Tarek Al-Ghoussein: D-Serie

Konstellationen von Landschaft, ephemerem Raum und Figur in Fotos der \"D-Serie\".
Von Kevin Mitchell | Okt 2008

Die Bilder aus der D-Serie von Tarek Al-Ghoussein, die derzeit in der Singapur Biennale gezeigt werden, erkunden die Grenzen zwischen der Landschaftsfotografie und dem Selbstporträt. Im Gegensatz zur früheren Serie Selbstporträts, in der sich Al-Ghoussein als Verkörperung von Stereotypen inszeniert, präsentiert die D-Serie eine Erzählweise, die von der Darstellung des Kampfes um die Selbstdefinition befreit zu sein scheint. Hinsichtlich des Erscheinungsbildes der Landschaft geht es nicht darum, existierende Bedingungen zu dokumentieren, sondern um das Potenzial eines bestimmten Ortes, reziproke Beziehungen zwischen dem Kontext und der Figur herzustellen.

Die im Schaffen von Al-Ghoussein prominent vertretenen Wände und Figuren sind auch hier zu finden. Doch in der Art und Weise, in der sie benutzt worden sind, um die Komposition zu strukturieren, werden die Wände in der D-Serie als Mittel benutzt, um durch den Dialog mit der Figur Momente visueller Spannungen entstehen zu lassen. Im Vergleich mit früheren Werken sehen wir, dass die Figur in der D-Serie in ihrem Verhältnis zum ganzen Bild kleiner geworden ist, wodurch flexiblere Möglichkeiten des formalen Strukturierens der Fotografien entstehen. Wenn sich zum Beispiel eine Figur vorbeugt, bleibt das Gleichgewicht des Bildes Dank der annähernden Symmetrie und der Tatsache erhalten, dass die Figuren voll von dem durch die Wände entstandenen Raum umgeben sind. Dort wo die Figuren nicht im Zentrum der Komposition stehen, ziehen sie die Aufmerksamkeit oft durch ihr Verhältnis zu den Wänden auf sich. Solche subtilen Gesten betonen die Figur nicht nur in jedem einzelnen Bild, sie stellen für die gesamte D-Serie auch eine visuelle und thematische Kontinuität her.

Ein anderer wichtiger Aspekt der Bilder ist die ephemere Natur der Materialien, die in Veränderungen durch solche Faktoren wie Wind oder die Verwitterung der Oberflächen offenkundig wird. Die natürliche und die konstruierte Landschaft wirken flüchtig und zeitlich begrenzt. Die D-Serie präsentiert mehr oder weniger definierte Räume, die niemals ein Ort zu sein scheinen, der als beherbergend beschrieben werden könnte - der Raum ist zwar abgesteckt worden, jedoch nicht als Behausung geeignet. Sich in die Gefahr einer zu starken Vereinfachung begebend, könnte man Vergleiche mit den Räumen in den Gemälden von Giorgio de Chirico ziehen, insbesondere denen in Die Freuden des Dichters (1913). Doch während de Chirico durch eine Arkade surrealer Ausmaße zumindest das Versprechen eines Schutzes bietet, sind die Räume in der D-Serie unerbittlich und als Herberge ungeeignet.

Al-Ghoussein erwähnte den Aspekt der Vergänglichkeit, und in den in der Singapur Biennale 2008 gezeigten Bildern aus der D-Serie manifestieren sich Ideen, die für sein jüngeres Schaffen von zentraler Bedeutung sind. Durch die Beschaffenheit der gefundenen Strukturen, die von ihnen gebildeten Räume und die sorgfältige Setzung der Beziehung zwischen Figur, Raum und Rahmen entsteht eine Aura der Vergänglichkeit. In der Art, wie sich in der Serie der Wechsel des Lichts vollzieht und die Strukturen zerfallen, werden uns die Auswirkungen der Zeit bewusst gemacht.

Obwohl die Bilder der D-Serie weite offene Räume implizieren, ist das Empfinden von Ortlosigkeit und Melancholie spürbar. Die Fotografien rufen eine Zeile von Noël Arnauds L’état d’ébauche in Erinnerung: "Ich bin der Raum wo ich bin". Die in den Bildern der D-Serie aufgebaute Szenerie erlaubt es Al-Ghoussein, zentrale Themen seines Schaffens zu erkunden und, was vielleicht noch wichtiger ist, weil die Serie über ein persönliches Ringen um Selbstdefinition hinausgeht, wir alle als Betrachter sind aufgefordert, unsere eigenen Beziehungen zu den Räumen, in denen wir uns aufhalten, zu überdenken.

 

Kevin Mitchell

Assoziierter Professor für Architektur und Leiter der Grund- und Aufbaustudienprogramme der American University of Sharjah, Vereinigte Arabische Emirate.

(Aus dem Englischen: Haupt & Binder)

Ohne Titel (D-Serie)
2008
Digitaldrucke auf Leinwand
jeweils 152 x 229 cm

Nafas
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