Bahrains Kunst- und Kulturszene

Übersicht über die Kunst- und Kulturszene: Institutionen, Galerien, unabhängige Gruppen.
Von Mayssa Fattouh | Okt 2009

In einer Region, in der ein Wettlauf beim Investieren in Kunst und Kultur stattfindet, ist das Ministerium für Kunst und Kultur von Bahrain gerade dabei, über 100 Millionen US-Dollar auszugeben, um sich als die Kulturhauptstadt der Golfregion zu positionieren, wobei das uralte kulturelle Erbe des Landes als der Kernbereich hervorgehoben wird, der helfen soll, diese Vision voranzubringen.

Obwohl der Wettbewerb von gut betuchten Nachbarn ausgeht, hat das Ministerium eine ehrgeizige Agenda konzipiert, die darauf abzielt, eine neue institutionelle Infrastruktur zu entwickeln, indem Museen für archäologische Stätten, das erste Museum für Moderne Kunst und ein Nationaltheater gebaut werden - wobei letzteres das einzige Vorhaben der Liste ist, das sich bereits im Bau befindet.

Gegenwärtig unterhält das Land verschiedene staatliche Kulturinstitutionen. Das 1988 eröffnete Nationalmuseum beherbergt eine permanente Sammlung zeitgenössischer Kunst von Meistern aus Bahrain. Das Museum des Forts von Bahrain auf dem Gelände der einstigen portugiesischen Festung wurde letztes Jahr eingeweiht. Im seit 1992 existierenden Art Center finden vor allem Aktivitäten der Bahrain Arts Society statt, einer nicht-kommerziellen Kulturorganisation, die 1983 von Shaikh Rashid Bin Khalifa Al Khalifa mit dem Ziel gegründet wurde, sich an der Förderung der Kultur zu beteiligen und die schönen Künste in Bahrain zu entwickeln. Daneben befindet sich die Cultural Hall, ein 2004 eröffnetes Mehrzweckauditorium. Im Beit Al Qur’an - eingeweiht 1990 - gibt es eine der weltweit umfassendsten Sammlungen von Koranmanuskripten, und vor kurzem war dort die vom British Council organisierte Wanderausstellung "Das Haus meines Vaters" zu sehen. Auch andere Kultureinrichtungen, wie das neu eröffnete Bin Matar Haus, beteiligen sich aktiv an der Förderung der Kunst und des kulturellen Erbes von Bahrain. Das Bin Matar Haus ist eines der letzten Bauvorhaben im Rahmen des umfangreichen Projekts, traditionelle Häuser etablierter Familien Bahrains zu restaurieren. Es war vom Shaikh Ebrahim Bin Mohamed Al Khalifa Zentrum für Kultur und Forschung initiiert worden, das Shaikha Mai Bint Mohammed Al Khalifa, die derzeitige Ministerin für Kultur und Information, gegründet hat.

Das Ministerium beabsichtigt offenbar, bestimmte jährliche kulturelle Veranstaltungen für das lokale und ein internationales Publikum auszurichten. Schon zum vierten Mal wurde der Kulturfrühling veranstaltet, der auf Kunst und Musik fokussiert ist. 2009 ist erstmalig ein Bahrain-Sommer organisiert worden, damit es auch an den heißen Sommertagen kulturelle Aktivitäten gibt. Die Jährliche Bahrain Kunstausstellung findet seit 35 Jahren statt und war "der Stolz Bahrains". Sie präsentiert vor allem Arbeiten von Mitgliedern der Bahrain Arts Society, obwohl die Präsenz junger Medienkünstler von Jahr zu Jahr zunimmt, um frischere und kritischere Ansätze in diese gut etablierte Schau zu bringen.

Eine weitere renommierte Ausstellung, die in diesem Jahr in der Moda Mall zu sehen war, ist "Um Kulthum - Die Vierte Pyramide". Sie wurde vom Shaikh Ebrahim Bin Mohammed Al-Khalifa Center in Zusammenarbeit mit dem Institut du Monde Arabe in Paris (IMA) organisiert. Diese Wanderausstellung, eine beeindruckend vielfältige Schau, die 2008 im IMA begann, zeigt einen Mix von Multimediasequenzen über die Leistungen der berühmten ägyptischen Sängerin Um Kulthum (gestorben 1975 in Kairo), einer einzigartigen arabischen Ikone, zusammen mit einigen ihrer liebsten persönlichen Gegenstände sowie mit durch die Diva inspirierten Arbeiten von lokalen und internationalen zeitgenössischen Künstlern. Bahrain ist die erste Station der Ausstellung in der Golfregion, was auf die schon lange andauernden Beziehungen zum IMA hindeutet, das jetzt in Paris eine Schau aus Bahrain über das Perlentauchen zeigt.

