Ein Brief aus Kopenhagen

Ein Brief aus Kopenhagen. Impressionen vom Festival Images of the Middle East 2006.
Von Kean Wong | Sep 2006

Es nieselt ohne Unterlass, und der Wind bläst am Hafen von Kopenhagen.

Als wir nach kurzem Fußweg von Charlottenborg aus das andere Ende von Nyhavn erreichen, sind wir völlig durchnässt. Dankbar betreten wir den erstbesten Unterschlupf, der sich uns unter all den polierten Hafenrestaurants und bars bietet.

Nyhavn – in vergangenen Jahrhunderten mit seinen warmen Unterkünften, Tätowiersalons und anderem nächtlichen Komfort die erste Anlaufstelle in Kopenhagen für müde Matrosen aus aller Herren Länder – ist heute eine ansprechende Strandpromenade für die Schickeria.

Also ist es durchaus passend, dass eine Gruppe arabischer Künstlerinnen und Künstler, die in Charlottenborg die Eröffnung ihrer gemeinsamen Ausstellung "Taking Place..." feiert, hier unter weißen Schirmen geeigneten Schutz vor den Elementen findet.

Auf der gegenüberliegenden Seite des Nyhavnkanals in Charlottenborg sehen wir ein riesiges Plakat des Festivals "Images of the Middle East", von dem auch unsere Ausstellung ein Teil ist. Es zeigt ein arabisches Mädchen mit buntem Kopftuch und einem Pflaster auf der Nase.

Unsere bunt zusammengewürfelte Truppe aus Künstlern und Museumsleuten wird ständig größer, denn andere setzen sich zu uns und zwingen uns so, an unserem Ende des Tisches immer weiter zum Rand des Schirms in Richtung Regen aufzurücken. So hat der palästinensische Künstler Sharif Waked wieder eine Gelegenheit, seinen eigenwilligen Humor zu demonstrieren:

"Sogar in Dänemark finden wir Palästinenser nur vorübergehend Zuflucht", sagt er und nippt an seiner vom Regen bedrohten Cola. "Stets sind wir gezwungen, weiterzuziehen, wenn wir es uns gerade gemütlich gemacht haben!" Sharif bricht mitten in unserem Gespräch über Exil, Vertreibung, Erinnerung und Vergessen in Lachen aus, während wir mit unseren Stühlen weiterrücken.

Als er am frühen Abend seine Werke in Charlottenborg inspizierte, war Sharif kampflustiger, beklagte den Zustand Palästinas und erklärte, die arabische Welt bräuchte dringend einen muskulösen Visionär wie Malaysias altgedienten, kürzlich abgedankten Premierminister Dr. Mahathir Mohamad.

Wenn man sich nach Sharifs grell fluoreszierenden, wandgroßen, verpixelten Bromidbildern der berüchtigten Fotos irakischer Gefangener, die von amerikanischen Soldaten gefoltert werden, sein Video "Chic Point" ansieht, merkt man schnell, was den aus Haifa stammenden Künstler hinter seiner fröhlichen Fassade bewegt.

Wie in diesem Werk deutlich wird, sehnt sich auch er danach, die arabische Würde zurückzuerlangen, und er fühlt sich stark mit jenen verbunden, die sich ein stabiles und gleichberechtigtes palästinensisches Heimatland wünschen. Das ist genau die Art von Aufgabe, die jemand wie Dr. Mahathir, autoritärer und selbst ernannter Retter der Dritten Welt, anzugehen verspricht. Gesucht wird eine Lösung, mit der man der Verzweiflung des palästinensischen Volks über den Zerfall der arabischen Welt angesichts der israelischen und amerikanischen Kriege im Libanon, im Irak und in Afghanistan begegnen kann.

Sharifs Video beginnt mit einer stilvoll ausgeleuchteten Modenschau in Mailand. Ein Strom gut aussehender junger Männer schreitet zu flotter Musik über den Laufsteg. Die Hemden mit den hineingeschneiderten Löchern und Rissen, durch die ihre nackten Oberkörper zu sehen sind, würden die Leibesvisitationen an den israelischen Kontrollpunkten vereinfachen.

Aber bald werden wir von aller Leichtigkeit befreit, die uns durch die eigenartige Ästhetik der Modenschau vermittelt wurde, wenn der Künstler auf eine Reihe von realen, manchmal grobkörnigen Fotografien von Palästinensern und anderen arabischen Männern schneidet, die an israelischen Kontrollpunkten gezwungen werden, sich zu entblößen. Mit hoch geschobenen Hemden und teilweise offenen Hosen warten diese Männer darauf, durchsucht, abgefertigt und im Grunde erniedrigt zu werden, um anschließend wieder ihren Alltagsbeschäftigungen nachzugehen.

