Hier im Zentrum der Welt: Khartum

Künstler verschiedener Länder kooperieren mit Bewohnern von El Diem in Khartoum, Sudan.
Von Schleijpen & Thijsen | Apr 2007

Einen Workshop in Khartum zu organisieren bringt alle erdenklichen komplexen Fragen mit sich, und die offensichtlichste davon ist natürlich, ob es überhaupt angebracht ist, ein Kunstprojekt in der Hauptstadt eines Landes zu initiieren, das sich im Bürgerkrieg befindet. Die teilnehmenden sudanesischen Künstler überzeugten die Veranstalter völlig davon, dass es von großer Bedeutung für sie, für das Kulturgeschehen und letztendlich auch für die Zivilgesellschaft in Khartum ist, an die laufenden Diskurse und den Informationsfluss, der aus solchen internationalen Kunstprojekten resultiert, angeschlossen zu sein. Die Teilnehmer Abdelmoniem Abdiella Hamza, Duha Mustafa Mohamed und Rofyda Nour Aldyn spielten eine wichtige Rolle bei der Vorbereitung und Organisation des Workshops.

In den letzten Jahrzehnten haben die Künstler im Sudan auf Grund der politischen Situation in relativer Isolation gearbeitet. Künstlerische Netzwerke in der Region und mit entfernten Ländern existieren kaum. Die Generation, die ihre Ausbildung gleich nach der Unabhängigkeit des Landes absolvierte, hat noch starke Verbindungen nach Europa und in die arabischen Welt, doch der jungen Generation bleiben solche Möglichkeiten aus unterschiedlichen Gründen verschlossen.

Alle sudanesischen Künstler, die an "Hier im Zentrum der Welt" teilnahmen, haben ihre Ausbildung an der Abteilung Schöne Künste der Sudan-Universität in Khartum erhalten. Der Lehrplan dieser und anderer Kunstinstitutionen in der Hauptstadt beruht im wesentlichen auf dem westlichen Akademismus des 19. Jahrhunderts mit einem gewissen arabischen und afrikanischen Einfluss. Und die Sudan-Universität ist nun mal der Hauptzugang zu einer Reflexion über zeitgenössische Kunst im Lande.

Der Workshop als "Gemeinschaftsprojekt"

Ausgehend vom Titel "Hier im Zentrum der Welt" waren die Teilnehmer aufgefordert, ihren Herkunftsort als Zentrum ihrer eigenen Welt infrage zu stellen. Ein anderer Referenzpunkt, ein temporärer Aufenthalt innerhalb eines neuen kulturellen Umfelds, bricht das Wissen der Künstler über die Welt im allgemeinen wie durch das Prisma der "neuen" Stadt. Um die diversen Facetten des Prismas über die eher vertraute Umgebung des Ateliers oder Kunstzentrums hinaus besser zu erfahren, wurde in jeder Stadt eine Straße als Ort der künstlerischen Auseinandersetzung gewählt. Die Künstler sind aufgefordert, direkt auf der Straße zu arbeiten, mit den Menschen zu reden, deren Alltagsleben auf dieser Straße abläuft, und zu erkunden, wie solche ortsspezifische Interaktion einen größeren soziokulturellen Kontext erhellen kann.

In jeder Stadt hängt der Ansatz dieses Projekts wesentlich von der Verbindung der Arbeitsmethoden und künstlerischen Sprachen der von anderswo und vom Ort selbst kommenden Teilnehmer sowie vom Fokus der künstlerischen Leiter ab.

Von den Künstlern entwickelte Projekte

Der Workshop fand in der El Diem Straße mitten im Viertel El Diem statt, einem sehr lebendigen und beliebten Distrikt. Das Viertel am Rande der früheren britischen Kolonialstadt war ursprünglich für Staatsbeamte der unteren Ränge erbaut worden. Die typischen runden Ziegelsteinhäuser aus dieser Zeit sind noch immer ein vitaler Teil des Erscheinungsbildes von El Diem, so wie auch die Märkte, die sandigen Fußballplätze und die Holzkohledepots. Einige berühmte sudanesische Musiker und Fußballspieler sind in El Diem aufgewachsen. Mit seiner sich ständig ändernden Bevölkerung ist das Viertel ein getreues Spiegelbild der aktuellen Entwicklungen in der Region.

