sentAp! – Kunst ohne Vorurteil

Kunst ohne Vorurteil. Magazin aus Malaysia, veröffentlicht in English von Nur Hanim Khairuddin.
Von Gina Fairley | Sep 2006

In Asien Kunst zu verlegen ist ein Tanz mit dem Sensenmann[1]. Während Herausgeberinnen und Herausgeber vor ihren leuchtenden Laptop-Bildschirmen sitzen, schwebt über ihnen das Damoklesschwert aus Finanzierung, Vertrieb und Zensur. Unter solchen Umständen ist es nicht einfach, eine Zeitschrift zu gründen und am Leben zu erhalten. Allen Widrigkeiten zum Trotz ist Malaysias jüngste Kunstzeitschrift

sentAp! inzwischen vier Ausgaben alt.

In den letzten Jahren haben Printmedien in der Region mehr und mehr an Bedeutung verloren. Dies betraf z. B. Zeitschriften wie

Focas und

Vehicle in Singapur,

transit und

Art Manila Quarterly auf den Philippinen oder

art corridor und

Tanpa Tajuk in Malaysia. In zunehmendem Maße laufen ihnen Internetseiten, Blogs und Online-Veröffentlichungen den Rang ab. Was, so fragt man sich, soll aus der Unvergänglichkeit des gedruckten Wortes werden, wenn es nach und nach durch virtuelle Äußerungen ersetzt wird?

Im Rahmen der documenta 12 sprach Anfang dieses Jahres der Herausgeber von

sentAp!, Nur Hanim Mohamed Khairuddin (Hanim), auf einem Forum für südostasiatische Kunstpublikationen über deren Notwendigkeit:

"... das Tempo ist weniger wichtig als die Frage des Dialogs.... Es geht nicht unbedingt um Käufer, sondern um Leser. Entscheidend ist die Verbreitung von Informationen."[2]

sentAp! ist ein Akronym für "Seni Tanpa Prejudis" – Kunst ohne Vorurteil. Das malaiische Wort "sentap" bedeutet "hochheben" oder "(mit einem Ruck) herausreißen". Zusammen mit dem Künstler Roslisham Ismail als Produktionsmanager hat Hanim aus dieser eindeutigen Vision eine Vierteljahreszeitschrift gemacht.

Ebenso wie die Kunstgemeinde Malaysias ist

sentAp! jung, aufgeweckt und brennt darauf, neue Ideen und Ausdrucksmöglichkeiten zu entdecken. Bisher hat es die Zeitschrift geschafft, sowohl auf dem Kaffeetisch als auch auf dem Büroschreibtisch zu Hause zu sein; sie ist weder in kommerzielle Banalität noch in intellektuelle Geschwollenheit verfallen. Ihr großes Zeitungsformat ist zwar wenig ergonomisch, erlaubt jedoch einen ungezwungenen Ton, der die malaysische Leserschaft in ernsthafter Kritik schult. Irgendwo muss man anfangen, und wenn man sich im weniger "kommerziellen" Bereich der Kunstpublikationen bewegt, muss man durch intellektuelle Strenge die richtige Balance oder den gemeinsamen Nenner mit dem Publikum finden. Man muss wissen, dass Zeitschriften wie das amerikanische

Art Forum in Malaysia regelmäßig zensiert und mit einem Aufkleber quer über das Titelbild versehen werden, auf dem steht: "Seiten vom KDN (Ministerium für innere Angelegenheiten) zensiert". Derlei Zeitschriften sind nur schwer zu bekommen und zu teuer, als dass Künstlerinnen und Künstler sie sich leisten könnten, wodurch ihnen der Zugang zum internationalen Kunstdialog unmöglich gemacht wird. Auch wenn der "Ruck" noch keine klare Richtung hat, steht

sentAp! für Kunst ohne Vorurteil und fördert den Dialog über geographische Grenzen hinweg.

