Tour de Force - Trojanisches Pferd

Analyse von Entwicklungen am Golf: ein Führer, ein Überblick, eine Agenda. Buchrezension.
Von Bill Sarnecky | Okt 2007

In den vergangenen Jahren ist die Dubai-Manie von einem Kitzel der Neugier an den Rändern des öffentlichen Bewusstseins im Westen zu einem unausweichlichen Phänomen in den Massenmedien geworden. Leser und Zuschauer einer Fülle an Publikationen und Fernsehprogrammen sind in die kommerziellen Entwicklungen in Dubai eingeweiht worden, die sich immer unglaublicher vollziehen. Künstliche Inseln, unterirdische Skipisten, rotierende Wolkenkratzer, Unterwasserhotels, das höchste Gebäude der Welt, der größte Vergnügungspark - all das ist in dieser sich rasant ausbreitenden Stadt konzipiert oder bereits im Bau.

Volume 12: Al Manakh ist das jüngste Angebot der

Volume-Reihe, einem thematischen Editionsprogramm für Architektur- und Kulturkritik, gegründet 2005 von Ole Bouman (Direktor des Niederländischen Architekturinstituts), Rem Koolhaas (Vorstand des Büros für Metropolitane Architektur und deren editorialem Zweig AMO) und Mark Wigley (Dean der Columbia University's Graduate School of Architecture, Planning and Preservation).

Al Manakh ist eine

tour de force Untersuchung des jüngsten explosiven Wirtschaftswachstums im Nahen Osten, insbesondere in der Golfregion und in Dubai.

Mit Rem Koolhaas verbundene Texte zu konsumieren kann so sein, als würde man den Durst mit einem Feuerwehrschlauch stillen. Angesichts des Umfangs an Informationen und der Präsentationsmethode ist die Möglichkeit ausgeschlossen,

Al Manakh auf irgendeine konventionelle Weise zu "lesen". Der arabische Begriff

Al Manakh (was "der Kalender" oder "das Klima" bedeutet [1]) ist die etymologische Wurzel des englischen Wortes

almanac (und des deutschen

Almanach - Anm.d.Ü.). Wie bei einem Almanach üblich, ist die Publikation eine Referenzquelle, die von vornherein wahrscheinlich nicht für ein lineares Lesen gedacht ist. Es handelt sich dabei jedoch nicht bloß um einen Führer zu dieser Region, sondern es gibt auch eine Reihe eigenständiger Kritiken, Journalbeiträge und Interviews mit einflussreichen Mitgliedern der Entwicklerszene von Dubai, aus denen sich der Sinn dieses byzantinischen Gefüges zu erschließen beginnt.

Die Stärke des Buches besteht in seiner umfassenden Präsentation von Forschungsergebnissen zu Phänomen Dubais und der Golfregion, die insbesondere in der von AMO editierten Sektion Gulf Survey zu finden sind. Darin werden eine visuelle Enzyklopädie der Baugeschichte der Region sowie eine Dokumentation von Zukunftsprojekten und sozio-ökonomischer Analysen präsentiert. Einige der üblichen demografischen Statistiken (z.B. Bruttosozialprodukt pro Kopf, Altersstruktur, Analphabetismus) werden in attraktiven Grafiken dargestellt, und daneben gibt es auch eher überraschende Angaben (z.B. zum Grad der wahrgenommenen Korruption). Besonders eine Auflistung regt unweigerlich zum Nachdenken an: "Wie viel ist eine Milliarde?" Darunter sind u.a. solche Kosten zu finden, wie die für die aufgeschüttete Insel in Palmenform in Jumeira (14 Milliarden US-Dollar), der Gesamtumfang aller Bauprojekte am Golf (675 Milliarden US-Dollar) und die unmittelbaren Ausgaben der USA für den Irakkrieg (700 Milliarden US-Dollar).

Es überrascht nicht, dass

Al Manakh voll von kleinen Fehlern ist, die bei solchen an enge Termine gebundenen Publikationen weit verbreitet sind (z.B. Druckfehler, Inkonsistenz bei Formatierungen und sogar verpixelten Fotos, die aus fahrenden Autos aufgenommen sind). Manches, wenn nicht gar alles davon liegt durchaus in der Absicht der Herausgeber - so wie die Lockerheit, die man sich erlaubt, wenn man nur eben mal schnell etwas skizziert. Wie bei Entwurfszeichnungen, scheint man bei diesem Buch besonderen Wert auf eine holistische Dokumentation von Impressionen und Ideen gelegt zu haben, statt dem handwerklichen und der Qualität der einzelnen Linien größere Beachtung zu schenken.

