Bidoun

Magazin für Kunst und Kultur aus dem Nahen Osten. Interview mit Lisa Farjam, Herausgeberin.
Von Pat Binder & Gerhard Haupt | Jan 2006

Haupt & Binder: Warum und mit welcher Intention hast du Bidoun gegründet?

Lisa Farjam: Um ein großes Defizit auszugleichen - besonders im Westen. Viele Druck- und visuelle Medien über den Nahen Osten sind entweder politisch-hysterischer Hype oder voller Nostalgie für etwas, von dem ich mir nicht sicher bin, ob es jemals existierte. Uns wurde bewusst, dass es weder in Kairo, Beirut, Teheran oder anderswo eine Publikation gibt, die über unsere Mikro-Realitäten berichtet. Die Medien, akademischen Zirkel etc. sprechen immer über Demokratie im Nahen Osten, Terrorismus im Nahen Osten, Frauen im Nahen Osten und sonstwo - all diese stilisierten Megathemen, die zu Klischees und Halbwissen führen. Wir wollen keine absolute Meinung über diesen Teil der Welt beanspruchen, sondern über eine sich in der Region ausbreitende Bewegung berichten, die dringend eine Plattform braucht. Sie ist frisch, aus dem Lokalen geboren und aufregend. Aber auch die Geschichte der Kunst ist in diesem Teil der Welt eindrucksvoll und vielfältig.

H&B: Welches sind deine wichtigsten Konzepte und wie haben sich diese im Verlauf der bisher erschienenen sieben Ausgaben entwickelt?

L.F.: Wie wohl jedes neue Magazin haben auch wir ein paar Ausgaben gebraucht, um unseren Weg zu finden und um eine klarere Vorstellung davon zu bekommen, was Bidoun sein könnte. Wir wollten die Leser zu einem offeneren Blick auf die Region ermutigen, die so riesig und nuanciert ist. Mit dem Magazin wollten wir einen neuen Schreibstil pflegen, der die Leser sowohl im Nahen Osten fesselt, als auch die im Westen anspricht, egal ob sie schon mit der Region und ihrer Kunst und Politik vertraut sind oder die Zeitschrift nur mitnehmen, weil ihnen das ungewöhnliche Design gefällt.

Wir begannen mit einer Recherchephase, während der wir viel reisten und mit Künstlern, Galeristen, Schriftstellern, Architekten etc. über deren Bedürfnisse sprachen. Dabei stellte sich heraus, dass die Künstler verzweifelt nach einem Medium mit hoher Druckqualität suchten. In der Region wurden ihre Arbeiten meist nur Tageszeitungen besprochen oder im Internet präsentiert, aber es gab keine solchen Magazine wie in London und New York mit bester Druckqualität und anspruchsvoller Gestaltung, die ihre Werke akkurat wiedergeben würden. Desweiteren wollten sie etwas unabhängiges, nicht an die Regierungen oder irgendwelche Konzepte gebundenes haben, erwas das sich nicht bei bestimmten Galeristen, Personen oder Sammlern einschmeicheln würde. Und dann wünschten sie, dass man ihren Werke kritisch begegnet, was für Bidoun bedeutete, mit der Gepflogenheit im Westen zu brechen, dass über Künstler von außerhalb des Mainstreams meist nur deskriptiv geschrieben wird, statt dass sie von gut informierten Kritiker seriös besprochen werden. Auch wollten wir in jede Nummer von Künstlern gestaltete Seiten einbeziehen, wodurch wir diesen ermöglichen, eine neue Arbeit zu schaffen und ihre Kunstpraxis zu entwickeln und zu verbreiten. Wir arbeiten sowohl mit etablierten Künstlern zusammen, wie Shirana Shahbazi und Yto Barrada, indem wir sie mit Projekten beauftragten, die nicht unbedingt direkt mit ihrem täglichen Schaffen zu tun haben, als auch mit jüngeren, unbekannteren Künstlern, Architekten, Illustratoren, etc.

In jeder Nummer gibt es Nachrichten und Vorankündigungen, Rezensionen von Ausstellungen und Veranstaltungen und ausführliche Beiträge über Künstlerprojekte, Profile jüngerer Künstler. Es gibt spezielle Sektionen für Film, Mode, Design, Architektur, Bücher und auch witzige Rubriken, wie die für Produkte - humorvolle Beiträge über bizarre und bemerkenswerte Trends - und Rezepte. Jede Ausgabe steht unter einem bestimmten Thema, von solchen umfassenderen, wie der Entwicklung der Kultur und der Architektur in den Vereinigten Arabischen Emiraten in der Frühjahrsausgabe 2005, bis hin zu weniger präzisen, wie Neid, Bildzeichen und Haare.

