geträumt, dass Kunst an allen Straßenecken passiert und dass sich Zeit und Ort des künstlerischen Geschehens im Alltag einfinden können." Mit dieser Darlegung eröffnete das Choreographenduo Selma und Sofiane Ouissi das Festival zeitgenössischer Kunst Dream City II, das immerhin vier Tage lang diesen Traum in der Altstadt von Tunis in Erfüllung gehen ließ.

(Neue) Orte der Kunst im arabischen Raum zu schaffen, Platz zu geben für künstlerische Interventionen, die für ein lokales (arabisches) Publikum bestimmt sind - beides bis dahin ziemlich rar -, war 2007 die Grundidee der belgischen Festivalmacherin Frie Leysen [1]. Denn ihrer Meinung nach produzieren die Künstler weltweit nach wie vor hauptsächlich für den Kunstmarkt im Westen. Als Leysen 2007 im Rahmen von meeting points 5 [2] das Geschwisterpaar Selma und Sofiane Ouissi beauftragte, ein maßgeschneidertes Kunstprogramm für die Stadt Tunis auf die Beine zu stellen, geschah das mit der Vorgabe, Kunst einer jüngeren Generation zu präsentieren, die die Situation der Stadt Tunis reflektiert.

Dies war die Geburtsstunde von Dream City I, einem recht ungewöhnlichen Spektakel der Künste in der Altstadt von Tunis. Ursprünglich angedacht als Kunstbiennale, musste Dream City II letztes Jahr aufgrund einer politischen Veranstaltung im Land kurzfristig abgesagt werden. Die längere Vorbereitungszeit ließ das Projekt nur wachsen: vom 13. bis 16. Oktober 2010 wurde die Altstadt von Tunis nun zum zweiten Mal zur 'Traumstadt'.

Weniger als 'Festival', sondern mehr als 'Denklabor', beziehungsweise als 'Brutstätte' für kreatives Schaffen möchten die Kuratoren Dream City verstanden wissen. Eine Gruppe von Künstlern und Urbanisten aus dem In- und Ausland wurde einberufen, um an einem Modell zu basteln, das die Stadt neu erfindet. Wie schon bei Fluxus, wird dabei auf die "Demokratisierung der Kunst" gesetzt. Die "Partizipation des Publikums an Kunstaktivitäten" sowie die "Auflösung der künstlerischen Medienabgrenzungen" à la John Cage werden propagiert. Statt in den heiligen Hallen der Kunstinstitutionen findet die Kunst nun im öffentlichen Raum statt. So waren die Orte des Geschehens von Dream City II verwinkelte Gässchen der Altstadt, verlassene Palais, Madrasas, Bibliotheken, Grabmäler oder Baustellen - alles in allem recht ungewöhnliche -Plätze, jedoch Orte der sozialen Begegnung. Die Rampe der Bühne als Trennungslinie zwischen Realität und Fiktion verschwand und das Publikum, aber auch zufällige Passanten, gingen auf Tuchfühlung mit den Akteuren aus solchen unterschiedlichen Bereichen wie bildender Kunst, Theater, Film, Tanz, Musik, Fotografie, Architektur oder Soziologie.

Dass gute Kunst nicht unbedingt den 'White Cube' braucht, hat sich nun schon seit längerem immer öfter bewahrheitet. Alte Fabriken, Lagerhäuser, unbewohnte Stadthäuser oder Kirchen werden mit Vorliebe bei Biennalen zeitgenössischer Kunst als temporäre Kunst(werk)stätten adaptiert. Mit einem Plan ausgestattet, begeben sich kunstbegeisterte Besucher auf eine Entdeckungstour, bei der Pfandfinderqualitäten oft von Vorteil sind. Wie bei einer abenteuerlichen Schnitzeljagd fragt man sich durch und sucht im Labyrinth der Altstadt nach richtungsweisenden Pfeilen. Dabei werden unbekannte Stadtviertel und Plätze erkundet, Örtlichkeiten von großem Charme tun sich auf und werden zeitweise zur Bühne eines Happenings bzw. zum Bestandteil einer ortsbezogenen Arbeit.
24 der 40 in Dream City II präsentierten Arbeiten waren ortsspezifisch. Der Großteil davon setzte sich mit der urbanen Kultur (Dalel Tangour, Zied Meddeb Hamrouni) sowie mit dem sozialen Gefüge der Stadt (Héla Ammar, Sonia Kallel, Faten Rouissi) auseinander. Andere wiederum enthüllten Monster einer geteilten Geschichte, wie z.B. Wael Shawky, der die Kreuzzüge aus der Sicht der Araber neu erzählt [3]. Digital manipulierte Fotoarbeiten von Patricia Triki stellten 'die Traumstadt' in neuem Kolorit großformatig im Großraum Tunis zur Schau. Wüste Baustellen oder einsame Gässchen wurden durch eigens komponierte Lieder (Alia Sellami) beseelt, und ein grauer Innenhof ist durch eine aufblasbare Skulptur in Form monströser Blumen und künstliches Vogelgezwitscher belebt worden (ParadeDesign). Einige Künstler riefen großes Staunen hervor, so Maren Strack mit ihrem altbewerten Rapunzel-Muddclubsolo und Johan Lorbeer mit Tarzan. Der Letztgenannte kam dem Konzept einer 'demokratischen Kunst' wohl am nächsten. Denn während sich der Großteil der Projekte versteckt in Innenhöfen oder auf verlassenen Plätzen abspielte, war Lorbeers Still-Leben Performance an einer Hausfassade an einer viel befahrenen Straße nicht nur für jedermann zugänglich, sondern ließ jedes Mal eine Menschentraube zusammenlaufen und abgelenkte Autofahrer ein Verkehrschaos verursachen; selbst Lobpreisungen Gottes kamen zu Gehör.

