Mohamed El Mahdaoui: Fayd

Projekt an den 7 Toren der Medina von Tétouan: Performance, Malerei, sozial engagierte Praxis.
Von Bérénice Saliou | Okt 2009

"Fayd" bedeutet "Überfließen". Dieses vielgestaltige Projekt basiert auf einer Serie von Performances, die an den Toren der Medina (befestigte Altstadt) von Tétouan stattfanden. Wenn man in der Zeit vom 8. bis 14. Oktober 2009 durch die marokkanische Stadt ging, konnte man den jungen Künstler Mohamed El Mahdaoui antreffen, der jeweils an einem der sieben Eingänge zur Medina hinter einer ziemlich merkwürdigen Vorrichtung saß. Ein kugelförmiges Glas, halbvoll mit Wasser, das an Fischgläser und Kristallkugeln erinnert, hängt an einem dünnen dreibeinigen Gestell. Ein unten aus dem Glas kommender, transparenter Schlauch führt zu den Händen des Künstlers, der ein Tropfsystem aktiviert. Das freigegebene Wasser tropft in einen winzigen, schon mit Tusche gefüllten Tontopf. Bald darauf fließt eine braune Flüssigkeit über dessen Rand auf eine runde Pappe von etwa 80 cm Durchmesser, die darunter auf dem Boden liegt.

Jedes Tor hat seine eigene Geschichte, die von der Vergangenheit dieser einzigartigen Medina zeugt, einem architektonischen Juwel, das in die UNESCO-Liste des Welterbes der Menschheit aufgenommen wurde. Bab Okla, Bab Essaïda, Bab Sefli, Bab Mkaber, Bab Nouader, Bab Ettoute und Bab Erremouz haben immer verschiedene Funktionen gehabt, die im Werk von Mohamed El Mahdaoui poetisch evoziert werden. Der Künstler führte seine Performance sieben Tage lang täglich an einem anderen der sieben Tore der Medina durch und wählte für jedes einen Topf, dessen Größe der Bedeutung des jeweiligen Tores im 18. Jahrhundert, dem goldenen Zeitalter von Tétouan, entspricht. Er sagte: "Die Töpfe spielen auf die Tore der Medina an. Ihre Größe hängt von der geschätzten Zahl der Leute ab, die diese Schwellen an einem durchschnittlichen Tag im 18. Jahrhundert überschritten. Sie deuten auch auf die verschiedenen Funktionen der Tore hin, denn einige davon sind häufiger benutzt worden als andere. Durch das Freigeben der Wassertropfen wollte ich das Passieren der Menschen durch die Tore und den Gedanken eines unablässigen Flusses und einer anwachsenden Bevölkerung symbolisieren. Deshalb verkörpert jeder Wassertropfen eine Person, die das Tor durchquert."

Obwohl das Grundprinzip der Performance an jedem Ort dasselbe bleibt, ist das Resultat ganz verschieden. Der Kreis eines jeden Kartons weist zum Schluss immer andere braune Tuschespuren auf, deren Form, Kontrast und Ausdehnung dem jeweiligen Moment der Performance entsprechen und davon abhängen, welche Wassermenge über den Rand des Behälters gelaufen ist, was wiederum von der Anzahl der Leute abhing, die durch das Tor gingen. Wenn man den Künstler fragt, was das Wesen und die Bedeutung seiner Aktion sind, entgegnet er bloß: "Ich mache ein Gemälde." Mahdaouis Intervention unterstreicht die zeitliche Bedingtheit des Schaffensprozesses und dessen Bezüge zum Alltäglichen und Zufälligen. Dabei verbindet er simple und traditionelle Medien wie Karton, Tusche, Töpfererde und Holz mit solchen Elementen, die einen kontemporären Bezug aufweisen, wie dem Tropfsystem und der Glaskugel. In dieser ungewöhnlichen Kombination gibt es Parallelen zu Realität Marokkos, einem Land, das ständig zwischen Tradition und Innovation vermitteln muss.

