Vyacheslav Akhunov

Die Videos \"Aufstieg\" und \"Ecke\" des Künstlers aus Usbekistan im Kontext seines Schaffens.
Von Julia Sorokina | Mai 2006

Vyacheslav Akhunov ist ein typischer Vertreter der Künstlergeneration Zentralasiens, die die stürmischen Zeiten der Stagnation und des Zerfalls der Sowjetunion, der Perestroika und der Unabhängigkeit der postsowjetischen Republiken bewusst erlebt hat. Er wurde in eine der so genannten "gemischten" Familien hineingeboren, seine Mutter ist Russin, sein Vater ist Usbeke. Davon ist sein Werk wesentlich geprägt, denn in seinem künstlerischen Schaffen sucht er nach Schnittstellen, an denen asiatische Mentalität und europäische Stilistik zusammentreffen.

Er führte an sich selbst "lebensnahe" Experimente durch, arbeitete als Stallknecht, als Hilfskraft in einer geologischen Forschungsexpedition und diente in der Armee, wo er feststellte, dass Künstler besondere Menschen sind. Sie besuchen keinen Politunterricht und können sich unvorschriftsmäßiges Verhalten erlauben. Das war für ihn ein Anstoß, sich mit Kunst zu befassen. So "vergiftete" er sich an der Kunst - das sind seine Worte -, trat in die Kunstschule in Bischkek (das frühere Frunse) ein, wechselte später an die Akademie der Künste in Moskau, kehrte dann nach Fergana zurück und beteiligte sich an verschiedenen Kunstausstellungen. In einer dieser Ausstellungen entdeckte ihn Scharaf Raschidow, der damalige Generalsekretär der Kommunistischen Partei Usbekistans, und schenkte dem jungen Künstler als großmütige Geste eine Wohnung in Taschkent. Das erlaubte ihm zwar, in Ruhe zu arbeiten, hinderte ihn aber daran, den Weg des reinen Nonkonformismus zu beschreiten.

Die ästhetischen Prinzipien, die Akhunov vertritt, bezeichnen einige als späten Surrealismus, andere meinen, es würde sich um Neo-Underground handeln. Doch Akhunovs künstlerische Tätigkeit ist so vielgestaltig, dass sie sich einer strengen Klassifizierung entzieht. Er arbeitet in verschiedenen Medien, in der Malerei, macht Installationen, Performances, Aktionen und in letzter Zeit Videokunst. Sein künstlerisches Credo missachtet die klassische und traditionelle Kunst nicht, und es steht auch einer offiziellen Kunst nicht entgegen. Auf orientalische Art verhält er sich jedweden Stilrichtungen und Gesellschaften gegenüber flexibel und ohne konkrete Intentionen. Er sagt: "Ich bin s vor dem Kollektivismus geflohen, das heißt vor Orten, an denen ein Kollektiv an irgendetwas arbeitet. Ein kreativer Mensch ist alleine, ganz für sich. Es gab in meinem Leben immer wieder irgendwelche Bündnisse, bis ich dann irgendwann begriffen hatte, dass all dies ein Wahn ist, alle diese künstlerischen Vereinigungen…"

Viktor Tschuchowitsch äußerte sich treffend über das, was Akhunov macht, indem er meinte, es sei "eine Politisierung der Ästhetik". Ein deutliches Beispiel hierfür ist seine Installation "Käfig für Führer", bestehend aus einem Käfig, in den 250 Lenin-Büsten aus Polystyrol hineingepfercht wurden. Es ist bezeichnend, dass Akhunov solche Arbeiten meist nur in seinem Atelier zeigen konnte. Zum Beispiel "Käfig für Führer" war im Jahr 2000 aus einer internationalen Ausstellung in Taschkent entfernt worden.

Ebenfalls charakteristisch für ihn ist eine Medienarbeit, bei der er sich auf die künstlerische Tradition der russischen Schlachtenmalerei des 19. Jahrhunderts von Wassili Wereschtschagin bezog, der eine Reihe von Gemälden über die Eroberung Turkestans durch Russland (ab 1867) gemalt hatte. Mit der Meisterschaft eines Absolventen der akademischen Ausbildung malte Akhunov elegant und überzeugend einen modernen usbekischen Wachsoldaten, der einem Krieger aus einem Bild von Wereschtschagin als Ehrenwache vergangener Zeiten an den Toren des Tamerlan gegenüber steht. Das Werk konstatiert scharfsinnig, dass die Apotheose der autoritären asiatischen Macht leicht mit Attributen dieser Art wegretuschiert werden kann, so etwa mit der vereinheitlichenden Uniform eines modernen Wachsoldaten, doch steht dahinter bis heute im Grunde dieselbe Verherrlichung. Die technischen Möglichkeiten eines hoch auflösenden Druckes verleihen dem Werk eine zeitlose Gültigkeit.

Akhunov ist auch im Bereich der Literatur ungewöhnlich aktiv. Er schreibt Romane, Essays und Gedichtbände und ist Stammgast bei Literaturfestivals und auf literarischen Websites. Akhunov schreibt umfassende Texte, in denen die Protagonisten absolut nicht verstehen können, in welcher Welt sie leben - in der realen oder in einer fiktiven. Als Folge dessen geraten sie dauernd in irreale Situationen. Einige Kollegen sagen, dies sei "Existenzialismus reinsten Wassers", und ein usbekischer Schriftsteller fragte ihn scherzhaft: "Was hast du vor, willst du die Existenzialisten noch überholen?"

