Magazin-Manie bei der Documenta 12

Eine Kritik des Documenta 12 Magazin-Projekts aus südostasiatischer Sicht.
Von Kean Wong | Sep 2007

Nach zwei Tagen oft durchaus nötiger, mitunter intensiver aber langer Diskussionen in der fensterlosen Box eines Besprechungsraumes war die Geduld der etwa ein Dutzend ostasiatischen Herausgeber, Autoren und Kritiker arg strapaziert. Die fest an die Freiheit der Kunst Glaubenden sind im Zusammenhang mit dem Magazin-Projekt der Documenta 12, präsentiert in der Documenta-Halle, von weither nach Kassel gekommen.

Als erster verlor Nirwan Dewanto, assoziierter Herausgeber von Kalam, der wichtigsten Kunstzeitschrift Indonesiens, die Geduld. [1] Er stürmte aus dem Versammlungsraum, nachdem er von fünf Kunstaktivisten und Herausgebern aus Thailand und einer philippinischen Kunstkritikerin enthüllende Aussagen über die fatale Rückkehr der staatlich sanktionierten Zensur in zwei Ländern gehört hatte, die einst als bahnbrechende Demokratien Südostasiens galten.

Die fünf erklärten nacheinander, wie ihre Publikationen durch clevere, komplexe und flexible Veröffentlichungsstrategien die Zensur umgangen haben. Sie benutzten eine Designsprache mit einer Farb- und Grafikikonographie, mit der sie eine vor der massenhaften Alphabetisierung gebräuchliche Praxis wieder aufnahmen. Diese visuell attraktiven thailändischen Druck- und Onlinepublikationen trugen dazu dabei, öffentliche Debatten über das harsche Vorgehen gegen die Demokratie seit dem Militärputsch im letzten Jahr, der den kontroversen aber immerhin demokratisch gewählten Premierminister Thaksin Shinawat entmachtete, anzuheizen. [2]

Aber das war es nicht und auch nicht die faszinierende Diskussion über dezentral in der Diaspora publizierte Medien und die Zensur des kommunistischen Staates, die Hoai Phi und Ly Doi von dem von Vietnamesen betriebenen Webportal talawas [3] ausgelöst hatten, weshalb Nirwan den Raum verließ. Wie er später mit typisch javanesischer Finesse als Entschuldigung anführte, hatte ihn vielmehr die frustrierende Debatte über gemeinsame Strategien und die Möglichkeiten eines Aufbaus gemeinschaftlich zu nutzender Infrastrukturen und Mechanismen im Kampf gegen Zensur in der Kunst und im Leben am meisten aufbrachte. Er sagte, es sei durchaus gut und richtig, solche brisanten Themen bei der Documenta 12 zu diskutieren. Aber wohin könnten solche Diskussionen letztendlich führen und wie nachhaltig würden derartige Kooperationen überhaupt sein können, wenn ein sporadisches Sponsoring bei so etwas wie dem diesjährigen Documenta-Projekt wieder ausbliebe?

Obwohl alle Herausgeber und Kritiker, die in dieser Woche des Treffens ostasiatischer Magazine zusammenkamen, darin übereinstimmten, dass ihre Begegnungen im Rahmen einiger von der Documenta 12 organisierter Konferenzen in Asien und jetzt in Kassel für sie bestärkend waren und die Unterschiede - und viele Ähnlichkeiten - des Kunstpublizierens und der Probleme der Zensur offen legten, reagierten sie auf die von Nirwan hinsichtlich der Ziele des Documenta 12-Magazinprojekts aufgeworfenen Fragestellungen dennoch mit ähnlichen Äußerungen.

Dazu gehörten Fragen wie diese: Warum ist solch eine überdimensionierte Aktion nötig, durch die 90 kulturelle und theoretische Publikationen zusammengeholt werden, um die drei Leitmotive der Documenta 12 zu diskutieren? Warum nicht etwas Konzentrierteres, das sicher nützlicher gewesen wäre als dieser Drang nach dem Repräsentativen, bei dem ein begrenztes Budget unerträglich weit gestreckt wird, so dass nur einige wenige kaum mehr als das Flugticket zu internationalen Konferenzen bezahlt bekommen?

