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Nafas: Einführung

Positionen aktueller Kunst aus der islamisch geprägten Welt

Fragt man Arabisch, Farsi, Urdu, Malay oder Indonesisch sprechende Menschen, was sie unter nafas verstehen, wird man annähernd die gleiche Antwort erhalten: Atem, Atemzug, Hauch. Eine Abwandlung gleichen Ursprungs ist das türkische nefes. Das Wort erscheint in vielfältigen Kombinationen und Nuancen, meist offenbar in positiven Zusammenhängen. Nafas kann im Sinne von "einen langen Atem haben" auftreten, also Schwierigkeiten beharrlich durchzustehen, und auch eine erfrischende Brise sein, etwas das Qualen lindert. Wenn jemand bestimmte Tätigkeiten besonders gut verrichtet, z.B. hervorragend kocht, heißt es, er oder sie hätte nafas - Talent, eine besondere Art, einen persönlichen Stil auf diesem Gebiet. Gelegentlich wird nafas mit der Bedeutung von Freiheit assoziiert, so im Sufismus, einer mystischen Strömung des Islam. Die Wurzel des Wortes ist nafs, was im Arabischen Selbst oder Seele bedeutet und als die dynamische Kraft gilt, die dem Körper am Beginn des Lebens eingehaucht wird.

Wegen solcher Konnotationen und der Präsenz in derart vielen Kulturen der islamisch geprägten Welt wurde Nafas als Titel und Metapher für das Konzept und den Rahmen dieses Projekts gewählt. Von besonderer Bedeutung war dabei, dass das Wort etymologisch eng mit der Existenz des Einzelnen verbunden ist und sich einige seiner Ableitungen direkt auf das kreative Schaffen übertragen lassen. Denn bei allen übergreifenden Momenten, die der Idee einer solchen Ausstellung zugrunde liegen, geht es zuallererst um den Zugang zu individuellen künstlerischen Positionen, wozu neben dem unmittelbaren Kunsterlebnis auch die Vermittlung von persönlichen, kulturellen, sozialen und anderen Kontexten gehört. Wenngleich das bei jeder Kunstausstellung selbstverständlich sein sollte, scheint der ausdrückliche Hinweis in diesem Falle angebracht. Allzu oft weckt der eine konzeptionelle Klammer bildende Terminus "islamisch geprägte Welt" stereotype Vorstellungen, die der komplexen Realität in keiner Weise entsprechen und einer vorurteilsfreien Begegnung mit der Kunst im Wege stehen.

Es mag problematisch erscheinen, dass diese Formulierung im Untertitel von Nafas überhaupt vorkommt, suggeriert sie doch eine vereinheitlichende Sicht der Länder und Regionen mit mehrheitlich muslimischer Bevölkerung [1], der dieses Projekt ja gerade entgegenwirken soll. In der ifa-Publikation "Der Westen und die islamische Welt - Eine muslimische Position"[2] schreiben die zwei Autorinnen und vier Autoren aus islamisch geprägten Ländern: "Es gibt keine klar definierte muslimische Welt. Der Versuch, sie zu definieren, führt zu vagen Verallgemeinerungen und vernachlässigt die Unterschiede, Widersprüche und inneren Konflikte." Dennoch bleibt auch ihnen bei ihrer kritischen Bestandsaufnahme von politischen, ideologischen, religiösen, sozialen, kulturellen Kontakten, Konfrontationen und Aversionen nichts anderes übrig, als den pauschalisierenden Begriff zu benutzen. Denn obschon sowohl der "Westen" als auch die "islamische Welt" überaus heterogen sind und es solche monolithischen Gebilde demzufolge gar nicht gibt, existiert in der allgemeinen Wahrnehmung ein Konflikt zwischen zwei mit diesen Etiketten belegten antagonistischen Blöcken bzw. Zivilisationen, der weit in die Geschichte zurückreicht und auf beiden Seiten immer wieder aufs Neue kräftig angeheizt wird.

