Steps of Time & Art is not only ugly

Steps of Time & Art is not only ugly. Zwei Ausstellungen zeitgenössischer Kunst aus Aserbaidschan in Deutschland.
Dez 2008

Nach dem ersten Auftritt Aserbaidschans mit einem eigenen Pavillon bei der Biennale in Venedig 2007, der mit viel internationaler Aufmerksamkeit bedacht wurde, engagiert sich das Land auch weiterhin, seine Kultur im Ausland vorzustellen. So findet 2008 in Deutschland erstmalig ein Aserbaidschan-Jahr statt. Auf der als Europapremiere verstandenen Veranstaltung wird ein breiter Überblick über Literatur, Theater, bildende Kunst, Musik und Tanz gegeben. In diesem Rahmen waren zwei Ausstellungen zeitgenössischer Kunst zu sehen: Steps of Time. Zeitgenössische Kunst aus Aserbaidschan im Dresdner Residenzschloss (13.06. - 20.07.2008) und Art is not only ugly im Lichthof des Auswärtigen Amtes in Berlin (14.07.-07.08.2008).

Steps of Time, Dresden

Steps of Time (Schritte der Zeit) stellte die moderne Kunst Aserbaidschans in drei Kapiteln vor, in denen die Besonderheiten von drei Künstlergenerationen erkennbar werden sollten. Aus der Epoche, in der das Land zur Sowjetunion gehörte, wurden im Kapitel Rückblende Arbeiten von Malern gezeigt, die in den 1920er bis 1940er Jahren geboren wurden. Sie arbeiteten in einer Zeit der Doktrin des sozialistischen Realismus, den sie jedoch besonders in den 1960er Jahren zu modernisieren begannen. Anknüpfend an nationale Traditionen, wie die Teppichkunst mit ihrer reichhaltigen, farbenfrohen Ornamentik und die mittelalterliche Miniaturmalerei, fanden sie zu eigenständigen Bildlösungen jenseits des Ideologie beladenen, erzählerischen Stils. Auch eine Auseinandersetzung mit neoabstrakten Tendenzen der westlichen Kunst der 1960er bis 1980er Jahre gab ihnen neue Impulse. Diese malerische Entwicklung konzentrierte sich am stärksten in der Schule von Absheron, benannt nach einer Halbinsel im Kaspischen Meer, die vielen Malern als Arbeitsort diente. Die große Malerfigur in Aserbaidschan ist jedoch Tair Salachow, bekannt als Vertreter des Strengen Stils in den 1960er Jahren der Sowjetära. Sein 1959 entstandenes Bild Öltanks ist zeitlich gesehen das früheste und wirkt mittels seiner bildgewaltigen kompositorischen Strenge und seiner apokalyptisch anmutenden Farbigkeit angesichts der gegenwärtigen Energiekrise aktueller denn je. Es steht auch in einem herausfordernden Kontrast zu den neuen medialen Kunstformen, die von den jüngeren Künstlern angewandt werden, um schockierende Ereignisse und Prozesse, wie Krieg und Verfall der industriellen Infrastruktur, in Bilder zu fassen.

Ein interessantes Zwischenglied stellt das Kapitel UdSSR-Remix dar, das Arbeiten von Künstlern einbezieht, die ihre eigene sowjetische Prägung künstlerisch hinterfragen. Die Vertreter der mittleren Generation (geboren in den 1950er und 1960er Jahren) reflektieren sowohl ihr persönliches Schicksal als auch kollektive Erfahrungen und verwenden häufig die für sie zum Teil neuen Medien Fotografie, Video und Installation. Hier findet nicht nur ein Überdenken überlebter kultureller Codes statt, sondern auch eine aktive Auseinandersetzung mit künstlerischen Sprachformen. Rena Effendis Fotografie Roboter vor einer sowjetischen Maschinenfabrik von 2006 kontrastiert eindrucksvoll das verrostete Symbol des einst versprochenen technischen und sozialen Fortschritts mit der weitestgehend menschenleeren postindustriellen Landschaft.

Das dritte Kapitel zeigt Arbeiten zumeist sehr junger KünstlerInnen, die die Zeit vor 1991 nur als Kinder erlebt haben und sich heute mit Fragen der nationalen Identität und den Folgen der radikalen ökonomischen und gesellschaftlichen Umwälzungen in ihrem Land beschäftigen. Diese junge Generation ist durch eine Medialisierung der Gesellschaft geprägt und nimmt mit großer Selbstverständlichkeit Tendenzen der internationalen Kunstentwicklung in den eigenen Diskurs auf. So reflektiert z.B. Rashad Alakbarov mit seiner Installation Made in China das Verhältnis der durch chinesische Billigwaren geprägten Massenkultur in der globalisierten Welt zur einstigen asiatischen Hochkultur, die lediglich als Schatten ihrer selbst aufscheint.