Seit dem Jahr 2000 erkundet Vyacheslav Akhunov die Möglichkeiten der neuen Medien, besonders der Videokunst, wobei er meist mit Sergey Tychina zusammenarbeitet. In diesem Tandem übernimmt Tychina die Rolle des Performers, und Akhunov ist der Kameramann. Die Künstler erarbeiten gemeinsam die prinzipielle Aussage einer bestimmten Arbeit und ergänzen sich organisch in verschiedenen weiteren Aufgaben.

Programmatische Werke dieser Phase sind die Video-Performances "Aufstieg" und "Ecke", entstanden im Jahre 2004. In der künstlerischen Entwicklung von Akhunov, der als einer der herausragenden Vertreter der modernen Kunst Zentralasiens gilt, sind dies ganz eigene Video-Metaphern.

"Aufstieg" überträgt die Idee einer vielschichtigen Evolution unmittelbar. Die Videoperformance thematisiert den Lebensweg des Menschen, indem sie die Betrachter am Aufstieg Sergey Tychinas auf einen mittelalterlichen Turm teilhaben lässt. Zusammen mit dem Künstler blickt man nach oben und kann nicht weit sehen, da die Stufen der spiralförmigen Wendeltreppe die Sicht versperren. Man ist unmittelbar dabei, wenn er Stufe um Stufe höher steigt, bekommt mit, wie sein Atmen kürzer wird, wie er innehält und dann weitergeht. Jedes Mal, wenn sich ein schmaler Spalt im Mauerwerk öffnet, sieht man kurz die ausgetrocknete Erde ringsum, und dann geht es weiter und weiter… Auf der Plattform des Turms angekommen verstehen wir schließlich gemeinsam mit dem Künstler, dass wir uns zwar ganz oben befinden, sich aber dennoch alles auf diese Erde stützt. Das Video beinhaltet einen Mix aus verschiedenen kulturellen Vektoren in der Kunst von Akhunov, darunter existenzielle Motive, wie das Meditieren der Sufis, und die Poetik des mittelalterlichen Ostens. Während des gesamten Aufstiegs sehen wir nicht nur den vor uns agierenden Tychina, sondern vernehmen auch das schwere Atmen von Akhunov selbst, der seinen Kollegen mit der Kamera in der Hand Stufe für Stufe hinauf begleitet. Wenn dann oben auf dem Turm der Aufstieg noch einmal virtuell auf einem Laptop erscheint, wird man an die gerade vollzogene Mühsal und die Selbstüberwindung erinnert, und dann zoomt das Bild in den Monitor hinein und der gesamte Aufstieg beginnt in der "realen" Szenerie wieder von vorne, so wie man auch im Leben gezwungen ist, Schwierigkeit immer wieder aufs neue durchzustehen.

Die Arbeit "Ecke" dreht diese Idee im Grunde um. Sie ist eine ethische Auseinandersetzung mit der individuellen Position, mit dem Spektrum persönlicher Werte und Vorstellungen. Der Akteur des Videos, Sergey Tychina, wiederum mit einer muslimischen Kopfbedeckung, betet an verschiedenen Orten ein Namas (Gebet). Dabei wendet er sich jedoch nicht nach Mekka, wie von den Regeln des Islam verlangt, sondern stellt sich ganz dicht in diverse Ecken und ist dadurch vollkommen auf sich selbst fokussiert. Die Ecke wird hier zum ikonographischen Motiv eines sakralen Ortes, an dem sich die geistige Sinnsuche und die Realität überschneiden. Dabei kommt es nicht darauf an, um welche Art von Bauten und Räumen es sich handelt, sei es eine Moschee, ein Museum, ein Büro etc.

In beiden Werken erscheinen exotische Elemente Zentralasiens: muslimische Attribute, eine Medrese (traditionelle juristisch-theologische Lehrstätte), eine Kuppel, Bauten aus Lehmziegeln, ein usbekisches Hemd, die Kopfbedeckung des Akteurs. Sie treten aber lediglich als identifizierende Attribute der Autoren auf. Bei allem Lokalkolorit behalten die angesprochenen Themen und Probleme eine universelle Geltung.

Wer Vyacheslav Akhunov persönlich kennt, hat keinen Zweifel daran, dass er ein Mensch des Orients ist. Er ist geprägt vom nachdenklich-hedonistischen Charisma eines Poeten / Philosophen / Vielfraßes / Don Juans. Auf alle Bemühungen, die mögliche Existenz von "contemporary art" im postsowjetischen Usbekistan zu ergründen, antwortet er mit einem Zitat aus einem seiner Interviews: "Du sitzt irgendwo auf dem Tschilanzar mit jungen Künstlern, Schauspielern, Poeten oder sonstigen Leuten aus der Boheme und schneidest die reichhaltige Taschkenter Pizza mit geschichtetem Käse, Koriander und Wurzelgemüse. Man brät Fleischstücke auf dem Grill und träumt von dem vergessenen Geschmack des Portweins Nr. 53 mit Fisch in Tomatensoße. Und du spielst wie in jungen Jahren, lachst, erzählst seltsame Geschichten und fühlst, dass dein schneeweißer Bart außerhalb der Schwerkraft der Jungen existiert. Das ist ungemein erhebend."

 

Julia Sorokina

Freischaffende Kritikerin und Kuratorin zeitgenössischer Kunst. Lebt in Almaty, Kasachstan.

(Aus dem Russischen: Johanna Roos)

Aufstieg. 2004
Ecke. 2004

Video-Performances in Zusammenarbeit mit Sergey Tychina

Nafas
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