Ein Brief aus KL

Sorge in der Kunstszene Malaysias über stärkere Zensur infolge jüngster politischer Entwicklungen.
Von Kean Wong | Jun 2009

Alte Gespenster die nasskalten und dunklen Gassen von Zentral Kuala Lumpur hinunter zu jagen, ist für die malaysischen Künstler in den letzten paar Monaten zu einem lindernden Spiel geworden.

Seien es spitze Sticheleien über nicht zustande gekommene Kunstwerke beim Freiluft-Dinner nach einer Galerieeröffnung oder das Sich-Lustig-Machen über den neuen Premierminister Najib Razak während man Installationen aufbaut oder sogar das Überleben von Polizeiarrest nach Mahnwachen mit Kerzen für Malaysias kränkelnde Demokratie, allenthalben scheint die Nostalgie für eine vergangene Ära und deren Geist eines weniger nach Rassen getrennten Gemeinwesen hier greifbar zu sein, und das in einem Moment, in dem die Wirtschaft in ihrer tiefsten Krise seit einer Generation versinkt.

Es ist eine Stimmung wie die in den vier riesigen Fotomontagen, die Liew Kung Yus erste große Einzelausstellung Cadangan-cadangan untuk Negaraku (Vorschläge für meine Nation) in der Galeri Petronas ausmachen. In dieser besten zeitgenössischen Schau Malaysias seit langer Zeit legt das freche, kitschige Feiern des malaysischen populistischen Monumentalismus eine dunklere, fast totalitäre Vision bloß, einen nationalistischen Dünkel, der vom Moment des sogenannten "Endes der Geschichte", verkündet nach dem Fall der Berliner Mauer vor 20 Jahren, angeblich schon ausgemerzt war.

Während die Massen, die am Wochenende in das Shopping Center strömen, in dem sich die Galerie befindet, an den vertrauten Gegenüberstellungen suburbaner und dörflicher Ikonen schwatzend und belustigt vorbeiziehen, äußert sich das hauptsächlich der Mittelschicht angehörende Publikum auch anerkennend über den runden Ausstellungsraum, der den Werken einen über den üblichen White Cube hinausgehenden visuellen Nachdruck verleiht.

Aber von mehreren führenden Künstler und Kuratoren Malaysias ist zu hören, Kung Yu hätte auf Grund seiner Schau ernsthafte Probleme mit jenen bekommen, die in diesem einzigen großen Ausstellungszentrum für solche Kunst, den es neben der schäbigen Nationalen Kunstgalerie noch gibt, das Sagen haben.

Obwohl die Petronas Galerie als ein firmeneigener Kunstraum des nationalen Öl- und Gasunternehmens Petronas konzipiert und finanziert ist, haben inspirierte Galerieleitungen in den letzten Jahren vom Publikum gut aufgenommene, professionell kuratierte Ausstellungen zeitgenössischer Kunst Malaysias und der Region ermöglicht. Ihre öffentlichen Kunstprogramme spielten eine maßgebliche Rolle für die Bereicherung der Diskussionen in Malaysia über zeitgenössische Kunst daheim und anderswo, und gerade deshalb riefen die jüngsten Entwicklungen in der Galerie solch eine tiefe Besorgnis unter Künstlern und Kuratoren hervor.

Es gab beunruhigende Anzeichen institutioneller Ambivalenz und, was noch schlimmer ist, im Zusammenhang mit der Dokumentation der Schau. Die in letzter Minute veranlasste "Verschiebung" des Katalogs mit den darin enthaltenen Essays hat diesen Eindruck genährt. Es gab angeblich auch Beschwerden von Galerieinsidern über die Respektlosigkeit von Kung Yus Werken gegenüber "Malaiischen Normen und Kultur", die über die Kunstwelt hinaus heiß umstrittene Auffassungen sind. Zur Steigerung des Unbehagens trugen die kürzlich in schnell hintereinander erfolgten Abgänge des populären Galerieleiters Tengku Nasariah Tengku Syed Ibrahim, des Kurators Anurendra Jegadeva und der Ausstellungsmanagerin Rahel Joseph bei. Kein Wunder, dass niemand in den exklusiven Korridoren bereit ist, diese Entwicklung und die Wiederbelebung einer alten Auseinandersetzung über "malaysische Kultur" zu kommentieren.

Es mag lächerlich erscheinen, von malaysischen Künstlern zu erwarten, dass sie Werke machen, die mit solchen heftig umstrittenen Ideen zu tun haben - aber wohl nur solange, bis man die Gärungsprozesse in der großen Politik in Betracht zieht, wo die auf Rassen basierte, herrschende Koalition nach einem halben Jahrhundert an der Macht zerbröckelt.