Mit dem Projekt Fayd verwebt El Mahdaoui poetisch Betrachtungen der Vergangenheit und die gegenwärtige Realität von Tétouan. Die Allgegenwart des Wassers steht direkt mit der Stadt in Zusammenhang, deren Name aus der Amazigh-Kultur kommt. Tétouan ist eine Ableitung von "Tittawen", was sowohl "Augen" wie auch "Quellen" bedeutet, denn die Medina wurde an den vielen Quellen errichtet, die es in dieser Gegend gab. Wenn eine Quelle völlig zugebaut war, zogen die Menschen zur nächsten weiter. Deshalb kann man sagen, dass Wasser der wichtigste Architekt der Stadt war. Die Existenz des "sgundo", eines antiken unterirdischen Systems, das die ganze Stadt mit Wasser versorgte, belegt noch tiefere historische Beziehungen der Stadt zu dem lebenswichtigen Element. Doch heutzutage ist eine Großteil der Befestigungen verschwunden, zerstört von den Spaniern im 20. Jahrhundert, um die alte Medina mit dem neuen spanischen Gebiet (Ensanche) zu verbinden. Tétouan expandierte schnell über die einstigen Schutzmauern hinaus, und die Medina ist jetzt nur noch ein historisches Viertel innerhalb eines ausufernden Stadtgebietes. Eine modernes Leitungssystem ersetzte das "sgundo" als wichtigste Wasserversorgung. Mit dem Projekt Fayd erinnert El Mahdaoui konzeptionell an die Geschichte der Stadt und deren Bezüge zum Wasser in der urbanen Entwicklung.

Indem er seine Performance im Rahmen eines einzigen Projekts zu verschiedenen Zeitpunkten an unterschiedlichen Orten ausführte, unterstrich Mahdaoui auch die Diskrepanzen zwischen den verschiedenen Gebieten Tétouans. Indem er dies tat, verwurzelte er sein Werk in politischen Überlegungen. Zum Beispiel benutzte der Künstler am Bab Okla wegen dessen Bedeutung im 18. Jahrhundert eines seiner größten Tongefäße. Bab Okla ist das älteste Tor der Medina. Es war das Tor zu fremden Ländern, denn es führt direkt zum Mittelmeer und liegt weniger als hundert Kilometer entfernt von der Straße von Gibraltar. Es bleibt nach wie vor eines der Haupttore der Medina und der Stolz der Stadt. Vor ein paar Jahren wurde es komplett renoviert. Busse von Pauschalreisen parken hier und Massen von Touristen werden von Straßenhändlern willkommen geheißen, die Gebäck, Gemüse und lebende Hühner verkaufen. An solch einem belebten Ort stand die ruhige Performance von El Mahdaoui in krassem Gegensatz zur Umgebung. Sie erweckte die Aufmerksamkeit zahlreicher Leute, die schnell eine Traube bildeten und fragten, was es mit der raffinierten Installation auf sich hat, da diese an das Instrumentarium wissenschaftlicher Experimente erinnerte. Doch am Bab Mkaber ist die Performance ganz anders ausgefallen. Bab Mkaber bedeutet "Friedhofstor". Wenn man an der Mauer der Medina außen entlanggeht, hört die Betonstraße abrupt auf und man muss über den Friedhof gehen, um diese verlassene Gegend zu erreichen, die wegen ihrer sozialen Probleme traurige Berühmtheit erlangte. Obwohl die Präsenz von Mahdaoui inmitten von Bäuerinnen, die Myrte verkaufen - traditionell als Grabschmuck benutzt -, auch hier die Neugier der Leute hervorrief, näherten sie sich dem Künstler kaum und stellten keine Fragen. Der Zweck ihres Besuchs in der Umgebung des Friedhofs war eindeutig Andacht und Meditation, und ihre Köpfe waren kaum offen für die Herausforderungen einer künstlerischen Installation. Indem sie sowohl die Aufmerksamkeit der Leute in extrem geschäftigen Umgebungen fesseln konnte als auch die Intimität einer rauen und problematischen Gegend respektierte, erwies sich die Performance von Mahdaoui als wohl überlegt. Dieses Projekt demonstriert eine reife Reflexion über den Kontext, in den es sich einfügt.

Um seine Begegnungen mit der Bevölkerung von Tétouan nachzuvollziehen, beschloss Mahdaoui, die Spuren seiner Performanceserie in einem traditionellen Gästehaus der Medina (Riad Gasela) zu zeigen. Diese Entscheidung belegt die Absicht des Künstlers, speziell der Kunst gewidmete Orte zu meiden. Das hat auch mit der Idee einer Demokratisierung zu tun, also Kunst zu den Leuten, statt die Leute zur Kunst zu bringen. Dieses Konzept ist im marokkanischen Kontext besonders bemerkenswert, wo Kunst üblicherweise mit Malerei und Skulptur assoziiert wird und meist nur einer kultivierten Elite vorbehalten ist. Doch solche politischen Überlegungen entsprechen eher Mahdaouis allgemeiner Einstellung, während die Präsentation des Fayd-Projekts in einem traditionellen Haus der Medina für ihn zuallererst eine künstlerische Notwendigkeit ist, die auch zu Kaprows berühmter Formel "Kunst als Leben" in Beziehung steht.

