ICON Retrospective

Jogja Gallery; die Kunstszene in Yogyakarta seit den 1970er Jahren prägende Künstler.
Von Carla Bianpoen | Dez 2006

Am 19. September 2006 öffnete die neue Jogja-Galerie ihre Pforten in Yogyakarta, einer Kulturmetropole mit langer Tradition in Zentral-Java, wo im Kontext der Suche nach nationaler Unabhängigkeit und nationaler Identität moderne Kunst entstand und weiterentwickelt wurde.

Die Jogja-Galerie begann mit der Ausstellung "ICON Retrospective". Sie bestand aus Werken von Künstlerinnen und Künstlern, die seit den 1970er Jahren maßgeblichen Anteil an der Entwicklung der Kunst in Yogyakarta hatten. 85 Werke von 68 Künstlern wurden ausgewählt, um die 1970er, die 1980er, die 1990er sowie das erste Jahrzehnt des neuen Jahrtausends als Ikonen ihrer Zeit zu repräsentieren.

Dieser Retrospektive kommt große Bedeutung zu, da Künstlerinnen und Künstler aus Yogyakarta beträchtlichen Einfluss auf die moderne indonesische Kunst hatten und haben. Nach der Anerkennung Indonesiens als unabhängiger Staat im Jahre 1948 (die Unabhängigkeit war 1945 ausgerufen worden) wurde Yogyakarta Ende 1949 die Hauptstadt der neuen Republik Indonesien. Sie war ein politisches und kulturelles Zentrum, wo zwar westliche Methoden Einzug hielten, jedoch weiterhin nationale Ideale hochgehalten wurden.

Die politische und soziale Situation ist immer auf komplexe Weise mit der Kunst verknüpft. Die von Affandi, Hendra Gunawan und anderen Mitgliedern der Vereinigung "Pelukis Rakyat" (Die Maler des Volkes) gegründeten Sanggars-Ateliers beharrten auf der Verbreitung des nationalen Gedankens, was mit wachsendem Patriotismus einherging. Sie lehnten eine Fokussierung auf von den Niederländern beeinflusste romantische Landschaften, Genremalerei und Porträts ab.

In den 1950er Jahren vereinnahmte die linksgerichtete "Lekra" (Lembaga Kebudayaan Rakyat, oder: Die Institution für die Kultur des Volkes) unter dem ersten Präsidenten Sukarno die Kunst für die politischen Zwecke der Kommunistischen Partei, was zu einem historischen Kulturmanifest führte, das sich gegen solche Praktiken wandte.

Nach dem fehlgeschlagenen Putsch der Kommunistischen Partei Ende 1965 drehte sich der Wind. Nachdem der erste Präsident abgelöst worden war, begann die staatliche Unterstützung für die Kunst, allerdings konnten weder diese Unterstützung noch die Existenz von Kunstschulen letztendlich die Freiheit der Kunst gewährleisten, denn die Herrschenden betrachteten negative Darstellungen der Nation oder ihrer Führer mit kritischem Blick.

Damals in den 1970er Jahren wurde der Trend "Zurück zu den Wurzeln", der auch Elemente der javanischen Kultur einbezog, so genannte ornamentale Kunst, von einer Gruppe junger Künstler abgelehnt, die sich in "Gerakan Seni Rupa Baru" (Neue Kunstbewegung) zusammenschlossen. Mit dreidimensionalen Werken bezogen sie Stellung und kritisierten die politischen und militärischen Machthaber, wobei sie ihre Aufmerksamkeit besonders auf die verschlechterten Umweltbedingungen, die Armut und das Leid der Massen richteten. Installationen, Performances und Happenings wurden ihre Ausdrucksmittel.

Das Werk "Rantai yang Santai" (Eine gelockerte Kette, 1975) von FX Harsono besteht aus einer Matratze und Kissen, die demonstrativ in Ketten gelegt sind. Nach Meinung von Harsono war die damalige Situation voller Ungewissheiten (das Militär wurde auf dem Hochschulgelände eingesetzt, der Rat der Studierenden wurde aufgelöst usw.), was ein starkes Gefühl der Unsicherheit hervorrief. Man fühlte sich "bis in die Privatsphäre seines Schlafzimmers" verfolgt.

In den 1980ern wurde die Stadt von einer neuen Beschwingtheit erfasst. Lucia Hartini, die einzige weibliche Künstlerin, die in dieser Zeit öffentlich wahrgenommen wurde, erschien mit ihren erstaunlichen surrealen Strudeln, die die Sehnsucht nach einer besseren Welt ausdrückten, auf der Bildfläche. Ivan Sagitos Gemälde von Kühen, alten Frauen mit langen Haaren und tiefliegenden Augen verwandelten das Realistische in ein surreales Ambiente und kritisierten damit die aktuelle Lage. Nindityo Adipurnomo protestierte mit seinen dreidimensionalen Arbeiten gegen die javanische Tradition der Täuschung, Dede Eri Supriia malte das Elend der Städte und Heri Dono bezog mit seiner Aneignung der javanischen Wayang-Bilder auf spöttisch-humorvolle Weise politisch Stellung.