Auffällig war die Nicht-Präsenz von Beiträgen politisch-kritischen Inhalts. Statt zu politisieren oder Gesellschaftskritik zu üben, setzten die Festivalteilnehmer vielmehr auf eine Sensibilisierung der Sinne, was den Lustfaktor und Unterhaltungswert der Veranstaltung eher erhöhte. "Entertainment und Kunst sind nicht voneinander isoliert. Das Entertainment ist in der Kunst wie die Farbe in der Kunst", soll Martin Kippenberger einmal gesagt haben.

Große Experimentierfreudigkeit sowie die Suche nach dem Unbekannten und das Zulassen von Pluralität waren in Dream City II allgegenwärtig. Dies lässt auch den Anspruch auf absolute Erfüllung offen, so dass der schöne Traum einer Stadt in Harmonie noch nicht ausgeträumt ist und spätestens in zwei Jahren, nämlich 2012, erneut in Erscheinung treten kann.

 

<line>Anmerkungen</line>

  1. Frie Leysen gründete 1994 in Brüssel das multidisziplinäre Kunstenfestivaldesarts, das sie über zehn Jahre erfolgreich leitete und zu einem der einflussreichsten internationalen Festivals Europas entwickelte. In den letzten Jahren konzentrierten sich Frie Leysens Kulturrecherchen vor allem auf den arabischen Raum, wo sie in elf Städten das Festival Meeting Points 5 mit Beteiligten aus Theater, Tanz, bildender Kunst, Film, Video und Musik kuratierte.
  2. Meeting Points ist eine Serie von Veranstaltungen, die vom Young Arab Theatre Fund (YATF) organisiert werden, um den Kontakt und Austausch unter den Künstlern der Region herzustellen. Meeting Point 1 fand zum ersten Mal im Oktober 2004 in Amman statt.
  3. Siehe: Wael Shawky: Zeitgenössische Mythen. Von Judith Wielander, in: Nafas, Juli 2010.


Christine Bruckbauer

Auf aktuelle Kunst aus Südasien, dem Nahen Osten und Nordafrika spezialisierte Kunstwissenschaftlerin. Lebt in La Marsa,Tunesien.

Dream City II
Festivals zeitgenössischer Kunst in der Altstadt von Tunis, Tunesien

13. - 16. Oktober 2010


Veranstalter:

Dream City - Muzaq
106, Avenue de la liberté
Tunis 1002
Tunesien
Website Email

Künstlerische Leitung:
Selma & Sofiane Ouissi

Teilnehmer:
Basel Abbas & Ruanne Abou-Rahme
Yamen Abidi & Mahrane Hannachi
Fathi Akkari & Fatma Ben Saidane
Héla Ammar
Wafa Ammari
Sondos Belhassen & Malek Sebaï
Slah Ben Ayed
Suad Ben Slimane
Trisha Brown
Marianne Catzaras
Collectif Atelier Sans Titre
Béatrice Dunoyer
Ex Nihilo
Fakhri Ghezal
Sonia Kallel
Ahd Kamel
Hatem Karoui & Saber Mosbeh
Johan Lorbeer
Ahmed Mahfoudh
Zied Meddeb Hamrouni
Ulrike Ottinger
Parade Design
Carton Plein
Faten Rouissi
Raeda Saadeh
Imen Smaoui
Youssef Seddik
Alia Sellami
Wael Shawki
R. Soukni Baccouch
Maren Strack
Delel Tangour
Patrica Triki
vie-site.com
Ghazi Zaghbani
Zedz

Nafas
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