Die Ausstellung wurde von den beiden Künstlerinnen Leyla Akhundzade und Sabina Shikhlinskaya zusammen mit Mathias Wagner von den Dresdner Kunstsammlungen konzipiert. Leyla Akhundzade, die auch Kuratorin und Professorin für Kunstgeschichte an der Staatlichen Kunstakademie ist, hatte Ende der 1990er Jahre, als sich die soziale und politische Lage in Aserbaidschan nach dem Krieg mit Armenien und innenpolitischen Spannungen wieder stabilisiert hatte, den Künstlerverband Zamanyn ganadlany (Flügel der Zeit) gegründet. Diese Assoziation organisierte die ersten Ausstellungen zeitgenössischer Kunst und bot gerade auch jungen Künstlern ein öffentliches Forum. Vor allem Arbeiten dieser Generation waren im Pavillon Aserbaidschans bei der Biennale Venedig 2007 zu sehen, dessen Kommissarin und Kuratorin Leyla Akhundzade war.

Art is not only ugly, Berlin

Auch die Ausstellung Art is not only ugly (Kunst ist nicht nur häßlich) im Lichthof des Auswärtigen Amts in Berlin wurde von Leyla Akhundzade kuratiert. Der Titel nimmt auf eine Herausforderung Bezug, vor die sich aserbaidschanische Künstler heute durch den internationalen Kunstdiskurs gestellt sehen: Es geht um die Bewahrung traditioneller künstlerischer Werte, wie des ästhetisch Schönen, und die gleichzeitige Reflexion aktueller gesellschaftlicher und künstlerischer Entwicklungen. Leyla Akhundzade schreibt über die aserbaidschanische Kunst, dass der Bannkraft und der Diktion des Realistischen stets der Traum von einer anderen und wunderbaren Welt entgegengesetzt wird.

In dieser Ausstellung ist auch deutlich geworden, dass die künstlerischen Entscheidungen nicht an die Präferenz bestimmter künstlerischer Ausdrucksformen gebunden sind. Neben Malerei und Skulptur waren Videoarbeiten, Fotografie und Installationen zu sehen. Die Werke der schon in Venedig vertretenen KünstlerInnen Rashad Alakbarov, Orkhan Aslanov, Rena Effendi und Rauf Khalilov zeigen die ambivalente Beziehung zwischen Schein und Sein, zwischen Traum und Realität. Aber auch die Malerei von Niyaz Najafov und Vugar Muradov spürt auf unterschiedliche Weise dem Fantastischen nach und transformiert es in eine poetische Wahrnehmung der Welt.

Beide Ausstellungen wurden vom Ministerium für Kultur und Tourismus der Republik Aserbaidschan und der Botschaft der Republik Aserbaidschan in Deutschland initiiert. Die Dr. Gabriele Minz GmbH, die das Kulturjahr konzipiert hat, war ein wichtiger Partner.

KünstlerInnen in Steps of Time, Dresden

Rückblende: Kamal Ahmad, Eldar Gurbanov, Farhad Khalilov, Javad Mirjavadov, Ashraf Murad, Altay Sadigzade, Tair Salachow, Mir Nadir Zeynalov
UdSSR-Remix: Yeshim Agaoglu, Leyla Akhundzade, Sanan Aleskerov, Chingiz Babayev, Rena Effendi, Hussein Hagverdiyev, Bahram Khalilov, Aga Ousseinov, Sabina Shikhlinskaya
Aserbaidschan heute: Faig Ahmed, Rashad Alakbarov, Babi Badalov, Teymur Daimi, Elshan Ibrahimov, Rauf Khalilov, Farkhad Farzaliyev, Orkhan Huseynov, Shahin Malikzadeh, Fakhriyya Mammadova, Jeyhun Ojadov, Farid Rasulov
KünstlerInnen in Art is not only ugly, Berlin

Sanan Aleskerov, Rashad Alakbarov, Orkhan Aslanov, Rena Effendi, Rauf Khalilov, Vugar Muradov, Elchin Musaoglu, Niyaz Najafov, Farid Rasulov, Teymur Rustamov, Makhmud Rustamov

 

(Nach Presseinformationen und Texten zur Ausstellung zusammengestellt von Jule Reuter.)

Steps of Time
13. Juni - 20. Juli, 2008
Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Residenzschloss
Deutschland

Kuratoren:
Leyla Akhundzade, Sabina Shikhlinskaya, Mathias Wagner


Art is not only ugly
14. Juli - 7. Aug., 2008
Lichthof des Außenministeriums, Berlin
Deutschland

Kuratorin:
Leyla Akhundzade

Nafas
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