Treibsand

DVD-Magazin: eine multimediale Reise durch die aktuelle Teheraner Kunstszene.
Von Dietrich Roeschmann | Jun 2007

In der Wahrnehmung des westlichen Kunstbetriebs spielt zeitgenössische Kunst aus dem Iran bislang kaum eine Rolle - es sei denn, sie fügt sich in den Bilderkanon der medialen Berichterstattung über den Mittleren Osten ein. Es ist dieses postkoloniale Missverständnis im Dialog der Kulturen, das die Züricher Kunsthistorikerin Susann Wintsch interessierte, als sie sich 2005 zur Recherche für das von ihr herausgegebene DVD-Magazin "Treibsand" das erste Mal auf den Weg nach Teheran machte. Sie wollte vor Ort erfahren, wie die KünstlerInnen dort arbeiten, wie sie sich organisieren, wo sie ausstellen und vor allem: wo sie ihren Platz in der iranischen Gesellschaft und im internationalen Kunstbetrieb sehen. Dass sie dabei ohne klares Konzept vorging, sich von Zufällen und Empfehlungen treiben ließ, war durchaus beabsichtigt. Wintsch wollte offen bleiben für neue Erfahrungen und Perspektiven - und fand so nach wochenlanger Recherche Zugang zu der kleinen Szene, die sich seit einiger Zeit abseits etablierter Galerien und Museen in Off-Spaces und Wohnzimmern austauscht.

"Treibsand" stellt diese aktuelle Szene in einer spannenden Folge von Porträts, Werkpräsentationen und Interviews vor. Im Zentrum der 31 Beiträge stehen zwei Themen: die Mentalität des Wartens und der Blick des Westens, die beide auf spezifische Weise das Alltagsbewusstsein im Iran prägen. Zum einen, schreibt Wintsch im Booklet zu "Treibsand", würden es die gesellschaftlichen und politischen Bedingungen gegenwärtig nicht zulassen, radikal mit den Konventionen des gewöhnlichen Lebens zu brechen, zum anderen aber erwarte der Westen genau dieses von einer Kunst im Iran. Beides zusammen sorgt für eine eigentümliche Spannung, die von vielen KünstlerInnen als eine der zentralen Produktionsbedingungen ihrer Arbeit thematisiert wird.

Ein eindrucksvolles Beispiel dafür liefert das nie realisierte Projekt von Soghra Zare Aneghezi (* 1960). Vor einigen Jahren hatte die Künstlerin eine ehemalige gynäkologische Praxis als Atelier bezogen und dort alte Patientenakten gefunden. Aus diesem Material wollte sie die Biografien von Menschen rekonstruieren, die in ihrem Geburtsjahr und an diesem Ort zur Welt kamen, und so ein intimes Bild der Wünsche und Hoffnungen ihrer eigenen Generation entwerfen. Ohne Erfolg, denn die Spuren verloren sich im Ungefähren: "A Generation Which Cannot Speak" (2005). Während Ahmad Morshedlou (* 1973) dieses Schweigen in großformatige Gemälde übersetzt, die verletztliche Körper in klaustrophobischen Räumen zeigen und das Warten und die Sprachlosigkeit als Folge latenter Gewalt deuten, umkreist es Nazgol Ansarinia (* 1979) in seinem Video "Living Room" (2005) als einen stillen Ort der Erinnerung. Zu sehen ist nichts als eine weiße Wand, an der Schmutzränder von Bilderrahmen, Risse im Putz und andere kaum wahrnehmbare Spuren des Lebens in extremer Zeitlupe erscheinen und wieder verschwinden - eine suggestive, poetische Arbeit über die Erfahrung flüchtiger Gegenwart, die sich im Zustand des Wartens ins Unendliche dehnt. Wie sehr noch in diesem vermeintlichen Stillstand die Option auf eigenständiges Handeln aufgehoben ist, zeigt eine Arbeit von Mehran Mohajer (* 1964): "Undistributed Packages" (2005) beschwört das utopische Potenzial der in staubigen Kellern lagernden Schriften kleiner, unabhängiger Verlage, die in der Reformphase des iranischen Regimes gegründet und später wieder eingestellt wurden. Das Warten wird hier selbst zum Ziel. Es markiert nicht Despression, sondern, wie Wintsch sagt, "die Bereitschaft zu bleiben, um bei passender Gelegenheit vor Ort zu sein".

