Home Works III

November 2005, Beirut. Forum über kulturelle Praktiken. Ausstellungen, Filme, Diskussionen, etc.
Von Anne Maier | Feb 2006

Alles ist ein wenig wie bei einem Familientreffen. Freunde aus allen Ecken dieser Welt haben sich zusammengefunden, viele, fast die meisten, sind nach Hause gekommen. Und trotzdem schwingt über dem Festival Home Works III eine gewisse Melancholie. Beirut und seine weißen Häuser, das unnachahmliche Licht und seine schnell hereinbrechenden Nächte im November haben weniger mit dem Gemütszustand zu tun, als die simple Gewissheit, dass dieses dritte Forum für kuratorische Praxis wohl das letzte Mal in dieser Form stattgefunden hat. Kunst aus Beirut genießt (noch) den Klang des Exotischen auf dem internationalen Parkett der Kuratoren, Institutionen und des Marktes, und noch ist die Zahl der Emissäre von Institutionen und künstlerischen Großereignissen überschaubar. Aber das kann sich ganz schnell ändern. Möglicherweise zu schnell, bevor sich die hiesige Szene in sich gefestigt und formiert hat.

Eng gedrängt stehen im Foyer des ehemaligen Kinos Masrah al Medina in der einst legendären Geschäftsstrasse rue Hamra Künstler und Kulturschaffende aus der arabischen Welt, Rückkehrer, Einheimische und Zugereiste vermischt mit Besuchern aus Berlin, London, Paris und New York. Glaubt man dem Trubel, blüht die Kunstszene Beiruts und erfreut sich einer dichten, lokalen wie internationalen Anhängerschaft. Home Works III lebt wie seine beiden Vorgängerfestivals von der Energie und dem Enthusiasmus seiner Macherin Christine Tohmé. Engagiert fördert sie seit vielen Jahren die Künstler Beiruts heraus, bietet ihnen eine Plattforum mit Veranstaltungen übers Jahr und eben dieses Forum, das im Idealfall alle anderthalb Jahre stattfindet.

Trotz aller intendierten Herausforderung und Verlockung bleibt Home Works III seltsam unentschieden. Es ist wie bei einem Fest mit guten Freunden, man hat sich alles schon mal gesagt und für neue Themen fehlen Reizpunkte oder die Bereitschaft, sich mit Neuem auseinanderzusetzen. Symptomatisch dafür die Eröffnungsausstellung. In den weißgetünchten, hellen, nahezu perfekten Galerieräumen der seit fast einem Jahr bestehenden Sfeir-Semler Galerie (aus Hamburg) will keine richtige Stimmung aufkommen. Die Arbeiten der libanesischen Künstler wirken seltsam verloren in der direkten Auseinandersetzung mit Werken von Künstlern aus anderen Regionen. Diesen spannenden Aspekt des Scheiterns hätte man gerne weiter verfolgt und nachgeforscht, warum die Hype-verdächtige Kunst aus dem arabischen Raum im White Cube so blass daherkommt. Fragen über Fragen nach eben jenen "curatorial practices", die sich Home Works zur Hauptaufgabe gestellt hat, möchten diskutiert und beantwortet werden. Dieses Forum findet aber nicht statt. Und so zeigt sich das Fehlen eines ständigen Ortes für die bildende Kunst in Beirut, eines beständig bespielten Raumes, als ein schmerzlicher Eingriff.

Umso dichter und umfassender sind das Film- und Videoprogramm sowie Vorträge und Diskussionen im Rahmen von Home Works III. Hier, im Dunkel des Projektionsraumes entfalten sich der ganze Reichtum und die Vielschichtigkeit des künstlerischen Schaffens der Region. In einer Weiterbearbeitung seiner Studie über das schiitische Ashura-Fest [2] zeigt Jalal Toufic in Zeitlupe verlangsamt Beziehungen, Sehnsüchte und Gefühle der sich Kasteienden, die so bisher noch nicht zu sehen waren. Wie mir scheint, ist dies eine der wichtigsten Entdeckungen dieser Tage im November in Beirut: Die Thematisierung von Liebe unter dem Aspekt des Religiösen. Bei Jalal Toufic, einem der intellektuellsten Künstler aus Beirut, geht es nicht um die Schönheit des Fanatismus, sondern um das Überprüfen des Moments der Extase in all ihren Schattierungen.

Um sublimierte Liebe in einer ganz anderen Form dreht sich alles in Ayreen Anastas Videoversuch über eine Reise Pier Paolo Pasolinis nach Palästina im Jahre 1963. "Pasolini Pa* Palestine" versucht den Spuren des großen Filmemachers zu folgen, als er nach Motiven für seine Matthäus-Passion suchte. Ayreen Anastas ist in Bethlehem geboren, hat in Berlin studiert und lebt seit einigen Jahren in Brooklyn. Unverkrampft geht sie mit Sujets und Motiven um, filmt mit Leichtigkeit in Israel und Palästina und bringt mit ihrer bildnerischen Lockerheit für einige Minuten so etwas wie eine zumindest situative Normalität in den Projektionsraum. Die Welt im Süden des Libanon, jenseits der fiktiven, weil im offiziellen Sprachgebrauch nicht existenten, Grenze wird plötzlich ganz real. Hier wie dort sind es das gleiche unverwechselbare Licht, die satte Erde und der ausgewaschene Stein - Anastas Film ruft für einen Moment so etwas wie heitere Betroffenheit unter dem vorrangig libanesischen Publikum hervor.

