Ghazel: HOME (stories)

Home (stories): ein Filmprojekt mit Asylbewerbern und \"illegalen\" Migranten in Mestre und Venedig.
Von Christian Kravagna | Dez 2008

Der Film HOME (stories) basiert auf einem Performance-Projekt, das die in Paris lebende iranische Künstlerin Ghazel im September 2005 im Rahmen des 37. Theaterfestivals der Biennale Venedig erarbeitet hatte. Die Performance HOME war das Ergebnis eines Workshops mit Asylbewerbern und "illegalen" MigrantInnen ("Sans Papiers", "Clandestini") in Mestre und Venedig. Die Frauen, Männer und Jugendlichen aus Afghanistan, Albanien, Kongo, Iran, Elfenbeinküste, Kosovo, Kurdistan und Rumänien präsentierten unter Zuhilfenahme unterschiedlicher Darstellungsmittel wie Zeichnung, Erzählung und Pose jeweils eine Vorstellung von Heimat bzw. Zuhause, die sich auf Erinnerungen an die Vergangenheit, eine imaginierte Zukunft oder auf das prekäre Stadium des Wartens in den Transitzonen von Flüchtlingslagern beziehen konnte. Zwei Jahre später, im Herbst 2007, ist die Künstlerin nach Italien zurückgekehrt, um mit denselben Personen – zumindest denen, die nicht mittlerweile in ihre Herkunftsländer zurückgekehrt waren oder dorthin abgeschoben wurden – an der Filmversion des Projekts zu arbeiten. Entstanden ist dabei ein 43 Minuten langer Film, der zwar aus der ursprünglichen Performance einige wesentliche Elemente aufnimmt, wie die Maskierung der Akteure und die Varianz ihrer Darstellungstechniken, nun aber auch mitberücksichtigt, was sich am aufenthaltsrechtlichen und sozialen Status der MigrantInnen in der Zwischenzeit geändert hat.

HOME (stories) zeichnet sich künstlerisch vor allem dadurch aus, dass der Film die konkreten Geschichten seiner ProtagonistInnen zwar sehr ernst nimmt, jedoch weit entfernt ist von den im Segment der künstlerischen Auseinandersetzung mit Migration und der Illegalisierung von MigrantInnen verbreiteten Dokumentarismen. HOME (stories) legt es nicht darauf an, mit möglichst dramatischen Schilderungen von Flucht, Vertreibung und Diskriminierung Aufmerksamkeit zu erregen, auch wenn von solchen Hintergründen immer wieder etwas zu spüren ist. Vielmehr positioniert er seine AkteurInnen als GestalterInnen ihrer persönlichen Überlebensstrategien und als Interpreten der historischen, politischen und ökonomischen Hintergründe ihrer Flucht. Wenn Marco III angesichts einiger Fotos der venezianischen Lagune, die in anderen Betrachtern Urlaubsgedanken wecken mögen, sagt, er hätte "very bad memories with water," dann lässt sich manches über seinen Weg nach Europa erahnen. Dass der Film kein geschlossenes Bild einer bestimmten Situation zeichnen möchte, sondern mehr an signifikanten Überlagerungen von Erinnerung, Zukunftsprojektion und interimistischer Anpassung an widrige Umstände interessiert ist, zeigt sich schon an seiner Struktur. Die Geschichten von Paola I und Marco I bis Marco VII, wie die italienischen Schutznamen der MigrantInnen lauten, werden in kurzen Einstellungen und narrativen Fragmenten weniger erzählt als montiert, sodass sich aus der relativ raschen Abfolge und mehrfachen Wiederkehr von Momenten der Erfahrung einer Person Querverweise auf andere Geschichten ergeben. Die Maskierung der Akteure, die nicht nur dem Schutz ihrer Identität gilt, sondern auch etwas mit den in der Illegalisierung notwendigen Techniken der Unauffälligkeit und Mimikry zu tun hat, bewirkt dabei eine Verschiebung von der Ebene des "Betroffenen" auf die des repräsentativen Beispiels. Was sind das nun für Erzählfragmente?

