Adel Abidin: Baghdad Travels

Über \"Abidin Travels - Willkommen in Bagdad\" im Nordischen Pavillon der Biennale Venedig 2007.
Von Laura U. Marks | Jul 2007

Adel Abidin war schon Künstler, als er Bagdad im Jahr 2000 verließ und nach Helsinki übersiedelte. Damals war der Irak von Saddam Hussein unterdrückt und durch die Sanktionen gelähmt, unter denen die Bevölkerung seit dem Krieg von 1991 litt. Obwohl katastrophale Ereignisse das Land seit seinem Weggang erschütterten, kann man mit Fug und Recht annehmen, dass Abidins menschliche Qualitäten und seine Sensibilität als Künstler voll ausgeprägt gewesen sind, als er aus seiner Heimat emigrierte. Wenn wir die im Exil entstandenen Werke betrachten, können wir also davon ausgehen, die wirklichen Qualitäten von Adel Abidin zu sehen, und tatsächlich sind sie erkennbar: eine gewisse Zärtlichkeit, ein trockener Humor, eine Vorliebe für dezente Farben, ein Interesse für die subtile Ausdruckskraft taktiler Oberflächen und den Respekt für zurückhaltende Linien.

Es ist ein merkwürdiger Widerspruch, dass das Leben in Helsinki Adel Abidin die Zeit und die Möglichkeiten gab, sein kreatives Schaffen zu entwickeln und ihm die Pflicht auferlegte, sich aus der Distanz über die zunehmend schreckliche Situation in Bagdad zu äußern. Wenn ich die Bandbreite der starken und vielgestaltigen Kunstwerke betrachte, die er seit seiner Ankunft in Finnland produziert hat, habe ich den Eindruck, dass sich Abidin konzentrieren musste, um den Erfordernissen des Exils gerecht zu werden. Damit seine Werke in Finnland etwas über den Irak aussagen können, muss er ständig die Wahl zwischen er selbst sein und kommunizieren treffen. Manche Exilanten bzw. Immigranten fühlen sich "mehr als sich selbst", nachdem sie emigriert sind, aber ich denke, die meisten finden, dass ihr tatsächliches Wesen durch die Kommunikation im Grunde weniger wahrgenommen wird. Für Abidin ist es so, als ob er im Irak ein großes Fenster gehabt hätte, durch das er sprechen konnte, doch gab es nur wenige Zuhörer. Die Emigration komprimierte Abidin, reduzierte seine vielen menschlichen Charakterzüge und Eigenarten auf Abidin den arabischen Künstler, Abidin den irakischen Künstler in Finnland, Abidin den während des Krieges und der Okkupation des Irak in Finnland lebenden Iraker. Der Raum der Kommunikation ist auf eine kleine Öffnung verengt. Aber jetzt sind auf der anderen Seite dieser Öffnung viele Leute, die darauf warten, etwas von ihm zu hören - oder zumindest von dem, was er für sie repräsentiert. Deshalb muss er alles hinausschreien. Direkte Kommunikation, bittere Ironie und scharfer Humor müssen anstelle von Subtilität treten.

Natürlich resultieren die Veränderungen in Abidins Schaffen nicht allein aus seiner Emigration, sondern auch aus dem Höllensturz des Irak seit der amerikanischen Invasion 2003. Einerseits ist sich Abidin des besonderen Leidens der Menschen im Irak tiefer bewusst als die meisten seiner westlichen Gesprächspartner, und andererseits kann er dieses Leiden nur in allgemeinen Zügen beschreiben, die seinem Publikum begreifbar sind. Verschiedene Werke von Abidin seit 2003 haben auf die oberflächliche, pornografische Art reagiert, in der westliche Medien den Irak und die Iraker vor allem als stumm und ablehnend darstellen. Die Vorurteile und Ignoranz selbst der wohlgesinntesten Westler gegenüber den Irakern, Muslimen und Arabern tauchen während der ersten Kriegsjahre in Abidins Werken mehrfach auf. In seinen Gemälden und Videos weigert er sich, die westliche Neugier und Stereotypen zu befriedigen und betont demgegenüber die Unmöglichkeit, den Blicken von Außenstehenden das Ausmaß des Schreckens in Bagdad nach der Invasion zu vermitteln. Im Gegensatz zu den Medienberichten über die vom Krieg verursachten Verwüstungen im Irak vertritt er in seinen 2003 bis 2005 geschaffenen Werken die Auffassung, das Geschehene sei zu grauenvoll, als dass sich ein adäquater Ausdruck dafür finden ließe. Doch in jüngster Zeit äußert sich Abidin in seinem Werk mit viel mehr Nachdruck.

