Jenseits der Klischees

Rezension der Ausstellung zeitgenössischer Kunst aus Pakistan in der Asia Society, New York.
Von Rosa Maria Falvo | Okt 2009

Pakistans Beziehung zum Westen ist einzigartig, wenn man seine technische Entwicklung (einschließlich der nuklearen Fähigkeiten), seine einflussreiche und kosmopolitische Mittelklasse (ausschlaggebend für den Sturz des Musharraf-Regimes) und die umfangreiche Präsenz derjenigen in Betracht zieht, die als die schlimmsten Feinde der westlichen Welt gelten (verschiedene fundamentalistische Gruppen, darunter Al Qaida und die pakistanischen Taliban oder TTP - Tehrik-i-Taliban Pakistan). Ein politischer, ökonomischer und sozialer Druck lastet schwer auf der relativ jungen Nation, die 1947 aus einem Prozess der Dekolonisierung und der dramatischen Teilung Indiens hervorging. Tatsächlich können seine geopolitische Position und die tektonischen Verschiebungen, die Zentral- und Südasien verändern, nicht unterschätzt werden.

Angesichts eines solch fruchtbaren Bodens ist es kaum eine Überraschung, wenn man entdeckt, dass die Samen der Kreativität nicht nur Wurzeln geschlagen haben, sondern ihre ästhetischen Zweige zuversichtlich in andere Teile der Welt ausstrecken. Ohne sich vor dem Westen zu verbeugen, demonstriert diese Nation der "Mehrheitswelt" ihr Vertrauen und ihr Potenzial kreativer Möglichkeiten und eine wirkliche Hingabe an das "Handwerk" des Bildermachens.

Die in New York von der Asia Society präsentierte und von der anerkannten Akademikerin Salima Hashmi kuratierte Ausstellung Hanging Fire ist ein wichtiges und ambitioniertes Aufziehen des Vorhangs für das Ensemble pakistanischer Künstler, sowohl der etablierten wie der neu in Erscheinung tretenden, die sich auf ihrem Weg auf die internationale Bühne befinden. Es sind Künstler, die das Auseinanderbrechen von Traditionen und Ideologien sowie das Gespenst des Terrors untersuchen; Künstler, die sich persönlich und kreativ mit einer einflussreichen Vergangenheit und einer sehr unsicheren Zukunft auseinandersetzen müssen. Diese prestigeträchtige Ausstellung präsentiert fünfzehn herausragende Künstlerinnen und Künstler - Zahoor ul Akhlaq, Imran Qureshi, Anwar Saeed, Rashid Rana, Naiza Khan, Huma Mulji, Hamra Abbas, Bani Abidi, Asma Mundrawala, Ayaz Jhokio, Ali Raza, Mahreen Zuberi, Adeela Suleman, Arif Mahmood und Faiza Butt - und vermittelt dem Publikum einen Eindruck von den reichhaltigen expressiven Möglichkeiten Pakistans. All diese Künstler widmen sich Themen, die sie alltäglich bewegen und aufrütteln. Ihre Antworten - oftmals subtil, humorvoll, theatralisch - können als eine Art Verteidigungsmechanismus aus einem politisch und kulturell aufgeladenen kreativen Raum heraus beschrieben werden.

Die zeitgenössische visuelle Kultur Pakistans impliziert selbst aus technischer Perspektive einen langsamen und reflexiven Prozess. In dieser Hinsicht unterscheidet sie sich erheblich von den schnellen und oft neurotischen Blitzen, die in anderen zeitgenössischen Kunstpraktiken zu finden sind. Ihre Beziehung zu künstlerischen Traditionen, die in der Mogulzeit berühmte Keramiken, Textilien und Miniaturen hervorbrachten, haben eine ganze Kunstrichtung inspiriert, die hier durch Imran Qureshi und Mahreen Zuberi repräsentiert wird. In der Tat ist diese New Yorker Ausstellung die erste in den USA, die das weite Spektrum der benutzten Medien hervorhebt, denn die ihr vorausgehende Schau der Kunstakademie von Honolulu A Thousand and One Days im Jahr 2005 war ausschließlich auf Miniaturmalerinnen fokussiert.

