Utopie managen

Kann das neue Kunst- und Bildungszentrum in Istanbul seine großen Ambitionen verwirklichen?
Von Sarah-Neel Smith | Sep 2007

Das frühere Kraftwerk Silahtarağa ist ein gewaltiger Komplex, gelegen am oberen Ende der Bucht des Goldenen Horns. In seiner neuen Gestalt als Hauptsitz von Santralİstanbul beherbergt das einstige Industriegebäude das neue Museum für Zeitgenössische Kunst. Obwohl der 8. September 2007 das offizielle Eröffnungsdatum war, befindet sich auf dem Campus noch vieles im Bau. Neben dem Museum sollen hier Lehrräume und Abteilungen der Universität sowie ein Energiemuseum, eine öffentliche Bibliothek, ein Park, mehrere Kinos, ein Tanzsaal, Freiluftbühnen, ein Multifunktionszelt, Restaurants, eine Einkaufsstraße sowie Unterkünfte und Arbeitsräume für Künstler entstehen. Im Werbematerial ist die Rede von 118.000 Quadratmetern Gesamtfläche, wovon auf das Museum für Zeitgenössische Kunst 7.000 qm entfallen. Man erwartet 1,5 Millionen Besucher pro Jahr. Das Aufenthaltsprogramm ist ausgerichtet auf jährlich 1.000 Künstler, Architekten, Designer, Denker, Wissenschaftler und Spezialisten unterschiedlicher Sparten der Kultur.

Kunsterziehung, erzieherische Kunst

In der Vergangenheit hat die Bilgi Universität Campusse in abgelegenen Gegenden mit dem expliziten Ziel eröffnet, dort die urbane Erneuerung zu stimulieren. Mit Santralİstanbul folgt die Bilgi Universität einem vom Tate Modern Museum in London praktizierten Modell, das in ein altes Fabrikgebäude in berühmt-berüchtigter Nachbarschaft zog und damit in diesem Umfeld den Tourismus ankurbelte und die Lebensqualität verbesserte. Die Standortwahl von Santralİstanbul ist auch ein Nachhall lokaler Kunstevents: die Istanbul Biennalen der Jahre 2005 und 2007 wählten Ausstellungsorte in weniger bekannten Teilen der Stadt.

Aber im Gegensatz zu diesen Beispielen ist Santralİstanbul eine an eine Universität angegliederte Kunstinstitution, und zwar die erste dieser Art in der Türkei. Obwohl einige andere lokale Universitäten Museen unterstützen, sind diese weder auf zeitgenössische Kunst fokussiert, noch gehört dazu solch ein umfangreiches Programm. Direktor Serhan Ada führt aus, warum das so wesentlich ist: zu jedem Kunstprojekt und zu jeder Kunstveranstaltung in Santralİstanbul wird es ein komplementäres akademisches Programm geben. Für jeden Künstler, den Santralİstanbul in seinem Aufenthaltsprogramm beherbergt, wird ein Wissenschaftler, Akademiker oder Kritiker eingeladen werden. Der Aufbau der Institution selbst gehört zur Zielsetzung. "Die Tatsache, dass es sich hierbei um eine akademische Initiative handelt, motiviert unsere potenziellen Partner", merkt Ada an. "Sie wissen, dass wir experimentell, kritisch und analytisch an den Aufbau unserer Institution herangehen."

Man musste schon mit einigen Herausforderungen fertig werden. Ein Anfangsproblem bestand in nicht genügend Studenten. Dann stellte sich heraus, dass die auf 30 Millionen US-Dollar geschätzten Kosten von Santralİstanbul die 40-Millionen-Marke überschreiten würden (heute sind es an die 50 Millionen). 2006 ging die nichtkommerzielle Stiftung Bilgi eine Partnerschaft mit dem kommerziellen Bildungsanbieter Laureate Education Inc. (USA) ein. Die türkische Presse stellte schnell klar, dass Laureate eine große Zahl an Studenten aus dem In- und Ausland einbringen und Bilgi im Management, Marketing und technologisch unterstützen würde. Laureate Education Inc. seinerseits erklärte alsbald, dass die Transaktion keine materiellen Auswirkungen auf die unmittelbare Verdienstprognose haben würde. Die exakte Natur der Transaktion bleibt irgendwie im Dunkeln - die Presseberichte darüber sind unterschiedlich und Dr. Ada selbst erklärte, diese "strategische Zusammenarbeit" sei nicht sein Zuständigkeitsbereich gewesen.

SantralIstanbul = Utopie?

