Soly Cissé: Eine verlorene Welt

Neue Gemälde und Zeichnungen des senegalesischen Künstlers in der Galerie Dany Keller, München
Von Hanne Weskott | Dez 2008

Der Künstler Soly Cissé lacht gerne. Er wirkt glücklich und zufrieden. Dazu hat er auch allen Grund. Schließlich zählt er mit seinen 39 Jahren zu den international bekanntesten Künstlern seiner Heimat Senegal. Er vertritt sein Land weltweit in großen Ausstellungen und auf Biennalen wie in São Paulo, Havanna und natürlich Dakar, der Stadt in der er 1969 geboren wurde und wo er heute noch lebt. Auch in Europa waren seine Werke schon mehrfach zu sehen. Er hatte Einzelausstellungen im Luiggi Pecci Museum in Prato, Italien, im Rautenstrauch-Joest Museum, Köln, in der maerzgalerie Leipzig, in der Galerie La Trace in Paris und aktuell bis zum 20. Dezember in der Galerie Dany Keller München. Hier zeigt er unter dem Titel "Existenzen" Bilder, Zeichnungen und Pastelle.

Sieht man sich diese Ausstellung näher an, will man an den fröhlichen und glücklichen Menschen Soly Cissé nicht mehr so recht glauben. Was er uns in seinen Bildern präsentiert, ist keine heile, sondern eine verlorene Welt, die dem Untergang geweiht ist. Mit den sich häufenden Katastrophen bekommt die Menschheit einen bitteren Vorgeschmack auf das Ende zu spüren. Besonders die Tiere haben es Cissé angetan, weil er zu ihnen seit seiner Kindheit eine ganz besonders enge Beziehung hat, sie aber nach den traditionellen Regeln seiner Religion als Erwachsener nicht mehr berühren darf, wenn er nicht unrein werden will. Um ihnen trotzdem nahe zu sein, malt er sie, allerdings nicht spezifisch, sondern so, wie sie ihm in den Sinn kommen. Deshalb gleichen sie in seinen Bildern oft eher Fabelwesen als lebendigen Tieren, wie wir sie aus der Biologie kennen. Er malt sie mit vor Schreck aufgerissenen Mäulern und entblößten Zähnen, so dass man glaubt, ihre Klagelaute zu hören. So auch in dem großen Bild "Victims of Inundation", in dem die Wassermassen alles mitreißen. Darin bezieht sich Cissé wie oft in seinen Bildern auf ein Erlebnis oder zurückliegendes Ereignis. In diesem Fall war es eine Überschwemmung mit schrecklichen Folgen für Mensch und Tier in Dakar vor drei Jahren. Das hat ihm wieder einmal klar vor Augen geführt hat, dass die Welt in eine Richtung steuert, die nicht mehr zu lenken ist. Und darauf will er mit seiner Kunst aufmerksam machen. Soly Cissé hat also trotz aller Fröhlichkeit eine sehr ernsthafte Botschaft.

Aber es geht ihm nicht nur um Umweltkatastrophen, sondern auch um den Verlust dessen, was die eigene kleine Welt liebens- und lebenswert macht. Dazu gehört die Tradition, die dem Leben der Menschen einen Rhythmus verleiht und das Zusammenleben ordnet. Sie setzt Grenzen, woraus sich ein respektvolles Miteinander ergibt. Heute hingegen erkennt Cissé eine große Unsicherheit, besonders bei jungen Menschen. Sie sind gerade in einer Millionenstadt wie Dakar so vielen Einflüssen ausgesetzt, dass sie kaum noch Halt finden. In der Zeichnung "Lost World" zeigt er ihre Chancenlosigkeit. Diese jungen Leute wirken nackt, bloß, orientierungslos und verzerrt. Sie leben wie Tiere auf der Straße und haben keinen Halt.

Immer wieder überschreibt Cissé seine Bilder mit Zahlenreihen, die an die barcodes im Warenverkehr erinnern. Alles ist gezählt, gewogen und eingeordnet, nur der Mensch weiß seinen Platz in der Welt nicht mehr. Er ist wie der "Tänzer in den Bergen" allein und auf sich gestellt. Aber dort findet er wenigstens in den Tieren Zuschauer. Nur braut sich auch in der Natur etwas Unheimliches zusammen. Demzufolge hat die Malerei von Cissé etwas Schrundiges, Aufgewühltes, ja sogar Bedrohliches. Manchmal kaschiert er die Leinwand mit dünnem Papier, damit er in der Oberfläche Strukturen erhält, die wie Narben wirken und an das Netz der Risse im Firnis der Altmeister erinnern. Aber Cissés Bilder sind trotz aller inhaltlichen Belastung durch die aufwühlende Thematik keine moralischen Zeigefinger, sondern Kunst. Und das löst so manche Beklemmung. Zwischendurch kann der Betrachter auch aufatmen, weil sich das vermeintlich Schreckliche in einem Bild als ganz harmlos herausstellt. So in "After the Train", in dem Gleise ins Nirgendwo führen. Rechts und links davon purzeln Tiere durcheinander. Ein Untergangsszenario? Nein, lacht er und weist auf den toten Fisch unter den Schwellen. Kein Wasser weit und breit, wo kommt der Fisch her? Er stammt von einem Marktstand, weil die Frauen in Senegal ihre Stände am Markttag mit Vorliebe im Gleisbett der Züge aufbauen. Wenn dann ein Zug mit lautem Getöse naht, fliehen alle ganz schnell mit ihrer Habe, und da kann dann auch mal ein toter Fisch verloren gehen.

Soly Cissé ist hat also auch durchaus Sinn für die Komik des Alltags. Er skizziert viel, beobachtet Menschen und Tiere, wie sie sich geben, was sie für Gesichter und Fratzen schneiden. Damit sucht er sozusagen sein Vokabular, aus dem er dann Bilder schaffen kann. Aber nie sind seine Bilder eine direkte Umsetzung des Gesehenen oder Erlebten, sondern immer eine Transformation. Die Wirklichkeit ist für Cissé Anlass und Vorwand zugleich, um Kunst zu machen.

 

Hanne Weskott

Studierte Kunstgeschichte; arbeitet als freie Kuratorin, Publizistin und Kunstkritikerin in München.

Existenzen
Gemälde und Zeichnungen

11. Nov. - 20. Dez. 2008

Dany Keller Galerie
Agnesstr. 47
Deutschland
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Nafas
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