Und dann ist da der Beigeschmack einer neokolonialen Geste im Spiel, weil diese Publikationen aus den von der Documenta 12 "Peripherien" genannten Regionen die viel reichere Metropole des Hauptquartiers des Magazin-Projekts in Wien mit meist gratis gelieferten Ideen, Texten und Bildern füttern und weil sie sogar noch mehr solcher "Reichtümer" zu einer Ausstellung transferieren, die mit einem Fünfjahresbudget von 19 Millionen Euro ausgestattet ist?

Würden andere Prioritäten und eine Neuverteilung von Mitteln nicht bessere Resultate für asiatische (oder lateinamerikanische, oder afrikanische, etc.) Publikationen im permanenten Überlebenskampf bewirken, indem weniger internationale Konferenzen der editorialen Eliten veranstaltet und die eingesparten Mittel stattdessen verwendet werden, um zum Beispiel mehrere Editionen solcher Magazine wie KUNCI [4] in Indonesien oder SentAp! [5] in Malaysia zu sponsern? Solche Nachhaltigkeit würde im Gegenzug helfen, eine kritische Masse an Kunstaktivismus zu entwickeln und mehr kulturelle Debatten zu generieren, meinte die normalerweise sehr höfliche Herausgeberin von SentAp!, Nur Hanim Khairuddin. Und dergleichen hätte gewiss geholfen, FOCAS, das hervorragende südostasiatische Kunstjournal mit Sitz in Singapur, vor seinem Ende zu retten - ironischerweise wurde die letzte Ausgabe von FOCAS am Vorabend des bereits erwähnten, einwöchigen Treffens "Asia Speaking Up!" präsentiert.

Während die meisten dieser asiatischen Publikationen ums Überleben kämpfen - wie SentAp!, das sich mit unbezahlten Artikeln und verzweifelten Geldbeschaffungsaktionen von Ausgabe zu Ausgabe schleppt und sich dabei immer bemüht, allzu große Kompromisse gegenüber dem kommerziellen Markt und den Forderungen der Regierung zu vermeiden - schränkt sich der Raum für freie und offene Diskussionen über Kunst, Gesellschaft und zugespitzte Debatten über staatlich geförderte Utopien zunehmend ein, weil sich die Medien- und Konsumgewohnheiten ändern. Mehrere Teilnehmer des Treffens "Asia Speaking Up!" meinten, während das Streben nach mehr Demokratie in Südostasien nicht zu größeren Freiheiten bei der Kontrolle der Staatsmacht und der Regierung geführt hätte, greife die Freiheit des Konsumierens paradoxerweise immer schneller um sich und wachse fortwährend.

Aber wie der Leiter des Documenta-Magazin-Projekts, Georg Schöllhammer, betonte, war niemand von den eingeladenen Publikationen zur Teilnahme am Projekt gezwungen, wenn die angebotenen Konditionen unzumutbar gewesen wären. "Wir haben die Leute nicht ohne ihren Willen in diese Situation gebracht", verteidigte er sich in einem Interview zwischen den Sitzungen. "Wir waren uns der Widersprüche bewusst, dass wir das entweder durchstehen oder man sich raushalten kann. Die Bedingungen waren immer transparent." "Selbst innerhalb der Documenta musste für das Projekt um Vertrauen geworben werden, und wir haben das Geld selbst beschafft. So war das tatsächlich wie bei einem Ableger einer neoliberalen Firma ... ich hätte es womöglich auch nicht getan, so bin ich im Grunde in derselben Position wie diese Magazine (die das Projekt kritisieren). Entweder man akzeptiert diese Logik und steht das durch und versucht die Antagonismen zu thematisieren oder man hält sich eben raus."

Warum also haben die asiatischen Publikationen angesichts solcher Gegensätze und ihrer dürftigen Ressourcen am Projekt teilgenommen?

