Afghanistans künstlerische Seite

Afghanischer Preis für Zeitgenöss. Kunst: 10 KünstlerInnen im Endausscheid: Werke, Konzepte.
Von Constance Wyndham | Jul 2008

Ich zeigte der Klasse Georges Braques kubistisches Gemälde einer Klarinette und fragte: "Was seht ihr?" Drei afghanische Studenten antworteten unisono: "Ein Gewehr!" Das passierte an einem der beiden Tage eines Kunst-Workshops, der als Teil des ersten Afghanischen Preises für Zeitgenössische Kunst veranstaltet wurde. Um den Tisch herum saßen 10 ausgewählte Künstlerinnen und Künstler, die Frauen auf der einen Seite, die Männer auf der anderen. An den Wänden hingen Poster, auf die solche Kunstbegriffe wie "Installation" und ihre Übersetzungen ins Darsi gekritzelt sind.

Während des afghanischen Bürgerkrieges war Kunst kaum vorhanden, und unter den Taliban war sie weitgehend verboten, doch trotz des Chaos in bestimmten Provinzen blüht in Kabul langsam eine kulturelle Szene auf. Solche Pioniere wie Rahraw Omarzad, Direktor des Zentrums für Zeitgenössische Kunst Afghanistan, in dem Mädchen nach der Schule künstlerisch tätig sind, und Timor Hakimyar, Leiter der Stiftung für Kultur und Zivilgesellschaft, einem Raumes für Ausstellungen und Auftritte. Allerdings bringt einem die Entscheidung, ein professioneller Künstler zu sein, hier wenig Anerkennung ein. Die Universität von Kabul hat eine Fakultät für schöne Künste, aber viele ihrer Studenten sind einfach nur dort, weil sie in anderen Disziplinen scheiterten. In einem Land, in dem jeder ein Doktor sein möchte, muss sich der Kult um die Künstler erst noch etablieren.

Abdul Wasi Hamdard, 34, ein professioneller Künstler, der eine eigene Galerie betreibt, war ein eher widerwilliger Teilnehmer des Workshops. "Kommt in mein Atelier, und ich werde euch meine wirkliche Arbeit zeigen", sagte er und bezog sich damit auf seine traditionellen Darstellungen von Gassen und Marktplätzen, die er in Pakistan verkauft, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Viel interessanter ist sein Hobby: souveräne Gemälde voller Energie und Ausdruckskraft. Als ältester Künstler in der Gruppe hat Hamdard einen Stil, der an Philip Guston erinnert. Manchmal sind seine Bilder geradezu komisch; eine Arbeit zeigt eine Pyramide mit Sonnenbrille, die umgeben von herumwirbelnden Dunstschwaden eine Zigarette raucht.

Der Afghanische Preis für Zeitgenössische Kunst wurde von Tamim Samee, Jemima Montagu und mir selbst initiiert. Samee ist ein afghanischer Unternehmer und Laienkünstler und Montagu und ich sind bei Turquoise Mountain tätig, einer NGO in Kabul für kulturelles Erbe. Nach einer nationalen Ausschreibung, verbreitet per Radio, Fernsehen und Plakate, suchte eine aus kulturellen Persönlichkeiten Afghanistans und anderer Länder bestehende Jury aus den 75 Bewerbungen 10 Künstlerinnen und Künstler aus. Dabei interessierte sie sich für etwas Neues, das über die Bilder von in Burkhas gehüllten Frauen in engen Gassen, Szenen des Buskashi (dem Polo ähnlicher Nationalsport) und Aquarellen des Minaretts von Jam hinausgeht. Die ausgewählten TeilnehmerInnen waren Sahba Shams, Alka Sadat, Abdul Wasi Hamdard, Imal Hashemi, Mohammad Yasin Haideri, Sara Nabil, Wakil Kohsar, Ramzia Tajzada, Mohammad Ismael Zadran und Fareeha Ghezal Yousufzai. Die fünf Männer und fünf Frauen arbeiten mit unterschiedlichen Medien.

