Latifa Echakhch: Les sanglots longs

Neue Installationen im Fridericianum in Kassel - minimalistische Formen, politisch aufgeladen.
Von Alexandra Blättler | Sep 2009

Die Kunsthalle Fridericianum in Kassel präsentiert die erste Einzelausstellung der französisch-marokkanischen Künstlerin Latifa Echakhch in Deutschland. Bei deren Titel Les sanglots longs handelt es sich um die erste Zeile aus dem "Chanson d‘automne" von Paul Verlaine, dem wohl bekanntesten französischen Herbstgedicht. In ihrer Ausstellung beschäftigt sich Latifa Echakhch auf verschiedenen inhaltlichen und formalen Ebenen mit Aspekten der Zeit und deren Vermögen, historische Ereignisse in die Gegenwart zu übertragen und in neue Kontexte zu stellen. Sie betont dabei nicht nur die Dauer der Zeit, sondern in ihren installativen, zeichnerischen, poetischen und musikalischen Umsetzungen geht es ihr insbesondere auch um die dem Ablauf der Zeit inhärente Wiederholung und Endlosigkeit.

Latifa Echakhchs Arbeitsweise verbindet eine minimalistische formale Handschrift mit politisch aufgeladenen Inhalten. So sind im ersten Raum im Untergeschoss des Fridericianums viele mit Kohle an die Wände gezeichnete Nummern, Gruppierungen hüfthoher Schaumstoff- und Betonkeile sowie gebrauchte, von der Stadt Kassel ausrangierte Parkbänke zu sehen. Ganz im Sinne der Baudelaire‘schen Synästhesie wird die retinale Rezeption durch die akustische Untermalung einer Klavierkomposition erweitert. Ein eindeutiger Inhalt erschliesst sich nicht unmittelbar. Die Zahlen sowie die spitz zulaufenden Keile stehen in ihrer Abstraktion und Ornamentik der Partitur und den konkret dem Alltag entlehnten Parkbänken gegenüber. In einer Information zur Ausstellung ist zu lesen, dass es sich bei den Ziffern um Resolutionen der Vereinten Nationen zum Israel-Palästina-Konflikt von 1948 bis heute handelt. Zusätzlich fungierte die numerologische Abfolge als Basis einer Komposition für Klavier nach dem Vorbild von Schönbergs Zwölftontechnik, die von der Künstlerin speziell für diese Ausstellung in Auftrag gegeben wurde. Diese Komposition soll analog zu künftigen UN-Resolutionen kontinuierlich fortgesetzt werden und dürfte demzufolge erst ihren Abschluss finden, wenn eine endgültige Lösung des Konflikts erreicht ist.

Mit oder ohne die Kenntnis dieser teils politischen, teils musikalischen Hintergründe, setzt man seinen Rundgang durch Bänke und Keile hindurch fort, getragen von einer anmutigen und doch minimalen Melodie. Weitere Assoziationen werden durch die Schaumstoff- und vor allem die Betonkeile hervorgerufen, deren Anordnung an einen geschändeten Friedhof erinnert (einige Keile liegen am Boden, andere lehnen wie zufällig gegeneinander), aber auch an Panzersperren und natürlich an minimalistische Skulpturen. Das Zeichnen der Zahlenfolge mit Kohle an die Wände hinterliess am Boden Spuren von schwarzem Staub - ein Symbol für Asche? Ein weiterer Bezug zur Musikpraxis lässt sich in der Materialität und Form der Schaumstoff-Keile erkennen, die Ton absorbieren und dämpfen. Der erste Raum, zusammengefasst unter dem Titel Chambre (2009), bleibt assoziativ zurückhaltend in seinen Aussagen, nicht aber in seiner Wirkung, und lädt zum Verweilen ein.

Echakhch ist es gelungen, in einer Gesamtinstallation eine formale Dichte und inhaltliche Intensität zu erreichen, die sich im zweiten Raum noch steigert. Hier werden auch die politisch-historischen Anspielungen konkreter, so zum Beispiel in der Arbeit Trotteuse (1999), die einen der Alltagswelt entnommenen Sekundenzeiger beschreibt. Demontiert und durch die Präsentation im Ausstellungsraum rekontextualisiert, steht er unter anderem für die zeitlichen Zwänge, denen das Leben französischer Arbeiter im Zuge der industriellen Revolution mehr und mehr unterworfen wurde. Es bleibt offen, ob die Künstlerin damit auch darauf verweisen will, dass die "pars minuta secunda" erstmals in einem Uhrwerk des Toggenburgers (CH) Jost Bürgi 1585 am Hof des Landgrafen Wilhelm IV in Kassel tickte. Die zweite historische Referenz verbirgt sich in einer losen Zusammenstellung verschiedener Militärutensilien aus dem 19. Jahrhundert. Es handelt sich um die Arbeit Ohne Titel (La Dégradation) von 2009, die auf die Affäre um den jüdisch-französischen Offizier Alfred Dreyfus anspielt, der fälschlicherweise wegen Landesverrats angeklagt und degradiert wurde. Vom ersten in den zweiten Raum setzen sich vereinzelte Parkbänke, die Ziffern sowie der Klang der Musik fort und vereinen die gesamte Ausstellung zu einem großen Ganzen. Durch eine Verdunkelung mit blauen Folien entsteht gegenüber dem ersten Raum eine Steigerung an Intensität und Intimität.

Auch in älteren Arbeiten entzieht Echakhch gewöhnlichen Gebrauchsgegenständen und kulturell definierten Objekten deren eigentliche Bedeutung. So etwa in der Installation Fantasia (Empty Flag, Black) von 2007-2009, in der sie eine Vielzahl schwarzer Fahnenstangen labyrinthisch an die Wände montierte, wobei das ursprünglich einmal Wichtigste fehlt: die Flaggen selbst.

Latifa Echakhch übt in ihren künstlerischen Auseinandersetzungen keine offene Kritik, woraus man bei negativer Interpretation schließen könnte, dass sie keine Stellung zu beziehen scheint. Gerade in Deutschland dürfte der Israel-Palästina-Konflikt eine höhere Brisanz haben als in anderen westeuropäischen Ländern. Doch gelingt es der Künstlerin in Les sanglots longs hervorragend, sowohl diesen Konflikt als auch den Antisemitismus der (französischen) Geschichtsschreibung auf dezente und intelligente Weise zu thematisieren und künstlerisch umzusetzen.

 

Alexandra Blättler

Kunsthistorikerin und Kuratorin. Lebt in Zürich, Schweiz.

Les sanglots longs

29. August -
15. November 2009

Fridericianum
Friedrichsplatz 18
D-34117 Kassel
Deutschland
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Siehe auch:

Nafas
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