Samta Benyahia: Architektur des Schleiers

Architektur des Schleiers. Erste Ausstellung der Künstlerin aus Algerien in einem Museum der USA.
Von Olivia Hampton | Mär 2007

Der Schleier ist ein Symbol der Keuschheit, des Privaten und der Weiblichkeit, aber auch ein kulturelles, religiöses und politisches Emblem. Samta Benyahia lüftet das Kopftuch, das so belastet ist mit dem, was heutzutage gelegentlich als Zusammenprall zwischen dem Islam und dem Westen bezeichnet wird, um das Leben von Frauen in Nordafrika offen zu legen.

Für die in Paris lebende Künstlerin algerischer Herkunft geht dieses Unterfangen weit über eine geographische Region hinaus, weil sie "aus einem Erbe [schöpft], das aus mehreren nacheinander in Erscheinung getretenen Zivilisationen in Nordafrika besteht: Berber, Afrikaner, Araber, westliche. All diese Schichten machen den Reichtum dieser Region aus."

In ihrer ersten Einzelausstellung in einem Museum der USA präsentiert Benyahia eine ortspezifische Installation, die an der Eingangstür beginnt und sich in den gesamten Innenhof des Fowler Museums in Los Angeles hineinzieht. Inspiriert vom andalusischen Charakter der Architektur des Gebäudes, drapiert die Künstlerin Tüll, klebt elektrostatische, mit

mashrabiya [1] bedruckte Folien auf Türen und Fenster und lässt an den Arkaden sechzig große, mit Pailletten bestickte Rosetten erscheinen.

Die

mashrabiya sind normalerweise hölzerne Wandschirme, die benutzt wurden, um Frauen von Männern zu separieren, "außen und innen, öffentlichen und privaten Raum zu trennen. Sie dämpfen Licht und Hitze, indem sie günstige Schatten werfen, und spielen mit der Situation, dass man nach draußen blicken kann, ohne gesehen zu werden, was eine willkommene Intimität erzeugt", erläuterte die Künstlerin in einem Telefoninterview. Das auf den Schirmen erscheinende Rosettenmuster wird "Fatima" genannt, was ein auch in Nordafrika häufig vorkommender weiblicher Vorname ist.

Mashrabiya waren im frühen 20. Jahrhundert weit verbreitet, als Frauen oft vor fremden Blicken geschützt werden sollten.

Dieses elegante und vereinfachte arabisch-andalusische Muster "wurde zu einem Hauptmotiv meines Werkes", sagte Benyahia. "Ich benutze es seit 1992, als in Algerien die 'dunklen Jahre' herrschten. Frauen waren in der Schusslinie und für mich war es wichtig, eine weibliche Präsenz in die Installationen zu integrieren." Der Bürgerkrieg in Algerien in den 1990er Jahren forderte über 150.000 Menschenleben. Damals war Benyahia schon in Paris, wo sie seit 1988 lebt. Zuvor hatte sie an der Ecole Nationale Supérieure des Arts Décoratifs in Paris studiert (1974-1980) und an der Ecole Supérieure des Beaux Arts in Algier gelehrt (1980-1988).

"Ich lebe in beiden Ländern, ich schlage eine Brücke zwischen beiden Ländern, ich brauche beide Länder", betont sie. "Hier [in Paris] zu leben und den Alltag zu entdecken brachte mich dazu, mich mit meiner Identität zu beschäftigen - wer bin ich, wo komme ich her. Es ging darum, diese Verbindung zu schaffen. Diese Passage, dieses Kommen und Gehen zwischen beiden Ufern, versuche ich durch meine Arbeit zu vermitteln." Dieses Thema ist in fast jedem Aspekt von Benyahias Schaffen offensichtlich, von der fortwährenden Beschäftigung mit der Stellung der Frau bis zur Schlüsselrolle, die eine Adaption ihrer Installationen an die lokalen Gegebenheiten spielt, und bis zur Einbeziehung von Archivbildern.

In einen kleineren, intimeren Raum des Fowler Museums hängte die Künstlerin acht große Schwarzweißfotos von algerischen Frauen aus dem frühen 20. Jahrhundert. Sie übernahm sie aus alten Fotos ihrer eigenen Familie - auf denen auch sie selbst, ihre Tante und ihre Mutter erscheinen - und den Familien von Freunden. Man kann die Fotos vom Innenhof aus betrachten, indem man durch die

mashrabiya hindurchblickt und damit die üblichen Rollen tauscht.