Wenn "islamische Welt" oder "islamisch geprägte Welt" im Zusammenhang mit dem Projekt Nafas verwendet wird, geschieht das in der Absicht, das heutzutage weit verbreitete Verständnis der Begriffe anzusprechen und zu konterkarieren. Die landläufigen Vorstellungen davon werden mit Arbeiten von Künstlerinnen und Künstlern aus den betreffenden Ländern und Regionen konfrontiert, die schwerlich in gängige Klischees passen. In dieser Hinsicht ist die Ausstellung konzeptionell mit dem Online-Magazin "Aktuelle Kunst aus der islamischen Welt" verbunden. Es wird seit März 2003 vom Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) gemeinsam mit Pat Binder und Gerhard Haupt auf deren Website "Universes in Universe - Welten der Kunst" herausgegeben. Natürlich können eine Kunstschau und eine solche Publikation nur relativ kleine Beiträge zu einer nachhaltigen Veränderung eingefahrener Denkmuster leisten, zumal diese anderweitig weiterhin gepflegt und regeneriert werden, so etwa, um Feindbilder und hegemoniale Ansprüche aufrechtzuerhalten oder um Konsum und Tourismus mit orientalischer Exotik anzukurbeln. "Verzerrte Vorstellungen sind nicht nur Überreste aus der Vergangenheit. Es handelt sich vielmehr um Bilder, die wieder erfunden werden, um den strategischen und ideologischen Notwendigkeiten politischer und ökonomischer Hegemonie zu dienen."[3]

Wie tief die Voreingenommenheit sitzt, ist gelegentlich an Missverständnissen hinsichtlich des Online-Magazins zu bemerken. Ohne den Titel, die Inhalte oder das Editorial tatsächlich zur Kenntnis zu nehmen, wird erwartet oder unterstellt, es handele sich bei den darin vorgestellten Werken um "islamische Kunst", was eine dem Islam als Religion dienende Kunst bedeuten würde. Die meisten, die dergleichen behaupten, denken nicht weiter darüber nach, wissen eigentlich nicht so recht, was "islamische" Kunst ist und gehen ganz einfach davon aus, dass Kunst aus islamisch geprägten Ländern unweigerlich eine islamische sein müsse. Aber anscheinend sind selbst Spezialisten des Kulturdialogs nicht vor Generalisierungen gefeit, wie in einer Analyse von Johannes Reissner zu lesen ist: "Schließlich gehört auch zur Problematik des Dialogs mit einer vornehmlich als islamisch angesehenen Kultur, dass er den Menschen des islamischen Kulturkreises mehr islamische Identität zuspricht oder gar andichtet, als sie selbst für sich in Anspruch nehmen."[4] Aber dort wie überall sind Identitäten jedoch keine starren Gebilde, sondern werden durch vielfältige Einflüsse und Orientierungen geprägt, verändern sich immer wieder, und selbst für viele Muslime ist der Islam nicht die alles bestimmende Bezugsgröße. Außerdem ist in den Ländern und Regionen, die für gewöhnlich der islamischen Welt zugeordnet werden, eine Vielzahl von Kulturen beheimatet, deren Geschichte meist weit in die vorislamische Zeit zurückreicht. Und wenngleich Muslime dort in der Mehrheit sind, leben neben und mit ihnen Menschen anderer Konfessionen oder ohne Religionszugehörigkeit. Allein die Zusammensetzung der Bevölkerung in der islamisch geprägten Welt ist also schon sehr heterogen.