Ada bedient sich notwendigerweise der Zukunftsform, wenn er über den noch nicht fertig gestellten Campus spricht. Aber er hat selbst dann die Tendenz, über Santralİstanbul in pauschalen, abstrakten Statements zu sprechen, wenn man ihn nach konkreten Details fragt. Wenn man Arbeitern einfach nur Einladungen zur Eröffnung des Museums für Zeitgenössische Kunst schickt, gibt ihnen das etwa schon das Gefühl, in den Gründungsprozess von Santralİstanbul einbezogen zu sein? "Die Sprache ist nicht unbedingt eine unüberwindliche Barriere, wenn es um Kunst geht", antwortet Ada. "Es wird eine Menge Workshops geben".

Das Santralİstanbul, so wie es von Ada und im Werbematerial dargestellt wird, scheint in einer anderen Dimension und auch in einer anderen Zeit zu existieren. In dieser Dimension ist die Eröffnung und der Betrieb einer öffentlichen Bibliothek, die 1.000 Leute gleichzeitig abfertigen kann, weniger eine Frage administrativer Infrastruktur oder Organisation als vielmehr eine Sache der Ideale: "Es geht mehr um die Idee von Bibliotheken als erlebten Orten als um abgeschlossene Räume", sagt Ada. "Und um vergnügliche Stätten, nicht einfach nur um einen Ort, wo man hingeht, ein Buch ausleiht und dann gleich wieder nach Hause geht. Ein Ort, wo man eine schöne und nette Zeit verbringen kann."

"Elektrifizierende" Kunsterfahrungen

Im Juli füllte Santralİstanbul drei komplette Etagen seines beeindruckenden Ausstellungstrakts mit verschiedenen Ausdrucksformen neuer Medienkunst. Gezeigt wurden Höhepunkte der Sammlungen des Centre Pompidou (Paris), des ZKM in Karlsruhe (Deutschland) und des Museums für Zeitgenössische Kunst von Kastilien und León (MUSAC, Spanien). Die Ausstellung dauerte nur zwei Wochen, womit Santralİstanbul zunächst wohl erst die Kunstszene in Istanbul austesten wollte. Aber das schiere Ausmaß der Schau und die gut bekannten Sammlungen, aus denen sie zusammengestellt war, ließen erkennen, dass Santralİstanbul in der Zukunft eine signifikante Präsenz haben könnte. Ada will solche Kooperationen mit internationalen Partnern weiterführen.

Derzeit laufen die Veranstaltungen und Ausstellungen anlässlich der Eröffnung von Santralİstanbul. "Moderne und darüber hinaus" begann am 8. September 2007 und zeigt über 400 Werke von den 1950er Jahren bis zum Jahr 2000, geschaffen von etwa 100 türkischen Künstlern. Andere Programme stehen direkt mit der 10. Istanbul Biennale in Verbindung und bieten Filmserien über urbane Themen, Künstlergespräche und Projekte lokaler und internationaler Künstlerinitiativen. Dazu gehörte auch die Konferenz "Lokale Moderne, globale Erwartungen", zu der vom 12. bis zum 15. September 2007 "Künstler, Kuratoren, Kritiker und auf die Kunst neugierige Leute" eingeladen waren.

Santralİstanbul hat sich ziemlich viel vorgenommen. Das neue Kunst- und Bildungszentrum will die Dynamik der Stadt verändern, indem es eine Menge Leute und eine Menge Kunst an einem einzigen Ort zusammenbringt. Sein Erfolg wird nicht allein an der Qualität der von ihm produzierten Ausstellungen und Kunstprogramme gemessen werden. Er wird auch davon abhängen, wie es gelingt, eine Kommunikation zwischen den geschätzten 1.000 Stipendiaten des Aufenthaltsprogramms, 1,5 Millionen erwarteten Besuchern pro Jahr und der Stadt Istanbul herzustellen - ein gigantisches Unterfangen.

 

Sarah-Neel Smith

Freischaffende Autorin und Forschungsstipendiatin in Kunstgeschichte an der Ecole Normale Superieure, Paris.

(Aus dem Englischen: Haupt & Binder)

santralistanbul
Eski Silahtarağa Elektrik Santrali
Silahtar Mah. Kazım Karabekir Caddesi No.1
Türkei
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Modernity and Beyond
(Moderne und darüber hinaus)
9. Sept. 2007 - 26. Feb. 2008

Die Ausstellung zeigt 400 Werke von ca. 100 türkischen Künstlern

Kuratoren
Sektion der Moderne (1950 - 1990): Semra Germaner, Orhan Koçak, Zeynep Rona
Zeitgenössische Sektion (1970 - 2000): Fulya Erdemci

Nafas
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