Jakarta Biennale 2009

Foto-Rundgang durch die Ausstellung Fluid Zone: Traffic & Mapping. Rezension der Biennale.
Von Enin Supriyanto | Apr 2009

Alles begann damit, dass die Veranstalter und das künstlerische Team die Realität der Stadt, in der sie leben, ganz klar als die einer "Arena" auffassten, in der viele verschiedene Kontroversen und Verhandlungen gleichzeitig ablaufen: öffentliche gegen private Räume, offene und freie Räume gegen kommerzielle und institutionalisierte, öffentliche Mobilität gegen schlechte Transportmittel und -infrastruktur und so ziemlich alles sonst noch dazwischen.

Wie Ade Darmawan, der Programmdirektor der Biennale, deutlich zum Ausdruck brachte: "Als wir das Konzept diskutierten, ging es uns darum, wie wir dem Publikum unser gesamtes Potenzial vermitteln könnten... Wir realisieren viele Interventionen und Kooperationen, indem wir in die öffentlichen Räume des Konsums wie Einkaufszentren und -straßen gehen, wir kämpfen dort, wir stecken den Raum ab, wir bemühen uns um Aufmerksamkeit, so wie man es bei einem Produkt tun würde..."

Als eine Möglichkeit, die "Arena" zu strukturieren, legten die Kuratoren und das künstlerische Team drei Zonen fest: die Zone der Verständigung, die Kampfzone und Fließende Zonen. Zu jeder Zone gehörten verschiedene Programme und Aktivitäten. Einige davon erweiterten die engen Grenzen der visuellen Künste und überschritten diese.

Die Zone der Verständigung war die Phase der Einstimmung für das Setup der ganzen Biennale. Sie begann schon Ende 2008 mit dem Theaterfestival, Vorführungen südostasiatischer Filme beim Jakarta Filmfestival, einer Fotoausstellung, dem Jakarta Literaturfestival, Diskussionsrunden und Workshops. Am interessantesten war KOLAPS, ein Workshop für Comiczeichnen mit Häftlingen der Tangerang Jugendhaftanstalt und Oberschülern.

Die Kampfzone umfasste vor allem Workshops und ortsspezifische Aktivitäten direkt in urbanen öffentlichen Räumen und Einrichtungen (Bahnhöfe, Bushaltestelle, Parks, das Umfeld von Verkehrsampeln, verlassene Gebäude, Werbetafeln und Plakate).

Und schließlich als Höhepunkt der Veranstaltung die Flüssigen Zonen. Wenn man sie zu konventionellen Formen von Biennaleausstellungen in Beziehung setzt, dann kann diese Zone ebenfalls als eine eher konventionelle gelten. Aber sie war hervorragend. Agung Hujatnikajenong, der Kurator dieser Sektion, hatte die brillante Idee einer Auswahl lokaler und internationaler Künstler mit einem angemessenen, hinreichend strategischen Ansatz. Als er die Karte lokaler und regionaler Kunstpraxis in den letzten paar Jahren kritisch analysierte, erkannte er als ein verbindendes Element, dass alle Künstler, die er einbeziehen wollte, aufs Engste einer "fluiden Zone" zuzurechnen wären: sie reisen viel, treffen anderswo Kolleginnen und Kollegen und kooperieren mit diesen an anderen Orten als ihrem eigenen Herkunftsland. Und diese Art von Treffen geschieht derzeit mehr und mehr und beeinflusst die Kunstpraxis in der Region Südostasien, einschließlich Indonesiens. Mit dieser einfachen Methode des Kartographierens - unterteilt in zwei Teile, genannt "Mapping" und "Traffic" (Verkehr, Handel) - brachte Agung die Begriffe der Lokalität, der Regionalität und der Globalisierung zeitgenössischer Kunst in einem Zuge zusammen. Demzufolge ist das internationale Element dieser Biennale nicht etwas gewesen, das künstlich aufgepfropft wurde, um ein Markenzeichen der Internationalität zu erlangen. Es war konzeptionell und kohärent eingebettet. Die Sektion Fluide Zonen fand an zwei Orten statt: der Indonesischen Nationalgalerie und dem Untergeschoss des neuen und schicken Einkaufszentrums Grand Indonesia.

Die Auswahl und Präsentation der Werke in der Nationalgalerie war geschickt, mit einer schönen Abfolge von Werken unterschiedlicher Art, die von der Dynamik des Schaffens junger Künstler in Südostasien zeugen. So ging es in der Installation aus Hunderten handgemachter Pässe (Re)collection of Togetherness - stage 4 (2008, Wiedergewinnung des Beisammenseins - Phase 4) von Tintin Wulia (Indonesien) um Identität, Geschichte, Ethnizität und Nationalität. In seiner Videoinstallation Die vier malaysischen Geschichten (2005) erschuf Ming Wong (Singapur) Szenen alter malaysischer Filme neu, um aus der Distanz - mit dem Einsatz fremder Sprache, Untertiteln und einem nostalgischen Stil der Videos - die Veränderungen moralischer Wertvorstellungen in einem bestimmten Zeitraum zu untersuchen.