Eine wenig differenzierte Sicht der islamischen Welt ist jedoch nicht nur ein Wahrnehmungsproblem seitens des Westens. Die Autorinnen und Autoren der bereits erwähnten ifa-Publikation schrieben bezugnehmend auf den Westen als Feindbild im Zusammenhang mit dem palästinensisch-israelischen Konflikt: "So wandelte sich die politische Feindschaft allmählich in eine teils kulturelle, teils religiöse, die den christlichen Westen (und das jüdische Israel) der islamischen Welt gegenüberstellten."[5] Bekanntlich gibt es in islamisch geprägten Ländern und Regionen - und nicht nur dort - einflussreiche Kräfte, denen an einer verschärften Polarisierung gelegen ist und die versuchen, die Gesamtheit der Muslime unter dem Banner des Islam auf den Kampf gegen den Westen einzuschwören. Da die Berichterstattung über sie und ihre Aktionen die Präsenz der islamischen Welt in den Medien dominiert, werden andere Strömungen und das Alltagsgeschehen weitaus weniger wahrgenommen. Doch selbst in Ländern, in denen die Macht der Religionswächter allgegenwärtig zu sein scheint, wie z.B. dem Iran, finden Menschen Möglichkeiten, sich dem zumindest partiell zu entziehen und eine eigene Nische zu finden, und Künstler schaffen an der Zensur vorbei oft erstaunliche Arbeiten.[6]

Zwar wird das im westlichen Kunstbetrieb verbreitete Phänomen, sich Künstlern, die nicht aus Westeuropa oder Nordamerika stammen, mehr über ihre Herkunft als über ihre individuellen Positionen zu nähern, schon seit langem diskutiert und kritisiert, doch ist diese Vorgehensweise nach wie vor gang und gäbe. Sie werden in die Rolle von Repräsentanten einer Kultur gedrängt, von der man eigentlich aber nur vage Vorstellungen hat, die häufig also mehr imaginiert als real erfahren oder durch Faktenwissen begründet ist. Von daher wird in die Werke nicht selten mehr hineinprojiziert als aus ihnen herausgelesen. Als 2003 damit begonnen wurde, im schon erwähnten Online-Magazin Meinungen zum neuen Interesse des "Westens" an Kunst aus der islamischen Welt zu veröffentlichen, schrieb Tony Chakar (Libanon) im ersten Beitrag: "Es überrascht niemanden, das dort im 'Westen' schon ein 'Rezeptionssystem' existiert, ein Netz von Vorstellungen davon, was der 'Osten' ist, was er sein sollte und welche Äußerungen von ihm erwartet werden. Ich wage zu behaupten, dass sich dieses Netz von Vorstellungen in direkter Nachfolge des alten orientalistischen Diskurses befindet, der nicht abzuklingen scheint."[7]

Allerdings gilt auch für die Kunst von Künstlerinnen und Künstlern, die aus der islamisch geprägten Welt kommen bzw. dort ihre kulturelle Heimat haben, was die Gegenwartskunst insgesamt betriff: sie funktioniert in höchstem Maße kontextabhängig.[8] Nicht allein das sichtbare, unmittelbar erfahrbare Werk wird rezipiert, sondern ebenso die Kontexte seiner Entstehung und Präsentation sowie das Wissen um die persönliche Situation und die nicht direkt in den Arbeiten artikulierten Standpunkte der Autoren. Von daher ist es bei einem solchen Projekt, wie dieser Ausstellung, sehr wohl möglich, über die gezeigten Werke Rückschlüsse auf die Gemeinwesen zu ziehen, aus denen die Künstlerinnen und Künstler stammen und/oder zu denen sie sich ins Verhältnis setzen. Nur wird man wenig Neues erfahren, wenn man den Werken und Personen nicht mit der notwendigen Offenheit und Neugier begegnet. Zugangshilfen können die Texte und Statements auf den Künstlerseiten dieses Katalogs sowie Informationen in der Ausstellung und natürlich die zahlreichen Beiträge des Online-Magazins sein.

Nafas präsentiert neun künstlerische Positionen aus acht islamisch geprägten Ländern. Dass darunter sechs Frauen sind, lag nicht in der Absicht der Kuratoren, sondern hat sich im Zuge der Auswahl interessanter, für dieses Projekt in Frage kommender Werke einfach so ergeben. Bis auf zwei leben alle Beteiligten in ihren Heimatländern. Eine kurze Übersicht macht deutlich, wie vielfältig die Themen und Ausdrucksmittel sind:

