Younès Rahmoun: Wahid

Performance und Video des marokkanischen Künstlers im Kontext seines Schaffens.
Von Abdellah Karroum | Jan 2006

Das Werk von Younès Rahmoun ist nicht etwa eine Reaktion auf die Globalisierung durch "Nativismus" oder Identitätsrückzug (ethnische, kulturelle, religiöse Abschottung - Anm. d.Ü.) [1]. Es ist vielmehr der Ausdruck einer "Präsenz in der Welt" und einer Aneignung der Medien, der technologischen oder linguistischen Werkzeuge, die ihm zur Verfügung stehen, wo immer er sich gerade befindet. Es kommt auf den kulturellen Hintergrund des Lesers dieser Zeilen an, ob es ihm absurd erscheinen mag, die Werkzeuge, die der Künstler benutzt, zu "rechtfertigen". Aber in Künstlerkreisen ist die Idee verbreitet, dass die Nutzung der neuen Technologien ein Akt des Widerstands gegen den Identitätsrückzug in islamischen Ländern und im islamischen Extremismus sei.

Die Werke von Younès Rahmoun sind als friedfertige Gesten gemeinte Erweiterungen seiner selbst. Fasziniert vom Gedankengut und den Praktiken des Sufismus bedient sich Younès Rahmoun in seiner Arbeit der Wiederholung, Beschwörung, Konzentration, des Insistierens, der Vollendung, des Unvollendeten, der Anwesenheit und des Mitdabeiseins. Einige seiner Zeichnungen haben mit Architektur und Mathematik zu tun; und das kann leicht auch mit jenen universellen räumlichen und ornamentalen Gestaltungen in Zusammenhang gebracht werden, bei denen sich byzantinische und andalusische Kunsthandwerker hervorgetan haben.

2001 markiert das Werk "Subha" (Rosenkranz) den Beginn eines bewusst spirituellen Ansatzes. Formvariationen (Nakhla), Konstruktionen (Mühlsteine im Rif-Gebirge) und Objekte (Glasrahmen und Papierobjekte) haben ihn in die Lage versetzt, einen scharfen Sinn für skulpturale Materialien und gezeichnete Gegenstände zu entwickeln. "L’objet désorienté" (Das desorientierte Objekt) [2] war die erste Ausstellung von Younès Rahmoun außerhalb Marokkos. Von diesem Moment an begann er, sein Œuvre bewusst aufzubauen.

Wahid (Eins), hypermaterielle Verlängerung des Immateriellen

Younès Rahmoun arbeitet in einem Kontext, in dem die Darstellung des Körpers normalerweise "verboten" ist. Allerdings entspricht einem Video nicht dieselbe Definition des Verbotenen wie einem Gemälde. Einerseits hat das damit zu tun, dass die Technik des Videos noch nicht existierte, als diese "Gesetze" formuliert wurden. Andererseits ist das Videobild nur ein Zeugnis, eine Illustration und nicht eine Schöpfung im Sinne einer Konkurrenz zu Gottes Schöpfung (religiöse Kräfte sehen das Video nicht als Schöpfung an und benutzen es sogar in ihren Predigten...).

Bei der Performance "Wahid" ist der Künstler im Ausstellungsraum physisch anwesend und agiert in Echtzeit. Er platziert sich im Zentrum des Raumes vor dem Publikum, den Blick gen Mekka gewandt (Richtung Osten). Er sitzt mit untergeschlagenen Beinen auf einem schwarzen Tuch, in eine schwarze Djellaba gehüllt (marokkanisches Gewand - Anm.d.Ü.), mit der Kapuze über Kopf und Gesicht. In dem völlig stillen Raum beginnt er das Wort "Wahid" meist in exakt 99 Sekunden 99 mal wie eine Beschwörungsformel zu wiederholen. Diese Erfahrung seines "Hier und Jetzt"-Stadiums ist nicht wahrheitsgetreu zu beschreiben, weil eine solche "Dokumentation" immer nur eine Übersetzung sein kann. Wenn man dem nicht in Echtzeit beiwohnt, ist die Begegnung mit dem immateriellen Werk nur auf ein Zeugnis beschränkt, ein hypermaterielles Dokument, fein transkribiert von Neuronen, die in Aktion treten, um elektronisch eine Erinnerung an die Erfahrung einzufordern.

Das Video übernimmt die Übertragung der Geste. Sein Einsatz ist hier mehr symbolisch als technisch. Video ist ein Werkzeug für die Verstärkung des Agierens des Künstlers und der Multiplikator seiner Präsenz. Der Film - die Spur der Präsenz des Künstlers, nachdem die Performance vorrüber ist - wird von einem fixen Punkt aus produziert und rahmt die Hände mit den Fingern ein, die sich während des Zählens zum Rhythmus der Stimme bewegen. Das Video ist durch einen Effekt der Symmetrie bestimmt, sowohl in visueller wie auch in klanglicher Hinsicht. Mit dieser ersten Videoarbeit hinterfragt der Künstler die Erinnerung an die Performance, eine Art Skulptur, die darum bemüht ist, der Zeit durch Meditation zu begegnen.