In Sharifs Installation "Jericho First" zeigen verwirbelte schwarz-rote Muster ganz ähnliche Vorbehalte, sich zu sehr zu amüsieren. Bei näherer Betrachtung enthüllen die Bilder einen stilisierten Teufelskreis, in dem eine Gazelle verzweifelt versucht, dem Angriff eines Löwen zu entkommen. Angesichts des gescheiterten Osloer Abkommens zwischen der PLO und Israel 1993 und dem von vielen Palästinenserinnen und Palästinensern empfundenen Verrat ist ein Ausweg genauso schwierig wie für die Gazelle, da der Teufelskreis der Gewalt weder Anfang noch Ende hat.

Eine Ecke weiter in den aus dem 18. Jahrhundert wunderbar erhaltenen Hallen von Charlottenborg zeigen Khalil Joreige und Joana Hadjithomas ihre Serie "Wonderful Beirut", glanzvolle Fotografien der Stadt, die vor dem verheerenden 15-jährigen Bürgerkrieg aufgenommen wurden, als ihr Geburtsort noch als die "arabische Riviera" galt. Man war voller Hoffnung und genoss die Annehmlichkeiten des modernen Lebens.

Aber die malerischen Ansichtskarten sind brüchig geworden, teilweise sind sie zerstört. Die Farbdias wurden angeblich 1968 von einem gewissen (möglicherweise fiktiven) Abdallah Farah für die Beiruter Tourismusbehörde aufgenommen; jetzt sind sie vom Feuer ausgebleicht, die sonnigen Motive auf welligem, geschmolzenem Filmmaterial verzerrt. Kurz nach Beginn des Bürgerkriegs 1975, erklären Khalil und Joana, fing Abdallah an, die Negative zu beschädigen, um die in seiner Umgebung stattfindende Zerstörung nachzuahmen.

Das Werk offenbart hintersinnige Einsichten über die zentrale Bedeutung des Wandels von Mythen in der von Kriegen gezeichneten arabischen Welt, über den Verlust von Erinnerungen und den Wunsch, der Realität zu entfliehen. Es beschäftigt sich mit dem hektischen Wiederaufbau während der Hariri-Ära, der nach Meinung der Künstler das Ziel hatte, den verbreiteten libanesischen Mythos zu untermauern, Beirut sei ein modernes Paradies.

Vor kurzem brach jedoch die Realität in Beirut ein, und nun imitiert das Leben die Kunst, indem Beirut einmal mehr von einem Krieg – diesmal zwischen Israel und der Hisbollah (und im weiteren Sinne allen Libanesen) – verwüstet wird. Vor dem jüngsten Krieg schien die Beiruter Wirklichkeit für einen kurzen Moment rosiger als frühere Fantasien, trotz der realen Erinnerungen an den von Hariri betriebenen Bauboom Ende der Neunzigerjahre und der in ihm zum Ausdruck kommenden Geringschätzung menschlicher Schicksale.

Wie in ihrem letzten Film "Around the Pink House" zeigen Khalil und Joana auch diesmal, dass der 15-jährige Bürgerkrieg nach wie vor Auswirkungen auf das Leben der Menschen im Libanon hat. Einst waren sie durch religiöse und kulturelle Grenzen voneinander getrennt, und jetzt sind noch Klassenschranken dazugekommen.

Aber das vielleicht bissigste Kunstwerk des Festivals "Images of the Middle East" scheint zugleich auch eines der beliebtesten zu sein.

Wenige Tage nach der Eröffnung verbringen Massen von Schulkindern und älteren Dänen viel Zeit bei den Werken der palästinensisch-amerikanischen Künstlerin Emily Jacir.

Ihre Installation besteht aus einem Flüchtlingszelt, das mit den Namen von 418 palästinensischen Dörfern bestickt ist, die im Jahr 1948 von Israel zerstört wurden. Viele Menschen halfen Emily Jacir dabei, die Dorfnamen in das bedrückende Werk einzusticken und so die Geister dieser verschwundenen Dörfer zu beschwören.

Wie Charlotte Bagger Brandt, die Kuratorin der Ausstellung, anmerkt, hilft die Handarbeit dieser vielen Menschen dabei, "eine neue kollektive Erinnerung" zu erschaffen, indem sie "einen Ort lebendig erhält, der physisch nicht mehr erreichbar ist".

Die eingerahmten Texte und Fotos aus den Jahren 2001 bis 2003, die die Serie "Where We Come From" ausmachen, bilden ein ähnlich berührendes Werk. Emily Jacir dokumentiert hier ihre Reisen ins frühere Palästina im Namen derer, denen es nicht gestattet ist, ihre Heimat zu betreten.

Indem sie einfache Bitten erfüllte, Familien, Freunde und Orte der Kindheit aufsuchte, dokumentiert die Künstlerin diese scheinbar grenzüberschreitenden Momente, die von palästinensischen Wünschen und Sehnsüchten erzählen. Die brutale Realität des politischen Konflikts und der palästinensischen Vertreibung wird durch ihr Auftreten als Stellvertreterin der vertriebenen Diaspora vorübergehend erträglicher.

Aber was ist mit dem Festival "Images of the Middle East" selbst?

