Raja Shahriman: Tötungswerkzeuge, tanzende Krieger

Die paradoxe Schönheit seiner Skulpturen von Kriegern und Tötungswerkzeugen.
Von Nur Hanim Mohamed Khairuddin | Mai 2009

Shahriman wurde 1967 in Kuala Kangsar im Bundesstaat Perak geboren und absolvierte 1990 die Technologische Universität von Malaysia. Zunächst studierte er Malerei, aber im fünften Semester wechselte er zur Skulptur über. Nachdem er drei Jahre lang am Malaysischen Kunstinstitut unterrichtet hatte, zog er 1994 in seine Geburtsstadt zurück, um sich voll und ganz seiner künstlerischen Tätigkeit zu widmen und der heimatlichen Natur, Religion und Kultur näher zu sein. Um seine Fähigkeiten in der Metallbearbeitung und seine metallurgischen Kenntnisse zu verbessern, besuchte er Schmiedemeister in der Gegend. Die traditionelle Technik des Schmiedens von Keris [auch Kris, malaiischer Dolch - Anm.d.Ü. ], die er von ihnen lernte, spielt eine maßgebliche Rolle beim Galvanisieren der Oberflächen seiner Figuren.

Bis jetzt hat Shahriman mindestens sechs Gruppen von Skulpturen geschaffen. Die meisten davon haben mit seiner fetischistischen Leidenschaft für den praktischen und mysthizistischen Romantizismus von Waffen und der Poesie menschlicher Bewegungen im Kampf zu tun. Mit der Werkgruppe Killing Tools (1994, Tötungswerkzeuge) beginnt sein Vorstoß in die Kunstszene Malaysias. Indem er todbringende Objekte des Krieges einbezieht, setzt er die Gewalt jener Themen fort, die in nahezu seinem gesamten späteren Œuvre evident sind. Wenn er Dolche und Schwerter aus Schrott fabriziert und sie aus reinem ästhetischen Vergnügen in "funktionale Skulpturen" umwandelt, untergräbt er nicht nur die soziokulturelle Quintessenz der malaiischen Waffen, sondern dekonstruiert auch deren Funktionalität und mythische Handhabung. Seine erste Einzelausstellung Gerak Tempur (1996) verschaffte ihm in der lokalen Kunstszene ein einflussreiches Ansehen. In den gezeigten Arbeiten verschmolz er ausrangierte Autoteile mit handgemachten Strukturen und versammelte grimmige, aber elegant freistehende Kriegerfiguren, die bedrohliche und dennoch attraktive tödliche Waffen schwingen. Angesichts des Fehlens herausragender Vorläufer figurativer Skulpturen in der Kunst Malaysias ist Gerak Tempur ein Markstein für einige bemerkenswerte ästhetische Prinzipien der Skulptur: skelettartige, atektonisch und asymmetrisch ausbalancierte Formen; auf abstrakte Gebeine, Gelenke und Sehnen reduzierte anatomische Elemente; nahezu perfekte Körperproportionen; Oberflächen mit expressiven Texturen; bewegte Gesten; fließende Bewegungen und gewalttätige Stellungen, die eine dramatische Spannung vermitteln; und schließlich eine geschickte Art, das Prinzip des Abbildungsverbots zu umgehen.

Nach dieser bahnbrechenden Serie scheint Shahriman von einem Schuldgefühl dafür erfüllt gewesen zu sein, dass er menschenähnliche Figuren geschaffen hatte. Api, Bayangan dan Kemenyan (1998) und Semangat Besi (2001) zeigen sein Bemühen, alle figurativen Bezüge zu vermeiden. Die freien Formen in der früheren der beiden Werkgruppen sind in einem gotisch wirkenden Stil mit scharf definierten Rundungen, Spiralen und scharfen Kanten komponiert. In der späteren Gruppe, einer Ansammlung stilisierter Waffen und lyrischer Wandassemblagen mit biomorphem Ausdruck, beginnt er damit, sich von den gefundenen Objekten wegzubewegen und sich auf handgeschmiedete Metallteile zu konzentrieren. Seine Enttäuschung über nicht-gegenständliche Produkte in dieser Phase bringt ihn dazu, sich seiner vierten Einzelausstellung zuzuwenden.

Obschon er die Figuration wieder aufnimmt, hofft er, das verzwickte anikonische Problem zu lösen. Kopflose Figuren in Nafas (2004) haben nicht das mechanische Erscheinungsbild, den aggressiven Ausdruck und die beigefügten Waffen der Serie Gerak Tempur, aber sie steigern die sinnlichen Bewegungen vorhergehender Serien durch gewundene Krümmungen kalligraphischer Elemente, geformt aus geschmiedeten Eisenstangen. In der Serie Langkah Hulubalang (2008) gelingt Shahriman eine grundlegende Verbesserung der Arbeiten aus Nafas, indem er den Körpern seiner Krieger anstelle eines Kopfes eine einfache leere Fläche mit den Umrissen eines Gesichts hinzufügt. Vogelähnliche Köpfe in der begleitenden Sub-Serie sind eine Metamorphose der traditionellen Bilder von Kerisgriffen.