Eileen Legaspi-Ramirez vom philippinischen Magazin Pananaw [6] meinte, "jede sich selbst respektierende Publikation müsste einen gewissen Grad an Unbehagen empfunden haben", als dem Projekt bei einem ersten Documenta 12-Treffen in Singapur vorgeworfen wurde, es wildere und dass "das große Monster des Westens überall Inhalte auffrisst bzw. sich einverleibt." Dennoch gab es auch die typische und grundsätzliche Sorge jener aus den "Peripherien", wie der ärmeren Entwicklungsländer überhaupt, durch die Nichtteilnahme an einer solchen globalen Ausstellung könnte man eine Chance verpassen, das Vakuum zur Sprache zu bringen. "Es tröpfelt so wenig Information von dieser Seite des Planeten (Asien) nach Europa, dass es unverantwortlich erscheint, eine derartige Gelegenheit zu verpassen", erklärt Legaspi-Ramirez. "Außerdem gab es einen erkennbaren Unterschied zwischen der Art, in der man sich die Documenta-Ausstellung vorstellte, und der offenkundig pluralistischeren Natur des Magazinprojekts. So war das aus unserer Position in erster Linie eine taktische Allianz."

Für Kathy Rowland, Herausgeberin des Online-Kunstmagazins kakiseni.com [7] aus Malaysia, stand fest, dass das Projekt potenziell "die perfekte Marketingkampagne für die Documenta in einer Region war, in der die Kasseler Ausstellung noch relativ unbekannt ist". Sie fand, es gab ein "aufrichtiges, obwohl unangebrachtes Interesse, einbeziehend zu sein", weil man sich anscheinend gegen die übliche Praxis stellte, nur die "großen Namen, die in den internationalen Ausstellungen zur Mode geworden sind", auszuwählen. "Mein Problem bei der ganzen Sache ist vor allem, dass sich die Kuratoren nie wirklich mit der Realität der Kunstpublikationen in Asien auseinandergesetzt haben, wo wir fast ausschließlich unabhängig, alternativ und selbstfinanziert arbeiten", sagte Rowland. "Selbst nachdem wir ihnen das klargemacht hatten, zogen sie ihren Spielplan einfach weiter durch, uns einzubeziehen, ohne uns wirklich die Art von Unterstützung zu geben, die es uns ermöglicht hätte, einen deutlich spürbaren Effekt zu erbringen, also ein wirklicher Teil des Projekts zu sein." Obwohl sie ihre Kritik am Ergebnis des Projekts aufrecht erhielt und "einige konzeptionelle Lücken in der Art wie es geplant wurde" sah, zögerte sie, in das allgemeine, "trendig verärgerte" Klagen über die Documenta 12 einzustimmen. "Als ein erster Schritt war das Projekt durchaus innovativ... Seine größte Leistung mag darin bestehen, Kontakte und Gespräche ermöglicht zu haben, wie die zwischen Kakiseni, Kunci/CLiCK und Pananaw."

Aber ob solche Beziehungen über die nächste Runde verzweifelter Geldbeschaffung hinaus von Dauer sein können, bleibt offen, gestand Adeline Ooi von Kakiseni ein. Und während die Widersprüche des Magazinprojekts in Kassel oder Wien kaum mehr als eine theoretische Vorstellung sein mögen, schlägt die Wirklichkeit wieder unerbittlich zu, wenn irgendwo in Ostasien ein weiterer Kunstraum schließen muss.

 

<line>Anmerkungen, Links:</line>

  1. Kalam, Indonesien: Artikel von Gina Fairley.
  2. Pananaw, Philippinen; einige Informationen unter: www.exultrade.com/clients/pananaw/
  3. kakiseni.com, Malaysia: www.kakiseni.com


Kean Wong

Freischaffender Journalist aus Malaysia (ansässig in Australien). Schreibt u.a. über modernen Islam, Pop-Kultur und Medien.

(Aus dem Englischen: Haupt & Binder)

'Asia Speaking Up!'
Diskussionen und Workshops, organisiert von Keiko Sei, Herausgeber, Bangkok/Kassel.
17 Herausgeber, Kritiker und Kunstaktivisten aus Südostasien nahmen teil.

6. - 12. August 2007
documenta-Halle
Kassel, Deutschland

Nafas
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