Obwohl versucht wurde, den Anwohnern der El Diem Straße das Projekt zu erläutern, blieb das "Anliegen" des Workshops für die lokalen Bevölkerung im Grunde ein Mysterium, vor allem in den ersten Tagen. Sie fragte sich, ob die Künstler vielleicht Wissenschaftler seien, die Möglichkeiten einer Neubelegung des Gebiets untersuchen. Besonders die älteren Händler waren beunruhigt, weil sie sich noch daran erinnern konnten, wie sie 1949 aus Khartum 2, dem Stadtzentrum von El Diem, vertrieben wurden. Das Konzept eines Kunstprojekts im öffentlichen Raum einem neugierigen sudanesischen Publikum nahe zu bringen war sowohl ein Abenteuer als auch eine überwältigende Erfahrung.

Für Emily Williams (Vereinigtes Königreich) wurde die Geschichte, die ihr ein älterer Geschäftsinhaber des El Diem Marktes am ersten Tag erzählte, zum Ausgangspunkt ihres Projekts. Sie begann, auf dem Markt selbst ein Loch zu graben, um in ältere Erdschichten vorzudringen und die Erde in Flaschen zu sammeln, mit denen sie die verschiedenen Schichten anschaulich machte. Die Flaschen wurden Teil einer Installation, genannt "the office" (das Büro), bestehend aus einem jener Geschirrschränke, die von den vielen Tee-Frauen der Straße benutzt werden. Zum Schluss füllte Emily das Loch mit Erde aus Khartum 2 auf. Mohamed Mohamed, ein Journalist, der in der Sonntagszeitung einen Artikel über den Workshop veröffentlichte, schrieb: "Graben und auffüllen ist wie ein Gedicht für El Diem, für diese Stadt, die auf Sand dahin treibt und sich ständig wie Sand verschiebt."

Die sudanesische Künstlerin Omeima Hasab el Rasoul porträtierte Bewohner von El Diem, wobei sie deren Antlitze mit waberndem Nebel umgab. Sie druckte die Bilder auf Transparentpapier. Diese Fotografien wurden an den Fenstern eines Internetcafés zusammen mit Röntgenbildern präsentiert. Die Künstlerin wollte zum Ausdruck bringen, dass die Probleme der Bewohner von El Diem von der Gesellschaft viel näher wahrgenommen werden sollten.

Der Ausgangspunkt des Gemeinschaftsprojekts von Rofaida Nour Aldyn (Sudan), Julien Grossmann (Frankreich), Harair Sarkissian (Syrien) und Baris Seyitvan (Türkei) ist die geradezu symbiotische Beziehung zwischen Erzählung und Geschichte (Story und History), die es an diesem Ort zu geben scheint. Mit retouchierten Fotografien kreierten sie plausible Ereignisse und Situationen der Vergangenheit, die es in El Diem gegeben haben könnte. Ein lokaler Geschichtenerzähler wurde gebeten, diese Geschichten zum Besten zu geben und vor Publikum spontan auf diese Bilder zu reagieren. Auf poetische Weise hinterfragten die Künstler den absoluten Wert von Bildern in einer Umgebung, in der die orale Kommunikation die Hauptquelle der Wahrheit zu sein scheint.

Dagmar Kriegesmann (Deutschland) reparierte einen ausrangierten Stuhl mit Unterstützung lokaler Handwerker. Sie bat einen Instrumentenbauer, den Stuhl mit Saiten zu versehen, so dass dieses gefundene Objekt zu einem Musikinstrument wurde. Zusammen mit ihm spielten sie in der El Diem Straße ein Musikstück, er auf seiner Gitarre und die Künstlerin auf ihrem Stuhl.

Weggeworfene Sachen und Müll auf der El Diem Straße sind die Bestandteile der Arbeit von Duha Mustafa Mohamed (Sudan). Zusammen mit den Anwohnern sammelte sie den bunten Abfall und modifizierte ihn zu der Aufforderung, der Umweltverschmutzung mehr Aufmerksamkeit zu widmen.

Abu Baker Alkadro (Sudan) interessierte die Darstellung von Füßen in Beziehung zum körperlichen Ausdruck und zum sozialen Umfeld. Als tiefster Punkt des Körpers werden sie oft vernachlässigt. Ein Spiegelbild der Gesellschaft?

Mehreren Künstlern fiel auf, dass es an der El Diem Straße so viele Fußballplätze gibt. Tatia Skirtladze (Georgien) knüpfte ein Netz in Regenbogenfarben für eines der Fußballtore. Die Fußballspieler von Khartum Talathah zertraten die Ornamente von Nikos Doulos (Griechenland). Die Künstler lernten dieses Profiteam kennen, als sie mit ihm in Khartum die Unterkunft teilten. Reine Mahfouz (Libanon) lud die Spieler von Khartum Talathah nach El Diem ein und porträtierte sie auf einem der Fußballplätze als eine Würdigung der Kooperation zwischen El Diem, dem Fußballteam und den Künstlern.

