Wenn Kunst zu einseitig orientiert ist

Anmerkungen zur Kunstmesse, insbesondere zu Disorientation II, kuratiert von Jack Persekian.
Von Cristiana De Marchi | Nov 2009

Obwohl eine Kunstmesse die ideale Gelegenheit sein mag, den Puls des Kunstmarkts zu messen, ist sie ganz gewiss nicht gerade der beste Ort, um eine lebendige Kunstszene zu entdecken. Die meisten Galerien ähneln sich in ihrem Bestreben, den vermuteten lokalen Geschmack zu treffen, sowie in ihrer zu offensichtlichen Absicht, Verkaufsrekorde zu brechen und ein finanziell ziemlich aufwendiges "Auswärtsspiel" zu rechtfertigen. Doch, um ehrlich zu sein, bei der diesjährigen Kunstmesse in Abu Dhabi scheint es ein unterschwelliges Gefühl des Neuartigen zu geben, das nicht allein der erstmaligen Teilnahme einiger renommierter internationaler Galerien zuzuschreiben ist. Der Kunstmarkt kann wie ein Schachspiel sein, bei dem die Anwesenheit von Gagosian, White Cube oder Hauser & Wirth die Auswahl der Werke beeinflusst haben könnte, die andere europäische und amerikanische Galerien ins Feld führen, wobei internationale Klassiker wie Dennis Hopper, Louise Bourgeois, Piero Manzoni sowie Andy Warhol, Alighiero Boetti, Subodh Gupta und Damien Hirst, mit denen man sich immer auf der sicheren Seite wähnt, gegenüber den arabischen und iranischen Künstlern im Vorteil sind.

Tatsächlich ist die Abu Dhabi Art entgegen den offiziellen Verlautbarungen noch immer strikt den ursprünglichen Pariser Connections verbunden (The Wings Party von Fabrice Bousteau; die Beteiligung der Sorbonne an Gesprächsrunden und Vorträgen; die Partnerschaft des Louvre bei der Präsentation von Yan Pei-Mings imposantem Projekt The Funerals of Mona Lisa), und das ständig erwähnte internationale Konzept wirkt eher nominell als substanziell.

Es gab viele parallele Veranstaltungen, von denen zwei lobenswerte besonders hervorgehoben werden sollen: Zum Einen das Bidoun Bibliotheksprojekt, eine mobile "Sammlung von Büchern, Katalogen, Zeitschriften und Ephemera über zeitgenössische Kunstpraxis sowie die Entwicklung der verschiedenen Kunstszenen im Nahen und Mittleren Osten", die als ein Service für die lokale Bevölkerung gedacht ist und auf eine Langzeitwirkung abzielt. Die zweite ist die Lounge für etablierte Organisationen und Stiftungen für zeitgenössische Kunst aus der Region (Townhouse, Kairo; Al Ma’amal, Palästina; Darat al Funun, Jordanien), die jetzt unglücklicherweise verlassen bleibt, womit sich ihre Bedeutung als eine Ort der Auseinandersetzung für Kunstliebhaber und -spezialisten erledigt hat.

Was von der Erinnerung an die Messe übrigbleibt, scheint vor allem die Ausstellung Disorientation II (noch bis 20. Februar 2010) zu sein, ein Gemeinschaftsprojekt der Tourismus Entwicklungs- und Investmentgesellschaft (TDIC) von Abu Dhabi und der Sharjah Art Foundation. Demgegenüber ist die andere stark in die Medien lancierte Schau Signature (kuratiert von Anne Baldassari) im Grunde nur eine Replik der "Black Box" von Emirati Expressions [1], geschrumpft und frustrierend wie es innerhalb der Grenzen eines normalen Messestands nur sein kann und definitiv nicht zum Vorteil der jungen Talente aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, die hier erneut gezeigt wurden.