H&B: Wie kommt eine neue Nummer zustande?

L.F.: Immer mit großen Anstrengungen. Ich denke, wir schlafen im Grunde alle angekettet an unsere Computer. In der Regel gehen viele Emails, Telefonate und auch Schwierigkeiten bei der Verständigung zwischen New York, Kairo, Zürich und Dubai hin und her. Ich denke, wir sind ein Musterbeispiel für die Wunder der Technologie. Wir würden gern eines Tages mal alle zusammen an einem Ort sein, was - man mag es kaum glauben - bis jetzt noch nicht passiert ist. Das Thema der nächsten Ausgabe, die am 20. März 2006 erscheinen soll, ist Tourismus, und die Idee dafür kam vor etwa einem Jahr von einem der Redakteure. Wir diskutierten von Zeit zu Zeit darüber, sammelten und analysieren Vorschläge wann immer einige von uns zusammenkamen. Im allgemeinen arbeiten wir an mehreren Ausgaben gleichzeitig. Einige von uns schafften es, sich zur letzten Biennale in Istanbul zu treffen. Zwei trafen sich in Beirut zu Homeworks und verbrachten zwei Tage in einem Café, um die Ausgabe zu präzisieren. Als wir dann eine klare Vorstellung davon hatten, was das Thema umfassen soll und was wir in Angriff nehmen wollen, beauftragten wir unser Netzwerk an freien Mitarbeitern mit Artikeln. Im weiteren Verlauf sind wir alle mit den Autoren und Künstlern in Kontakt, die Themen, Ausstellungen etc. vorschlagen. Spannend ist, dass mit jeder Nummer neue Mitwirkende hinzukommen, sei es durch die Redakteure, Mund-zu-Mund-Propaganda oder durch das Auffinden von Bidoun im Internet oder im Buchladen oder in einer Galerie.

H&B: An welches Zielpublikum wendet sich Bidoun?

L.F.: An jeden, der sich für die Künste, Magazine und eine komplexere Sicht der Region interessiert. Ich nehme an, einige werden zunächst überrascht sein, so in der Art "ich hatte ja keine Ahnung, dass es dort so zeitgenössisch zugeht". Das ist frustrierend, aber es ist auch in Ordnung, wenn wir auf einer bestimmten Ebene dazu beitragen können, Leute erst einmal zu einem Denken jenseits ihrer engen Vorurteile zu bewegen. Andererseits hat das Magazin viele Kooperationsprojekte zwischen Künstlern aus dem Westen und aus dem Osten angeregt. Es findet Aufmerksamkeit in kulturellen und akademischen Kreisen, bei Leuten, die überhaupt nichts mit der Region, mit der wir verbunden sind, zu tun haben. Wenngleich unser Hauptaugenmerk darauf gerichtet ist, jungen Autoren aus dem Nahen Osten eine Stimme zu geben, schreiben für uns auch viele aus London, Paris oder New York, die keinen Bezug zu diesem Teil der Welt haben. Wer hätte gedacht, dass Christopher Hitchens oder Elizabeth Rubin für dieselbe Publikation schreiben würden, wie junge Blogger aus Teheran oder Kairo.

Natürlich gibt es Grenzen. Derzeit veröffentlichen wir nur in Englisch, gelegentlich mal etwas in Farsi oder Arabisch. Wir wollen mit dem Magazin die größtmögliche Zahl an Leuten erreichen und wissen, dass die meisten Leser im Nahen Osten zumindest ein wenig Englisch können. Wie wir durch das Feedback erfahren haben, beschäftigen sich die Leser mit dem Magazin auf allen Ebenen, vom reinen Ansehen bis zum Lesen jedes einzelnen Wortes. Oft übersetzen wir Artikel aus dem Farsi und dem Arabischen, und die Artikel sind ganz bewusst in einer Vielzahl von Schreibstilen verfasst. Das Magazin wurde ganz hervorragend angenommen, in zwei Jahren hat sich unsere Zirkulation mehr als verdoppelt. Es ist auch großartig, dass es - um einen BBC-Journalisten zu zitieren - eine "Quelle für Redakteure" geworden ist, und es gab tatsächlich einige Redakteure größerer Magazine und Tageszeitungen aus dem Westen, die uns um Hilfe baten, weil sie Stories, die sie in Bidoun gelesen hatten, weiter nachgehen wollten. So hat Bidoun hoffentlich auch Auswirkungen über den Kreis der unmittelbaren Leser hinaus.