Außerdem sammelte Reine Mahfouz die "Tobe", das traditionelle sudanesische Kleidungsstück, von verschiedenen Frauen, die sie während des Projekts in El Diem traf. Sie wusch etliche der farbenfrohen Tücher und hängte sie auf der Straße zum Trocknen auf, als Einladung an die Frauen, ihre persönlichen Geschichten zu erzählen. Der Tobe repräsentiert den Mut sudanesischer Frauen, vor allen der Tee-Frauen (sie bereiten auf der Straße Tee zum Verkauf), die manchmal unter fast illegalen Bedingungen arbeiten, um ihre Familien zu ernähren.

Man muss nur eines der vielen Friseurgeschäfte in El Diem besuchen, um des multikulturellen Charakters des Viertels gewahr zu werden. Um dieser kulturellen Vielfalt Ausdruck zu verleihen, sammelte Abdel Moniem Hamza (Sudan) in einem dieser Friseurläden Haare und klebte sie auf einem Stück Stoff zu dem Wort "Diem" zusammen. Dann lud er einen der berühmten Sänger des Ortes ein, in diesem Kostüm aufzutreten.

Rana Hamadeh (Libanon) war von der "nomadischen" Natur der Räume in El Diem fasziniert. Räume werden immer wieder aufgebaut und abgerissen und erhalten ständig neue Funktionen. Die Künstlerin sammelte Ziegelsteine an verschiedenen Stellen der Straße, schuf zusammen mit Kindern der Umgebung einen imaginären Raum und dokumentierte die Veränderungen, die mit dieser Konstruktion bis zu ihrem eventuellen Verschwinden vonstatten gingen.

Nisreen Absher (Sudan), Danielle Davidson (Niederlande) und Jae Min (Südkorea) gewannen die Herzen der Bewohner von El Diem, indem sie am Valentinstag eine Eselparade veranstalteten. In enger Zusammenarbeit mit den Besitzern dieser Tiere richteten sie einen Wettbewerb um den am besten geschmückten Esel aus. Indem sie diesen Tieren spezielle Aufmerksamkeit verschafften, sollten sie aufgewertet werden, was sich auch auf den sozialen Status der Besitzer der Esel und ihres Umfeldes auswirkt.

Die Künstler sind überaus dankbar für die Kooperation und die Unterstützung, die sie von den Bewohnern der El Diem Straße erhielten. Andererseits sind die Bewohner stolz darauf, dass ihr Viertel für kurze Zeit Teil des Projekt "Hier im Zentrum der Welt" war.

 

Schleijpen & Thijsen

Gabrielle Schleijpen: Künstlerin, Kunsterzieherin. Leiterin des Studium Generale Program der Rietveld Academie in Amsterdam und Kursleiterin am Dutch Art Institute in Enschede. Alite Thijsen: Künstlerin, Kuratorin und Anwältin. Gründerin der ZET Foundation, Amsterdam. Projektkoordinatorin von "Here as the Centre of the World".

Die Autorinnen danken ganz besonders Mohamed Ahmed Mohamed Fadlalmola, Journalist des Sudany Newspaper, und dem Prince Claus Fund.

(Aus dem Englischen: Binder & Haupt)

Here as the Centre of the World

Workshop in Khartum
5. - 15. Februar 2007

Künstlerische Leitung:
Hester Oerlemans
Künstlerin, lebt in Berlin, Deutschland

Projektmanagement:
Alite Thijsen (Niederlande), unterstützt von Abdelmoniem Abdiella Hamza und Duha Mustafa Mohamed (beide Sudan)

Berater:
Dr. Rachid Diab (Rachid Diab Art Center), Dr. Mieke Kolk (Universität Amsterdam), Neil van der Linden (unabhängiger Beobachter des Nahen Ostens), Rianne Tamis (Bürgerin von Khartum), Omer Terwis (www.artssudan.nl), Geerte Wachter (Prince Claus Fund, Den Haag), Dr. Karin Willemse (Universität Leiden), Gasim Idris (Botschafter des Sudan in den Niederlanden)

Das Konzept von "Here as the Centre of the World" wurde entwickelt von Lucy Cotter, Gabriëlle Schleijpen und Alite Thijsen.

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