Mit all seinen theatralischen Elementen zog das Werk von Kuswidananto alias Jompet (Indonesien) Java, der Krieg der Geister (2008-2009) eine besondere Aufmerksamkeit des Publikums auf sich. Die Installation mit geisterhaften Figuren in der Uniform von Soldaten des javanesischen Königreichs, die laut auf Trommeln schlagen, welche mit gebastelten elektronischen Geräten verbunden sind, ist ein Zeugnis dessen, wie eine Gesellschaft (die javanesische) einst von Kolonialmächten besetzt wurde und die Moderne in ihre eigenen kulturellen Codes und Normen einbeziehen und absorbieren musste. Das Ergebnis ist eine Mischung aus vielen verschiedenen Elementen, die sich miteinander verbinden, ein chaotisches Feld der Repräsentationen: die synkretistische Dynamik einer javanesischen "prä- und postmodernen" Kultur.

Einige Werke in Fluide Zonen bewegen sich vom Persönlichen und der Geschichte der Vergangenheit weg und setzen sich mit einer Gegenwart auseinander, in der Kommerz und übersteigertes Konsumverhalten die Haupttriebkräfte sind. Die meisten der im Einkaufszentrum Grand Indonesia gezeigten Arbeiten haben irgendwie das Erscheinungsbild von Kunstwerken über Themen des Konsumismus im urbanen Leben. Das ist auch deshalb so, weil für diesen Ort solche Werke ausgewählt worden sind, die sich auf Dinge oder Produkte des städtischen Alltagslebens beziehen: Auto, Motorrad, Gitarre, Spielzeug, Möbel etc. Sie alle in einem Einkaufszentrum zu präsentieren, um von den dort vorbeikommenden Passanten bewundert zu werden, kann als eine Gegenüberstellung von Kunst und kommerziellen Luxusprodukten gesehen werden. Ob das nun als Kritik am urbanen Konsumverlangen gemeint war oder nicht, so war es doch in jedem Falle ein mutiger Schritt, die Öffentlichkeit Jakartas in einem solchen Kontext mit experimenteller Kunst zu konfrontieren.

Was wird nun nach diesem Erfolg von "Arena" kommen? Da sie nie genug öffentliche Förderung (falls es überhaupt welche gibt) von der Regierung bekommt, wird die Jakarta Biennale immer um ihre eigene Fortsetzung zu kämpfen haben. Angesichts des Fehlens einer Infrastruktur für künstlerische und kulturelle Aktivitäten muss sie wieder und wieder mit vielen verschiedenen Partnern verhandeln, bloß um einen geeigneten Raum und Ort zu finden, an dem sie entsprechend durchgeführt werden kann. Und dann ist da schließlich der institutionelle Hauptförderer der Biennale: der Jakarta Kunstrat. Die Mitglieder des Rates sind immer nur für drei Jahre gewählt. So wird die nächste Biennale sicher unter der Leitung einer anderen Gruppe von Menschen im Rat stattfinden. Werden diese Leitungsmitglieder die Errungenschaften der diesjährigen Biennale als einen Ausgangspunkt dafür betrachten, eine noch bessere auszurichten?

Alles in allem ist Arena ein kleiner Versuch einiger engagierter Mitglieder der Kunstszene von Jakarta (oder sogar Indonesiens), dem Publikum qualitätvolle Kunst- und Kulturveranstaltungen zu bieten, die zuvor kaum zu sehen und gratis genossen werden konnten. Aber die Stadt ist so groß, so monströs, mit all ihren soziopolitischen kulturellen Problemen. In dieser Hinsicht ist selbst Arena womöglich zu klein, um eine direkte und klare Botschaft an die Politiker der Regierung, das allgemeine Publikum oder sogar diejenigen in der lokalen Kunstszene zu schicken, die eine wichtige Rolle bei der Förderung und Unterstützung von solchen Kunstevents wie der Biennale spielen können.

Die Botschaft ist im Grunde sehr klar und einfach: sie besitzen die Biennale. Und das ist mit einer Verpflichtung verbunden, die sie entwickeln müssen. Ein gesundes und bereicherndes kulturelles Leben ist letzten Endes nicht eine Art exotischer Pflanzen, die im fruchtbaren tropischen Boden leicht wachsen. Ohne eine entsprechende Pflege wird sie möglicherweise eingehen.

 

Enin Supriyanto

Freischaffender Kurator und Autor. Lebt und arbeitet in Jakarta, Indonesien.

Das Nafas Kunstmagazin dankt Agung Hujatnikajenong, Carla Bianpoen und Maria Nadia für die Unterstützung bei der Beschaffung von Fotos und Informationen.

(Aus dem Englischen: Haupt & Binder)

Jakarta Biennale 2009

Fluid Zone: Traffic and Mapping
7. - 27. Feb. 2009

Nationalgalerie Indonesiens
Einkaufszentrum Grand Indonesia

Sekretariat Jakarta Biennale XIII 2009
Jl. Cikini Raya No. 73
Indonesien
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Nafas
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