Soros Zentrum für Zeitgenössische Kunst - Almaty

Soros Zentrum für Zeitgenöss. Kunst in Kasachstan - Profil, Aktivitäten, Konzepte.
Von Zhanara Nauruzbayeva | Jun 2007

Siebzehn Jahre nach der Erlangung seiner Unabhängigkeit von der Sowjetunion ist Kasachstan der Welt vor allem durch seine Ölreserven bekannt, und seit kurzem auch durch glückliche oder unselige Bezugnahmen seitens eines gewissen britischen Komikers. In dieser Präsentation des Soros Zentrums für Zeitgenössische Kunst - Almaty (SCCA, Soros Center for Contemporary Art) in Kasachstan werfe ich einen Blick auf seine Aufgaben gegenüber denen anderer Kulturinstitutionen des Landes und erläutere, wie es sich mit der sowjetischen Hinterlassenschaft in der Kunst auseinandergesetzt hat. Derzeit ist es besonders dringlich, die Aufmerksamkeit auf die Arbeit des SCCA zu lenken, weil sein Fortbestand gefährdet ist. Das Gebäude, in dem es die letzten neun Jahre untergebracht war, wurde ihm von der Stadt, die sich dem Bauboom hingibt, weggenommen. Dieser Schritt schadet dem Interessentenkreis, den das SCCA von seinem bisherigen Zuhause in der Tulebaev Straße 171 aus aufgebaut hat.

Das Soros Zentrum für Zeitgenössische Kunst - Almaty wurde 1998 als eine Initiative des Soros Open Society Institute gegründet, um die zeitgenössische Kunst in lokalen Zusammenhängen zu unterstützen und bekannt zu machen. Solche Zentren wurden in 17 Ländern in Zentral- und Osteuropa sowie der ehemaligen Sowjetunion eingerichtet, wie Valeria Ibraeva, die Leiterin des SCCA, in einem Interview sagte. Das in Almaty ist das einzige Zentrum in der ganzen Region Zentralasien.

Das SCCA war die erste Nichtregierungs- und nichtkommerzielle Organisation für die Förderung der Kunst und Kultur in Kasachstan. Einerseits ist es vom Staat unabhängig, andererseits darf es keinen Profit machen, so wie die vielen Kunstgalerien, die vom Kunsthandel leben. Das Zentrum hat seine Aktivitäten einfallsreich finanziert, indem es sich u.a. um Fördermittel verschiedener internationaler Organisationen bewarb.[1] Das erlaubte dem SCCA, Kunst zu fördern, die sich organisch entwickelt und nicht in den überkommenen Traditionen verharrt.

Neben der Förderung und dem Ausstellen von Werken lokaler Künstler in Kasachstan und im Ausland, ist das Zentrum für Zeitgenössische Kunst auch in der Bildung aktiv und fungiert als Treffpunkt für an Kunst und Kultur interessierte Leute. So war dort kürzlich eine Gruppe von CEC ArtsLink-Vertretern aus den USA, die über ihre Sicht der Kunst im öffentlichen Raum sprachen. In seinem Online-Archiv [2] sind die zahlreichen Workshops und Treffen, die all die Jahre stattfanden, dokumentiert. Der Kreis der Referenten reicht von Kunstmanagern, die über ihre Erfahrungen bei der Beschaffung von Mitteln für Kulturveranstaltungen sprachen, bis zu Kunstpraktikern, die Kenntnisse und Fertigkeiten des Editierens von Videos oder der Nutzung von Software für grafische Gestaltung vermittelten. Neben der Qualifizierung von Künstlern kümmert sich das SCCA auch um die Weiterbildung des allgemeinen Publikums in Fragen zeitgenössischer Kunst. Durch eine fortwährende und rigorose Pressearbeit und Interaktion mit Journalisten in Almaty konnten die Botschaften der Künstler einem größeren Publikum näher gebracht werden. Heutzutage gehören die Ausstellungen des SCCA zu den von den Massenmedien in Kasachstan (Fernsehen, Zeitungen, Internet) am meisten besprochenen Kunstereignissen.

Das SCCA ist heute die einzige noch aktive Begegnungsstätte für Künstler in Almaty. Es ist in dieser Stadt der wichtigste Anlaufpunkt für jeden, der sich für Kunst und Kultur interessiert. Viele Leute würden sogar meinen, dass das SCCA der einzige Ort sei, wo sie einfach nur hingehen und sich aufhalten können, und das sind nicht nur Künstler, sondern ganz verschiedene Menschen: junge und alte, reiche und arme, Leute mit unterschiedlichen religiösen Bekenntnissen und politischen Auffassungen können sich hier treffen. Zu welcher Tageszeit auch immer man hereinschaut, stets sind Leute in dem Gebäude. Sie blättern in Kunstmagazinen und Katalogen (das SCCA hat die einzige öffentliche Kunstbibliothek in der Stadt, in der man die Publikationen direkt ansehen kann) [3], sind mit dem Bearbeiten von Videoclips oder dem Aufbau einer Installation beschäftigt oder reden einfach nur miteinander. Tatsächlich sind viele kreative Produktionen aus den persönlichen Begegnungen hervorgegangen, die das Zentrum für Zeitgenössische Kunst ermöglichte.