Nach dem wirtschaftlichen Aufschwung schossen Galerien wie Pilze aus dem Boden. Sie waren größtenteils kommerziell ausgerichtet, bevorzugten "Hochkunst" und hielten experimentelle Kunst von ihren Ausstellungsräumen fern. In dieser Situation entstanden alternative Räume wie die Cemeti-Galerie (später in Cemeti Art House umbenannt) von Nindityo Adipurnomo und Mella Jaarsma, die selbst Künstler sind und anderen viel versprechenden Kunsttalenten dabei halfen, national und international Aufmerksamkeit zu erlangen. Durch sein tadelloses Management unterschied sich Cemeti positiv von anderen alternativen Räumen. Seine Besitzer stellten eine Datenbank ihrer ausstellenden Künstler bereit, knüpften und hielten Verbindungen zu regionalen und ausländischen Netzwerken.

Auch während der 1990er Jahre und bis in das neue Jahrtausend hinein florierte in Yogyakarta die alternative Kunst. Politische Themen traten zunehmend in den Hintergrund, eine bunte Reihe von nie da Gewesenem löste sie ab. Anusapati überschritt mit seiner Kunst Grenzen, verwendete Boote, Mörser und Stößel, Musikinstrumente, Geräte aus der Landwirtschaft und Fischerei und andere Objekte aus Holz, die seit Jahrhunderten Teil des javanischen Landlebens sind. Durch ihr Auftauchen in Anusapatis stilisierten Holzskulpturen wachsen die Gegenstände über ihre bloße Funktion hinaus. Mella Jaarsma entfernte sich vom ewigen Kreislauf aus Leben und Tod und schuf einen Umhang, der in seiner Form einem Zelt ähnelt. Das Zelt ist eine Metapher für Flüchtlinge, der muslimische Umhang eine Metapher für Verdrängung, für die Suche nach Sicherheit und das Verbergen der Identität.

Während politik-, sozial- und selbstkritische Kunst in unterschiedlichen Formen fortbesteht, entwickelt sich auch gemeinschafts- und basisorientierte Kunst, zum Beispiel in der Kunst- und Kulturvereinigung Taring Padi, die das kritische Bewusstsein für Unterdrückung und Menschenrechte durch kreative Aktionen mit Dorfkindern, Theateraufführungen und Workshops wach hält. Schon früher hatten Initiativen von Künstlern wie Mulyono die Gemeinschaft als schöpferische Kraft in den künstlerischen Prozess einbezogen.

Comics begannen, eine Rolle zu spielen, als sich Künstler im Apotik-Komik-Kollektiv zusammenschlossen und auf politische und soziale Umstände reagierten, indem sie ihre Comics in die Straßen trugen, kahle Wände mit ihnen verzierten, große Plakattafeln aufstellten und mit der Publikation "Daging Tumbuh" - einer fotokopierten Sammlung, in der jeder, der wollte, seine Werke veröffentlichen konnte - ein alternatives Forum schufen. Das Heft erscheint zweimal im Jahr und ist inzwischen weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt, so dass bereits Künstler aus Singapur, Malaysia, der Schweiz, England und Australien ihre Arbeiten dort publizierten.

Inmitten dieses geschäftigen Treibens distanzierte sich eine aus Westsumatra stammende Gruppe von Künstlerinnen und Künstlern, die in Yogya studierte und sich "Jendela" nennt, von den Bemühungen anderer um Vorherrschaft in der Kunstszene. Ihre Werke zeichnen sich durch heitere Eleganz und leicht verträumte Metaphorik aus, selbst dann, wenn sie soziale Probleme oder die Tagespolitik kritisieren oder kommentieren.

Die Jogja-Galerie eröffnete, nachdem viele kleine Privatgalerien entstanden sind und die Eigentümer der 1988 gegründeten gemeinnützigen Cemeti-Galerie kürzlich für die Schaffung "einer weithin anerkannten Organisation, die sich um ihre Stadt, ganz Indonesien und die internationale Kunstszene verdient gemacht hat", vom Asian Cultural Council mit dem Rockefeller 3rd Life Achievement Award ausgezeichnet wurden.

Die Jogja-Galerie gehört Privat- und Geschäftsleuten und wird vom Sultanat, dem Grundstück und Gebäude gehören, unterstützt. Mikke Susanto, Dozent am Yogya Indonesia Kunstinstitut und Dr. M. Dwi Marianto, Leiter der Abteilung für Aufbaustudien am Institut, wurden für ein Jahr als Kuratoren verpflichtet.

Teile der Kunstszene vertreten ihren eigenen Standpunkt, indem sie jetzt eine Ausstellung mit dem Titel "Young Errors" planen, um der bevorstehenden Ausstellung "Young Arrows" in der Jogja-Galerie etwas entgegenzusetzen. Andere Künstler verhalten sich jedoch eher abwartend.

 

Carla Bianpoen

Kunstkritikerin, lebt in Jakarta, Indonesien. Senior Editor von C-Arts Magazine und regelmäßige Autorin der Jakarta Post.

(Aus dem Englischen: Frank Süßdorf)

ICON Retrospective

19. September -
19. November 2006

Jogja Gallery
Jalan Pekapalan No 7
Alun-alun Utara
Indonesien
Website Email

Kuratoren:
Mikke Susanto
M. Dwi Marianto

68 Künstler aus Yogyakarta, die für die Dekaden seit den 1970ern repräsentativ sind

Nafas
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