Wenn die Besucher die arabisch-andalusischen Architekturmotive und die Fotografien betrachten, hören sie dazu Musik, Gedichte und Gesänge in Französisch und Arabisch. Dadurch entsteht ein ganzheitliches Ambiente, durch das man vollkommen in Benyahias Welt eintaucht. Es können Gedichte des Dichters, Dramatikers und Romanautors Kateb Yacine gehört werden, der wie Benyahia in der im Nordosten Algeriens gelegenen Stadt Constantine in einer Berberfamilie geboren wurde. Eine andere Brücke zwischen Ost und West schuf Benyahia durch die Zusammenarbeit mit Stickerinnen aus Constantine, um die großen gestickten Rosetten im Innenhof zu schaffen.

Als Reflexion über ihre eigene postkoloniale Erfahrung von Heimatverlust führt die Künstlerin Elemente der vielschichtigen algerischen Identität in eine westliche Umgebung ein. "Ich bewohne den Raum, der sich mir darbietet. Die

mashrabiya symbolisiert eine Möglichkeit des Treffens, des Gesprächs, des Austauschs," erklärt sie. "Bei jedem neuen Projekt bringe ich zwar meine Pläne mit, aber wenn ich den Raum erlebe, mag ich es, das Vorhaben an diesen zu adaptieren... Das bringt mich dem Publikum näher."

Durch die speziellen Arrangements hier nehmen die

mashrabiya das Licht auf und werfen wechselnde Schatten auf die Wände und die Fotografien der Frauen. Die andalusische Architektur des Fowler Museums erlaubte Benyahia, "den Raum [nordafrikanischer] Frauen zu rekonstruieren." Sie hob hervor, dass die Architektur des Museums "perfekt mit meinem Konzept korrespondiert: der quadratische Raum, umgeben von Sälen mit hervorragend großen Bogenfenstern, ein zum Himmel hin offener Hof mit einem Brunnen, die transparenten Fenster, das Wasser, das Licht ... was mir zum ersten Mal ermöglichte, mein Werk in einem realen Kontext zu platzieren."

Im Zentrum des Innenhofs drapiert sie 40 laufende Meter Tüll in einer wellenähnlichen Bewegung auf dem Brunnen. Wenn es regnet, versinkt der Tüll vollständig im Wasser. Von oben gesehen ist es ein Farbton, der an das tiefe Blau des Mittelmeers erinnert. "Es ist eine Installation, die sich mit der Zeit verändert, weil mein Werk auch viel mit dem Ablauf von Zeit zu tun hat." Wenn man die Installation am Tage und bei Nacht sieht, erlebt man sie ganz anders.

Im Gegensatz zum zeitgenössischen Kontext, in dem meist kollektive Identitäten bevorzugt werden und es mehr um den Unterschied als um Ähnlichkeiten geht, bemüht sich Benyahia darum, Vorurteile und Missverständnisse auszuräumen. "Im Lichte aktueller Ereignisse möchte ich ein anderes Bild von der arabischen Frau als das gemeinhin übliche vermitteln. ... Es gibt nicht nur Gewalt, es gibt auch Kultur... Nur auf diesem Wege, über meine Kunst, kann ich das zeigen."

So sind wir nicht nur dazu aufgefordert, Geschlechterfragen und Raumsituationen zu erkunden, sondern auch einen Dialog zwischen Licht und Schatten, Öffentlichem und Privaten, Außen und Innen, Sichtbarem und Verborgenen.

 

<line>Anmerkungen:</line>

  1. Mashrabiya (moucharabieh in französisch): Ursprünglich ein Ort zum Trinken (vom Verb "sharaba" - trinken); ein Fenster oder ein gedrechseltes oder geschnitztes Holzgitter, das vor Sonnenstrahlen und fremden Blicken schützen soll.


Olivia Hampton

In Paris geborene Autorin und Kunstkritikerin; assoziierte Produzentin des NHK (Japan Broadcasting Corporation) Washington Bureau, USA.

(Aus dem Englischen: Binder & Haupt)

Samta Benyahia:
Architektur des Schleiers

28. Jan. – 2. Sept. 2007

Fowler Museum at UCLA
W Sunset & Westwood Plaza
Vereinigte Staaten von Amerika
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