Die Reaktionen des malaysischen Kunstpublikums auf

sentAp! waren allerdings gemischt.

sentAp! wurde für seinen Dilettantismus kritisiert und weil es sich "in zu starkem Maße die Ideen und Ansichten junger Autoren zu Eigen macht"[3]. Da die finanziellen Mittel fehlen, um erfahrene Kunstjournalisten aus der Region bezahlen zu können – das Produktionsbudget umfasst lediglich 5 000 Ringgit Startkapital von der Balai Seni Lukis Negara (Nationale Kunstgalerie von Malaysia) sowie die Einnahmen aus den im Heft platzierten Werbeanzeigen – zielen die Herausgeber darauf ab, den professionellen Kunstjournalismus Malaysias für die Zukunft zu entwickeln. Kunstkritik war in Malaysia schon immer eine heikle Angelegenheit. Man muss sich nur die Kommentare in der Themenausgabe der Zeitschrift

art corridor zum Thema "Kritik" vom Juli 2003 in Erinnerung rufen:

"... Trotzdem sind zeitgenössische Kunstjournalisten offensichtlich unfähig (oder unwillig), sich mit weiter gehenden – sozialen, politischen oder wirtschaftlichen – Zusammenhängen herumzuschlagen, die den zeitgenössischen Kunstbetrieb in Malaysia beeinflussen.... Die Kunstkritik im heutigen Malaysia leidet unter der völligen Abwesenheit jeglicher Spannung."[4]

Sie ist eine Litanei von Klagen, ein provinzielles Forum, das jegliche Weiterentwicklung verhindert. Diese Armut an kritischen, intellektuellen Kommentaren wurde von Künstlern und Kritikern wiederholt angeprangert, und zwar nicht nur in Malaysia, sondern in der gesamten Region. Und durch den fehlenden Raum für Kunstkritik in den vorherrschenden Medien und durch Ausstellungskataloge, die kaum mehr als der Versuch einer Ehrenrettung sind, wird dieser Missstand weiterhin aufrechterhalten.

sentAp!versucht aufrichtig, diesen Kreis zu durchbrechen. Regelmäßig werden Artikel über die zeitgenössische Kunstpraxis und die alternative Kunstszene der Nachbarstaaten Philippinen, Indonesien und Thailand veröffentlicht. Durch Einbettung der malaysischen Kunst in den Kontext der gesamten Region bestätigt

sentAp! ihre Stellung in einem blühenden Kunstumfeld. Um diese Position zu stützen, entschied man sich bei

sentAp!, nicht auf Malaiisch, sondern auf Englisch zu publizieren – eine Entscheidung, die von einigen Kreisen in Malaysia scharf kritisiert wurde und zur Ablehnung durch die wichtigste malaysische Kunstschule führte.

"Unser Ziel ist es, die malaysische Kunst einem internationalen Publikum nahe zu bringen, daher ist es zum gegenwärtigen Zeitpunkt notwendig, uns der englischen Sprache zu bedienen."[5]

Die Zeitschrift

sentAp! ist immer noch dabei, in ihre Rolle hineinzuwachsen, aber sie bietet eine Möglichkeit, sich von Vergangenem zu befreien. Durch regionales Denken, die Förderung junger Autorinnen und Autoren und somit auch die Förderung der Entwicklung eines regionalen Umfelds scheint sie die richtige Balance für Malaysia gefunden zu haben. Und durch eine größere Verbreitung wird

sentAp! noch besser gedeihen – das Blatt ist es auf jeden Fall wert, gelesen zu werden.

 

<line>Anmerkungen:</line>

  1. Sensenmann – eine Personifizierung des Todes als ein in einen schwarzen Umhang gehüllter Mann, der eine Sense hält.
  2. documenta 12 – Forum für südostasiatische Kunstherausgeberinnen und herausgeber in der Galerie "The Substation" in Singapur 2005
  3. Nur Hanim Mohamed Khairuddins Leitartikel in sentAp!, Ausgabe 4, Juli 2006
  4. Khoo, Eddin, "Art Criticism in Malaysia – The Problem of Writing Malaysian Art", veröffentlicht in art corridor, Ausgabe 11: Art Criticism in Malaysia, Juli 2003.
  5. E-Mail-Korrespondenz mit Nur Hanim Mohamed Khairuddin, Juli 2006


Gina Fairley

Freischaffende Publizistin, pendelt zwischen Australien und auf den Philippinen. Sie lebte 2005 in Malaysia.

(Aus dem Englischen: Frank Süßdorf)

sentAp!

Erscheint vierteljährlich in einer Auflage von 1.000 Exemplaren. Erhältlich an verschiedenen Orten in Malaysia und über Gasworks in London.

Herausgeberin:
Nur Hanim Mohammed Khairuddin

Produktion:
Roslisham Ismail

Verlag:

Teratak Nuromar
27, Laluan Tasek Timur 12, Taman Seri Dermawan
Malaysia
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