Von der Kompilation zum Kontext

Arbeiten des Künstlers und das Projekt Utsch Emtschek im Kontext der Kunst Kirgisistans.
Von Gamal Bokonbaev | Dez 2009

Die Probleme der zeitgenössischen Kunst in Kirgisistan sind schwer zu verstehen, wenn man ihren Ursprung in der sowjetischen Vergangenheit nicht kennt. In der Sowjetunion forderten die Parteikader von den Künstlern Aktualität, die von den Ideologen jedoch auf ganz eigene Weise verstanden wurde: Die Kunstwerke sollten "auf die aktuellsten Fragen der Gegenwart" reagieren (Phrase aus der Parteilexik jener Zeit) und die Erfolge des kommunistischen Aufbaus widerspiegeln. Aus Protest gegen solche Direktiven wandten sich sowjetische Künstler bewusst formalen Fragen zu. Soziale Probleme ernsthaft zu behandeln, ist gefährlich gewesen. Deshalb bestand eine typische Position von Künstlern in der Sowjetunion darin, Werke zu schaffen, die zwar abstrakt, aber voller Anspielungen waren, um auf diese Weise unter den Bedingungen der strengen Zensur des totalitären Regimes zu überleben.

Die Zeiten haben sich geändert, aber die Künstler Kirgisistans denken nach wie vor, dass inhaltliche Direktheit dem Künstlerischen abträglich ist. Und jetzt, da es im Lande eine Unmenge sozialer Problemen gibt – die ökonomische Krise, Arbeitslosigkeit, einen niedrigen Lebensstandard – wirken die Arbeiten der bekannten und verehrten Meister der sowjetischen Schule ästhetisierend, verlogen und wirklichkeitsfremd. Ihrem Anspruch, sich mit ihrem Schaffen grundlegenden Problemen der Welt zu widmen, werden sie nicht gerecht. Sie sind oft einfach nur spekulativ, und deshalb kann man die sowjetisch geprägte Kunst Kirgisistans als salonhaft, ästhetisierend und formal bezeichnen. Die Situation setzt sich bis heute fort, und es entstanden solche paradoxen Erscheinungen wie eine aktuelle Salonkunst und eine Kunst für den Export. Die Künstler schaffen ihre Arbeiten eher für westliche Betrachter und bemühen sich nicht darum, im eigenen Land verstanden zu werden. Und dieser Trend nimmt zu.

Diese Probleme der zeitgenössischen Kunst Kirgisistans sind grundlegend, und bei genauerer Betrachtung sind häufig interessante Situationen erkennbar. Eine davon ist im Werk von Talgat Asyrankulov gegeben, das ein Beispiel für die erfolgreiche Aneignung der Praktiken der zeitgenössischen Kunst durch einen ehemals sowjetischen Künstler ist.

Talgat Asyrankulov, geboren 1962, ist Szenenbildner, Maler, Regisseur und Drehbuchautor. 1989 – in der Zeit der Perestroika Michail Gorbatschows und des Zerfalls der Sowjetunion – beendete er die Kunstfakultät des WGIK, des Staatlichen Instituts für Kinematografie in Moskau. Er arbeitete als Szenenbildner für bekannte Filme wie Selkinshek (Schaukel) des Regisseurs Aktan Abdykalykov (1993) und Schiza der Regisseurin Gulshat Omarova (2003). Es scheint, als seien ihm die Grenzen seines Berufes zu eng, und so beschäftigt sich Asyrankulov viel mit Malerei und Grafik. 2006 führte er im Spielfilm Raiskie ptitsy (The Birds of Paradise) nach eigenem Drehbuch Regie.

Zum Film Raiskie ptitsy entstand eine Reihe von Bleistiftskizzen, in denen die Fähigkeit des Künstlers erkennbar wird, eine erzählerische Form zu schaffen. Der Duktus seiner Zeichnung erinnert an den Stil Pawel Filonows. Wenngleich eine solche Kompilation in der künstlerischen Arbeit für das Kino durchaus zulässig sein mag, stießen ähnliche Erscheinungen in seinem malerischen Schaffen eher auf Befremden. Die Themen solcher Arbeiten wie der Serie Porträt van Goghs oder Flucht nach Ägypten sprechen für sich. Der Künstler adaptiert das Bild Flucht nach Ägypten, indem er es mit dem Thema der Flüchtlinge verbindet, aber diese Erklärung erscheint bloß wie eine Rechtfertigung der konfliktlos schönen Form, die nicht überzeugt. Was das Bild charakterisiert, sind: der Titel nach einem biblischen Sujet; die modernistische Ausführung, die charakteristisch für sowjetische Künstler ist; eine Unmenge von verborgenen, schwer zu entschlüsselnden Anspielungen; die bekannte Alleskönnerei, die Geschicklichkeit bei der Nachahmung verschiedener Stile und Bildung, ohne Position zu beziehen. Ein Lieblingsspruch Asyrankulovs in dieser Zeit war die scherzhafte Losung: "Liebt das Buch – es ist die Quelle des Plagiats". Kurz gesagt, wir haben einen typischen Vertreter des sowjetischen salonhaften Modernismus vor uns.