Die Installation von Waheeda Malullah (* 1978, Bahrain) am Anfang der Ausstellung mag als Referenz an die zeitgleich in Berlin ausgetragene Fußballweltmeisterschaft wirken, was aber keineswegs so gemeint ist. Vielmehr handelt es sich um eine kritisch-ironische Hinterfragung der Geschlechterrolle und gesellschaftlicher Konventionen, wozu sich die Künstlerin mit knallrotem Basecap über dem schwarzen Kopftuch als Torhüterin eines fiktiven Fußballspiels mit zehn Nachbarjungs inszenierte. Im heimischen Kontext könnte die Metapher der gemischten Mannschaft provozierend wirken, nicht aber, dass sich eine Frau diesem Sport verschreiben möchte, denn in Bahrain ist Fußball nicht nur für Männer ein Nationalsport. Seit 2004 soll es sogar ein dreijähriges Schulprojekt geben, das Fußball für Mädchen als Unterrichtsfach vorschreibt.[9] Ende Februar 2006 siegte das Team aus Bahrain bei den ersten arabischen Frauen-Meisterschaften in Abu Dhabi. Die Männer verfehlten die Qualifikation für die Weltmeisterschaft knapp und werden in Deutschland nicht dabei sein.

Mounir Fatmi (* 1970, Marokko) hat in seiner Installation an die 500 Meter Antennenkabel vor einem an die Wand gemalten, bellenden Hund invasiv in den Raum hinein ausgebreitet. Trotz bewusster Anspielungen an die kalligraphische Tradition islamischer Kultur (in diesem Falle tatsächlich als solche gemeint), ist sein Fokus ein universaler. Ausgehend von den berühmten Experimenten des Russen Iwan Petrowich Pawlow (1849-1936) mit bedingten Reflexen bei Hunden wirft er die Frage auf, inwieweit die Gesellschaft heutzutage durch den Zufluss von Informationen konditioniert ist und welchen Einfluss das auf das Urteilsvermögen und den Prozess der Meinungsbildung hat.

Eine andere Form der Medienkritik ist die Videoanimation von Nur Hanim Mohamed Khairuddin (* 1969, Malaysia), die - wie mehrere Teilnehmer von Nafas - neben ihrer künstlerischen Tätigkeit eine engagierte kulturelle und soziale Aktivistin ist. Sie verurteilt die stereotypen Darstellungen von Muslimen in westlichen Medien als traumatisierend. Darüber hinaus will sie ihrem eigenen Dilemma als malaysische Muslima, die sich zwischen der Attraktivität der westlichen Welt und der Treue zu den Grundsätzen ihrer eigenen Kultur und Religion hin und her gerissen fühlt, Ausdruck verleihen. In ihrem Video bekommt man ein kritisches Statement zu lesen, das mit einem Zitat von Baudrillard beginnt. Währenddessen wird ein grafisches Selbstporträt von Augen wie Bienen umschwirrt, die sich mehr und mehr zu einer Burka verdichten. Es folgt eine hektische Montage von Bildzitaten aus den Medien, begleitet von der Musik einer Underground-Band und einem in Malaiisch rezitierten Gedicht, bis ihr Gesicht dann wieder unverhüllt erscheint.

An einem Stehpult kann man in einigen Bänden eines umfangreichen Archivs von Ebtisam AbdulAziz (* 1975, Vereinigte Arabische Emirate) blättern. Insgesamt umfasst es Fotos von etwa 2000 Händen, jedes davon auf einem Datenblatt mit dem Namen, dem Geburtsdatum, der Nationalität und der Tätigkeit der jeweiligen Person. Bei der Auswahl der im Emirat Sharjah lebenden, zeitweilig dort arbeitenden oder kurz zu Gast weilenden Menschen sind möglichst viele Berufe, soziale Stellungen, Altersgruppen und Nationalitäten berücksichtigt worden, so dass sich schon ein gewisser Querschnitt der Bevölkerung des Landes ergibt, von der bloß 15 bis 20% die Staatsbürgerschaft der Vereinigten Arabischen Emirate haben. Ebtisam AbdulAziz erfasst nicht nur die Spuren von Lebenszeit, unterschiedlichen Tätigkeiten oder Gesundheitszuständen, sondern assoziiert über alle Unterschiede hinweg auch einen Gemeinschaftssinn, der im Verhalten gegenüber den für "niedere Jobs" in die Emirate geholten Fremdarbeitern nicht gerade selbstverständlich ist. Zu ihrem Konzept gehört, die Betrachter zu veranlassen, sich in ihrer Phantasie die Personen genauer vorzustellen, von denen sie nur eine Hand sehen können.