Während junge Kunstaktivisten wie Adeline Ooi vom neuen Kunst-Consulter RogueArt und Kurator Simon Soon das fatale Fehlen nicht-kommerzieller Räume wie der Petronas Galerie beklagen, sieht sich Rahel Joseph in einer unbehaglichen Position. "Es wäre eine große Schande, wenn wir nicht aktiv das weiterführen würden, was wir in den letzten zwei Jahren getan haben", sagt Rahel zögerlich eine Woche nachdem sie ihren Job in der Galeri Petronas gekündigt hat. "Indem wir institutionelle Beziehungen zu Galerien und Museen in Singapur und anderswo aufbauten und uns gemeinschaftlichen Projekten zur Präsentation von Künstlern aus der Region widmeten, haben wir eine bestimmte Idee eines zeitgenössischen Kunstraums verfolgt."

Dieser Wunsch nach einer kritischen Verpflichtung dem Publikum gegenüber hat RogueArt angetrieben, gegründet im letzten Jahr von drei jungen Frauen, die davor in einem der besten kommerziellen Kunsträume der Region, Valentine Willie Fine Art (VWFA), beschäftigt waren. Adeline Ooi, eine der drei, sagte, die leidenschaftliche Debatte über die künftige Ausrichtung der Petronas Galerie zeige nur, wie selten und wie wertvoll solche öffentlichen Räume in einer von Auseinandersetzungen über "moderne malaysische Kultur" und deren Ambivalenz hinsichtlich der pluralen Realität Malaysias zerrissenen Gesellschaft sein können. "Wir wissen, wie schwierig es sein kann, neue zeitgenössische Werke von jungen Künstlern, die nicht den Erwartungen der kommerziellen Kunstwelt entsprechen, zu gewährleisten und irgendwie vorzustellen", sagte sie als wir uns bei einem Eröffnungsabend im Projektraum von VWFA durch die Menge quetschen.

Eine Ecke dieses Raumes dominierte ein großes gestohlenes Wahlplakat mit dem Gesicht des neuen Premierministers darauf, das Fahmi Reza in einer Multimediaarbeit adaptierte, die mit Humor und viel Zynismus verdeutlicht, wie der Regimewechsel das Klima für die Kunst und die Demokratie in Malaysia verschlechtert hat. Aber es scheint, solche Geister anzurufen, hat seinen Preis: die Arbeit musste knapp eine Woche nach der Eröffnung abgenommen werden, um "Beschwerden" zuvorzukommen, die das Geschäft der Galerie gefährden könnten. Der Künstler lancierte einen formellen Protest gegen die Entscheidung der Galerie und behauptete, er sei vor einer derartigen Reduzierung seiner Schau nicht konsultiert worden.

"Aber wir sind uns alle sehr gut über die realen oder vermeintlichen Tabus im Klaren, die es in der öffentlichen Debatte über solche Themen der malaysischen Kultur weiterhin gibt", sagt Adelina, während wir uns darüber wunderten, wie ungeschützt Kunsträume dem Zensurregime ausgesetzt sind. Wenn so viel von der malaysischen Kultur zwar offiziell definiert aber dennoch von politischen Launen abhängig ist - und rassische und religiöse Identitäten sind mächtige gesetzliche Vorgaben - werden Künstler von derartigen Ängsten oft als Geiseln gehalten.

Selbst wenn die Realität oft farbiger und in den ethnischen Hybriditäten verwurzelt ist, die den meisten Malaysiern geläufig sind, zieht es die offizielle Propaganda dennoch vor, alte Geister aus der Zeit des Kalten Krieges heraufzubeschwören. In den letzten Wochen haben regierungsnahe Medien gegen heutige demokratische Aktivisten agitiert und sie mit den kommunistischen Aufständischen von vor Jahrzehnten verglichen, denen nachgesagt wird, sie hätten Rassenhass in einer fragilen, postkolonialen Nation ausgesät.

An einem heißen tropischen Abend eine Woche später strömt eine bunte Gruppe von Künstlern, Bankern, Anwälten, Punks und Vagabunden aus der Eröffnung von Personal Effects in einem renovierten Haus aus der Kolonialzeit, dem Hauptsitz von RogueArt. Es ist eine reizende und geistreiche, von RogueArt kuratierte Zusammenstellung von Artefakten, die ergreifende Familiengeschichten und manchmal bizarre malaysische Momente offenlegen und von mehr als einem Dutzend lokaler Künstler und kultureller Aktivisten stammen. Für diese Menschenmenge spuken jene alten Geister, die für die nächtlichen Fernsehnachrichten wiederbelebt worden sind, kaum noch durch die vor ihnen liegende Nacht.

 

Kean Wong

Freischaffender Journalist aus Malaysia (ansässig in Australien). Schreibt u.a. über modernen Islam, Pop-Kultur und Medien.

Liew Kung Yu
Galeri Petronas
14. April -
14. Juni 2009

Rock Kaka
VWFA Project Room
27. Mai -
13. Juni 2009

Personal Effects
RogueArt
30. Mai -
13 Juni 2009

Nafas
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