Zeitgenössische Kunst bedeutet für viele Künstler Kirgisistans eine Fetischisierung des in jener Zeit verbotenen westlichen Lebens und eine gehörige Skepsis hinsichtlich der einstigen Verteufelung westlicher Kultur als einer dekadenten. Gerade deshalb ist es gut, dass in Kirgisistan in letzter Zeit Projekte entstehen, in denen Künstler der älteren Generation diese sowjetischen Muster, diese unbewusste sowjetische Identität, überwinden.

Eines dieser Projekte war die Künstlerresidenz Utsch Emtschek (Drei Brüste) [Bezeichnung des Dorfes - A.d.Ü.], die von Gamal Bokonbaev [dem Autor dieses Textes - A.d.R.] kuratiert wurde. Sie führte Künstler mit dem Ziel zusammen, für die gemeinsame Arbeit mit zeitgenössischen Kunstpraktiken den örtlichen Kontext und die lokalen Probleme als Material der Kunst zu nutzen.

Talgat Asyrankulov war der aktivste Teilnehmer dieses Projekts. Er nutzte alle Möglichkeiten effektiv, und so entstanden einige gelungene Arbeiten. Interessant ist die Entstehungsgeschichte der bekanntesten Arbeit dieses Projektes Ich verneige mich gen Osten – ich blicke nach Westen. Zunächst handelte es sich bloß um einen formalen Ansatz: auf dem Kopf stehen, einfach so, um die Umgebung zu sehen. Der Künstler trainierte und machte seinen Kopfstand auf der Straße, im Kreis der Familie, im Atelier, neben der Haltestelle, auf dem Berg usw. Es war nötig, viele Varianten auszuprobieren, um zu einem sowohl lakonischen als auch eindringlichen und dramatischen Bild zu gelangen. In der entstandenen Arbeit, in vier Bewegungsphasen, sind die menschlichen und psychologischen Probleme in der postsowjetischen Republik wiedergegeben: Der Wunsch der Menschen, zum Glauben zu finden, der sich unmöglich erfüllen lässt.

Als Fortsetzung dieses inspirierenden Motivs des Kopfstandes entstand die Arbeit Atlas. Der erste Eindruck ist, dass die Welt auf den Künstlern lastet. Hierbei geht es um Eigenlob und zugleich um eine ironische Sicht dieses grenzenlosen Eigenlobs. Jeder Mensch – und besonders ein Beamter oder Deputierter im gegenwärtigen Kirgisistan – ist überzeugt, dass auf ihm die Welt besonders lastet. Solch ein "Atlas" ist ganz einfach visuell verdeutlicht, indem die Aufnahme des auf dem Kopf Stehenden nur umdreht wurde. Diese während des Künstleraufenthalts entstandenen Arbeiten Talgat Asyrankulovs sind suggestiv und bieten verschiedenste Deutungsmöglichkeiten.

Außerdem war Asyrankulov im Projekt Utsch Emtschek Mitglied der Gruppe Chudsovet [Chud = Abkürzung von chudoshestvenny - künstlerisch, A.d.Ü.]. Die Gruppenmitglieder führten Waschungen und Taufen in strömendem Wasser durch. Diese Einigung durch Wasser ermöglicht im Projekt Waschung – Taufe die Versöhnung zweier Weltreligionen. De-Monstration ist ein Wortspiel. Es bedeutet sowohl Demonstration als auch Anti-Monstrum. Es ist komisch, wenn sich Menschen und auch gerade Politiker anstrengen, Muskeln spielen zu lassen, die sie gar nicht haben. Andererseits – und dieser Sinn ist tiefgründiger – werden komische Menschen gezeigt, und damit wird die Xenophobie überwunden, die ein eigenes Problem im postsowjetischen Raum der ehemaligen Bruderstaaten geworden ist. Wer komisch ist, ist nicht mehr fremd.

 

Gamal Bokonbaev

Kurator, Kritiker und Designer. Ausbildung als Architekt. Lebt in Bischkek, Kirgisistan.

(Redaktionell gekürzte und bearbeitete Fassung der Übersetzung aus dem Russischen von Jule Reuter.)
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