Layla Juma

\"Die Schöne und das Biest\" - eine winzige Skulptur aus Kaugummi und große Fotografien davon.
Von Cristiana De Marchi | Okt 2008

Es ist das Vorrecht junger Leute, zunächst verschiedenen Möglichkeiten zu folgen, bevor man seinen eigenen Weg findet. Und auch die Künstler können sich kaum dem entziehen, was eher eine Regel als eine Gewohnheit zu sein scheint. Zuerst probierte sich Layla Juma in der Malerei aus, indem sie versuchte, für eines ihrer bevorzugten Themen Formen zu finden, nämlich die Unvollkommenheit. Diese frühen Werke sind eine Mischung aus Fertiggestelltem und Unvollendetem, ein Nebeneinander verschiedener Phasen künstlerischer Produktion, allerdings ohne dass diese sich vermischen würden. Und genau diese Dichotomie findet ihren Ausdruck in der einzigen von Layla bislang geschaffenen Skulptur "Die Schöne und das Biest", einem künstlerischen Versuch hinsichtlich der Miniaturisierung, der ureigenen Armut des Materials (Kaugummi) und insbesondere der Simplizität der Mittel, die in der Tat ein Ausdruck des Dranges der Künstlerin sind, dem Material ihren Stempel aufzudrücken, es sich anzueignen und in transformierter Form zurückzugeben.

Diese Arbeit wurde für die 2. Singapur Biennale ausgewählt, wo sie gegenwärtig zu sehen ist. Was für ein Spleen, denn eigentlich drückt sich Layla mit anderen Mitteln aus, vor allem mit Computer generierten Bildern und 3-D-Objekten. Doch hier geht es um die physikalische Dimension, den Akt des Kauens, das zwar nicht privat sein mag, aber gewiss intim und streng mit dem Körper verbunden ist. Fast wie eine Ausscheidung kommt diese Arbeit aus dem Körper der Künstlerin und ist das Resultat eines Akts des Widerstehens. Nichtsdestotrotz gibt es einen latenten ironischen Aspekt, eine entmystifizierende Herangehensweise an die edle Kunst der Skulptur. Das Sujet auf ein serielles und leicht zugängliches Produkt zu reduzieren, alle erdenklichen "äußeren" Werkzeuge des Bildhauers für das Formen des rohen Materials zu einer Schöpfung zu eliminieren und selbst auf das Atelier, den Raum für den künstlerischen Ausdruck, zu verzichten, ist eine Art, mit Konventionen zu brechen. Und darüber hinaus die Verwirklichung einer Intuition...

Die Präsentation von "Die Schöne und das Biest" bei der Singapur Biennale 2008 ist durch einen starken Kontrast gekennzeichnet: einen Kontrast in den Proportionen und in der Wahrnehmung. Die Miniaturskulptur ist in einem überdimensionalen Glaskasten ausgestellt und vergrößerte Aufnahmen davon hängen an den Wänden. Wenn die Besucher direkt auf die Skulptur schauen, werden sie wahrscheinlich nicht viel sehen können, und wenn sie auf die Details an den Wänden blicken, werden sie nur eine Reproduktion des Kunstwerks vor sich haben.

In der Tat ist das Thema der Dichotomie eine Konstante in Laylas Schaffen: "Form und Raum" (2005), "Zwillinge" (2007), "Kombination" (2007), "Konstanten und Variablen" (2008) beziehen sich alle auf eine Konfrontation oder eine umgekehrte Perspektive. Solche Themen wie Verdopplung, Mischung, binäre Beziehung sind auf immer neue Weise gelöst und folgen einer absolut nicht vorgeprägten Dynamik. In diesen Werken ist zu erkennen, welchen Vorbildern sie verbunden ist: in erster Linie Hassan Sharif und Mohammed Kazem. Sharifs "Semi-Systeme" und Kazems "Autobiografie" scheinen von großem Einfluss auf die künstlerische Praxis von Layla Juma zu sein. Über "Konstanten und Variablen" sagt die Künstlerin: "Mein Werk zeigt ... mit meinem persönlichen Leben verbundene Details oder Informationen." Und die Häufigkeit der Wiederholungen mit leichten Variationen, zusammen mit ihrem Erkunden von Formen und deren unendlichen Kombinationsmöglichkeiten reflektieren ganz klar Hassan Sharifs unerschöpfliche Forschungen über Positionen in Zeit und Raum.

Ihre letzten Werke - Computer generierte Zeichnungen - wagen eine neue Richtung: die Wiederholung geometrischer Formen bleibt eine Eigenheit ihrer Arbeitsweise, jetzt übersetzt in eine dreidimensionale Produktion. Aus der Linearität generierter Formen werden Projekte für Objekte, Skulpturen, Monumente. Gebrochene Linien, nicht geschlossene, unterbrochene, zusammengefasste Formen, ineinander gefügt, sind die Sprache und der Dialog, von denen Layla Juma still geleitet wird, nachgerade als Zeugnis einer Fragmentierung und Überschneidung menschlicher Erfahrungen mit einem lebendigen Interesse für das Resultat ihres Zusammentreffens.

Cristiana De Marchi

Freischaffende Autorin, lebt in Dubai.

(Aus dem Englischen: Haupt & Binder)

Die Schöne und das Biest. 2006
Skulptur aus Kaugummi, Fotografien davon

Nafas
Zurück nach oben