Gefahrenzone - Übergang

3. Ausstellung zeitgenössischer Kunst Bischkek, Kirgisistan. Künstler aus 10 Ländern.
Von Edward Winkleman | Nov 2006

Der Standort der 3. Bischkeker Ausstellung zeitgenössischer Kunst verkörpert den Kern ihres Titels "Gefahrenzone - Übergang" (Zone of Risk - Transition). In den unterirdischen Räumlichkeiten unter dem im Zentrum von Bischkek gelegenen Ala-Too-Platz befand sich einst das örtliche KGB-Hauptquartier. Die verlassenen Räume mit ihren verstaubten Marmorböden erinnern daran, wie viel sich verändert hat, seit die Republiken Zentralasiens nicht mehr Teil der Sowjetunion sind. Außerdem begann unmittelbar über diesem Ort im Frühjahr 2005 die kirgisische Revolution, somit steht der Schauplatz selbst in unmittelbarem Zusammenhang mit den sehr realen Auswirkungen kultureller und gesellschaftlicher Umwälzungen.

Wenn man die vergitterte Treppe vom Ala-Too-Platz zur Ausstellung hinabsteigt, stößt man als erstes auf eine unterirdische Straße, die es den sowjetischen Machthabern gestattete, durch einen niedrigen Tunnel direkt bis unter den Platz zu fahren, von wo aus sie bei Demonstrationen problemlos in Erscheinung treten konnten. Am Ende dieses langen, gekrümmten Tunnels war effektvoll die Videoprojektion "Der Schnitter" von Ulan Dschaparow installiert. Die einzige sichtbare Gestalt ist mit einem leuchtend orangefarbenen T-Shirt bekleidet, hat eine Sense in der Hand und mäht sehr große Unkrautpflanzen, die sich in der Betonsenke eines verlassenen Gebäudes ohne Dach ausgebreitet haben. Rhythmisch schwingt der Mann die Sense und arbeitet sich stetig durch den irgendwie beunruhigenden Raum, schiebt sich voran, obwohl er nicht sehen kann, was ihn am Ende seiner Arbeit erwartet.

Die Wände des Tunnels sind außerdem von zwei Fotoserien in Schwarzweiß gesäumt. Unter dem Titel "Ist dаs Leben?" dokumentieren Alexander Fedorovs zwölf Fotografien schlaglichtartig den politischen Aufruhr (Proteste, gegenseitiges Anschreien) und die Überbleibsel besserer Zeiten (in einer Müllgrube verstreute, kaputte Kinderwagen), zeigen aber auch ruhigere, wenn auch beunruhigende Momente (ein Polizist verhört drei kleine Jungen und das verwirrende Bild eines Mannes, der auf seinen Schultern einen Esel trägt, so dass er wie ein menschlicher Körper mit Tierkopf aussieht).

Die Fotografien von Alimjan Jorobaev sind Teil seiner Serie "Kirgisistan ist unsere gemeinsame Heimat". Sie behandeln nicht nur die große Vielfalt an ethnischen Gruppen, aus denen sich die postsowjetische Kirgisische Republik zusammensetzt, sondern auch die kulturellen Leitbilder, die um die Loyalität der Menschen buhlen. Auf allen Bildern, ob sie Gläubige in einer Moschee mit Soldaten in ihrer Mitte zeigen oder einen russisch aussehenden Jungen, der im Eingang einer Jurte sitzt und Bier, Zigaretten und Limonade verkauft, weisen die Vermischung der Kulturen und die Elendsmetaphern darauf hin, dass in dieser schwierigen Übergangsphase alle Bürgerinnen und Bürger Kirgisistans in einem Boot sitzen.

Jenseits des Tunnels sieht man die Überreste einer Performance von Victoria Begalskaya, die leidenschaftlich schwarzen, feuchten Schlamm aus einem großen Bottich gegen eine weiße Leinwand schaufelte, auf die sie ein Video mit trostlosen Aufnahmen aus einer kleinen russischen Stadt projizierte, die mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu kämpfen hat (einst wurden hier Traktoren hergestellt, aber die Aufträge bleiben aus). Ihre Aktion symbolisierte das Zuschaufeln eines Grabes (einer unbequemen Realität).