Zwei Videos dokumentieren Performances von Lida Abdul (* 1973, Afghanistan/USA) während eines Aufenthaltes in ihrer afghanischen Heimat Anfang 2005, aus der sie im Kindesalter mit ihrer Familie geflüchtet war. Ihre über Jahre hinweg durch Erzählungen, Medienberichte und die eigene Imagination geprägte Vorstellung von dem Land sah sie mit einem unerwarteten Ausmaß des Leids konfrontiert. So warf sie ihre ursprünglichen Pläne über den Haufen und nahm sich vor, Kunst mit einer poetischen Dimension zu machen. Auf Trümmern setzte sie wie eine Schamanin Zeichen der Heilung, indem sie Ruinen weiß anstrich und damit zur Skulptur weihte. Die zweite Performance wurde in Bamiyan vor den leeren Nischen der zerstörten Buddhafiguren zelebriert und lässt die Erinnerung an diese im Wortsinne nachhallen.

Anas Al-Shaikh (* 1968, Bahrain) lädt die Besucher der Ausstellung ein, sich über ein Computerspiel mit dem konfliktbeladenen Verhältnis zwischen der islamischen Welt und dem Westen auseinanderzusetzen. Auf der Suche nach klickbaren Bereichen und dem Zugang zu den diversen Ebenen erhält man immer neue Denkanstöße. Das sind aber keineswegs einseitige Schuldzuweisungen, denn es geht Anas Al-Shaikh insbesondere auch darum, das Publikum bei sich zu Hause und in anderen Ländern der islamisch geprägten Welt zum Nachdenken über die eigene Verantwortung aufzufordern. In einem Interview sagte er: "Jeder beharrt auf seinen eigenen Auffassungen und respektiert nicht die des anderen, will nur das tun, woran er glaubt, immer davon überzeugt, dass nur er selbst wisse, was wirklich los sei. Mit der Kunst will ich dazu beitragen, dass über solche Einstellungen diskutiert wird. Ich denke, wir sollten die Ursachen für Probleme zuerst bei uns selbst suchen, bevor wir andere dafür verantwortlich machen. ... Am wichtigsten ist, wie wir selbst unser Leben verändern. Wenn wir Fortschritte erreichen wollen, brauchen wir mehr Demokratie, sollten die Menschenrechte achten und nicht glauben, dass alle anderen unsere Feinde sind. Jeder hat seinen eigenen Glauben, seine eigene Kultur, und es kommt darauf an, dass wir uns miteinander austauschen und für jeden das Beste daraus erzielen. ... Ich versuche, das in meinen Werken zu interpretieren und selbst danach zu handeln."[10] Dennoch bleibt es bei der Quintessenz des Titels seiner Arbeit: trotz aller Fehler, Irrtümer und Schwächen sind wir "nicht zu verkaufen".

Im pittoresken Ambiente historischer Städte inszenierte Vyacheslav Akhunov (* 1948, Usbekistan) zusammen mit seinem Partner Sergey Tychina, der als Performer agiert, zwei Videos. Dabei sind das exotische Lokalkolorit Zentralasiens und die archaisch anmutenden Schauplätze nur die äußere Hülle für existenzielle Metaphern von universeller, zeitloser Geltung. Im ersten Video erklimmt der Protagonist die enge Wendeltreppe eines Turms. Als er außer Atem oben angekommen ist, will er sich den unter großen Anstrengungen bewältigten Aufstieg auf einem Laptop anschauen, doch dann zoomt die Kamera ins Display und die überwunden geglaubte Mühsal beginnt wieder von vorn - so wie im richtigen Leben. In der zweiten Arbeit steht Sergey Tychina, auch hier mit muslimischer Kopfbedeckung, in verschiedenen Ecken, ein Gebet sprechend. Dabei wendet er sich nicht gen Mekka, wie vom Islam verlangt, sondern stellt sich ganz dicht vor das Mauerwerk, völlig auf sich selbst fixiert.