Eine weitere Schwäche von

Al Manakh liegt im kritischen Ansatz - nicht in den einzelnen Kritiken für sich, sondern in der Gesamtpräsentation seitens der Herausgeber. Die herausgeberische Haltung schwankt zwischen einer "objektiven" Präsentation von Fakten und der Art wohlwollender Einschätzung des Dubai-Phänomens, die im Einführungsessay "Last Chance" von Rem Koolhaas zum Ausdruck kommt.[2] Wenn der Leser Koolhaas' rosarote Bewertung der in der Region existierenden Bedingungen und ihres Potenzials für bare Münze nimmt, fällt es schwer, seine Beiträge zu

Al Manakh nicht für so etwas wie eine Apologie zu halten. Glaubt er seinen eigenen sozialen Kritiken tatsächlich oder sind sie nichts anderes als ein

Trojanisches Pferd - eine taktische Methode seine Achäer durch die Tore von Troja zu schleusen?

Es scheint, dass Koolhaas diese Strategie des Trojanischen Pferdes bereits einsetzte. In seinem früheren "Beijing Manifesto"[3] hat er die Effizienz und Eignung seines Wolkenkratzers für den CCTV-Hauptsitz (China Central Television) in Beijing analysiert, wobei er sich nüchtern auf ein China bezog, das "durch die Notwendigkeit gekennzeichnet ist, Möglichkeiten und Informationen auszuweiten", während er ironisch in die trendige Kritik "der rückwärtsgewandten USA" einstimmt.

Wie kann ein westlicher Architekt eine Ausschreibung an einem Ort gewinnen, wo die westlichen Werte nicht immer voll mit den Regierungen vereinbar sind, die den Schlüssel für die Entwicklungsmöglichkeiten in der Hand haben? Die Antwort besteht gewiss nicht darin, solche Regierungen mit scharfer Gesellschaftskritik gegen sich aufzubringen. Im besten Falle könnte das entstehende Bauvorhaben selbst eine subversive Kritik an den örtlichen Gegebenheiten sein.

Die Einbeziehung eines "Offenen Briefes an Rem Koolhaas" von Ilka und Andreas Ruby im letzten Teil von

Al Manakh könnte als augenzwinkernde Anerkennung dieser Einschätzung interpretiert werden. In Bezug auf eine frühere Ausschreibung in Russland spekulieren die Rubys darüber, dass Herr Koolhaas sich vielleicht entschlossen haben mag, in die Rolle des Hofnarren zu schlüpfen, "eine Position der mit Vollmachten ausgestatteten Schwäche", als der einzigen Möglichkeit "für den Architekten, überhaupt noch kritische Beiträge zu leisten".[4]

Das Beste an dem Buch sind die clevere Verpackung erhellender Statistiken über den Golf und eine Reihe amüsanter Anekdoten, die Reinier de Graaf (ein OMA-Partner) nach einem Jahr wiederholter Reisen nach Dubai zum Besten gibt. Das Schlimmste an dem Buch ist die laue Kritik sozialer und urbaner Verhältnisse in der Region. Aber es wäre unaufrichtig zu behaupten, die Publikation sei nur ein realpolitischer Ansatz, mit der Szene der Entwickler in Dubai umzugehen, was bedeuten würde, die Maschine der Propaganda gegen diese selbst einzusetzen. Das Buch hat denjenigen Lesern viel zu bieten, die eine Einführung in Dubais oftmals phantasmagorisches urbanes Milieu suchen, und es ist ein riesiges Unterfangen sehr talentierter Denker und Designer. Die Entscheidung, wie das alles zu bewerten ist, liegt beim Leser selbst.

 

<line>Anmerkungen:</line>

  1. Ole Bouman, Rem Koolhaas, Mark Wigley, Hrsg. Volume 12: Al Manakh. Amsterdam: Stichting Archis, 2007. Klappentext.
  2. ebenda, Seite 7.
  3. Koolhaas, Rem. Beijing Manifesto, Wired Magazine, August 2004: 120.
  4. Ole Bouman, Rem Koolhaas, Mark Wigley, Hrsg. a.a.O., Seite 454.


Bill Sarnecky

Assistenzprofessor für Architektur an der Schule für Architektur und Design, American University of Sharjah (AUS)

(Aus dem Englischen: Haupt & Binder)

Al Manakh Fakten

Herausgeber:
Rem Koolhaas, Mitra Khoubrou, Ole Bouman
Realisierung:
Arjen Oosterman

Design: Irma Boom, Natasha Chandani,
Sonja Haller
Format: 24 x 17,
500 Seiten

Verlag: Archis Foundation

Vertrieb:
Europa, Asien, USA: Idea Books, IPS Pressevertrieb, Jashanmal National
Preis: 29,90 €
ISBN: 978-90-77966-12-9

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PO Box 14702
Niederlande
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