Entlang der Hauptwand nahe dem Eingang sah das Publikum die große Installation "Tag/Nacht" von Elena Vorobyeva and Victor Vorobyev. Zwei in die Wand eingelassene Videomonitore waren von zwei Wandzeichnungen eingerahmt (einer auf schwarzem, einer auf weißem Untergrund). Der Monitor "Tag" zeigte ein Zimmer mit einem vergitterten Fenster, dessen Stäbe wie Sonnenstrahlen hinauswiesen. Im Video "Nacht" sahen wir eine ähnliche Szenerie nach Einbruch der Dunkelheit, in der die Gitterstäbe nach innen strahlten. Diese in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion üblichen Fenstergitter setzten sich in den Wandzeichnungen fort und unterstrichen auf beiden einen Text. Eine Textpassage auf dem schwarzen Hintergrund bezog sich unmittelbar auf die Gitter: "Nur hinter Gittern fühlen wir uns sicher... unsere bereitwillige Sklaverei bedeutet für uns Freiheit."

Im Zentrum eines großen Raums befanden sich zwei Monitore und eine Vitrine mit einer Ansammlung von etwas, das wie Geldscheine aussah. Bei näherem Hinsehen zeigte sich, dass die vermeintlichen Banknoten in Wirklichkeit "Zeitnoten" mit unterschiedlichen Werten waren (5 Minuten, 1 Jahr usw.). Diese Vervielfältigungen von Gustavo Romano trugen Zitate wie: "Wer mehr behält, als er braucht, ist ein Dieb." [M. Gandhi]. Auf den Monitoren zeigte das Video "Time Notes" den Künstler, der eine belebte Straße in Singapur entlanggeht und solche Scheine fallenlässt - zur Freude und zur Verblüffung der sie aufsammelnden Passanten.

Außerdem gab es in diesem zentralen Raum vier große Fotografien von Djoshua mit dem Titel "Another Brick in the Wall". Mittelpunkt der Serie waren zwei Jungen mit nacktem Oberkörper, die auf jedem Foto mit unterschiedlichen Requisiten - Öllampen, einer großen Axt, Babydolls - in Szene gesetzt waren. Auf einem Bild sinniert einer der Jungen verträumt über einem Buch, das den Titel "Optionen" trägt. Said Atabekov and Arystan Shalbaev gehören dem Kollektiv "Roter Traktor" an, das am Eröffnungsabend mit seiner fröhlichen Performance auf dem Ala-Too-Platz fast ein Chaos auslöste, als die Darbietenden begannen, eine große Gruppe von Schaulustigen mit rotem Klebeband zu umwickeln. Eine Fotoserie von ihnen zeigte viermal den gleichen Mann in einem T-Shirt mit dem Satz "Sie verlassen den amerikanischen Sektor" auf Englisch, Russisch, Französisch und Deutsch. Auf dem ersten Foto berührt er mit der Hand seine Stirn, auf dem zweiten seinen Bauch, auf dem dritten seine linke Schulter und auf dem letzten seine rechte.

Außerhalb eines kleineren Seitenraums hing ein Blatt Zeitungspapier mit dem Text: "Sei die Veränderung, die du auf der Welt sehen willst." Innen befand sich eine Installation des russischen Künstler-, Philosophen- und Dichterkollektivs "Was tun?". Sie bestand unter anderem aus einem Dokumentarfilm über die Demonstranten während des G8-Gipfels, die in einem Stadion in St. Petersburg eingepfercht wurden, statt sie an einem Ort protestieren zu lassen, wo irgendeiner der anwesenden Staatsmänner (oder überhaupt jemand) sie hätte sehen oder hören können.

Das Thema Gefahr und Aufruhr in Zeiten des Umbruchs wurde vielleicht in "Geschlossene Tür", einem Video von Rahraw Omarzad, am unbeschwertesten behandelt. Ein junger Mann scheint seine tief verwurzelte Angst vor Grenzen (zu Beginn symbolisiert durch eine verschlossene Tür zu einem Gebäude, in dem sich andere Jugendliche treffen und das schließlich jemand durch ein Fenster betritt) zu überwinden, indem er absichtlich den schwierigsten Weg durch die Stadt nimmt. Er klettert über Mauern, obschon er durch ein Tor gehen könnte, besteigt einen Bus durch das Rückfenster, obwohl die Tür leicht erreichbar gewesen wäre. Je schwieriger er sich den Weg macht, desto sicherer glaubt er sich zu bewegen.