Obwohl bereits vor einigen Jahren, weit vor dem Karikaturenstreit und dem aktuellen Libanonkonflikt geplant, scheint diese Veranstaltung, die auf derartige Weise die Kultur einer krisengeschüttelten Region in den Mittelpunkt stellt, auf zynische Weise zeitgemäß und provokant. Kuratorin Brandt erklärt, ihre Ausstellung "Taking Place" sei nicht als repräsentativ für die Kunst des Nahen Ostens anzusehen:

"Sie zeigt vielmehr Werke, die sich mit etwas befassen, das man die Logik des Ortes nennen könnte, auf Grundlage der Idee, dass oft das Detail das Ganze definiert und nicht umgekehrt."

Nach Meinung des dänisch-libanesischen Performancekünstlers und Kritikers Khaled Ramadan hätte das Festival zu keinem geeigneteren Zeitpunkt stattfinden können, besonders für eine Europäische Gemeinschaft, in der man die moslemisch dominierte Krisenregion misstrauisch beäuge und Angst vor von dort kommenden Einwanderern habe. Außerdem sei ja an der Regierungskoalition in Dänemark eine extrem rechte, fremdenfeindliche Partei beteiligt, die den dänischen Musliminnen und Muslimen ablehnend gegenübersteht.

"Die Ironie liegt darin, dass das dänische Establishment sich große Sorgen über die Andersartigkeit einer kleinen Minderheit innerhalb der Gesellschaft macht, während es gleichzeitig ein Festival über die Bühne bringen muss, das gerade diese Andersartigkeit zelebriert", meint Khaled.

"Trotzdem würde man den bisherigen Erfolg des Festivals am liebsten ungeschehen machen, da es anscheinend in der dänischen Öffentlichkeit das Bewusstsein für dieses Thema geweckt und ihr begrenztes, von religiösen und politischen Klischees geprägtes Verständnis entscheidend verändert hat.

Zum Teil haben sich die Besucherzahlen wegen der jüngsten Kontroversen wie dem Karikaturenstreit und dem Libanonkrieg gegenüber denen früherer Festivals erhöht. Man ist neugieriger auf die arabische Ästhetik, auf die Kulturen, die gegenwärtig die Entwicklung im Nahen Osten bestimmen."

Inzwischen wird Sharif unter unserem großen Schirm in Nyhavn zumindest teilweise Erleichterung verschafft, als sein großer Hamburger gebracht wird, was für heute weitere Witze über vertriebene Palästinenser verhindert. Vielen von uns entgeht nicht die Ironie, dass der heutige Abend einer der seltenen Momente ist, in denen wir unseren vertriebenen, zerstreuten "Dritte-Welt-Identitäten" einmal eine Ruhepause gönnen können, an einem Zufluchtsort in Kopenhagens Hafenviertel.

In ihrem Trinkspruch zur heutigen Eröffnung von "Taking Place..." sagte die ägyptisch-libanesische Künstlerin Lara Baladi, dass ihre Arbeiten im Gesamtzusammenhang des Festivals eine bunte und komplexe arabische Welt zelebrieren, die im krassen Gegensatz zum Bild brutaler Tyrannei steht, das sich in so vielen europäischen Köpfen festgesetzt hat.

Laras Eröffnungswerk des Festivals hielt einige Abende zuvor scheinbar die Regenwolken fern, als riesige Leinwände mit Bildern von reich geschmückten ägyptischen Pop-Ikonen entlang der Küste der Insel Amager über dem Wasser schimmerten. Fast schienen sie frei über dem Strand zu schweben.

Aber wie bei so vielen Arbeiten, die auf dem Festival zu sehen sind, versucht man inständig, diese flüchtigen Momente am Strand und anderswo zu bewahren, bevor die Elemente uns alle mit Regen und Wind vertreiben.

 

Kean Wong

Freischaffender Journalist aus Malaysia (ansässig in Australien). Schreibt u.a. über modernen Islam, Pop-Kultur und Medien.

Images of the Middle East

Kulturfestival in Kopenhagen und anderen Städten Dänemarks
12. Aug. - 20. Sept. 2006

Veranstalter:

Dänisches Zentrum f. Kultur u. Entw.
Nytorv 17, 1st
Dänemark
Website Email

Ausstellungen, u.a.:

Art In Public Space
Kopenhagen und andere Städte
12. Aug. - 20. Sept. 2006

Taking Place
Video, Fotografie, Malerei, Installation
Kopenhagen, Ausstellungshalle Charlottenborg
19. Aug. - 15. Okt. 2006

Coding: Decoding
Kunst, Videokunst, Dokumentarfilme
Roskilde, Museet for Samtidskunst
1. Sept. - 17. Dez. 2006
Kopenhagen, Zentrum für Zeitgen. Kunst, Kunsthalle Nikolaj
2. Sept. - 29. Okt. 2006

Under the Same Sky
Zeitgenössische arabische Kunst
Kopenhagen, Königl. Bibliothek - Der Diamant & Nat. Fotomuseum
5. Sept. 2006 - 27. Jan. 2007

Coastline (il sahel)
Foto-Installation
Århus, Galleri Image
1. Sept. - 1. Okt. 2006

Nafas
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