Als Teil des Workshops wurden die KünstlerInnen gebeten, über öffentliche Kunst für Afghanistan nachzudenken. Außer einigen sowjetischen Mosaiken sind die wenigen Arbeiten öffentlicher Kunst in Kabul in einem heruntergekommenen Zustand. Es gibt Kreisverkehrrondelle, in deren Zentrum ein zerbrochener Betonglobus von seinem Sockel gerollt ist oder ein Mini-Eiffelturm steht. "TV-Berg", ein für seine vielen Antennen, die die Skyline von Kabul dominieren, berühmter Hügel, wurde als möglicher Ort gewählt. Alka Sadat, eine Filmemacherin aus Herat, entwarf eine riesige, in die Nationalflagge eingehüllte "Mutter Afghanistan"; Mohammad Ismael Zadran, Bildhauer aus Khost, entschied sich für eine große Tasse grünen Tees, die überlaufen und dadurch die Häuser am Hang mit Wasser versorgen würde, während Abdul Wasi Hamdard den gesamten Hügel in orangefarbenes Material einpacken wollte. Er hatte aber nie von Christo, dem Meister der Kunst des Verpackens gehört, der u.a. durch das von ihm verhüllte Reichstagsgebäude in Berlin berühmt geworden ist.

Kaum jemand von den TeilnehmerInnen hatte schon außerhalb Afghanistans ausgestellt, und nur ein paar von ihnen hatten bereits die Nationalgalerie in Kabul besucht, eine staubige Sammlung der im impressionistischen Stil gemalten Werke von Ustad Breshna, dem am meisten verehrten Maler Afghanistans. Mohammad Ismael Zadran, ein schüchterner 36-jähriger, ist der einzige Künstler in seinem Dorf und wurde wegen seiner farbigen Skulpturen bedroht. Von seinen Freunden verhöhnt, arbeitete er 20 Jahre lang allein in seinem Keller. Seine handwerklich geschickt ausgeführten Holzkonstruktionen mit Schubfächern, Tuchhaltern und Nadelkissen sehen außergewöhnlich aus.

Die Frauen im Workshop neigten dazu, sich auf die Frauenrechte zu fokussieren. Alka Sadat machte einen anspruchsvollen Film in ausgewaschenen Sepiatönen über das gefährliche Leben einer afghanischen Richterin, wobei sie dokumentarische Aufnahmen mit ihrer eigenen fiktiven Erzählung kombinierte. Sara Nabil, eine selbstbewusste Vierzehnjährige mit einem Kopftuch in den Farben der afghanischen Flagge, beschrieb ihren gemalten Goldtopf voller zerbrochener Armreifen, verbrannter Stoffstücken und Spiegelscherben als Metapher für die zerstörten Hoffnungen verheirateter Frauen. "Wenn eine Frau heiratet und in das Haus ihres Ehemannes zieht, ist ihr Leben ruiniert, ihr Herz gebrochen und sie verkümmert langsam."

Fotografien von Imal Hashemi und Wakhil Kohsar, den beiden ausgewählten Fotografen, sind international ausgestellt und veröffentlicht worden. Einige ihrer Arbeiten sind unter großer Gefahr entstanden: für eine Foto hockte sich Hashemi in einen Graben, um die während eines Attentatsversuchs auf den Präsidenten Hamid Karzai in diesem Jahr panisch fliehenden Soldaten aufzunehmen.

Nach dem zweiwöchigen Workshop produzierten die KünstlerInnen eine Abschlussarbeit für die Ausstellung in Baburs Garten, wo das Grab und die Gärten des Mughal-Herrschers vom Aga Khan Trust for Culture restauriert worden sind. Die Jury entschied sich für Sahba Shams, eine 18-jährige Jurastudentin, als Gewinnerin des Preises in Höhe von 2.000 US-Dollar. Ihre Abschlussarbeit "Welt" ist eine große, mit genau arrangierten Zeichnungen und Collagen bedeckte Leinwand. Ihre künstlerische Sprache der Zeichen und Motive verwendet Uhren, Brillen sowie muslimische, buddhistische und christliche Symbole, um die sozialen Probleme der Welt zu beschreiben.

In einem Land, das noch nicht einmal ordentliche Straßen hat, könnte man Kunst für überflüssig halten, aber sie wird zu einem Mittel, durch das Afghanen sich selbst ausdrücken können. Die Qualität der Kunst und die Ideen, die diese Künstler entwickelt haben, sind beeindruckend. Man fragt sich, ob die Kunstwelt, die ihre Aufmerksamkeit so stark auf das benachbarte Indien gerichtet hat, bald auch nach neuen Helden in Afghanistan Ausschau halten könnte. Wenn sie dies täte, wäre sie gewiss nicht enttäuscht.

 

Constance Wyndham

Programmkoordinatorin für kulturelle Projekte, Turquoise Mountain Foundation, Kabul.

(Erstmals veröffentlicht in The Financial Times, 2. Juli 2008. Aus dem Englischen: Haupt & Binder)

Afghanischer Preis für Zeitgenössische Kunst

Gegründet im Januar 2008 von Turquoise Mountain und dem afghanischen Unternehmer Tamim Samee.

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