Die gezeigten Kunstwerke erstrecken sich vom Innenhof (patio) bis in die Räume, und die Ausstellung selbst kann als ein vielfaches Überquellen gesehen werden: Kunst und Alltagsleben sind tief miteinander verwoben, denn die Aktivität des Hotels wird ohne Unterbrechungen fortgesetzt, die Menschen und Kunstwerke existieren also miteinander. Den Innenhof füllt eine vertikale Installation, bestehend aus einem 1,40 Meter breiten Behältnis, in das vom etwa 8 Meter darüber gelegenen Dach Wasser tropft. In der ersten Etage sind vier Räume auf zwei Seiten des Hofes von Kunstwerken besetzt. Diese Anordnung respektiert das Prinzip der Symmetrie, das in der muslimischen Kultur von grundlegender Bedeutung ist.

In einem der Räume sind die sieben kreisrunden Kartons mit den Tuschespuren zu sehen, entstanden im Zusammenhang mit dem Durchgehen der Menschen durch die Tore. Unter einem jeden Kreis sind auf kleinen Glasregalen an der Wand die jeweils benutzten Tongefäße angebracht. So kann das Variieren der Resultate wahrgenommen werden, die für die verschiedenen Kontexte stehen, in denen die Aktion stattfand: das Ausmaß und die Tönung der Farbspuren in Abhängigkeit von der Größe des Gefäßes und der Anzahl der Leute, die während der Anwesenheit des Künstlers das jeweilige Tor passierten, sowie die von der Neigung des Bodens abhängigen Formen des Farbverlaufs. Im zweiten Raum läuft ein Video von Mohamed Arejdal, einem vielversprechenden jungen Künstler, der gerade die Nationale Schule der Schönen Künste von Tétouan absolviert hat. In der Projektion ist das Bild auf ein Tongefäß fokussiert, das sich nach und nach mit braunem Wasser füllt. Im Hintergrund erkennt man Bewegungen von Passanten, und die Geräusche des Lebens der Stadt erfüllen den Raum. Auf der gegenüberliegenden Seite des Hauses ist eine fotografische Dokumentation des jungen Fotografen Khalid El Bastrioui ausgestellt, die von der Performanceserie berichtet. Im letzten Raum schimmert ein fahles Licht durch eine dünne weiße, etwa 10 cm breite oktogonale Form, die in den Fußboden eingelassen ist, in die Dunkelheit. Man kann das Geräusch eines Tropfens hören, das im ganzen Projekt ständig wiederkehrte.

Die Fayd-Ausstellung ist die logische Konsequenz der Performanceserie. In ihr kristallisieren sich viele Erkundungen, so z.B. der Natur der Elemente, die im Zuge einer künstlerischen Aktion geschaffen wurden, wobei die Schau zwischen Kunstwerken und Dokumentation oszilliert. Sie wirft auch ein Licht auf diverse Themen, die mit solchen auf Kontexte reagierenden Projekten und der Art und Weise zu tun haben, wie Beziehungen zur Bevölkerung herzustellen sind. Das Fayd-Projekt von Mohamed El Mahdaoui kann schwer klassifiziert werden. Es bewegt sich zwischen Performance, Malerei, Installation, Video, Dokumentation und sozial engagierter Praxis. Diese Fluidität reflektiert bestens die Komplexität von Tétouan, einer Stadt, deren verschwommene Grenzen und Kultur jeden Tag aufs Neue einen unablässigen Verständigungsprozess erfordern.

 

Bérénice Saliou

Freischaffende französische Kuratorin. Lebt in Marseille. Als Mitbegründerin und künstlerische Leiterin von Trankat Street in Tétouan hat sie viel mit Marokko zu tun.

(Aus dem Englischen: Haupt & Binder)

Mohamed El Mahdaoui:
Fayd

18. - 25. Oktober 2009
Riad Gasela
26 Kait Ahmed Str.
Tétouan
Marokko

Das Fayd-Projekt wurde im Rahmen der Veranstaltung Tétouan der Sieben Tore konzipiert, organisiert von der marokkanischen Organisation Tétouan Asmir in Partnerschaft mit dem Französischen Institut Tanger-Tétouan und der Nationalen Schule der Schönen Künste Tétouan.

Es ist der erste Teil von Trankat Street, einem für 2010 in Tétouan geplanten internationalen Künstleraufenthalts- und Kunstprojekt.

Künstlerische Leitung:
Bérénice Saliou

Berater:
Younès Rahmoun

Nafas
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