Khatt Foundation

Arabische & nahöstliche visuelle Kultur und Design. Interview mit Huda Smitshuijzen AbiFarès.
Von Pat Binder & Gerhard Haupt | Nov 2008

Die Khatt Foundation wurde 2004 in Amsterdam als eine nicht-kommerzielle Kulturstiftung gegründet. Sie widmet sich der Forschung und Entwicklung auf dem Gebiet des Designs durch Projekte und Programme, bei denen es vor allem um die Erneuerung der Tradition der angewandten Künste der arabischen Welt und des Nahen Ostens geht (aus den Kulturen selbst heraus). Das Wort khatt bezieht sich nicht nur auf schreiben, Schrift, buchstabieren, Kalligraphie und typografischen Stil. Es bedeutet auch Linie im Sinne von einem Strich auf einer Seite ... einer Linie des Denkens... einer Richtung...

Haupt & Binder: Was war Ihre Linie des Denkens als sie beschlossen, Khatt zu gründen? Welchen Zusammenhang gibt es zwischen dieser Initiative und Ihrem eigenen Hintergrund und Ihrer persönlichen Erfahrung?

Huda Smitshuijzen AbiFarès: Die Grundidee bestand darin, eine Kulturstiftung für die Entwicklung von arabischer Typographie und Design in der arabischen Welt und dem Nahen Osten zu schaffen, die eine Plattform für den Aufbau kulturübergreifender Netzwerke bieten kann und einen Bildungsauftrag erfüllt, indem sie das Bewusstsein für die vitale Rolle stärkt, die Design beim Aufbau einer nachhaltigen Umwelt spielen kann, Konferenzen und Foren ausrichtet und Publikationen herausgibt. Ein Ziel besteht darin, Brücken zu bauen und Dialoge zwischen Ost und West durch Design und Typographie herzustellen (die visuellen und geschriebenen Aspekte von Kommunikation). Ein weiteres Ziel ist es, das Erbe der islamischen angewandten Künste in ein zeitgenössisches Design und einen neuen Medienkontext einzubringen und die arabische Jugend an dieses Erbe heranzuführen und sie zu Innovationen zu ermutigen, indem Verbindungen zu dieser kulturellen Traditionen hergestellt werden.

Als Grafikdesignerin, die an einigen der besten Kunstschulen der USA ausgebildet wurde (Rhode Island School of Design und Yale University), kam ich Anfang der 1990er Jahre in den Nahen Osten zurück (zuerst nach Beirut und dann nach Dubai), um als Designerin zu lehren und zu arbeiten. Ich stellte einen großen Nachholbedarf hinsichtlich der Fertigkeiten und des Wissens über Design, Typographie und die angewandten Künste im Allgemeinen fest. Wir arabischen Designer haben immer im Westen Inspiration, Vorbilder oder Qualitätsmaßstäbe gesucht. So lehrte ich schließlich 12 Jahre an amerikanischen Bildungseinrichtungen (American University von Beirut und später der American University in Dubai). Wenn wir über Design nachdachten, haben wir uns kaum Zeit genommen, unser arabisches und islamisches Erbe zu untersuchen und zu studieren. Ich musste mir erst selbst etwas über mein eigenes arabisches künstlerisches Erbe beibringen, als ich mein erstes Buch "Arabic Typography" schrieb. Ich stellte fest, dass wir auf unser Erbe schauen müssen, dieses aber nicht bloß kopieren dürfen, sondern das herausziehen, was funktioniert, es mit neuen Leben erfüllen und neue Techniken benutzen sollten, die mit der Wirklichkeit in den heutigen arabischen Gesellschaften zu tun haben. In diesen gibt es Charakterzüge, die über nationale Grenzen hinweg reichen und andere, die wiederum die Unterschiede zwischen verschiedenen arabischen Nationen hervorheben und diese in den Reichtum der arabischen und nahöstlichen visuellen Kultur einbringen.

H&B: Könnten Sie einige Aktivitäten und Veranstaltungen nennen, die Khatt organisiert hat, um die Ziele der Stiftung zu erreichen?

HSA: Die Aktivitäten, die von der Khatt Foundation bis jetzt realisiert worden sind, haben den Aspekt der Bildung als übergreifende Gemeinsamkeit - in einem weiten Sinne, mit arabischer Typographie und zeitgenössischem Design als verbindenden Themen. Wir sehen die arabische Schrift als den einfachsten und abstraktesten Baustein aller angewandten Künste in den arabischen und islamischen Kulturen (und ein emblematisches und entscheidendes visuelles Identifikationselement bzw. eine gemeinsame Basis dieser verschiedenen Kulturen), und wir bemühen uns, diese als einen Kern aller unserer Aktivitäten beizubehalten. Einige Beispiele:

- Kitabat, die erste Konferenz für arabische Kalligraphie und Typographie (2006, in Zusammenarbeit mit Linotype und der American University in Dubai). Es war das erste große Projekt, das die Vergangenheit und die Zukunft miteinander kombinierte, indem es sich der Geschichte der geschriebenen Schrift, ihrer Entwicklung als Typographie und ihrer Verbindung zu zeitgenössischem Design und Technologie widmete.