Während das Ministerium damit beschäftigt war, Megastrukturen zu konzipieren, hat die Zahl der kleinen und mittleren unabhängigen Gruppen und Räume in den letzten Jahren zugenommen. So entstand z.B. Elham, ein Kollektiv von Künstlern und Autoren, das als eine Kunstorganisation ohne eigene Räumlichkeiten operiert und jungen Kunstschaffenden eine Plattform bietet, indem immer wieder kulturelle Treffen an verschiedenen Orten der Hauptstadt von Bahrain organisiert werden. Die letzte und anspruchsvollste Veranstaltung der Gruppe fand im Mai 2009 statt: das Elham Kunstfestival im Bahrain Fort Museum, der Cultural Hall und dem Nationalmuseum brachte Poesie, Musik, Film und Kunst zusammen, um den kulturellen Dialog und den künstlerischen Ausdruck junger Talente zu fördern.

Unter den Basisinitiativen ist die Al Riwaq Gallery (ARG) - gegründet von der irakischen Kunstförderin Bayan Al Barak Kanoo - wegen ihrer Unterstützung der zeitgenössischen Kunstpraxis in Bahrain hervorzuheben. Die Galerie entstand 1998 als kommerzieller Ausstellungsraum für lokale und regionale Künstler. 2007 änderte sie ihre Zielstellungen und wurde zu einer nicht-kommerziellen Plattform für die Stärkung des kreativen Denkens und die Pflege des kulturellen und künstlerischen Schaffens. Die ARG operiert in einer kommunalen Struktur, die sich aus freiwilligen Helfern, Künstlern und Praktikanten zusammensetzt und mit der Bildungsprogramme, Künstleraufenthalte, Workshops, Gesprächsrunden, Screenings und Ausstellungen realisiert werden.

Für die Eröffnung ihrer temporären Räumlichkeiten im März 2009 im Al Aali Shopping Complex organisierte die Al Riwaq Gallery eine gewagte Schau mit dem Titel Die ultimative Erfahrung, in der es um die Auswirkungen der Konsumkultur auf die Gesellschaft ging. Gezeigt wurden Videos, Fotografien, Mixed-Media-Arbeiten und Gemälde von jüngeren Künstlern aus Bahrain und anderen Ländern. Die Ausstellung bewirkte einen unerlässlichen, kritischen Dialog über zwanghaftes Konsumverhalten in der Golfregion, was durch eine Gesprächsrunde nach der Eröffnung unterstrichen wurde.

Gegenwärtig ist die Al Riwaq Gallery wegen der Renovierung ihres alten Sitzes in Adliya geschlossen. Währenddessen hat sie das Erste Bahrain & Al Riwaq Straßenkunstprojekt ins Leben gerufen, bei dem jeden Monat ein junges Talent eingeladen wird, die große Leinwand zu bemalen, die außen vor der Baustelle hängt. Zur Wiedereröffnung der ARG im November 2009 ist die erste Einzelausstellung der multidisziplinären Künstlerin Waheeda Malullah geplant.

Eine weitere angesehene Kunstgalerie ist Albareh. Sie wurde 1998 von Haifa AlJishi aus Bahrain gegründet und will frische Perspektiven unterstützen, indem sie verschiedene Kulturen und Kunstrichtungen zusammenbringt. Neben den Galerieräumen hat Albareh zwei Kunstateliers, wo regelmäßig Workshops für Erwachsene und Kinder angeboten werden. Außerdem finden Videovorführungen, Lesungen und solche Diskussionsrunden wie bei Elham statt. Albareh konzentriert sich dieses Jahr weiterhin auf Künstlerinnen und Künstler aus Bahrain und dem Nahen Osten. Sie brachte die vielversprechende junge Künstlerin Mariam Haji aus Bahrain voran und zeigte auch etablierte Namen aus der arabischen Welt. Bis Ende November 2009 sind Werke des aus Algerien stammenden und in Kuweit lebenden Künstlers Hamza Bounoua präsentiert. Die Galerie hat vor, für das Programm 2010 zu expandieren, wozu demnächst Genaueres bekanntgegeben werden soll.

Während in Bahrain Galerien und staatliche Institutionen wie Pilze aus dem Boden schießen, sehen sich die lokalen zeitgenössischen Künstler und unabhängigen Kunstspezialisten nach wie vor mit großen Schwierigkeiten konfrontiert. Die unzureichende Präsenz zeitgenössischer Kunst in der Gesellschaft und das Fehlen von Kunstschulen haben viele junge Leute davon abgehalten, eine berufliche Laufbahn auf diesem Gebiet einzuschlagen. Hinzu kommt, dass die in den letzten 5 Jahren in Erscheinung getretene junge Künstlergeneration in einem frühen Stadium ihres Schaffens weiterhin Kompromisse eingeht, indem sie auf bewährte Formate zurückgreift, um weiter arbeiten zu können. Dennoch geht mit der Ausbreitung neuer Museen und anderer kultureller Vorhaben der Regierung langsam auch die Schaffung alternativer Strukturen einher, die zeitgenössische und unabhängige Kunstgemeinschaften stärker sichtbar, produktiv und mutiger machen.

 

Mayssa Fattouh

Unabhängige Kuratorin. Lebt in Beirut, Libanon, und in Bahrain.

(Aus dem Englischen: Haupt & Binder)
Nafas
Zurück nach oben