In ihrem Statement merken die Kuratoren an: "In einer Welt, in der Auseinandersetzung mit Kriminalität, Entwurzelung und Militarisierung des Bewusstseins zunehmen, vervielfachen sich die Risiken und werden zu einem festen Bestandteil des Alltagslebens." Dieser Gedanke wird in der Installation der beiden Künstler/Kuratoren Gulnara Kasmalieva und Muratbek Djumaliev ergründet. Während ihres gesamten Videos "Über das moderne Nomadentum" passiert ein stetiger Strom scheinbar gelangweilter Flugpassagiere die Sicherheitskontrollen und nimmt unbekümmert hin, was unter anderen Umständen als eine die Intimsphäre auf unerträgliche Weise verletzende Leibesvisitation empfunden würde. Wachpersonal mit Gummihandschuhen tastet die Passagiere ab, berührt die Innenseiten ihrer Schenkel, ihren Rücken, ihre Brust, während die Betroffenen dies kaum zu bemerken scheinen.

Eine weitere Arbeit, die das Thema "Übergang" unter dem Gesichtspunkt des menschlichen Reisens betrachtet, allerdings in weit größerem Ausmaß, ist die Videoprojektion "Pantone" von Cristina Lucas. Eine farbenfrohe, auf Landkarten basierende Darstellung der Welt zeigte die Spur der menschlichen Zivilisation von 500 v. Chr. bis 2006. Jedes Ticken des Chronometers (eines pro Sekunde) symbolisierte ein Jahr, und so wurde die Entwicklung der geopolitischen Weltlage einfach und verständlich durch die Zusammenballung verschiedenfarbiger Flächen visualisiert, die sich in einem hypnotischen Rhythmus blitzschnell verschoben oder ausdehnten, während sie langsam der Weltkarte, wie wir sie heute kennen, immer ähnlicher wurden.

Direkter ging vielleicht die von Sara Reisman und Elena Sorokina betreute Film- und Videoinstallation an die Themen Gefahr und Übergang heran. Unter dem gemeinsamen Titel "In erster Linie" enthielt das Programm Arbeiten von acht Künstlern. Gemeinsam konzentrierten sich die Werke auf die Tatsache, dass es den westlichen Regierungen trotz ihres ausgeklügelten Risikomanagements nicht gelungen ist, Ausnahmesituationen zu verhindern. Stattdessen nimmt die Bedrohung durch Naturkatastrophen in nie dagewesenem Maße zu. Außerdem beschäftigten sich mehrere Filme unmittelbar mit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in New York, um diesen Punkt am Ende auch noch zu berücksichtigen.

Künstlerinnen und Künstler

Argentinien:
Gustavo Romano
Armenien:
Mkrtych Tonoyan
Bangladesch:
Shahidul Alam
Indien:
Sheba Chhachhi
Kasachstan:
Said Atabekov
Alla Girik & Oksana Shatalova
Moldakul Narymbetov
Arystan Shalbaev
Vitalii Simakov
Elena Vorobyeva & Victor Vorobyev
Kirgisistan:
Artur Boljurov
Ulan Djaparov
Djoshua
Muratbek Djumaliev & Gulnara Kasmalieva
Alexander Fedorov
Alimjan Jorobaev
Valery Ruppel
Dmitry Shetinin
Zakir Yumakaev
Russland:
Victoria Begalskaya
General Shuddering (group: Aleksey Chebykin, Elena Tsvetaeva)
Oleg Lystsov
Eugeny Umansky
Yuri Vasiliev
What is to be done? (group: Sergey Ogurtsov, Dmitry Vilensky)
Spanien:
Cristina Lucas
Tadschikistan:
Inna Klado
USA
(Kuratorinnen: Sara Reisman & Elena Sorokina):
Jennifer Allora & Guillermo Calzadilla
Michel Auder
Robert Boyd
Christoph Draeger
Liselot van der Heijden
Pierre Huygh
Moira Tierney
Usbekistan
Alexander Nikolaev

Edward Winkleman

Eigentümer und Leiter der Winkleman / Plus Ultra Gallery in New York, USA. Er ist auch Autor eines Blogs über Kunst und Politik: http://edwardwinkleman.blogspot.com

(Aus dem Englischen: Frank Süßdorf)

Gefahrenzone - Übergang
3. Internationale Ausstellung zeitgenössischer Kunst in Bischkek, Kirgisistan

5. - 15. Oktober 2006

Räume unter dem zentralen Platz Ala-Too, Bischkek, Kirgisistan

Veranstalter:

ArtEast
Prospect Mira, 32-3
Kirgisistan
Website Email

Kuratoren:
Muratbek Djumaliev, Gulnara Kasmalieva

33 Einzel- und
4 Gruppenprojekte
>> Liste unter dem Text

Nafas
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