Wie Traumsequenzen fließen die animierten Tuschezeichnungen von Amal Kenawy (* 1974, Ägypten) ineinander, überlagern sich und verschmelzen zu immer neuen Motiven und Konstellationen. In einem fortwährenden Gebären und Verschlingen, Werden und Vergehen wachsen Wurzeln aus Beinen und Herzen, schwellen Pinselstriche zu blutenden Wunde an, wird ein Bett zum Esstisch für zwei alles aufsaugende Wesen, mutieren der Raum zum Spinnennetz und die Glühlampe zum Käfig. Häusliches Mobiliar erwacht zum Leben, ein Spiegel zieht einen von Insekten umschwirrten Kopf in sich hinein, eine dicke Spinne macht sich breit, gleißendes Licht löst sich in einem dunklen Tunnel auf. Amal Kenawys Traum vom "purpurnen künstlichen Wald" ist ein Kaleidoskop individueller Gemütszustände, eine obsessive Reise ins tiefste Innere, ein Wechselbad der Gefühle zwischen Angst, Beklemmung, Sehnsucht und Hingabe.

Durch die jüngste Videoarbeit von Suha Shoman (* 1944, Jordanien) wird man nachgerade in Bann gezogen. Sie lässt den Raum zu einer Stätte der Meditation über die Ewigkeit und über die Vergänglichkeit des eigenen Seins werden. Zu sehen ist das vom Wasser reflektierte Spiel langsam pulsierender Lichtstrahlen auf den Felswänden einer uralten Zisterne. Gelegentlich sind dumpf nachhallende Schlaggeräusche, ein tiefes Atmen, das Zwitschern eines durchs Bild flatternden Vogels zu hören. Farbige Handabdrücke auf dem grauen Untergrund lassen eine weit zurückreichende menschliche Präsenz an diesem Ort erahnen. Die Künstlerin hat die Bilder in Beidha aufgenommen, einer berühmten archäologischen Fundstätte, wenige Kilometer nördlich der einstigen Nabatäerhauptstadt Petra. Um 7.900 v.u.Z. entstand hier ein Dorf mit teilweise unterkellerten, zu Trauben arrangierten Rundbauten, das zu den ältesten Siedlungen dieser Art im Nahen Osten gehört. Suha Shomans künstlerische und philosophische Auffassungen sind durch ihr enges Verhältnis zu dieser Gegend geprägt worden, die seit Jahrtausenden eine Schnittstelle diverser Kulturen ist. Als sie ihr Video schuf, hatte sie u.a. im Kopf, dass es bereits im Aramäischen und im alten Palmyra das dem Titel dieser Ausstellung verwandte Wort Nefesh gibt, mit dem eine steinerne Totenstele bezeichnet ist und das ebenfalls Seele und Atem bedeutet. Eine mentale und reale Zuflucht findet Suha Shoman jedoch in Petra: "Das Petra unserer Vorfahren, wo der Raum unendlich ist, wo die Zeit dahintreibt, wo sich einem die Ewigkeit offenbart, wo unsere Schritte tief in die Felsen eingraviert sind und eine Geschichte in sich bergen, die noch zu erzählen wäre."

