Créations artistiques contemporaines en pays d’islam. Des arts en tensions

Créations artistiques contemporaines en pays d\'islam, Hrsg. Jocelyne Dakhlia. Rezension.
Von Sandrine Wymann | Feb 2007

Zeitgenössisches Kunstschaffen in islamischen Ländern. Kunst unter Spannung

Die in diesem Band versammelten Texte entstanden im Zuge von Debatten und Treffen mit Studenten, Akademikern, Künstlern und Autoren, die auf Initiative von Jocelyne Dakhlia [1] zwischen 2000 und 2003 stattfanden.

In einer Zeit, in der die Fähigkeit der islamischen Welt zur Modernisierung wie nie zuvor in Frage gestellt wird, zeigt uns Jocelyne Dakhlia vermittels eines präzisen Panoramas aus vielfältigen Blickwinkeln die neue und wachsende Rolle, die das zeitgenössische Schaffen in ebendieser Welt spielt.

Zum besseren Verständnis dieses Phänomens leitet Jocelyne Dakhlia das Kompendium mit einer Definition ihres Forschungsgegenstands ein. Zuerst trifft sie eine Unterscheidung zwischen der islamischen und der muslimischen Welt, wobei sie die notwendige Distanz zwischen dem Islam als Kultur, Geschichte und Zivilisation und dem Islam als Religion schafft. Jedoch weder in geographischer noch in kultureller Hinsicht existiert eine klare Definition der islamischen Welt. Dakhlia meint, man könne bestenfalls von einem islamischen kulturellen Kontext reden, zu dem sie auch Afrika und die Diaspora zählt. Aber selbst so etwas sei nach ihrer Auffassung künstlich, denn eine einheitliche islamische Welt existiere ebensowenig wie ein homogener "Westen".

Tatsächlich geht es in diesem Buch nicht um eine allumfassende Bestandsaufnahme islamischer Länder oder aus ihnen stammender bzw. mit ihnen verbundener Künstler, sondern es wird vielmehr die gesamte zeitgenössische Produktion islamischer Kultur in Augenschein genommen. Was wird produziert und welche Akzeptanz findet es? So wird die ganze Spanne kreativer Bereiche gesichtet und analysiert: Kino, Literatur, Tanz, bildende Künste und Urbanismus.

Bei den Künstlern von heute, vom Film bis zum Tanz, von der Musik bis zu den visuellen Künsten, ist neu, dass sie über die Grenzen ihrer Länder hinweg agieren, mit der Aufgabe betraut, uns den Glauben zu vermitteln, dass nur Kunst "die Basis für eine 'Versöhnung' mit dem Islam bilden kann, so als wäre sie letztlich der Platz, an dem die Konflikte entschärft, ihrer Substanz entleert werden..."

Die Präsenz der Kunst aus der "islamischen" Welt wird unter anderem von Iolanda Pensa anhand der wachsenden Zahl von Biennalen analysiert. Diese Studie lenkt die Aufmerksamkeit darauf, dass es heute afrikanische Biennalen für jede Disziplin gibt: Ouagadougou für den Film, Bamako für die Fotografie, Antananarivo für den Tanz, Dakar für die visuellen Künste… Diese sowohl hinsichtlich ihrer politischen wie auch ihrer künstlerischen Dimension wichtigen Zusammenkünfte sorgen unzweifelhaft für eine Sichtbarkeit und Aktualität des künstlerischen Schaffen dieser Region der Welt.

In diesem Buch sind Beiträge sehr verschiedener Art veröffentlicht. Einige Artikel beziehen sich auf allgemeinere Themen, wie der von Sylvie Naef mit dem Titel "Entre mondialisation du champ artistique et recherche identitaire: les arts plastiques contemporains dans la Méditerranée orientale" (Zwischen Globalisierung des künstlerischen Feldes und der Suche nach Identität: zeitgenössische bildende Künste im östlichen Mittelmeerraum). Andere sind präzisere Studien über bestimmte Forschungsgebiete oder persönliche und sogar intime Erfahrungsberichte. Die Gegenüberstellung dieses Konvoluts von Ansätzen bietet einen Zugang zum Verständnis der Situation des zeitgenössischen Schaffens in islamischen Ländern. Man kann die zum Teil sehr mangelhafte Qualität der Reproduktionen einiger Werke kritisieren, aber vor dem Hintergrund einer Vielzahl von Analysen solcher Themen wie der Stellung der Frau, religiösem Fundamentalismus oder Migration zeigt uns dieser Band eine andere Aktualität der islamischen Welt: das Zeitgemäße ihrer Kunst.

 

Anmerkung:

  1. Jocelyne Dakhlia: Historikerin, Mitherausgeberin von Annales, Forschungsdirektorin an der École des hautes études en sciences sociales in Paris. Spezialistin für historische Anthropologie des Islam im Maghreb und im Mittelmeerraum. Autorin zahlreicher Publikationen, u.a. Divan des Rois, Le politique et le religieux dans l’Islam (Paris, Aubier, 1998); L’Empire des passions (Paris, Aubier, 2005); Islamicités (Paris, PUF - Coll. Sociologie d’aujourd’hui, 2005).


Sandrine Wymann

Freischaffende Kuratorin. Bis 2005 am Institut Français Casablanca verantwortlich für das Programm visueller Künste. Derzeit bei Editions hors'champs (Marokko/Frankreich) zuständig für Projekte.

(Aus dem Englischen: Pat Binder & Gerhard Haupt)

Herausgeber:
Leitung: Jocelyne Dakhlia
J.-Ch. Depaule, A. Devictor, G. Ladkany, S. Leprun, H. Miliani, S. Naef

Éditions Kimé
Paris 2006
668 Seiten, zahlreiche Abbildungen
Französisch, einige Beiträge in Englisch
Preis: 38 Euro
ISBN : 2-84174-402-7

Éditions Kimé
2, Impasse des Peintres
Frankreich
Website Email

Nafas
Zurück nach oben