Ein bemerkenswerter Punkt, der in diesen Kreationen auffällt, ist die Vorliebe des Künstlers, sich mit formalen, technischen und strukturellen Problemen auseinanderzusetzen. Er geht ihm zuallererst darum, was die Idee des Kunstwerks als einem eigenständigen Gebilde am besten verkörpert, unabhängig vom nicht-visuellen Konzept und solipsistischen Diskurs. Er zügelt die Macht der Imagination und des Handwerklichen, um die Schönheit der Form ohne große Berücksichtigung eines intellektuellen Untertons zu intensivieren. Die physische Manifestation der Skulptur hält er für wichtiger, als jeder möglicherweise in sie eingebettete Sinngehalt. In erster Linie möchte er die Gefühle der Betrachter auf die visuelle Bedeutung der Formen und Räume, der Gestalt und des Rhythmus seiner Werke lenken.

Shahrimans ästhetische und philosophische Stärke liegt in seinen figurativen Konstrukten, insbesondere in deren physischer Erscheinung und den implizierten Bewegungen. Er ist durch verschiedene Zuschreibungen und Verkörperungen des männlichen Körpers inspiriert. Er beschäftigt sich mit gefühlsbetonten, neo-expressiven Formen, um die gewalttätigen Themen seiner Kunst zu erfassen und sie zu Vehikeln seiner rastlosen gotischen Energie zu machen. Außerdem korrespondieren die Cyborgs und maschinenmenschlichen Hybride hervorragend mit dem Kult des Kriegers in unserem post-industriellen Zeitalter mit seinen allgegenwärtigen Trugbildern von Superhelden, Fronten von Kämpfen und Terrorismus. Angesichts des Fehlens eines Gesichtsausdrucks und der Fähigkeit zu "sprechen" - weil die Mehrzahl seiner Figuren "kopflos" ist - übermittelt Shahriman seine Botschaft durch deren Aktionen und Bewegungen. Auf der Suche nach einem tieferen spirituellen Sinn schmiedet er seine Emotionen in diese nackten menschlichen Körper.

Im Laufe der Jahre hat Shahriman das Erscheinungsbild seiner Skulpturen verändert. Die früheren Werke sehen robust und einschüchternd aus, während die aus der Nafas-Serie verfeinerter und kontemplativer sind. Dem Wandel der Formen entspricht ein Wandel in seinen Techniken, der mit dem zu tun hat, was er angesichts der Behandlung des Materials erreichen möchte. Er setzt sich über die Beschränkungen seines Mediums hinweg und erkundet dessen Möglichkeiten den skulpturalen Formen gemäß, die er im Kopf hat. Die Launen gefundener Objekte, geschmiedeter Metallteile und gehämmerter Eisenstäbe machen die physikalischen Gefühle seiner Kunstwerke aus. Wenn er eine Bandbreite an Schmiedeprozesses und -werkzeugen benutzt, arbeitet er so, dass die Materialität und Essenz des metallischen Materials mit seiner abstrakten Vorstellung verquicken. Außerdem beeinflusst die kraftaufwendige Aktion des Hämmerns, Biegens und Verdrehens von Metallstücken nicht allein die Dynamik seiner Werke, sondern sie entspricht dem aggressiven Temperament, das sich hinter dem körperlichen und feinsinnigen Erscheinungsbild ihres Schöpfers verbirgt.

Mehrere Kritiker haben hervorgehoben, Shahrimans Skulpturen seien vom Ethos des malaiischen amuk, der Ethik des Sufi-Spiritualismus oder den Codes der Postmoderne durchdrungen. Andere finden sein Schaffen ganz einfach durch seine sozio-psychologischen Verhältnisse bedingt. Shahriman gleichwohl erklärt, dass seine Konstruktionen frei von eindeutig narrativem Inhalt sind und es in ihnen keinerlei beabsichtigte allegorische und symbolische Andeutungen gibt. Wenn man seinen Skulpturen jedoch zum ersten Mal begegnet, rufen sie in einem sogleich Bilder von Macht, Transgression und Todesinstinkt hervor. Seine Darstellungen eines Schrecken erregenden Körpers illustrieren die Präsenz des makabren Bildes von der dunklen Seite der Realität, das wir mit uns herumschleppen. Sie zelebrieren Gewalt, Terror und Sadismus als Wurzeln sublimer menschlicher Emotionen. Diese Kompositionen sprechen unseren Sinn für erotischen Paganismus, dramatische Barbarei und tragischen Konsens ohne Sarkasmus, ohne Humor, an. Die ursprüngliche, tief bewegende Großartigkeit von Shahrimans Metallskulpturen bewundernd, lassen wir unsere Blicke und unsere Psyche druch die paradoxe Schönheit des gewalttätigen Spektakels ihrer Tötungswerkzeuge und tanzenden Krieger verzaubern.

 

Nur Hanim Mohamed Khairuddin

Künstlerin und Kuratorin. Herausgeberin von sentAp! Lebt in Ipoh, Malaysia.

(Aus dem Englischen: Haupt & Binder)
Nafas
Zurück nach oben