Nur Hanim Mohamed Khairuddin

Ihre Videoanimation Se(Rang)ga, gesehen als eine Suche nach malayischer Identität.
Von Kean Wong | Mai 2006

Die Augen haben das Sagen.
Sie bekommen, was Sie sehen.
Noch zwei hohle Phrasen für das digitale Zeitalter. Und genau das, was der Doktor uns zur Heilung unserer Beschwerden Anfang des 21. Jahrhunderts verordnet hat.
Sie bekommen, was Sie sehen – manchmal – in Nur Hanims "Se(Rang)ga".
Allerdings wird die akustische Unterströmung Ihre hektische, farbgesättigte Perspektive ins Wanken bringen, wenn für einen kurzen Moment bedeutungsvolle Kriegsgesänge des Dichters Amirul Fakir das Spektakel durchdringen und der Elektro-Grunge der Underground-Band Kakabara den Ton angibt.
Nur Hanims Theater aus Videodissonanz und akustischen Unterbrechungen mag dem abgestumpften westlichen Betrachter aus seinem postmodernen, postironischen, Post-fast-alles-Blickwinkel manieriert und gekünstelt erscheinen.

Aber wenn wir bereit sind, hinter das unmittelbare Szenario von "Se(Rang)ga" zu schauen, wo Nur Hanims Gesicht in diesen Schwarm aus augenförmigen Mosaiksteinen eingehüllt wird, aus dem ein Wirbel entsteht, der sich in George Bush, dessen offenbaren Doppelgänger Osama bin Laden und den von ihnen eröffneten Jahrmarkt des Terrors (sic) verwandelt, sehen wir den persönlichen Kampf der Künstlerin, inmitten von Pamela Andersons, Pop-Flittchen und Modeströmungen, von Kopftuchträgerinnen und den trotzigen Überbringern von Tod und Zerstörung irgendeine Art authentischer malaiischer Identität zu finden.

Es handelt sich um eine Forschungsreise zur Suche nach einer malaiischen Identität, die reich an kontroversen Auffassungen über einen modernen Islam ist, was für manche moslemischen Feministinnen und Modernisierer in Malaysia eigentlich bedeutet, sich gegen die Arabisierung des historisch "liberalen" südostasiatischen Islam abzuschotten. Exkurs: Es ist ein der Wahrheit entsprechendes Klischee, dass der Islam von arabischen, indischen und chinesischen Händlern in die Region gebracht wurde, nicht durch Krieg und Eroberung. Die vom Propheten offenbarte Glaubens- und Heilslehre wurde an lokale Sitten und Bräuche angepasst, ausgehandelt und umgesetzt ohne Blutvergießen (anders als beispielsweise die westliche Kolonialisierung der Region, die auf den Gewürzinseln begann). Bis heute gibt es in Sumatra und auf der malaysischen Halbinsel muslimische Gemeinden, die von dem materiellen Reichtum getragen werden, der mütterlicherseits weitervererbt wurde.

Aber unter den geordneten malaysischen Verhältnissen, fast ein Jahrzehnt nach dem wirtschaftlichen Zusammenbruch, der auf den Boom der Neunzigerjahre folgte, hat der Doktor – genauer: Dr. Mahathir Mohamad – nach 20 Jahren als Ministerpräsident, in denen er radikal die Vorstellung von "Malaysia" umgestaltete, die politische Bühne verlassen. Noch wichtiger ist vielleicht, dass Dr. M., wie man ihn – ohne jeglichen ironischen Bezug zu irgendeinem James-Bond-Bösewicht – meist nannte, einen grundlegende Umdeutung dessen vollzogen hat, was es bedeutet, "Malaie" oder "Malaiin" zu sein. In mancher Beziehung ist kaum mehr als eine Karikatur des ursprünglichen Konzepts übrig geblieben.

Der bedeutsame gesellschaftliche Disput in Malaysia entstand aus dem Streben des Staates nach wirtschaftlicher Modernisierung. Die Globalisierung verhieß dem Land zwar Wohlstand, stieß aber sowohl bei weltlichen Populisten als auch in der oppositionellen islamistischen PAS-Partei – wie in der gesamten islamischen Welt – auf entschiedenen Widerstand. Die Empörung über einen Ausverkauf der malaiischen Kultur versorgte die polemischen Schmähschriften vieler Intellektueller, von denen einige sich ausschließlich aus islamistischen Quellen speisten, mit Zündstoff. Erst in letzter Zeit kritisierten militante junge malaiische Kulturaktivisten wie Faisal Tehrani das moderne malaysische Kino und versuchten ihrerseits, ein umfassenderes Bild von der gesellschaftlichen Realität zu zeichnen, als es die staatlich sanktionierten Filme über polarisierte ethnische Gruppen taten.