Das Projekt Nafas geht über den üblichen Rahmen einer Kunstausstellung hinaus. Bei der Präsentation der künstlerischen Arbeiten wird das sinnliche Kunsterlebnis durch eine leicht zugängliche Vermittlung von Informationen ergänzt. In der Erwartung, dass das Wissen über Kontexte den Zugang zur Kunst verbessert, werden den Werken dezent gehaltene Computerterminals zugeordnet. So kann man schnell und einfach Genaueres über deren Themen und Hintergründe erfahren, sich über die ausstellenden Künstlerinnen und Künstler informieren und wird darüber hinaus auf Kollegen von ihnen aufmerksam gemacht, die in einer ähnlichen Richtung arbeiten, aber nicht in der Ausstellung vertreten sind. Im Grunde vergrößert sich die Zahl der im Rahmen von Nafas präsentierten Künstler dadurch erheblich. Die Computerterminals werden mit extra dafür aufbereiteten Texten und Bildern aus dem Online-Magazin "Aktuelle Kunst aus der islamischen Welt" gespeist.

Wie bereits erwähnt, ist das Online-Magazin ein konzeptioneller Ausgangspunkt des Projekts. Es wird Nafas aber auch während der gesamten Laufzeit begleiten und dokumentieren, Rundtischgespräche, Workshops, Vorträge und andere Veranstaltungen vor- und nachbereiten und via Internet diejenigen Interessenten daran teilhaben lassen, die nicht persönlich dabei sein können. Nafas soll zu einem länger anhaltenden Verständigungsprozess über praktische, konzeptionelle und theoretische Aspekte der Kunstausübung vor allem - aber nicht ausschließlich - in der islamisch geprägten Welt sowie über Vermittlungsstrategien, Mechanismen des Kunstbetriebs und diverse andere Fragen werden. Dazu dienen einerseits die Treffen an den Ausstellungsorten, und andererseits wird das Online-Magazin die permanente Plattform des Meinungsaustauschs sein.

Nach den Präsentationen in den ifa-Galerien in Berlin und Stuttgart wird Nafas ab 2007 in einigen weiteren Ländern zu sehen sein. Zusagen gibt es bereits vom Kunstzentrum Darat al Funun in Amman, Jordanien, sowie vom Institute of Contemporary Arts des LaSalle-SIA College of the Arts in Singapur. Im Gespräch sind derzeit Sharjah in den Vereinigten Arabischen Emiraten und Jakarta in Indonesien. In Zusammenarbeit mit den jeweiligen Veranstaltern und Kuratoren und ihren konkreten Möglichkeiten entsprechend, soll die Ausstellung an den einzelnen Stationen um weitere Künstlerinnen und Künstler ergänzt werden und damit vielleicht sogar ein "work in progress" werden.

 

Anmerkungen:
  1. siehe: Weltweite Ausbreitung des Islam, Katalog Nafas, S. 78-79
  2. Der Westen und die islamische Welt - Eine muslimische Position. Stuttgart: Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) 2004
  3. Der Westen und die islamische Welt - Eine muslimische Position, a.a.O., S. 35
  4. Johannes Reissner, Dichtung und Wahrheit im Kulturdialog, in: Zeitschrift für Kulturaustausch, Nr. 1/02, Der Dialog mit dem Islam zwischen Anspruch und Wirklichkeit, Stuttgart: ifa 2002, S. 19
  5. Der Westen und die islamische Welt - Eine muslimische Position, a.a.O., S. 42
  6. siehe z.B.: Tirdad Zolghadr, Mit Mullah-Bonus auf den Markt, in: Zeitschrift für Kulturaustausch, Nr. 1/04, Stuttgart: ifa 2004, S. 74-76
  7. Statement von Tony Chakar, in: Aktuelle Kunst aus der islamischen Welt, August 2003
  8. Boris Groys, Zurück aus der Zukunft: Kunst aus Ost und West, in: Kaser K., Gramshammer-Hohl D., Pichler R. (Hg.) 2003: Europa und die Grenzen im Kopf. Klagenfurt (= Wieser Enzyklopädie des europäischen Ostens 11), S. 419-426
  9. Rainer Hennies: Scheherazade schnürt die Fußballstiefel. In: taz, 5.2.2004, Seite 13
  10. Gerhard Haupt und Pat Binder, Anas Al-Shaikh. In: Aktuelle Kunst aus der islamischen Welt, Juni 2004.

Einführungstext im Katalog zur Ausstellung "Nafas"

 

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