Durch diese Praxis und solche Aktivitäten hat sich das SCCA in die Prozesse der Neudefinition und die Diskurse über eine neue Rolle der Künstler in der Gesellschaft eingebracht. Während der Sowjetzeit beschäftigte der Staat die Künstler zu Propagandazwecken. Kunstwerke sollten den Massen ein neues sozialistisches Bewusstsein beibringen, sie lehren, wie sie sich als Bürger des neuen Landes zu verhalten haben. Viele Vertreter der Avantgarde wurden vom Staat vereinnahmt (und waren später desillusioniert), darunter Kusma Petrow-Wodkin, Kasimir Malewitsch, Alexander Rodtschenko.

Einerseits stellt sich das SCCA diesem alten Modell des Künstlers als Ideologen entgegen, weil dadurch die Kunst zur Lüge wurde. Ibraeva sagte über die Kunst der Sowjet-Ära: "Damals wurde dem Künstler beigebracht, wie er fortwährend und konsequent zu lügen hat. Trotz der Hungersnot und der Repression des Jahres 1937 wurden solche Bilder gemalt wie Alexander Gerassimows

Fest der Kolchosbauern oder Kasteyevs

Spielzeug im Kolchos [4]. Gleichzeitig schickten sich die Künstler an, die Wahrheit zu sagen, aber in einem akademischen Sinne. Das heißt, dass die 'Wahrheit des Lebens' angepasst werden musste, wenn sie nicht den ideologischen Schemata entsprach. Das also war die Bedeutung der Sowjetkunst - die Schaffung der 'notwendigen Wahrheit'". Des weiteren kritisierte Ibraeva die Regierung als die Instanz, die den Künstlern vorschrieb, was sie wie zu tun hatten.

Andererseits unterstützt das SCCA aber auch weiterhin die Vorstellung vom Künstler als einer moralischen Autorität - als einem autonomen Wahrheitssucher, einem unabhängigen Barometer der sozialen und politischen Verhältnisse. Der Künstler sollte weder der Regierung noch dem Wirtschaftssektor zu Diensten sein. Der Staat und die Gesellschaft sollten hingegen derartige Funktionen von Kunst und Künstlern wertschätzen und sie unterstützen, ohne Gegenleistungen zu verlangen. Künstler haben eine weite Vision, die nicht vernebelt oder eingeschränkt werden sollte. Im Gegenzug tragen die Künstler auf kreative Weise dazu bei, die Gesellschaft als Ganzes zu reformieren und zu entwickeln. In dieser Weise stellt sich das SCCA die neue Rolle des Künstlers vor, bei der sich soziale Verantwortung und finanzielle Unabhängigkeit miteinander verbinden. Mit der Zeit wird sich zeigen, wie eine solche Vision in Kasachstan zu verwirklichen ist.

 

<line>Anmerkungen:</line>

  1. The British Council, Goethe-Institut, Botschaft der Niederlande, Soros-Stiftung Kasachstan, Open Society Institute, UNESCO, International Contemporary Art Network Association, IDC (Institut für Entwicklungszusammenarbeit, Kasachstan), Swiss Cooperation Office for Development (Kirgisistan), Christensen Fund (USA), Stiftung für Kunst und Kultur (Türkei), Zentrum für Kunst und Medien (Deutschland), Galerie Ular (Kasachstan), Corporate Business System, Kasachstan, Art & Culture Network Program OSI – Budapest (Ungarn), ArtLinks (USA), Hivos (Niederlande)
  2. http://www.scca.kz/en/news2006.htm, http://www.scca.kz/en/news2004.html
  3. Andere Bibliotheken folgen noch immer dem sowjetischen Kontrollsystem und händigen die Bücher nur durch Bibliothekare aus.
  4. Alexander Gerassimow und Abylkhan Kasteyev gelten als Schlüsselfiguren professioneller Malerei und des sozialistischen Realismus in Russland und Kasachstan.


Zhanara Nauruzbayeva

Doktorandin an der Abteilung für Anthropologie der Stanford University (USA). In ihrer Dissertation untersucht sie die Transformation der Kunstszene in Kasachstan seit dem Ende der Sowjetzeit.

(Aus dem Englischen: Binder & Haupt)

Soros Center for Contemporary Art
171 Tulebayeva
Kasachstan
Website Email

Leiterin: Valeria Ibraeva

Nafas
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