Neue, in malaiischer Sprache gedrehte Filme die eine urbane Realität ohne inneren Zusammenhalt abbilden, was charakteristisch für das heutige Malaysia ist, kollidieren mit einer nostalgischen Sehnsucht nach einfacheren, ruhigeren Zeiten, in denen der religiöse Glaube noch keine Geisel der konjunkturellen Entwicklungen in China und Indien war. Wenn Nur Hanim sich mit ihrer eigenen globalisierten Sicht auf vergangenen Groll und gegenwärtige Spannungen einmischt, sehen wir nicht alles, was es zu sehen gibt. Bilder können ihrer Ansicht nach giftig sein, und "das widerliche Propagandatheater... traumatisiert die Anhänger des Islam zutiefst".

Wenn man Se(Rang)ga aus malaysischer Sicht betrachtet, wo man um den Unterschied zwischen Durianbaum und Dschungel weiß, erkennt man außerdem weit mehr als die Parteipolitik von Dr. M.s Nachfolger Abdullah Badawi, der den Käuflichkeitsgrad der malaiischen/malaysischen Politik neu festlegt, oder die offenbar zaghaften Versuche seiner Regierung, Bilder und Eindrücke von der "malaysischen Identität" (bangsa Malaysia) zu sanktionieren, die ansonsten unter erstaunten Malaysiern aller ethnischen und religiösen Gruppen als "die malaysische Rasse" bekannt ist.

Wie Nur Hanim darlegt, steckt sie "in einem Dilemma": "Einem Teil von mir gefällt die moderne Welt, wobei ich manchmal sogar eine ‚Überdosis Westen‘ abbekomme. Die andere Seite in mir versucht verzweifelt, den Prinzipien des Islam und meiner Kultur treu zu bleiben." Nur Hanim teilt das in Malaysia weit verbreitete Misstrauen gegenüber der Globalisierung und der damit einhergehenden amerikanisch-eurozentristischen Definition von Kultur. Was nach dem Vermächtnis der Aufklärung widersprüchlich erscheint, wird von Muslimen in ärmeren Teilen der Welt, die ohnehin schon gekränkt sind, einfach als entsetzliche Heuchelei abgetan.

Nur Hanims Animation entstand zwar vor dem dänischen Karikaturenstreit, aber sie wendet sich gegen die Unaufrichtigkeit der selbst ernannten Verfechter der Pressefreiheit im Westen. Die Karikaturen waren wie eine Wiederholung der Videoclips, die seit den Gräueltaten des 11. September sowieso schon ohne Unterlass zu sehen waren, ein kinetischer Rausch aus wehenden Gewändern, Turbanen, Bärten, Kalaschnikows und Bomben (oder DER Bombe). Während sie sich mit Malaysias schwieriger und paradoxer Annäherung an die Moderne, an den Moloch der Kapitalmärkte, an den nackten Individualismus der MTV-Diaspora und an die in den Himmel ragenden Wolkenkratzer im Zentrum von Kuala Lumpur beschäftigt, stößt Nur Hanim in ihrer unmittelbaren malaiischen Umgebung auch auf eine "Identitätskrise", auf Entfremdung und "soziale Entwurzelung".

Eine ihrer Methoden, die malaiische – und vielleicht auch malaysische – Identität in neue Bahnen zu lenken, ist ihr so genannter Salon in der Stadt Ipoh im Norden Malaysias. Diese ehemalige Welthauptstadt des Zinnbergbaus spiegelt heute die zerbrochenen Träume einer blühenden, multiethnischen Vergangenheit wieder. Ipoh war auch einer der Hauptschauplätze des Kampfs zwischen Kommunismus und Kapital im postkolonialen Malaysia. In diesem Zentrum für junge Künstlerinnen und Künstler, die mit Medien von Malerei und Bildhauerei bis hin zu elektronischer Musik und düsteren Gitarrensounds arbeiten, zieht Nur Hanim die junge Saat für eine umfassendere Kulturbewegung heran, die ethnisch und rassistisch motivierte Abgrenzungen, wie sie von der Partei- und Regierungspolitik begünstigt werden, ignoriert und aus ihnen ausbricht.

Was Sie also letztendlich sehen, muss nicht notwendigerweise alles sein, was es zu sehen gibt. Vorsichtige Distanz zur Metropole zu wahren, ist eine der Möglichkeiten, die sich verändernde Welt kennen zu lernen. So behält man auch den Überblick von außen, während sich im Dschungel der Globalisierung für uns alle der Blickwinkel ständig ändert.
Wie Nur Hanim es ausdrückt: "Serangga" bedeutet in der malaiischen Sprache Insekt. "Serang" bedeutet Angriff, und "rangga" bedeutet Etikett oder Status. Wir haben heute neue Arten des Sehens, und wie John Berger einmal sagte: Wenn wir uns alle im Krieg befinden, ist Zusehen keine Option, aus welcher Perspektive auch immer.

Kean Wong

Freischaffender Journalist aus Malaysia (ansässig in Australien). Schreibt u.a. über modernen Islam, Pop-Kultur und Medien.

(Aus dem Englischen: Frank Süßdorf)

Se(Rang)ga. 2003

Videoanimation

Nafas
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