Ansonsten zeigte das Festival viel selbstreflexives Filmschaffen. Der Bürgerkrieg und seine Folgen sind nach wie vor virulent. Das beständige Misstrauen und das sich immer wiederholende Fragen nach Schuld und Sühne bleiben wichtigster Referenzpunkt im Leben und Schaffen der libanesischen Künstler. Wie nah sich Fiktion und Realität kommen können, zeigt sich in einer Performance von Walid Raad, die zusammen mit dem in den USA lebenden Aktivisten Naeem Mohaiemen entstanden ist. Spannend wie Kriminalfilme sind ihre dokumentarischen Fiktionen oder fiktiven Dokumentationen über verschwundene und verschleppte Muslime in den USA und Europa aufgebaut. Wie schnell aus Fiktion Realität wird, brachten die Umstände um Khaled el-Masri im Dezember 2005 zu Tage. Sein Fall sprang quasi von der Performance-Bühne direkt auf die Headlines der Zeitungen.

Zwischen 1985 und 1988 beherrschte die Entführung der beiden Franzosen Jean-Paul Kaufman und Michel Seurat die Nachrichten. Während Kaufman nach drei Jahren von seinen Häschern in Beirut freigelassen wurde, verschwand Seurat nach acht Monaten Geiselhaft. Der in Syrien geborene und seit Jahren in Frankreich lebende Filmemacher Omar Amiralay hat ein distanziertes Porträt voller verborgener Emotionen über die beiden Freunde gedreht. Voller orientalischer Schamhaftigkeit nähert er sich dem verschwundenen Michel Seurat so sehr, dass man ihn durch die Projektionsfläche der Leinwand zu sehen und zu spüren vermeint.

So wird manch ein Besucher der Home Works III vergeblich nach seinem Orient in der Fülle der angebotenen Programmpunkte gesucht haben. Verstrickungen zwischen Orient und Okzident glauben die beiden Schauspieler Lina Saneh und Rabih Mroué in ihrem Stück "Who’s Afraid of Representation" gefunden zu haben. Erfrischend respektlos geht der Theatermacher und Journalist mit der Kunstgeschichte des Aktionismus von Günter Brus bis Chris Burden, Gina Pane und Valie Export um. Geschickt vermischt er deren Selbstverletzungen und Experimente mit Stationen des Bürgerkrieges und lässt in einer parallelen Handlung den Büroangestellten Hassan Maamoun zu Wort kommen, der mangels Worten eines Tages ein Massaker unter seinen Kollegen anrichtete. Für den Zensor mussten der arabische Text mit den vielen Invektiven und den explizit sexuellen Worten entschärft werden, in der Übersetzung konnte der Text bestehen bleiben. Die Feinheiten, die das Publikum zum Schmunzeln bis hin zum lauten Lachen brachten, entgingen denjenigen, die sich auf die Übersetzung konzentrieren mussten. Schade!

Home Works III hat keine neuen Wege hin zur Kunst im arabischen Raum aufgezeigt, aber klar gemacht, dass sich diese Szene konsolidieren und in gewisser Weise neu erfinden muss. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass es nur wenige Neuentwicklungen gibt. Amal Kenawy (Ägypten) könnte genauso wie Akram Zaatari der Kunst arabischer Länder andere Wege weisen. Christine Tohmé und ihre Mitstreiter von Ashkal Alwan müssen jetzt neue Landmarken setzen. Nach den Stadien der Selbstreflexion und der Selbstbehauptung muss die Auseinandersetzung nach innen und außen vorangetrieben werden - schmerzvolle Verluste und virulente Neuentdeckungen mit eingeschlossen!

 

Anmerkungen, Links:

  1. Ashkal Alwan. Siehe den Beitrag in diesem Online-Magazin.
  2. Ashura-Fest. Trauer- und Bußritual der Schiiten am 10. Tag des islamischen Monats Muharram. Dem Gedenken an Husain gewidmet, Sohn Alis und Fatimas, der Tochter des Propheten Mohammed. Nachdem ihn seine Verbündeten in der Stadt Kufa im Stich gelassen hatten, wurde der Imam Husain mit seiner Familie und seinen Getreuen am 10. Muharram (Oktober) des Jahres 680 nahe der Stadt Kerbela (heute Irak) von Soldaten des umayyadischen Gouverneurs umzingelt und niedergemetzelt. Dass sie Husain im Stich gelassen haben, gilt unter den Schiiten als Erbsünde, für die in Trauerprozessionen und gemeinschaftlichen Selbstgeißelungen symbolisch gebüßt wird.


Anne Maier

Kuratorin und Kulturpublizistin, lebt in Berlin. Beim Art Forum Berlin verantwortlich für PR- und Öffentlichkeitsarbeit.

Home Works III - Forum über kulturelle Praktiken

Veranstalter:
Ashkal Alwan

17. - 24. November 2005
Masrah al-Madina
Sfeir-Semler Gallery
Beirut, Libanon

Ashkal Alwan
Home Workspace/ Ashkal Alwan Offices
Jisr el Wati, Street 90
Building 110, 1st Floor
Beirut 2066 8421
Libanon
Website Email


Siehe auch:

02
Rezension und Fotos des multidisziplinären Forums für Kulturelle Praktiken in Beirut, das in diesem Jahr eine erheblich größere Reichweite erlangte.
04 Education Panel
Diskussionen, Ausstellungen, Filme. Ein Bericht über das Forum für kulturelle Praktiken in Beirut.
Die Sharjah Art Foundation (SAF) gab Christine Tohmé als Kuratorin der Sharjah Biennale 13 bekannt, Eröffnung im März 2017.
Nafas
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