Dass damit keinesfalls der Moment gemeint ist, an dem der internationale Kunstmarkt den Iran als exotischen Trend der kommenden Saison entdeckt, machen die Statements der KünstlerInnen und KuratorInnen deutlich, die Wintsch nach dem kritischen Fundament ihrer Arbeit befragte. Khosrow Hassanzadeh (* 1963), der mit seiner Siebdruck-Serie "The Terrorist" (2005) eine deutliche Kritik an visuellen Ressentiments des Westens gegenüber der islamischen Welt formuliert und zugleich das Recht auf Selbstdarstellung zurückfordert, erzählt so in einer kurzen Episode vom gescheiterten Versuch, ein ähnliches Projekt unter umgekehrten Vorzeichen in Holland zu realisieren. Die geplante Arbeit "The Orientalist" sollte Europäer aus der Gegenperspektive porträtieren, überspitzt gesagt also im Licht der Ressentiments des Ostens. Die holländischen Kuratoren lehnten ab.

Kein Wunder, erklärt der Künstler und Autor Imam Afsarian (* 1975) in seinem Statement. An einer Analyse der Kultur des Okzidents durch iranische KünstlerInnen habe der Westen kein Interesse. Auch Afsarian sah sich schon öfter mit neugierigen KuratorInnen aus dem Westen konfrontiert und hat daraus gelernt. "Wir wissen, was wir ihnen geben müssen, damit sie mit dem guten Gefühl nach hause fahren, etwas ganz Neues - nämlich uns - entdeckt zu haben", sagt er: etwas Politik in der Kunst, die Rechte der Frauen, Islam, Unterdrückung, Zensur. "Und dann laden sie ihre Schiffe voll mit Junk und Kitsch, und nachdem China für ein paar Jahre der Hype ihres Marktes war, ist es jetzt die iranische Kunst - oder was sie dafür halten." Asfansari nennt das Neokolonialismus: eine Asymmetrie des Blicks, die eine eigenständige Entwicklung zeitgenössischer Positionen im Iran massiv behindert und aus dem Fokus der Aufmerksamkeit drängt. Zwischen dem internationalen Markt und der offiziellen Förderung einer in Tradition oder falsch verstandener Moderne verfangenen Kunst bleibe im Iran so nur wenig Spielraum für selbstbewusste zeitgenössische KünstlerInnen.

Susann Wintsch hat diese Kritik für "Treibsand" sehr ernst genommen. Statt sich als Trendscout des Marktes auf die Suche nach spektakulären Positionen im unerforschten Terrain zu machen, spürt sie in ihrem packenden, knapp zweieinhalbstündigen Reisejournal mit großer Ruhe den Potenzialen des Handelns nach, die die Strukturen der lokalen Szene selbst bergen. Eine behutsame und kluge Annäherung im besten Sinn des Wortes.

 

Dietrich Roeschmann

Kunstkritiker und Grafiker, Redakteur des Online-Kunstmagazins Regioartline.org, lebt in Freiburg i.Br., Deutschland.

Treibsand
[Volume 01]
Analysing while Waiting (For Time To Pass)
Contemporary Art in Tehran

Konzept:
Susann Wintsch (with Parastou Forouhar)

Werke und Statements von: Iman Afsarian, Haleh Anvari, Nazgol Ansarinia, Mehraneh Atashi, Mahmoud Bakhshi-Moakhar, Shahrzad Darafsheh, Samira Eskandarfar, Farhad Fozouni, Nina Ghaffari, Amirali Ghasemi, Barbad Golshiri, Arash Hanaei, Khosrow Hassanzadeh, Ghazaleh Hedayat, Elahe Heidari, Behnam Kamrani, Simin Keramati , Khosro Khosravi/Farid Jafari, Sohrab Mahdavi, Mehran Mohajer, Ahmad Morshedlou, Ruyin Pakbaz, Neda Razavipour / Shahab Fotouhi, Hamed Sahihi, Alireza Sami Azar, Rozita Sharaf Jahan, Jinoos Taghizadeh, Sadegh Tirafkan und Soghra Zare Anaghezi

Treibsand
C/o Susann Wintsch
Friesenbergstrasse 35
Schweiz
Website Email

ISSN 1662-0577, 143 Min, PAL, 4:3, SFr. 60.- / Euro 40.- / USD 40.-

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