Die Geschichte von "Wahid" beginnt 2001 in Paris während eines Künstleraufenthalts von Younès Rahmoun, bei dem er anfängt, sich für neue Technologie, Video und Sound zu interessieren. Erste Experimente im Zusammenhang mit der "Wahid"-Performance bestanden in Tonaufnahmen. Selbst wenn sie nie öffentlich präsentiert wurden, sind sie die "technischen" Voraussetzungen für die spätere Nutzung von Videobildern und ihrer Macht der "Reproduzierbarkeit".

In der Ära des "Diversen", Multiplen und Multikulturellen untersucht Younès Rahmoun das Einzigartige, das Selbst, die absolute Referenz. Indem er das tut, ist er fremd oder "einzigartig", je nach dem Kontext.

"Mit Wahid ist das Eine, das Einzige, das Einzigartige gemeint. Für mich bedeutet 'Eins' auch Allah (Gott). Im Islam hat Gott 99 Namen; der muslimische Rosenkranz hat 99 Perlen. Meine Körperhaltung bei dieser Performance bezieht sich eher auf den Buddhismus (Zen). Die Wiederholung dieses 'vieldeutigen' Wortes in einer solchen sitzenden Position von universaler Konnotation übermittelt eine Botschaft des Friedens und der Toleranz. Die Videoperformance symbolisiert die Öffnung hin zu anderen Weltkulturen und -religionen." (Younès Rahmoun) [3]

2005 beschloss Younès Rahmoun, einen durch den "ghorfa" (kleiner Raum unter der Treppe, der das Atelier des Künstlers ist) inspirierten Raum für die Arbeit und Meditation zu rekonstruieren und diesen dem Publikum zur Verfügung zu stellen. In "Al-ana / Hona" (Jetzt / Hier) [4] wird der Künstler einen oder mehrere Zimmer schaffen, die seinem "ghorfa" im Elternhaus in Tétouan identisch sind und die jedem zur Nutzung bereitstehen, der den "Raum für Arbeit, Ausstellung und Meditation" erleben will.

Über formale und spirituelle Fragen hinaus unterbreitet der Künstler die Erfahrung des Werkes und lädt das Publikum in einen "wiedererschaffenen" intimen Raum ein. In dieser identischen Reproduktion seines Arbeitsraumes (ghorfa) können wir auch die Beachtung der Symmetrie wahrnehmen, die in den arabischen Künsten und Wissenschaften so stark präsent ist. Younès Rahmoun nimmt diese Praxis in Anspruch, wobei er dem Publikum seine Imagination stiftet und seinen Arbeitsraum gegen eine Zeit der Begegnung mit dem Anderen eintauscht.

 

<line>Anmerkungen, Links:</line>

  1. Die Praxis der jungen Generation marokkanischer Künstler vollzieht sich nicht innerhalb der Problematik der postkolonialen Ablösung, so wie es in den 1960er und 1970er Jahren mit der Verwendung von Zeichen der Berber und arabischer Kalligraphie der Fall war.
  2. 1999, als er noch Student am Institut der Schönen Künste in Tétouan war, wurde Younès Rahmoun zur Teilnahme an der Ausstellung “L&apos;objet désorienté” eingeladen, die Jean-Louis Froment im Musée des Arts Décoratifs in Paris und in der Villa des Arts in Casablanca organisierte.
  3. Statement von Younès Rahmoun, aufgezeichnet von Abdellah Karroum, veröffentlicht im Buch "L&apos;œuvre plus que jamais" (Protokolle der gleichnamigen Konferenz), éditions hors&apos;champs, 2005, S. 120.
  4. Der Vorschlag von Younès Rahmoun für das Projekt Co-présences, das im Februar 2006 in L&apos;appartement 22 (Rabat, Marokko) und im April 2006 in der École des Beaux-Arts in Aix-en-Provence (Frankreich) stattfindet. www.copresences.net


Abdellah Karroum

Unabhängiger Kurator und Kunstkritiker. Gründer/Direktor von L'appartement 22 in Rabat, Marokko. Lebt dort und in Paris, Frankreich.

(Aus dem Englischen: Binder & Haupt)

Younès Rahmoun:
Wahid. 2003
Video, 1'39''

Das Video wurde in einer 99er Auflage von "hors'champs" produziert. Jedem Exemplar ist eine Originalzeichnung beigefügt.

Nafas
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