- Das "Typographic Matchmaking Project (version1.0)" war ein dreijähriges Projekt, das arabische und holländische Schriftgestalter dazu brachte, gemeinsam 5 neue arabische Fonts zu entwickeln, die mit lateinischen zusammenpassen, wobei 5 zweisprachige Fontfamilien insbesondere für zweisprachige Publikationen geschaffen wurden. Das Projekt ist in einem Buch zusammengefasst, das den Prozess dokumentiert und Regeln und Richtlinien für Designer aufstellt, die etwas Ähnliches vorhaben. Das Buch wurde mit den arabischen Fonts herausgegeben, die von vielen Institutionen sowie von Studenten und Fachleuten im Nahen Osten benutzt werden, Designpreise gewonnen haben und ein Beitrag zum Fortschritt der zeitgenössischen typographischen Gestaltung in der Region sind. Das Buch wurde mit dem Symposium Khatt Kufi & Kaffiya über zeitgenössische arabische visuelle Kultur in Amsterdam öffentlich vorgestellt, und die Fonts sind in der Mockshop-Ausstellung El Hema gezeigt worden, die in einer Zusammenarbeit zwischen jungen arabischen und holländischen bzw. europäischen Designern realisiert wurde.

Wir sind gerade dabei, das "Typographic Matchmaking project (version2.0)" zu initiieren, das auf Typographie in der urbanen Umwelt fokussiert ist und eine Verbindung zwischen Platzgestaltung, Architektur und zweisprachiger Typografie (lateinisch und arabisch) in Dubai und Amsterdam herstellt. Dieses Mal wird das Projekt Kooperationen zwischen arabischen und holländischen Schriftgestaltern und Architekten einbeziehen. Darüber hinaus entwickeln wir derzeit eine Wanderausstellung mit dem Titel "Orientalia: Lead, Light & Letters", die das Design-Erbe Europas und der arabische Welt zueinander in Beziehung setzt.

H&B: Im August 2007 wurde das Online-Netzwerk der Khatt Foundation gestartet. Welche Dynamik und Synergien bewirkt eine solche Netzwerkstruktur und welche Vorteile bietet sie den Involvierten?

HSA: Das Online-Netzwerk stattet die Mitglieder und die Kultur und das Design in der Region im Besonderen mit einem internationalen Erscheinungsbild aus. Es bringt auch Leute, die sich andernfalls kaum getroffen oder voneinander erfahren hätten, durch gemeinsame Interessen zusammen oder durch zufälliges Browsen, bei dem man auf jemand stößt, mit dem man gern über berufliche Kooperation und/oder soziale Interaktion und Unterstützung sprechen möchte. Es geht über physische Grenzen hinaus und ist unmittelbar und kostengünstig.

H&B: Wer sind die Mitglieder und Besucher des Netzwerks und wo kommen sie her. Wie wir sahen, ist die Website überwiegend in Englisch...

HSA: Die Mitglieder sind im allgemeinen Designer und bildende Künstler und Akademiker mit arabischem oder muslimischem Hintergrund, sowie auch Europäer und Amerikaner, die sich für die Kulturen der arabischen Welt und des Nahen Ostens interessieren. Im Prinzip ist das eine offene Community mit Inhalten, die von deren Mitgliedern beigesteuert werden. Die Sprache ist in erster Linie Englisch, weil diese international ist und die meisten Mitglieder in Englisch publizieren. Aber die Website ist technisch auch für andere Sprachen eingerichtet. Für die Zukunft planen wir für bestimmte Sektionen der Site eine redaktionelle Betreuung und mehr Übersetzungen, aber das hängt von den Mitteln ab, die wir für diesen Zweck beschaffen können.

H&B: Wie geht die Stiftung mit kommerziellen und nicht-kommerziellen Projekten und Ergebnissen um, wenn sie mit Partnern aus der Industrie kooperiert?

HSA: Wir bleiben bei Projekten, die eine kulturelle Relevanz haben und unseren Zielen entsprechen, und wir versuchen an welchen zu arbeiten, deren Ergebnisse junge arabische und nahöstliche Designer und/oder die dortige Kultur fördern. Unser Interesse an kommerziellen Aspekten hat mit der Tatsache zu tun, dass Artefakte ein demokratischerer Weg sind, eine Botschaft über den Kunstbereich hinaus einem größeren Publikum zu vermitteln, und wir möchten Dinge schaffen, die Kunst sind, die eine indirekte soziale Botschaft haben können, aber auch einem pragmatischen Zweck dienen (wie Fonts, zum Beispiel).

H&B: Die Khatt Foundation hat gerade eine Ausstellung in der Traffic Design Gallery in Dubai eröffnet, in der die Ergebnisse eines Wettbewerbs gezeigt werden, der dazu dienen sollte, "Wandsticker mit einem unverkennbar nahöstlichen Touch" zu entwerfen. Wie viele Einsendungen hat es auf die Ausschreibung gegeben und wie würden Sie diese Erfahrung zusammenfassen?

HSA: Das letzte Projekt, das wir über das Khatt-Netzwerk gestartet hatten, war dieser Wettbewerb für die erste Khatt Design Kollektion mit dem Titel Project Mulsaq. Die Teilnahme war sehr zufriedenstellend, denn wir haben etwa 150 Einsendungen erhalten und daraus 19 Entwürfe ausgewählt, die wir gerade ausstellen und von denen Mosaiques eine limitierten Auflage von Wandstickern für die Innengestaltung produziert, die über verschiedene Kanäle in der Region und darüber hinaus verkauft werden. Die Ausstellungseröffnung war sehr gut besucht und viele Leute kamen ein paar Tage später zurück, um Wandsticker für ihr Zuhause oder ihr Büro zu erwerben.

 

Pat Binder & Gerhard Haupt

Herausgeber von Universes in Universe - Welten der Kunst und des Nafas Kunstmagazins. Leben in Berlin.

(Aus dem Englischen: Haupt & Binder)

Khatt Foundation
Van Tuyll Van Serooskerkenweg 142
Niederlande
Website Email

Projekt Mulsaq
Erste Khatt Design Collection von Wandstickern

Traffic Gallery
Al Barsha, Dubai
Vereinigte Arabische Emirate

13. Nov. - 5. Dez. 2008

Nafas
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