Der Film beginnt mit Marco I, der vermummt den Raum betritt, um eine große bunte Zeichnung an die Wand zu hängen. Man mag sich zunächst fragen, was Mond und Sterne mit der Frage von Heimat/Zuhause zu tun haben, bis Marco I (wohl auf kurdisch) sagt, was in der englischen Übersetzung lautet: "I don’t have a home in Kurdistan. I don’t have a home in Europe. Where do I go? On the moon?" Nachdem wir einen schnellen Blick auf Marcos Zeichnung über den Krieg im offenbar irakischen Kurdengebiet werfen konnten, sehen wir in der nächsten Einstellung ganz kurz Marco VII mit seiner Pink Panther-Maske auf dem Fahrrad vorbeifahren, um gleich darauf von Paola I eine penibel ausgearbeitete Zeichnung ihres zukünftigen Salons demonstriert und kommentiert zu bekommen. "Ca c’est future," sagt Paola, die sowohl gebrochenes Französisch als auch gebrochenes Italienisch spricht, was wohl auf einen bereits längeren Aufenthalt in Europa hinweist. Der Umgang mit Sprache in diesem Film ist insofern bemerkenswert, als einige Akteure in ihrer Muttersprache, andere auf Englisch, Französisch oder Italienisch sprechen, was wiederum Abweichungen in der verbalen bzw. untertitelten Übersetzung mit sich bringt. So wird eine filminterne Notwendigkeit mit dem Aspekt von Sprachbeherrschung als migrantischer Lebensnotwendigkeit verbunden. Marco I, der von allen am besten italienisch spricht, hat einen der schönsten Auftritte – falls man in so einem Zusammenhang von Schönheit sprechen kann –, wenn er auf einem nicht genau zu identifizierenden Park- oder Spielplatz mit einer Liebe fürs Detail von seiner Arbeit als Pizzakoch spricht, sodass man den Widerspruch zwischen einem "echten Italiener," den wir in ihm sehen mögen, und einem "Illegalen," den er für das Gesetz darstellt, mehr als plastisch erfährt. Ghazel ist es in HOME (stories) gelungen, ihren Figuren einen Raum der Entfaltung ihrer Imagination zu belassen und sie als ChronistInnen sowohl persönlicher Erfahrungen wie politischer Konstellationen ins Bild zu setzten. Wenn Paola I auf einem Parkplatz allein mit der virtuellen Gestaltungskraft ihres Körpers ihr zukünftiges Haus für eine Familie mit drei Kindern baut, wenn Marco III mit einem geradezu philosophischen Diagramm der Wechselfälle des Lebens auftritt und uns Marco V seine Flucht aus der Elfenbeinküste mit dem aus globalen ökonomischen Interessen resultierenden Bürgerkrieg erklärt, dann konfrontiert uns Ghazel mit zwar politisch marginalisierten und damit in einer Weise sprachlos gemachten Subjekten, betont aber die Potenzialität ihrer Denk- und Handlungsräume.

HOME (stories) markiert gegenüber früheren Arbeiten von Ghazel gewiss einen neuen Ansatz ihres künstlerischen Verfahrens, doch lassen sich sowohl inhaltliche wie formale Kontinuitäten ausmachen, wenn man etwa an Wanted, Plakatarbeiten aus den späten 90er Jahren, denkt, mit denen Ghazel, die selbst von der Ausweisung aus Frankreich bedroht war, sich auf die Suche nach heiratswilligen Männern aus der EU begeben hatte. Auch mit der Me-Serie, jenen seit 1997 produzierten filmischen Miniaturen, die Ghazel im Tschador bei allen möglichen und unmöglichen Handlungen in einem prekären Raum der Dislocation zwischen iranischer und westlicher Gesellschaft zeigten und sie bekannt gemacht haben, weist HOME (stories) Verbindungen auf. Insbesondere in der Figur von Marco VII, der immer wieder, zwischen den etwas konkreter fassbaren Figuren, in besonders kurzen und die Grenze des Absurden streifenden Auftritten eingeschoben wird. Es scheint, als wäre diese Figur, die einmal mit einer Rolle Toilettenpapier die Straße überquert, sich ein andermal mit der Zeitung auf die Straße setzt und dann wieder ganz unauffällig (mit seiner Pink Panther-Maske) vorbeigeht, wobei ihm scheinbar zufällig ein Polizeiauto folgt, so etwas wie die zeitgenössische clandestine Variante des Charlie Chaplinschen Tramps.

 

Christian Kravagna

Kunsthistoriker, Kritiker und Kurator. Professor für Postcolonial Studies an der Akademie der bildenden Künste Wien.

HOME (stories)
2008
43 Min - HD
16:9 Format
Farbe / Schwarzweiß

Nafas
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