Disorientation II stellt eindeutig eine Verbindung zu der 2003 in Berlin gezeigten, auch schon von Jack Persekian kuratierten Schau DisORIENTation [2] her, nun jedoch in einer Umkehrung der Perspektive: während die Ausstellung von 2003 den voyeuristischen Blick der westlichen Politik auf den Nahen Osten mit dessen Radikalismus konfrontierte, ist die Nachfolgeversion als Insiderperspektive gemeint und bezieht sich auf "die Ära des ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel Nasser (1918-1970) als einen Bruch, in dessen Folge die Auswirkungen des Scheiterns des pan-arabischen Einigungsplans [...] fragile Strukturen hervorbrachten", um "eine utopische Ära mit der heutigen Realität" zu konfrontieren. [3]

Mit Ausnahme der D II Serie von Tarek Al-Ghoussein, die speziell für diesen Anlass in Auftrag gegeben wurde, sind die meisten ausgestellten Arbeiten dem lokalen und internationalen Publikum schon bekannt. Mona Hatoums Present tense, Marwan Rechmaouis Beirut Caoutchouc und Wafa Houranis Qalandia 2047 haben längst große internationale Aufmerksamkeit erhalten und sind des öfteren als "repräsentativ" für die Problematik des Nahen Ostens ausgewählt worden. Es ist gewiss unangenehm, wenn westliche Kuratoren die Produktion und Themen arabischer Künstler in einer Weise zusammenfassen, die das weitaus reichhaltigere Panorama stark simplifiziert. Aber es stört einen noch weitaus mehr, wenn ein ebensolcher Ansatz bei Kuratoren des Nahen Ostens festzustellen ist, die eigentlich darum bemüht sein müssten, mit der konventionellen, noch immer stereotypen Perspektive zu brechen, mit der sich westliche Kunstspezialisten im Allgemeinen der zeitgenössischen arabischen Kunst nähern.

Kunstwerke bergen im besten Falle multiple Botschaften in sich, und dennoch können sie nur schwerlich allen erdenklichen Konzepten entsprechen und viele verschiedene Auffassungen befriedigen. Und Werke sind keineswegs weniger wertvoll, wenn sie keine explizit politische Ausrichtung haben, denn schließlich sollte Kunst nicht ideologisch sein, obschon sie durchaus politisch engagiert sein kann. Die gezeigten Arbeiten sind meist nicht allzu polemisch, einige von ihnen sind sogar sehr intim (so Hala Elkoussys Über rote Fingernägel, Palmen und andere Bildzeichen, gezeigt in der 9. Sharjah Biennale 2009) oder richten ihre Kritik nicht direkt an die arabische Welt (in Rochers carrés zieht Kader Attia anschaulich Parallelen zwischen der fehlenden Perspektive algerischer Jugendlicher und den Bedingungen, unter denen die jungen Leute in den Vorstädten europäischer Metropolen leben).

Man fragt sich, warum die zeitgenössische Kunst den Versuchungen nicht widersteht, den Trend der Filmindustrie mitzumachen, Fortsetzungen von Blockbustern zu produzieren. Entweder gibt es gleich eine klare Absicht, und die Realisierung von mehreren, durch koheränte Konzepte miteinander verknüpften Veranstaltungen entspricht einer erklärten kuratorialen Intention, oder aber die späte Entscheidung, Folgeevents zu organisieren, die sich auf die davorliegenden beziehen, belegen bloß eine gewisse Einfallslosigkeit und den Versuch, das Publikum auf leichte Weise zufriedenzustellen.

 

<line>Anmerkungen:</line>

  1. Emirati Expressions, 20. Jan. - 16. April 2009, Abu Dhabi, Emirates Palace. Rezension von Cristiana De Marchi, in: Nafas, Febr. 2009.
  2. DisORIENTation, 20. Märch - 11. Mai 2003, Haus der Kulturen der Welt, Berlin. Fotorundgang, in: Nafas, Mai 2003.
  3. Aus dem kuratorialen Text.


Cristiana De Marchi

Freischaffende Autorin, lebt in Dubai.

(Aus dem Englischen: Haupt & Binder)

19. - 22. Nov. 2009

Abu Dhabi Art
Emirates Palace
Vereinigte Arabische Emirate
Website



Disorientation II
Aufstieg und Fall arabischer Städte

Künstler/innen aus dem Nahen Osten, kuratiert von Jack Persekian

19. Nov 2009 -
20. Febr. 2010
Manarat Al Saadiyat
Saadiyat Island
Abu Dhabi

Nafas
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