SteppenBarock als spirituelle Renaissance

SteppenBarock: die Video- performances der \'Punk-Schamanin\' aus Kasachstan.
Von Jari-Pekka Vanhala | Okt 2007

Die Bühne für Almagul Menlibaevas Videoperformance SteppenBarock (2003) ist eine kahle, offene Steppe - die archetypische "nationale Landschaft" der zentralasiatischen Nomadenkultur. In diesem natürlichen Rahmen sind exakte Informationen über die Zeit und die genaue Position irrelevant; es ist ein Ort jenseits niedergeschriebener Geschichte. Nur die alten Grabmale (Masar), die im Hintergrund erscheinen, verbinden die Szene mit Kasachstan. In dieser Landschaft erscheint eine Gruppe von sieben Frauen wie mythische Naturgeister, gehüllt in farbige, wehende Stoffe und dann auch wieder völlig nackt, mit Schädeln von Totemtieren in ihren Händen als Opfergaben an die Götter. Menlibaeva widmete das Werk ihren sieben Vorfahren, womit sie sich auf die Tradition der Nomaden bezieht, sieben Generation von Ahnen aus dem Gedächtnis aufsagen zu können: Erinnerung schafft Geschichte und Kontinuität.

Der Titel der Arbeit stellt konträre Elemente metaphorisch gegenüber: die Ödnis der Landschaft im Kontrast zur Fülle des Barock. Diese Epoche westlicher Kunstgeschichte als Repräsentation von "Zivilisation" trifft auf die wilde und reine Natur. Die stilistischen Elemente der Barockkunst werden als kapriziöse Gesten wirbelnder gemusterter Stoffbahnen, den materialisierten Bewegungen des Windes, eingeführt. Auch die Präsenz des visuellen Spektakels, hier als ritualisierte Performance dargeboten, ist charakteristisch für die Kunst des Barock. Indem sie den Effekt der Spiegelung nutzt, adaptiert Menlibaeva ein weiteres ikonographisches Element des Barock, mit dem dekorative Schönheit durch perfekte Symmetrie, die immer künstlich, von Menschen gemacht ist, geschaffen wird. Das geteilte Bild lässt sowohl reale als auch symbolische visuelle Perfektion entstehen, in stets wechselnder Form, wie ein Organismus, der nie seinen endgültigen Zustand erreicht. Durch den hypnotischen Rhythmus und die üppigen visuellen Elemente wird das Bild zum Ort eines unbekannten Ritus.

Wichtig für die visuelle Erzählweise Menlibaevas ist auch der vom DJ German Popov, alias O.M.F.O., geschaffene Soundtrack. Er kombiniert verschiedene Elemente, von Volksmusik bis zu aktueller Klubmusik, und assimiliert dabei auf die gleiche Weise wie Menlibaeva verschiedene Ebenen von Zeit und Überlieferungen. Das ist ein Weg, Geschichte, Legenden und Traditionen in unsere Zeit zu bringen.

Menlibaeva definiert sich selbst als "Punk-Schamanin", die die Werte der Natur, der Spiritualität und des Mystizismus in der heutigen Zeit einer Anbetung von Vernunft und Technologie wiederbelebt. Ihr Schaffen kann auch als eine Form feministischer Polemik innerhalb einer Tradition gesehen werden, in der es von berühmten Kriegern und anderen männlichen Helden nur so wimmelt. Als Vertreterin der post-sowjetischen zeitgenössischen Kunst Zentralasiens ist Menlibaeva mutig und einzigartig in der ihr eigenen Weise, die Frau als Heldin des Geschehens zu präsentieren. In SteppenBarock sind die weiblichen Figuren zwar mit der spirituellen Welt verbunden, aber mit ihren langsamen und meditativen Bewegungen behalten sie die Bodenhaftung, im Gegensatz zu den männlichen Heroen ihrer weit zurückliegenden Vergangenheit, die auf den Rücken der Pferde wild über die Steppen ritten. Kein Wunder, dass die blutbefleckten maskulinen Aktionen in Geschichten und Legenden festgehalten wurden, während man über die Frauen schwieg und sie nicht zur Kenntnis nahm.

Menlibaeva sagt, sie möchte den zentralasiatischen Frauen ein Gesicht geben, weil sie der Welt von heute eher unbekannt sind und unbedeutend erscheinen mögen. In den Wirren der Geschichte Zentralasiens ist die weibliche Identität immer wieder von der Politik instrumentalisiert worden: Die Kommunisten machten die Frau Zentralasiens zu einem Symbol ihrer zivilisatorischen Mission und propagierten die starke und selbstdisziplinierte Arbeiterin als das Frauenideal. Heutzutage sind solche Kraft und Disziplin tatsächlich vonnöten, um mit den neuen Gegebenheiten zurechtzukommen, denn der Übergang zur Marktwirtschaft hat das tägliche Leben und die sozialen Rollen in Zentralasien grundlegend verändert. In Menlibaevas Kunst erscheint die Frau als eine kraftvolle Matriarchin der nomadischen Epoche, unabhängig und frei von patriarchalischer Kontrolle und Unterdrückung. Mit der unverholenen Feier des traditionellen Schamanismus und der weiblichen Nacktheit, die während der Sowjetzeit, als das kommunistische Regime das kulturelle und religiöse Erbe Zentralasiens zähmen und in die Sowjetideologie assimilieren wollte, verboten waren, verkündet SteppenBarock die neue potenzielle Freiheit des Individuums.

Dank der Existenz solcher originellen und talentierten Künstlerinnen und Künstler wie Almagul Menlibaeva ist heute eine Renaissance der zentralasiatischen Kultur möglich. Doch diese kann nur zustande kommen, wenn sie nicht von oben dirigiert und für politische oder ideologische Zwecke ausgenutzt wird. Wenn der Reichtum der Traditionen in die Form von Souveniren gezwängt und als ein Instrument der Herausbildung der Nation missbraucht wird, behindert das die zeitgenössische Kultur und macht ihre normale Entwicklung unmöglich. Die Kultur kann nicht mit der Pausentaste in eine "Standby"-Position gebracht und gewiss auch nicht einfach vom Tode wiedererweckt werden. Eine "Zombie-Kultur" kann nie länger als bis zum nächsten Morgen dauern.

In ihrer Kunst geht es Almagul Menlibaeva nicht darum, radikale politische Haltungen einzunehmen, um die Leute oder das System zu schockieren. Sie möchte vielmehr auf ihre persönliche Weise zeigen, wie reich und vielfältig die Möglichkeiten sind, eine zeitgenössische kasachische Kultur zu schaffen, ohne auf die eigene Integrität zu verzichten, ohne sich komplett vom "Osten" oder "Westen" assimilieren zu lassen. Die "mythopoetische Erzählweise" von SteppenBarock stellt eine Form einer "spirituellen Renaissance" dar, nicht durch Konflikt, sondern durch Harmonie.

 

Jari-Pekka Vanhala

Kunsthistoriker, Kurator am Museum für Zeitgenössische Kunst KIASMA in Helsinki, Finnland.

(Aus dem Englischen: Haupt & Binder)

SteppenBarock. 2003
Video, 11 Min.

Nafas
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