H&B: Wie wird die Publikation im Nahen Osten verbreitet?

L.F.: Vor allem über Abonnements, auch über die Präsenz bei Filmfestivals, Ausstellungen, Veranstaltungen etc.. Der Verkauf über Zeitungskioske und Buchläden hängt von den jeweiligen Ländern ab. In einigen ist das sehr einfach, z.B. im Libanon und in den Vereinigten Arabischen Emiraten, wo wir effiziente Vertreter haben. In Beirut ist das Magazin in vielen Buchläden, Kiosken und Galerien zu finden. Anderswo, etwa in Iran und Palästina, müssen wir uns schon mehr einfallen lassen. In Teheran sieht man in Galerien oder Privatwohnungen des öfteren Hefte, die sehr abgegriffen sind, weil sie von einer Person zur anderen weitergereicht wurden. Dort kann Bidoun nicht an den gängigen Zeitungskiosken verkauft werden, deshalb sind unsere Verkaufszahlen nicht hoch, aber die Leserschaft ist groß. Auf unserer Website sind diverse Bezugsquellen veröffentlicht, die einen Eindruck davon vermitteln, wo das Magzin zu finden ist.

H&B: Wie sehen deine nächsten Pläne aus?

L.F.: Wir haben den Eindruck, dass wir uns mit Bidoun jetzt auf die nächste Ebene zubewegen - das ist ein organischer Prozess - und dass wir nun Fördermittel beschaffen müssen, um langfristig die Zukunft des Magazins zu sichern und es weiterzuentwickeln. Es gibt so viele Projekte, wie Bücher, Veranstaltungen und Ausstellungen, bei denen Künstler uns bitten, mit ihnen zusammenzuarbeiten, aber das Team und unsere Budgets sind schon sehr in Anspruch genommen.

Derzeit arbeiten wir an der Nummer 6, die am 20. März 2006 erscheinen soll. Es ist eine Doppelausgabe zum Thema Tourismus im weitesten Sinne, und sie wird Beiträge über weit Entfernte und nahe Liegendes bringen. Ungewöhnlich und witzig widmen sich Autoren und Künstler Hotels und Flughäfen - von Damaskus und Istanbul bis Khartoum und Baku, via New York und Moskau. Ernsthaftere Artikel gehen der Geschichte der Reiseführer nach, dem wachsenden Phänomen des "Helfer-Tourismus" und wie Gastarbeiter in den Golfstaaten die Gesellschaft und die emporschießenden Skylines der Städte dramatisch verändern.

Und wie üblich wird Bidoun eine umfassende Berichterstattung über diverse Kunstszenen liefern - von Bitola, Bahrain und Bamako über Beirut bis London. Zu den jungen Künstlern, die neue Illustrationen bzw. Fotos für diese Ausgabe schaffen, gehören Laleh Khorammian aus Iran und Yaron Leshem, aus Israel stammend und in New York lebend.

Wir bereiten gegenwärtig auch eine Reihe einwöchiger Ausstellungen vor, die von Künstlern und Redakteuren von Bidoun im April in der Counter Gallery in London ausgerichtet werden. Einer davon, Tirdad Zolghadr, koordiniert diese Serie, an der Künstler beteiligt sind, deren Konzepte u.a. mit dem Magazin und dessen Prozess zu tun haben.

 

Anmerkung:

  1. Bidoun in seiner einfachsten Form bedeutet in Arabisch und auch in Farsi "ohne". Im Editorial steht dazu: "In unserem zeitgenössischen Kontext ist das auf die Staatenloskeit bezogen, in der sich viele uns befinden, manchmal freiwillig, manchmal auch nicht."

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Pat Binder & Gerhard Haupt

Herausgeber von Universes in Universe - Welten der Kunst und des Nafas Kunstmagazins. Leben in Berlin.

(Aus dem Englischen: Binder & Haupt)

Bidoun
Kunst- und Kulturmagazin
erscheint seit März 2004 vierteljährlich in Englisch

Gründerin und Chefredakteurin:
Lisa Farjam

Bidoun Magazine
138 W. 15th Street, Ste 1
Vereinigte Staaten von Amerika
Website Email

Nafas
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