Hervorragende Schulen wie das National College of Arts in Lahore, die Beaconhouse National University und die Indus Valley School of Art & Architecture in Karachi, exzellente Mentoren und Lehrer wie Salima Hashmi, Quddus Mirza und viele dieser Künstler, dynamische Kooperativen wie VASL (Teil des Triangle Arts Trust Netzwerks) und solch sachkundige Sammler wie Khurram Kasim garantieren die Vitalität dieser dynamischen und sich entwickelnden Kunstszene.

Wenn man durch die Straßen von Karachi und Lahore läuft und sich bei den Künstlern zuhause aufhält, merkt man, dass es so viel mehr als das von den Medien vermittelte Elend und Blut gibt. Diese Künstler repräsentieren den Geist einer unverwüstlichen Bevölkerung, die versucht, sich vom Negativen freizumachen und sich das Positive einzuverleiben, zwar zu sehen und zu hören was um einen herum geschieht, sich davon aber nicht unterkriegen lassen. Solche Bilder wie Arif Mahmoods Young and the Fearless und Ali Razas No Two Burns Are the Same verwandeln das übliche Chaos in scharf reflektierende Kritik. Adeela Sulemans dekorierte Helme enthalten scherzhafte Anspielungen auf Angriff und Verteidigung, indem sie simple Funktionen in komplexe Formen einbettet. Verschwinde aus meinen Träumen von Faiza Butt und Eiserne Wolken von Naiza Khan erkunden die Vorstellungen von Invasion und Rückzug, Schutz und Einengung.

Das ist nicht nur eine simple Wiedergabe der Welt. Es ist auch keine Anklage der unerbittlichen Schrecken der Geschichte. Es ist eine neue Chance anzuerkennen, dass - wie Italo Calvino in Die unsichtbaren Städte behauptet hat - "inmitten der Hölle nicht Hölle ist". Das wiederzubeleben, was verbraucht oder zurückgewiesen ist, und die Poesie des Sich-Neu-Erfindens in Verhältnissen zu feiern, in denen sich alles gegen den Künstler stellt, ist nicht nur eine Überlebensstrategie, sondern eine persönliche Selbstvergewisserung, dass Kunst als Rettungsleine und Zuflucht notwendig ist. Wie Salima Hashmi schreibt, Kunst als eine "Gelegenheit für Dialog, vermittelte Rebellion und aufrührerisches Denken".

Rashid Ranas Roter Teppich hängt an der Wand als eine kraftvolle Metapher der vielschichtigen Perspektiven und Widersprüche des Arbeitens in einem Land wie Pakistan. Das Alte ist dem Neuen nicht nur hinsichtlich der Bildwelt und Technik gegenübergestellt, sondern Tradition (Teppiche) und Geschichte (Schlachter) sind raffiniert in den Stoff visueller und persönlicher Erfahrungen verwoben, die durch das Auge des Künstlers intuitiv kanalisiert sind. In Umkehrung der visuellen Mechanismen von Ranas Arbeit (Schönheit und Ordnung aus der Entfernung, Schrecken und Verdrängung aus der Nähe) kann ich nur damit schließen, dass der hässlichste reduktionistische Eindruck von Pakistan aus der Ferne stattdessen in seinen Städten und Galerien eine überaus komplexe Gesellschaft offenbart, deren beste zeitgenössische Kunst die Details visueller Feinheiten erfasst.

 

Rosa Maria Falvo

Freischaffende Autorin und Kuratorin, spezialisiert auf zeitgenössische asiatische Kunst. Beraterin von Skira International Publishing in Mailand für die Region Asien-Pazifik.

(Aus dem Englischen: Haupt & Binder)

Hanging Fire:
Zeitgenössische Kunst aus Pakistan

10. September 2009
- 3. Januar 2010

Asia Society
725 Park Avenue
Vereinigte Staaten von Amerika
Website Email

Kuratorin:
Salima Hashmi

Nafas
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