Camille Zakharias visuelle Sprache

Sein Projekt Double Vue erkundet das komplexe Zusammentreffen von Altem und Neuem in Bahrain.
Von Sulaf Zakharia | Mai 2008

Die jüngste Ausstellung der Werke von Camille Zakharia,

Double Vue, im Französisch-Bahrainischen Kulturzentrum Maison Jamsheer ist Teil einer Langzeitstudie, die vor 8 Jahren begann. Inspiriert vom Werk von Eugene Atget, der Paris zu Beginn des 20. Jahrhunderts dokumentierte, versuchte sich Zakharia zunächst an einer objektiven Bestandsaufnahme seiner neuen Umgebung. Im Gegensatz zu Atget, der sich moralischer Bewertungen in seinem Werk ganz und gar enthielt, entwickelte Zakharia seine Fotografien bald schon in einer emotional aufgeladenen visuellen Erzählweise, die die Komplexität des Beieinander von Traditionellem und Neuem in einer Studie starker Kontraste erfasst.

In

Double Vue entfernt sich Zakharia visuell von seinem früheren Werk sowohl hinsichtlich des Sujets als auch der Form. Obwohl immer noch sehr persönlich, sind diese Arbeiten weniger introspektiv. Zakharia erkundet dieses Mal seine Umgebung. Während er in seiner Serie

Division Lines den vorsichtigen Versuch unternommen hatte, über sich hinaus zu gehen, ist

Double Vue weitaus direkter und freimütiger. Von daher gibt es in

Double Vue kaum das Versprechen einer "dokumentarischen" Wahrheit.

Trotz der offenkundigen Abwesenheit von Menschen in diesem Werkkomplex geht es dabei dennoch um diese. Zakharia fragt danach, ob es den Menschen möglich ist, auf solche drastischen sozialen Veränderungen, die von dem im urbanen Wachstum am deutlichsten manifestierten neuen Ölreichtum hervorgerufen werden, psychologisch und intellektuell vorbereitet zu sein. Seine Fotos zeigen Zeugnisse eines Volkes, das nostalgisch an den Spuren eines überkommenen Lebensstils festhält.

In dieser Werkgruppe treten Medium und Form hinter das Sujet zurück. Zakharia verlässt (nur zeitweilig, wie er betont) seine Fotocollagen, die bislang sein Markenzeichen waren, um sich statt dessen der Fotomontage und zusammengesetzten Bildern zuzuwenden, die einfacher und emotionaler sind und dem Betrachter erlauben, sich mehr auf den Inhalt zu konzentrieren. Doch weiterhin sind die Bilder deutlich von der Ästhetik seiner Collagen und seiner technischen Zurückhaltung geprägt, was eine subtile, aber souveräne visuelle Harmonie zur Folge hat. Das wird in solchen Werken wie

Grabhügel und

Der Oberst und der Käfer deutlich, in denen Zakharia separate Fotografien fast nahtlos nebeneinander stellte, um die Illusion von Kontinuität zu erzeugen, selbst wenn die Bilder anscheinend so unterschiedlich sind, wie in

Vogelscheuchen.

Zakharia sieht scharfe Kontraste als etwas Natürliches und nicht etwa als gegensätzlich an. In

Drei Gesichter Evas stellt er die Fassade eines Abaya-Geschäfts, ein französisches Revuegirl auf einem eingerahmten Plakat und die Werbung für einen örtlichen Schönheitssalon nebeneinander. In dieser Reihung gibt es keinerlei Bewertung. Auf gewisse Weise wird "jedes fotografierte Ding oder Person - eine Fotografie; und wird deshalb jeder anderen Fotografie [von ihm] moralisch gleichwertig" (Susan Sontag). Jedes Bild ist eine Repräsentation einer Facette des Weiblichen in Bahrain. Zu hastig zusammengebracht, existieren alle drei unbehaglich nebeneinander, und eine jede versucht, ihren Platz neben der anderen zu finden.

Aber Zakharia sieht nicht alle Kontraste Bahrains mit derselben Unparteilichkeit. In seinen Fotografien der Altstadt von Muharraq und der Dörfer von Bahrain ist eine Sentimentalität anzutreffen, die in seinen Bildern der modernen urbanen Landschaften eindeutig fehlt. In

Muharraq 4 fotografierte er die Fassaden der alten Häuser von ganz nahe und erfasste die Textur der Wände, die Risse und die Details der gemusterten Paneele mit der Anteil nehmenden Intimität des Blickes eines Liebhabers. Die Perspektive von unten lässt die Gebäude wie Türme bis in die Wolken reichen und vergrößert deren winzige Gestalt.

Im Vergleich dazu gibt

Neue Entwicklungen die Entfremdung preis, die Zakharia angesichts der neuen urbanen Landschaften empfindet. Die erste Tafel des zusammengesetzten Doppelbildes zeigt ein neu erbautes Haus, das allein in einer kargen Landschaft steht. Das Gefühl der Einsamkeit wird durch die Entfernung, aus der Gebäude aufgenommen wurde und durch die Tatsache, dass keine Straßen dorthin führen, übersteigert. Es ist isoliert. Auf der zweiten Tafel setzt Zakharia die Spitze einer neuen Struktur in einen Rahmen aus Beton und lässt das Bild distanziert und klaustrophisch zugleich erscheinen. Es ist ihm unzugänglich. Zakharia fühlt eine unangebrachte Nostalgie für einen alten Lebensstil, den er ironischerweise in Bahrain nie selbst erlebt hat.

Von seinem Wesen her nomadisch veranlagt, ist sich Zakharia der Vergänglichkeit überaus bewusst, und als würde er dagegen rebellieren, fotografiert er obsessiv, um seine Erinnerungen zu bewahren. Aber wie seine Erinnerungen, so erlangen auch die Bilder bald schon ein Eigenleben, indem er sie in seine eigene, von seinem Urteil und Romantizismus beeinflusste Realität hineinmodelliert.

Zakharia beharrt darauf, dass seine Fotografie eigentlich dokumentarisch ist. Doch seine Vorliebe für das Alte und seine Ambivalenz gegenüber dem Neuen ist schwer zu übersehen. Es bleibt dem Betrachter überlassen abzuwägen, ob er tatsächlich nur die Stimmung des Ortes erfasst hat oder inwieweit er seine Bilder unbewusst durch seine eigenen Anschauungen prägte.

 

Sulaf Zakharia

Freischaffende Autorin, lebt derzeit in Bahrain.

(Aus dem Englischen: Haupt & Binder)

Double Vue

7. - 31. Mai 2008

Centre Culturel Franco Bahreinien - Maison Jamsheer, Muharraq Bahrain

Die Ausstellung wurde organisiert von der Alliance Française de Bahreïn

Nafas
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