Die Installation "Abidin Travels" (2006), eine fiktive Reiseagentur mit Bagdad als einzigem Reiseziel, ist die radikalste Arbeit des Künstlers. Aber hier ist die kommunikative Absicht der grafischen Gestaltung unumstößlich und gewaltsam gebrochen. Das "geschmackvolle" Design des Reiseprospekts, die billige Grafik des Werbevideos und vor allem die unverholene Plattheit des Touristenvideos "kommunizieren" mit aller Härte. Die Broschüre betont rundweg: "All die schönen Orte, über die Sie gelesen haben könnten, sind entweder zerstört oder geplündert. Es sind tatsächlich keine Sehenswürdigkeiten übrig geblieben." Sie empfiehlt, dass es bei einer Explosion das Beste sei, sich verwunden zu lassen, damit man nicht selbst als Terrorist gilt. In dem bitter sarkastischen Werbevideo zählt eine optimistisch klingende weibliche Stimme mit amerikanischem Akzent die touristischen Attraktionen von Bagdad auf, "das noch schlagende Herz dieser historischen Zivilisation". Anscheinend wendet sie sich an die einzigen "Touristen" im Irak, die amerikanischen Besatzungssoldaten. Das Video hebt die Verlogenheit der Okkupation hervor, wenn es die Soldaten in ihrer Freizeit zeigt, alkoholische Getränke saufend, schwimmend und am 4. Juli musizierend. Die Stimme beschreibt enthusiastisch die geografischen Gegebenheiten der Stadt, wichtige Denkmäler und Museen, großartige Restaurants und gastfreundliche Menschen. Aber diese Litanei wird durch Bilder "illustriert", die mehr als ironisch sind: zerstörte Gebäude, weinende Frauen, Fernsehgeräte aus Regierungsgebäuden schleppende Plünderer ("Bagdads Bewohner sind für ihre Gastfreundlichkeit bekannt"), ein brennendes Polizeiauto ("Willkommen in Bagdad!") und allgemeine Verwüstung. Viele Bilder sind schwer zu ertragen: Leichen, ein Haufen lebloser Körper, ein totes Kind, ein vor Schmerz schreiender, blutender Mann, exhumierte Knochen und Schädel. Diese Bilder sind eindeutig und es ist möglich, die Körper als menschliche Wesen zu erkennen, als Individuen, die noch vor kurzem am Leben waren, und die Qual der Lebenden physisch zu spüren.

Die Bilder des toten, verstümmelten Fleisches und die Agonie der Menschen sind die radikale Grenze dessen, was ich "malerisch" genannt habe. Sie sind das, was nicht kommuniziert werden kann und was zu heftig ist, um es nachzuempfinden, ohne selbst verwundet zu werden. Der gewaltige Kontrast zwischen diesen Bildern und dem touristischen Diskurs stellt die amerikanische Okkupation und ihre Propaganda als abscheulich, als obszön, bloß. Abidin Travels öffnet demzufolge einen Abgrund zwischen dem, was über das Leben in Bagdad heutzutage kommunizierbar ist, was klar erkennbar eine Ansammlung von Lügen ist und was sich nicht mitteilen lässt, weil es zu real ist: und in diesen Abgrund fällt man.

Ebenfalls 2006 schuf Abidin eine Videoinstallation mit dem Titel Construction Site (Baustelle), in der wir in Großaufnahme die Hände eines kleinen Mädchens sehen, das Kieselsteine mit Plastiklöffeln umschippt, wobei wir es ein melancholisches Liebeslied singen hören. Um das Video anschauen zu können, muss man sich zu einem kleinen Trümmerhaufen hinunterbücken, so dass man sich dem Mädchen ganz nahe fühlt. Abidin merkte an, dass er diese Szene "in einer Straße in Bagdad kurz nach einer Explosion" gefilmt hat. Die Arbeit ist kraftvoll, weil sie mit dem Leben zu tun hat und gleichzeitig eine politische Aussage trifft, sowohl malerisch als auch grafisch. Die Installation selbst bringt uns der Spezifik des Universums des Kindes näher, der Intensität seines Spiels des Steine Bewegens, seinen hübschen pinkfarbenen Plastiksandalen. In diesem Kontext ist das Werk grafisch und lässt uns fragen: Was geschieht mit den Kindern, deren Bezugspunkt die anscheinend zufällige Gewalt im Bagdad von heute ist? Wenn es ringsherum Zerstörung gibt, kann ein Kind dabei seine Psyche durch kleine Akte des Bauens retten?

Diese Werke aus nur wenigen Jahren zeigen, wie Adel Abidin auf den wachsenden Druck reagiert, der ihn zum Kommunizieren zwingt - als Iraker im Westen, als jemand der die Erfahrung der Iraker einem durchaus bereitwilligen Publikum übersetzt, als jemand der weiß, dass Erfahrung nicht wirklich kommuniziert sondern nur selbst gefühlt werden kann.

Dem Malerischen in seiner taktilen Intimität ist ein Sinn von Menschlichkeit und deren Fragilität eigen. Das Grafische bedeutet, Intimität zugunsten von Kommunikation zu opfern: Die Grafik dient dazu, etwas deutlich mitzuteilen, sei es im geschriebenen Wort oder als Grafikdesign. Wenn Abidin also das Grafische einsetzt, geschieht das mit einem Gefühl von Verlust.

 

Auszug aus "Adel Abidin: This Land Is Your Land," einem Essay in Framework, Nr. 7, Seiten 80-87, erschienen als Beitrag zum Pavillon der nordischen Länder bei der Biennale Venedig 2007.

Laura U. Marks

Medientheoretikerin, Kuratorin und Assistenzprofessorin an der School for the Contemporary Arts, Simon Fraser University, Vancouver, Kanada. Website: http://www.sfu.ca/~lmarks/

Abidin Travels - Wilkommen in Bagdad

Nordischer Pavillon
52. Internationale Kunstausstellung, Biennale Venedig

10. Juni - 21. Nov. 2007
Venedig, Italien

Nafas
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